PETRUSBRIEF—ONLINE

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PERGAMON <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Ulrike&nbsp;Bittner)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirchgemeinde.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>53</div><div class='bid' style='display:none;'>18279</div><div class='usr' style='display:none;'>157</div>

                          IMPULSE UND AUSTAUSCH                          
                            zum ersten Petrusbrief
                EINFÜHRUNG  —  THEMA ASSIMILATION oder ISOLATION — ANPASSUNG oder ABSCHOTTUNG?

Ab 6. Dezember 2020 veröffentlichen wir hier Impulse zum ersten Petrusbrief: Gedankenanstösse, Informationen, Antworten auf Fragen usw. Bei Bedarf veröffentlichen wir hier auch zusätzliche Sacherklärungen.

Das Thema ist überraschend modern. Petrus schreibt an verschiedene Gemeinden in Kleinasien, dem Gebiet der heutigen Türkei. Sie leben verstreut als Minderheit in einem Umfeld, das den Glauben an Jesus nicht teilt. Die Gemeinden werden nicht wirklich verfolgt. Aber im Alltag werden sie in ihrem Glauben und vor allem in ihrer Lebensführung bedrängt. Soll man sich anpassen? Oder soll man sich zurückziehen und seinen Glauben verschweigen? Petrus geht in seinem seelsorgerlichen Rundbrief auf diese Spannung ein: Assimilation oder Isolation — Anpassung oder Abschottung? Wie lebt man mit seiner Umgebung im Frieden und bleibt trotzdem seinem Glauben an Jesus treu? Wie kann man Einschränkungen oder Schikanen, denen man wegen seiner christlichen Lebensweise ausgesetzt ist, freimütig auf sich nehmen, ohne sich dabei aufzureiben?

Zwei Hauptfragen beschäftigen die Menschen. Woher nehmen wir die immer neue und immer notwendige Gewissheit, dass Gott uns im Glauben durch diese Spannung hindurch tragen wird? Die Antwort kommt von unseren 'Vorfahren'. Sie erzählen uns, was sich von Anfang an bewährt hat.

Die zweite Frage lautet: Woran findet man Orientierung, um als Christ glaubwürdig leben zu können? Für Petrus war Jesus Christus in seinem Verhalten ein überraschend klares und überaus praktisches Vorbild.

Beiden Fragen und beiden Antworten werden wir in den kommenden Wochen begegnen. Wir freuen uns auf das gemeinsame Lesen und den gemeinsamen Austausch.


IMPULSE - UND GESPRÄCH Ulrike und ich werden fortlaufend etwa drei Impulse pro Woche verfassen. Sie sind hier auf unserer Homepage zugänglich. Sie können sie also ohne Anmeldung lesen und anonym bleiben.

Zusätzlich wird es über WhatsApp eine Gesprächsgruppe geben. Wer sich für sie anmeldet, kann am gemeinsamen Gespräch teilnehmen: Beobachtungen, Fragen, Einwände und auch Ermutigungen, Beispiele usw. Natürlich darf man auch schweigend an dieser 'Gesprächsgruppe' teilnehmen. Für Rückfragen bzw. für die Anmeldung zu dieser WhatsApp Gruppe wenden Sie sich bitte mit Angabe Ihrer Handy-Nummer an Ulrike. Entweder in einem Mal (hier). Oder Ihr sendet ein SMS mit euren Daten: 0041 77 520 88 69. Die Anmeldung zur WhatsApp Gruppe Petrusbrief Online ist ab sofort möglich.

Die Gesprächsbeiträge sind nur den Mitgliedern der WhatsApp-Gruppe zugänglich. Auf dieser Internet-Seite werden nur die Impulse und eventuelle Hilfsmittel veröffentlicht.

Zu den Gesprächsregeln gehört:
◉  Wir bleiben unbedingt beim Thema.
◉  Wir schreiben persönlich. Jeder Beitrag beginnt also mit dem eigenen echten Vornamen und dem Anfangsbuchstaben des Familiennamens, z.B. «Christian T.» oder «Marianne W.»
◉  Wir reden bzw. schreiben mit eigenen Worten. Bitte setzt keine Links auf fremde Texte, Videos, Musik usw.


INFORMATIONEN und HILFSMITTEL TEXTE und AUDIODATEIEN zum 1. Petrusbrief.
Auf dieser Seite verweisen wir auf verstreut veröffentlichte Beiträge zu unserem Thema. Blättern Sie, lesen Sie, hören Sie hinein …

Den Flyer für unser gemeinsames Lesen des ersten Petrusbriefes finden Sie hier: 2020-21 PETRUS-ONLINE-FLYER. Wir sind froh, wenn Sie den Flyer an Freunde und Bekannte weiter geben.


IMPULSE Freitag, 26. März 2021
Ulrike und Wolfgang schreiben: Ihr habt gefragt, ob wir euch die Impulse zum ersten Petrusbrief gesammelt zur Verfügung stellen können. Hier sind sie. Ihr könnt sie euch gern herunterladen und ausdrucken. Sie sind dem persönlichen Gebrauch vorbehalten: Petrusbrief mit Bittners


Samstag, 20. Februar 2021
Wolfgang und Ulrike: Heute finden Sie hier den letzten Impuls zum Petrusbrief. Elf Wochen waren wir bibellesend miteinander unterwegs. Manche von Ihnen haben hier mitgelesen, andere in den Gruppen auf WhatsApp und Threema. Für Wolfgang und mich war es eine gute Zeit: wir haben viel über einen unaufgeregten und kräftigen Glauben gelernt. Hier nun unser letzter Impuls:


1. PETRUS 5,12-14 – DIE KRAFT DER GRÜSSE

„Ich habe euch durch Silvanus geschrieben“. Silvanus bzw. Silas kennen wir als Gemeindeglied von Jerusalem und Abgesandten nach Antiochien (Apg 15,22), sowie als Mitarbeiter des Paulus (Apg 16,19-24; 2. Kor 1,19; 1. Thess 1,1 und 2. Thess 1,1). Nun lernen wir, dass er auch Mitarbeiter des Petrus war. Welche Rolle spielte er bei der Abfassung unseres Briefes?


WER HAT GESCHRIEBEN?

Der glänzende Sprachstil sowie die besondere Art der Argumentation haben Zweifel daran geweckt, dass Petrus unseren Brief selbst verfasst hat. Nun war es durchaus üblich, dass jemand ein Schriftstück, eine Rede oder einen Brief bei einem „Sekretär“ in Auftrag gab. Er benannte die Schwerpunkte, während der Sekretär, der mit den Gedanken und der Verkündigung vertraut war, das Dokument ausfertigte. Wir können daran denken, dass die grosse Mehrheit der heutigen Politiker sich ihre Reden schreiben lassen. Da es sich dabei um ihre Gedanken handelt, die von einem Schreiber nur noch ausgefertigt werden, gelten die Reden dennoch als Reden des Politikers. So ähnlich erklärt man sich die Eigenart unseres Briefes (Sekretärs-Hypothese). Die glänzende Argumentation und Formulierung hat wohl Silvanus beigesteuert, während Aufbau und Inhalt von Petrus vorgegeben waren. Das würde die Formulierung erklären, dass Petrus „durch Silvanus“ den Gemeinden geschrieben hat (5,12).


ERMAHNUNG UND BEZEUGUNG

Petrus benennt zwei Schwerpunkte. „Ich habe euch wenige Worte geschrieben, euch kräftig zuzusprechen und zu bezeugen, dass das die wahrhafte Gnade Gottes ist, in der ihr steht“ (5,12). Es sind zwei Absichten, die der Brief verfolgt. Einmal: Er ist „kräftiger Zuspruch“ (5,12). Wenn moderne Übersetzungen von „Ermahnung“ sprechen denken wir daran, dass der griechische Ausdruck sowohl „Ermahnung“ als auch „Trost“ bedeutet. Es geht nicht nur um beides. Vor allem geht es darum, dass Petrus den Gemeinden mit seinem „kräftigen Zuspruch“ in ihrer zunehmenden Bedrängnis hilfreich und ermutigend beistehen will. Sie sind in aller Bedrängnis, die auf sie kommt, nicht vergessen, nicht allein gelassen.

Die zweite Absicht ist die „Bezeugung“ (5,12), und zwar die „Bezeugung, dass dies die wahrhafte Gnade ist, in der ihr steht.“ Petrus steht als Augenzeuge hinter dem, was er den Gemeinden schreibt. Er ist “Apostel Jesu Christi“ (1,1) und „Zeuge der Leiden Christi“ (5,1). Im Brief selbst wird dieser Aspekt kaum entfaltet. Allein die Tatsache, dass es Petrus ist, der hinter dem Schreiben steht, vergewissert die Gemeinden: Was sie im Evangelium von Gottes Handeln und damit von seiner Gnade erfahren, ist keine erfundene Geschichte. Hinter dem, was uns gesagt wird, stehen die Augenzeugen, steht die erste Gemeinde. Unser Glaube ruht auf einem starken und zuverlässigen Fundament. Was mit und durch Jesus geschah, haben wir selbst nicht gesehen. Unser Glaube aber ruht auf der Erfahrung der ersten Generation. Sie stehen als feste Zeugen dahinter. Darum ist unser Glaube fest gegründet. Es gibt keinen Grund, den ersten Zeugen nicht zu glauben. Petrus ist einer von ihnen. Er steht - gemeinsam mit allen anderen Augenzeugen - für die Wahrheit des Evangeliums ein.


DIE KRAFT DER GRÜSSE

Der Brief schliesst mit einigen Grüssen. Das sollte man - bis heute - nicht unterschätzen. Grüsse sind keine beliebige Floskel. Sie bedeuten: Da gibt es jemanden, der an mich bzw. der an uns denkt. Ich bin nicht vergessen. Wir sind nicht vergessen. Es gibt Menschen, denen unser Ergehen nicht gleichgültig ist. Es gibt Menschen, in deren Denken und Beten wir vorkommen. Petrus nennt „die Miterwählte in Babylon“ und meint damit wohl die Gemeinde in Rom. Ausdrücklich nennt er auch „Markus“, den er zudem „meinen „Sohn“ nennt. Wir vermuten, dass Markus einigen Gemeinden persönlich bekannt war, während die Gemeinde in Rom von den verstreuten Gemeinden in Kleinasien durch Erzählungen von Boten gehört hatten.

Grüsse sind für Menschen, die in der „Zerstreuung“ (1,1) leben, wichtiger, als wir vielleicht denken. Wir haben Kinder danach gefragt: „Wer ist es, der an dich denkt?“ In der Regel kam die Antwort sofort: meine Mutter, mein Bruder, meine Grossmutter … Verbunden war das mit einem Leuchten im Gesicht: Ich weiss, dass ich im Denken anderer Menschen vorkomme. Es ist nötig das zu wissen, damit man leben kann. Was geschieht mit einem Menschen, der bei anderen vergessen geht? Wir denken konkret an Gemeinden im nahen und mittleren Osten. Für sie ist es teilweise sogar politisch überlebenswichtig, dass sie von uns nicht vergessen werden. Es bedeutet ja: Andere Menschen beobachten es und nehmen es wahr, was mit uns „in der Bedrängnis“ geschieht.

Grüsse sind eine entscheidende Kraft gegen das Vergessen werden. Petrus nennt zwei Ausdrucksweisen, wie Grüsse Gestalt annehmen. Einmal der „Kuss“. Ein Kuss ist ein körperlich-intimes Zeichen dafür, dass man wahrgenommen wird, dass man bei jemand vorkommt, nicht vergessen ist und wird. Ein Kuss ist kein oberflächliches Zeichen von Nähe. Er ist ein Zeichen, in dem die Verpflichtung zum Ausdruck kommt: „Wir gehören zusammen.“

Darum schreibt Petrus von einem „Kuss der Liebe.“ Paulus nennt ihn „heiligen Kuss“ (1. Kor 16,20). Wir mögen uns heute fragen, wie wir die Verpflichtung, „heilig“ bzw. „in Liebe“ zusammen zu gehören, nicht nur mit Worten zum Ausdruck bringen können. Allerdings: Zum Gruss gehört gewiss auch das konkret ausgesprochene und verpflichtende Wort. „Friede sei mit allen, die in Christus sind!“ Es ist das Wort des Segens. In ihm tritt der lebendige Gott an unsere Seite und geht ganz gewiss seinen guten Weg mit uns weiter.


Donnerstag, 18. Februar 2021

1. PETRUS 5,7 (5,1-11) – ALLE EURE SORGE WERFT AUF IHN

Bald kommen wir zum Ende dieses Briefes, den Petrus an die kleinen Gemeinden in der Zerstreuung geschrieben hat. Was ist es, das er ihnen jetzt, zum Schluss, sagen will? Kapitel 5 gibt dazu einen guten Überblick. Mehr: Dieser letzte Abschnitt gibt auch uns so etwas wie einen Leitfaden, nach der Gestalt und den Schwierigkeiten unseres Glaubens zu fragen.


WIE GEHT ES IM ZUSAMMENLEBEN ALS GEMEINDE?

Petrus übernimmt das starke Bild von der Herde und ihrem Hirten bzw. ihren Hirten aus der Verkündigung Jesu bzw. aus der vielgestaltigen Botschaft des Alten Testaments. Gott selbst ist das Urbild des guten Hirten. Jesus hat uns das Hirte-Sein vorgelebt. Wer glaubend mit Jesus verbunden ist, gehört zu seiner Herde. Was ergibt sich daraus für unser Zusammenleben in unseren Gemeinden? Wer sind unsere Hirten? Was bedeutet es, dass wir zu Gottes Herde gehören? (5,2ff). Wir achten darauf, wie betont Petrus dabei von der wechselseitigen Demut spricht (5,5f). In der Zugehörigkeit zu Jesus sind wir vor allem eine Gemeinschaft. Wir gehören zusammen. Es sind nicht unsere Bedürfnisse als Einzelne, die im Vordergrund stehen. Fragen wie „Was … brauche ich?“, „Wie bekomme ich …?“ sind nicht ausgeschlossen. Aber sie stehen nicht im Vordergrund. Wir fragen uns also: Welche Bedeutung hat die Gemeinschaft für unseren Glauben, für unser Leben in der Nachfolge Jesu?


WIE GEHT ES UNS IM ZUSAMMENLEBEN MIT NICHTCHRISTEN?

Es ist schon bemerkenswert, dass die Schriften des Neuen Testaments nicht zur Weltflucht aufrufen. Nur noch mit Glaubenden zusammen zu sein und sich von dem, was man so schnell „Welt“ nennt, zu distanzieren, ist offensichtlich kein Ideal. Christen sind zwar nicht „von“ der Welt. Darauf macht das Bild von der Wiedergeburt (1,3; vgl. 1,23) nachdrücklich aufmerksam. Wir leben aber sehr wohl „in“ der Welt und sind ihr unsere Liebe und unser Zeugnis schuldig (vgl. 3,15; grundlegend ist 2,5 bzw. 2,9ff).

Der ganze Brief des Petrus macht deutlich, wie ernsthaft die Auseinandersetzung mit der „Welt“ für uns Christen ist. Christen sind, so die Schau des Petrus, grundsätzlich „in Bedrängnis“. Davon hatten wir mehrfach gesprochen. Niemand soll meinen, dass die Bedrängnis für uns Christen etwas Fremdes ist. Sie gehört zu unserem Leben hinzu (vgl. neben anderen Aussagen vor allem 4,12ff).

Auch da fragen wir uns: Wie erlebe ich als glaubender Mensch die Fremdheit zu anderen Menschen? Sie sind ja keineswegs Gegner oder Feinde. Nein. Sie sind wie auch wir Menschen, die von Gott geliebt sind. Wenn ihnen jedoch Jesus fremd bleibt, dann haben wir diese Fremdheit gemeinsam mit Jesus zu tragen. Die „Welt“ ist nicht unsere wirkliche Heimat (vgl. Hebr 13,14; Phil 3,20).

Petrus und die Zeugen des Neuen Testamentes haben diese Fremdheit überaus ernst genommen. Sie haben mit Jesus damit gerechnet, dass Fremdheit zur Feindschaft werden kann. Es gehört zur Nüchternheit der ersten Christen, das nicht nur zu sehen, sondern auch zu bejahen und sich darauf einzurichten. Die Fremdheit zur Welt ist mit dem Bemühen um Freundlichkeit nicht zu überwinden. Jesus hat sie darum auch nicht bloss Fremdheit genannt, sondern Feindschaft. Vgl. nachdrücklich Joh 15,18ff u.a. Man bedenke auch Mt 5,10ff. Was Jesus dazu seinen Jüngern gesagt hat, das klingt bei Petrus in seinem Brief deutlich nach. Er macht sich selbst und auch uns nichts vor.

Wenn wir es recht verstehen, dann macht Petrus uns darauf aufmerksam, dass uns diese Fremdheit auf zweifache Weise herausfordert. Wir bekommen es mit ihr in der Gestalt der Sorge in unserem Inneren zu tun. Und wir erfahren sie als etwas, das von aussen an uns herantritt in der Gestalt der Anfeindung und Anfechtung.


DIE SORGE: FREMDHEIT IM INNEREN

„Alle eure Sorge werft auf ihn. Denn er sorgt für euch“ (5,7). Wie Paulus (Phil 4,6) greift Petrus damit auf die Verkündigung Jesu zurück. Der Umgang mit der Sorge ist ernster als wir es oft meinen. Es handelt sich nicht um einen Ratschlag. Für Jesus geht es um die ernsthafte Weisung, dass man nicht zwei Herren zur selben Zeit dienen kann: „Niemand kann zwei Herren dienen … Ihr könnt nicht Gott dienen und (gleichzeitig) dem Mammon“ (Mt 6,24). „Mammon“ ist zum einen der Versuch, das eigene Leben durch Besitz in jeder Form abzusichern (Mt 6,19-21). Dahinter erkennt Jesus das Bemühen des Menschen, durch das „Sammeln von Schätzen“ Gott nicht mehr wirklich nötig zu haben. Meist übersehen wir, dass Jesus auch die Sorge als „Dienst am Mammon“ bezeichnet. Auch hinter der Sorge sieht er denselben Versuch, das eigene Leben durch eigenes Bemühen zu sichern. Das aber kann und darf nicht sein. „DARUM sage ich euch: Sorget euch nicht um euer Leben …“ (6,25). Sorge ist nicht nur eine menschliche Schwäche. Sie ist ein Handeln des Menschen, das neben dem Glauben keinen Raum in uns einnehmen darf.

Was aber tut man mit der Sorge, wenn sie sich in unserem Inneren meldet, uns nicht loslassen will? Die Weisung des Petrus ist einfach und klar. Wenn die Sorge über uns kommt, dann haben wir sie weg zu werfen. Petrus schreibt sorgfältig und unmissverständlich: „Werft sie auf ihn“ (1. Petr 4,7). Der Ort, wo dieses „Wegwerfen“ geschieht, ist das Gebet. Der Grund, dass uns dieses „Wegwerfen“ geboten werden kann, lautet: „… denn er sorgt für euch.“ Nochmals: Das ist wie im Wort Jesu über die Sorge nicht bloss ein Versuch, das Innere zu beruhigen. Es ist eine Weisung, die man im Glauben zu befolgen hat. Auch Paulus hat das so gesehen und formuliert. Der glaubende Umgang mit der Sorge geschieht im Gebet: „Sorget euch um nichts, sondern in allem lasset im Gebet und Flehen mit Danksagung eure Bitten vor Gott kundwerden“ (Phil 4,6; vgl. Ps 37,5: „Wälze deinen Weg auf ihn …“; vgl. auch Ps 55,23). Sorge ist keine Kleinigkeit. Für den glaubenden Menschen hat sie neben Gott keinen Raum.


DER BRÜLLENDE LÖWE: FREMDHEIT VON AUSSEN

Darüber, dass uns der bzw. das Böse von aussen als brüllender Löwe begegnet, hatten wir im letzten Impuls nachgedacht. Die Sorge, mit der uns die Fremdheit in unserem Inneren von Gott wegdrängen will, weisen wir in unserem Gebet zurück. Die Anfechtung, mit der uns dieselbe Fremdheit von aussen bedrängt, weisen wir durch unseren schlichten Glauben zurück. Wir wissen vom Evangelium her, dass Jesus das Böse bereits überwunden hat. Darum erliegen wir nicht mehr der Täuschung, das Böse habe noch Macht über uns.

Da taucht die Frage auf, warum uns das Böse da und dort doch noch dominiert. Ist das Böse also doch noch nicht überwunden? Anders: Liegt es doch an uns, das Böse noch zu besiegen? Woher hat das Böse seine Macht?

Eine grosse Frage, die sich in diesem Rahmen nicht beantworten lässt. Hier jedoch ein Hinweis darauf, in welcher Richtung wir die Antwort suchen. Wir bleiben beim Bild vom brüllenden Löwen. Wenn er auf uns zukommt und wir ihn für mächtig halten, dann macht das Angst. Unsere Angst gibt ihm die Energie, stark und immer stärker zu werden. Sein „Brüllen“ beeindruckt uns. Je mehr wir uns davon bestimmen lassen, desto grösser wird sein Einfluss auf uns. Könnte es sich folgendermassen verhalten? Nicht weil er mächtig ist, bestimmt er uns und unser Leben, sondern umgekehrt: Weil wir uns beeindrucken und von ihm bestimmen lassen, darum gewinnt er immer mehr an Mächtigkeit?


GOTT WIRD EUCH BEREITEN, STÄRKEN, KRÄFTIGEN, GRÜNDEN

Petrus nennt seinen Brief eine „Ermahnung und Bezeugung“ (5,12). Mit dem Wort „ermahnen“ hat der grosse Mittelteil des Briefes (ab 2,11) begonnen. Vielleicht erinnert Ihr Euch daran. Wir hatten den Begriff mit „starker Zuspruch“ übersetzt. In der Sprache der Bibel kann damit sowohl „Ermahnung“ wie „Tröstung“ gemeint sein. Für unser Verständnis geht das aber in zwei verschiedene Richtungen. Eine Ermahnung weist uns auf das hin, was wir zu tun haben. Eine Tröstung aber weist uns auf das hin, was Gott für uns getan hat. Es ist schon interessant, dass die griechische Sprache dafür denselben Begriff verwendet. Theologisch wie seelsorgerlich werden wir jedoch genau darauf schauen, worauf der Schwerpunkt des „kräftigen Zuspruchs“ liegt, den Petrus uns in seinem Brief weitergibt. Hängt es vielleicht auch an unserem Charakter, welchen Klang wir deutlicher vernehmen?

Vor dem Abschluss, in dem er den Empfängern u.a. verschiedene Grüsse vermittelt (5,12-14), macht Petrus selbst unmissverständlich deutlich, was er mit seinem „kräftigen Zuspruch“ beabsichtigt. Er schreibt von dem, was uns von Gott her erwartet, und nicht von dem, was Gott von uns erwartet: „… ER wird euch bereiten, stärken, kräftigen, gründen. Sein ist die Macht in alle Ewigkeit. Amen“ (5,10f). Unser Glaube lebt von dem, was ER an uns getan hat, tut und tun wird.


Dienstag, 16. Februar 2021

1.PETRUS 5, 8-11 – EIN FESTER, FREUNDLICHER GLAUBE

„Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. 9 Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder und Schwestern in der Welt kommen. 10 Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. 11 Ihm sei die Macht in alle Ewigkeit! Amen.“


In diesem Brief haben wir gehört, dass den Christen von ihrem nicht-christlichen Umfeld das Leben schwer gemacht wird. Es ist noch keine gezielte Verfolgung, aber der Glaube der Christinnen und Christen wird bereits auf den Prüfstand gestellt. Petrus spricht von Anfechtungen bzw. Versuchungen (1,6;4,12) und vom Leiden um „guter Taten“ und „um der Gerechtigkeit“ willen (2,20;3,14). Manche Anfechtung hat ihren Grund in einem willkürlichen Verhalten der nicht-christlichen Mitbürger. Manche Anfechtung und später auch Verfolgung wird durch die örtlichen Autoritäten ausgelöst.


DER WIRKLICHE FEIND SIND NICHT DIE MENSCHEN

Petrus schreibt vom „Widersacher“, vom „Teufel“, der umhergeht „wie ein brüllender Löwe“ (5,8). Wer ist der Widersacher, mit dem die Christinnen und Christen in Kleinasien zu tun haben? Es sind nicht ihre nicht-christlichen Nachbarn oder Vorgesetzten. Als Christ ist man in der Gefahr, seine sichtbaren, menschlichen Gegner zu dämonisieren. Sie als den Ursprung des Problems anzusehen. Wir hören von Petrus, dass nicht die nicht-christlichen Nachbarn und Vorgesetzen das Problem der Gemeinde sind. Es ist der „Teufel“.

Tom Wright weist auf einen Zusammenhang hin. Er fragt, was geschieht, wenn Menschen in ihrem Weltbild keinen Platz mehr für Gott haben. Er sagt, dass sie damit auch den Feind Gottes aus ihrem Weltbild verabschieden. Das aber hat Folgen. In der Folge werden diese Menschen selbst oder ihre Freunde oder ihre Partei oder ihr Land die Rolle Gottes einnehmen. Und ihren Feinden werden sie die Rolle des Teufels zuweisen. [Tom Wright, New Testament for Everyone, 96]

Es gibt einen wirklichen Feind. Petrus vergleicht ihn mit einem brüllenden Löwen, der darauf aus ist, Menschen, die Christus zugehören, zu verschlingen. Wir erinnern uns: Den Feind Gottes gibt es, aber es gibt ihn nur als einen bereits überwundenen Feind. Der Tod ist bereits besiegt worden (1,3), Jesus sind die „Engel, Gewaltigen und Mächte“ bereits untertan (3,22). Der Feind existiert, aber er existiert als ein bereits überwundener.


EIN FESTER, FREUNDLICHER GLAUBE

Man könnte als Christ auf den Gedanken kommen, mit dem Teufel kämpfen zu wollen. Oder Jesus in seinem Kampf unterstützen zu wollen. Es ist das falscheste, was man tun könnte: mit dem Teufel kämpfen zu wollen. Das geht nicht. Es ist uns auch nie aufgetragen worden. Das ist nicht der Weg der Christen. Denn der Teufel wurde bereits besiegt, er wurde bereits aus dem Himmel geworfen (Lk 10,18; Offb 12,8). «Der Verkläger unserer Brüder ist verworfen» (Offb 12,10).

Der ganze Petrusbrief zielt auf das Gegenteil: Die Art, wie wir auf die Attacken des Teufels antworten, ist ein fester, schlichter und freundlicher Glaube. Es gibt nichts, das zum Glauben oder zum Beten oder zu einem christlichen Verhalten noch hinzukommen müsste. Glauben heisst: Wir wissen, dass der Böse bereits gerichtet und überwunden ist. Darum heisst Glauben auch, dass wir mit Menschen nicht kämpfen müssen. Auch da gilt: Wir begegnen ihnen mit Glauben. Mit einem Glauben, der Nicht-Christen mit Respekt behandelt. Petrus schreibt den Christen, dass sie sich ans Gesetz halten sollen – ausser, es zwingt sie dahin, Jesus zu verleugnen. Die Christen sollen sich in allen Lebensumständen mit Freundlichkeit und Demut verhalten.

Wir werden feststellen, dass mutiges und zivilisiertes Verhalten, das mit Respekt und Freundlichkeit vorgeht, immer wieder den Respekt von Aussenstehenden gewinnt. Sogar dann, wenn sie nicht verstehen, warum Christen sich so verhalten.


ER WIRD EUCH STÄRKEN

Petrus hat mehrmals von den Anfechtungen geschrieben, die die Gemeinden erleiden werden. Sie sind Teil des christlichen Weges. Die Versuchung macht mit den Christen, was das Feuer mit dem Gold bzw. mit dem Silber macht. Es nimmt die Unreinheiten weg und lässt das Metall glänzender werden (1,7). Es ehrt Jesus Christus, wenn wir uns auch unter widrigen Umständen zu ihm bekennen, und zu dem, was er neu in die Welt gebracht hat.

5,10: «der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen“.

Gott verspricht, uns zu stärken, zu kräftigen, zu gründen. Es ist Gott, der uns an sich festmacht. An diesem Versprechen Gottes können wir uns freuen! Vielleicht möchtet ihr euch das selbst zusprechen: „Er wird mich – meinen Namen einsetzen – aufrichten, stärken, kräftigen, gründen.“ Gottes Versprechen ist gedeckt, denn ihm gehört „alle Macht bis in die Ewigkeit hinein“ (5,11).

Wo in unserem Leben haben wir – vielleicht mit Verwunderung – entdeckt, dass unser Glaube an Festigkeit zugenommen hat? Was für Situationen waren das?



Sonntag, 14. Februar 2021


1. Petrus 5,1-6 – NOCHMALS: DEMUT UND HIRTENDIENST

„Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. 6 So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.“


EINANDER DIENEN ….

Wir hatten den letzten Impuls damit beendet, dass Petrus „allen miteinander“ kräftig zuspricht (= unsere Übersetzung für ermahnen/ermuntern), sich mit Demut zu umkleiden. Alle sollen die Demut anziehen, wie sie ihre Kleider anziehen.

Wir hatten geschrieben, dass Demut meint, „niedrig gesinnt“ zu sein. Das ist nicht eine abstrakte Niedrigkeit, sondern sie zeigt sich im Umgang mit den anderen Gemeindegliedern. Demut ist die Gesinnung, den anderen dienen zu wollen. Dem entsprach in den vorangegangenen Versen das Bild vom Hirten (5,2). Wir hatten im letzten Impuls gehört, dass sich der Hirte um die Herde bemüht: Im Zentrum des Bemühens steht die Herde und mit ihr das Wohl jedes einzelnen der sehr verschiedenen „Schafe“. Wie geht es dem Einzelnen? Was hat er nötig? Wo wird sie überschätzt? Wo wird ein Mensch übersehen? Die Herde und damit jedes einzelne Glied der Gemeinschaft ist Gottes geliebtes Eigentum.


… DENN JESUS DIENT UNS

Jesus ist der Hirte schlechthin (2,25). Er ist das Modell für unser „Hirte-sein“. Von dem Beispiel her, das Jesus gegeben hat, werden alle anderen Hirten ihr Urteil empfangen. Jesus hat sein Hirte-sein vom Alten Testament her verstanden. Es ist Gottes Sehnsucht, seinem Volk der gute Hirte zu sein. Gott schaut nach seinem Volk, wie ein Hirte nach seinen Schafen sieht. Er stellt sicher, dass sie genährt werden und schützt sie vor Feinden. Psalm 23 und Hesekiel 34 sind starke Beispiele für dieses Hirte-Sein Gottes.

Der Ruf, ein demütiger Hirte zu sein, ist der Ruf zu einer Stärke, die darauf verzichtet, zu drohen, zu manipulieren oder zu befehlen. Das Schaf folgt dem Hirten, weil es die Stimme des Hirten kennt (Joh 10,3.27). Der demütige Dienst des Hirten hat ein Band zwischen Hirten und Herde geschaffen. Bereits das Vorausgehen des Hirten sorgt dafür, dass die Schafe ihm folgen.


MEIN WISSEN, MEINE FÄHIGKEITEN, MEINE ERFAHRUNGEN

„Demütig sein“ bzw. sich selbst für „niedrig“ zu halten, meint also, dass wir den andern dienen wollen. Sie wahrnehmen, sie fördern, das gemeinsame Unterwegssein im Glauben fördern.

Wie ist das nun in Bezug auf meine Fähigkeiten und Qualifikationen? „Demütig sein“ meint nicht, dass ich mich unrealistisch niedrig einschätze. Oder dass ich verschweige, was ich kann. Vielmehr: Ich schätze mich im Kontext meiner Gemeinschaft realistisch ein. Was ist meine Position in meiner Gemeinschaft, vielleicht auch: was ist meine Position in der Welt?

Vielleicht weiss ich in bestimmten Dingen mehr als andere Gemeindeglieder? Vielleicht habe ich besondere Fähigkeiten? Vielleicht habe ich auf einem bestimmten Gebiet mehr Erfahrung als andere? Dann soll ich den anderen – damit ist zuerst die Gemeinde gemeint – mit meinem Wissen, meinen Fähigkeiten oder mit meiner Erfahrung dienen.


DIENEN ODER HERRSCHEN?

Wissen lässt sich – wie Erfahrungen, wie Fähigkeiten – auf zweifache Weise gebrauchen, je nachdem, mit welcher Gesinnung ich es einsetze. Es gibt ein dienendes Wissen und es gibt ein Herrschaftswissen. Es gibt einen Gebrauch von Wissen, mit dem ich anderen Gemeindemitgliedern ein Werkzeug an die Hand gebe, sich selbst Zusammenhänge zu erschliessen. Es gibt aber auch einen Gebrauch von Wissen, mit dem ich Gemeindemitglieder klein aussehen lasse, sie entmündige.
In der Gemeinde verstehen wir unser Wissen, unsere Fähigkeiten und Erfahrungen als Gaben, die uns zum Dienst gegeben sind. «In einem jedem offenbart sich der Geist zum Nutzen aller» (1. Kor. 12,7).


SUCHEN DIE «ÄLTESTEN», WAS DER GEMEINDE GEGEBEN IST?

Wollen die «Ältesten» überhaupt, dass die Gemeindeglieder mit ihren Gaben zum Zuge kommen? Oder haben sie kein Interesse daran, zu erkunden und für die Gemeinde in Anspruch zu nehmen, was Gott seinen Kindern anvertraut hat?

Vielleicht nehmen wir zuerst eine Begriffsklärung vor. Heute sprechen wir eher selten von «Ältesten» und öfter von der Gemeindeleitung. Es geht um diejenigen, die die Verantwortung dafür tragen, die Gemeinde in ihrer Gesamtheit zu führen und die Gemeinde in ihrer Gesamtheit zu schützen.

Ich habe oft den Eindruck, als fällt es Gemeindeleitungen leicht, den Mitgliedern Gutes zu tun, ihnen geistliche und unterhaltsame Angebote zu machen. Man betreut «die Schafe» gern, schenkt ihnen gern Kaffee aus, liest ihnen aus der Bibel vor und lädt zur einen oder anderen Geselligkeit ein.

Es fällt Gemeindeleitungen aber oft schwer, die Glieder der Gemeinde mit ihren je eigenen Stärken und Qualifikationen wahrzunehmen. Das würde heissen, dass die Leitenden die Gemeindeglieder auf die Gaben hin anschauen, die zum Beispiel in 1. Korinther 12 aufgezählt werden. Wie oft fragen sie danach, wer in einer bestimmten Sache ein Wissen hat? Wie oft fragen sie, wer in einer Angelegenheit bereits Erfahrungen hat? Achtet eine Gemeindeleitung darauf, wem eine Sicht für den Weg der Gemeinde geschenkt worden ist, wer gut lehren, wer gut unterscheiden kann? Wen können wir in bestimmten Situationen um Gebet bitten?

Ich meine, dass das oft nicht geschieht. Denn die Fähigkeiten und das Wissen der Einzelnen «passen»nicht zur Idee, die eine Gemeindeleitung über ihr eigenes Führen hat. Es würde stören, wenn sich Gemeindemitglieder tatsächlich beteiligen.

Wir können fragen: Was geschieht, wenn Gemeindemitgliedern ein Betreuungsangebot gemacht wird, statt ein Angebot, den Weg der Gemeinde – mit ihren eigenen Fähigkeiten und ihren eigenen Gaben – aktiv mitzugestalten? Meines Erachtens verarmt dann eine Gemeinde. Man erkennt es daran, dass die Pfarrperson alles selbst macht. Und die Freiwilligen (Ehrenamtlichen) "helfen" ihr. Oder die Gemeindeglieder wenden sich ab und beteiligen sich an Orten, wo sie tatsächlich gefragt und wahrgenommen werden.


UNSER HIRTENDIENST IST NUR GELIEHEN

Dass wir gute Hirten sind, zeigt sich daran, dass wir die einzelnen Menschen wahrnehmen. Wir sortieren nicht vorher aus, wen wir hören wollen und wen nicht; welche Gaben wir schätzen und welche nicht in unseren Plan passen. Wir machen nicht zum Kriterium, ob die Bedürfnisse und die Fähigkeiten der Einzelnen mit unserem Interesse übereinstimmen. Denn um das eigene, auch geistliche Interesse geht es nicht. Es geht darum, dass Jesus der Hirte der Gemeinde ist, und dass wir unser Amt nur von ihm geliehen haben.



Dienstag, 9. Februar 2021

1. PETRUS 5,2-5 - WEIDET DIE HERDE GOTTES


GEMEINDEN: FAMILIEN ODER BETRIEBE?

Im letzten Impuls haben wir auf die Verschiedenheit zwischen den frühchristlichen und den heutigen Gemeinden verwiesen. Kann man kleine Gruppen von 15 bis 20 Christinnen und Christen mit unseren heutigen Gross-Gemeinden vergleichen? Nur sehr schwer. Worin liegt der wesentliche Unterschied? Vor Jahren erschien das Buch eines amerikanischen Psychotherapeuten „Work and Love“. Er ging der Frage nach, warum erfolgreiche Manager in der Führung der eigenen Familie versagten. Die Grundthese lautet: Erfolgreiche Methoden, mit denen man einen Betrieb führt, sind für die Führung einer Familie zerstörend. Und umgekehrt gilt das auch. Familien sind keine Betriebe. Betriebe können und sollen nicht zu Familien werden. Neben manch anderen Faktoren hängt das auch an der Grösse der zu führenden Gruppe. Die Struktur einer Familie lässt sich nicht beliebig ausdehnen. Hier gilt dasselbe was auch für das Verhältnis zwischen einem Hirten und seiner Herde bestimmend ist. Ein Hirte hat nicht den „Erfolg“ vor Augen, sondern das Wohlergehen der ihm anvertrauten Schafe. Er kennt jedes seiner Tiere mit Namen, kennt seine Eigenarten, seine Stärken und Schwächen, verliert keines seiner Tiere aus den Augen. Darum fällt ihm auch sofort auf, wenn eines davon fehlt. Nur darum kann und wird er ein verlorenes Schaf auch sofort suchen.

Es ist hilfreich, sich in das Bild des Hirten und seiner Herde zu vertiefen. Das Wachstum einer Herde hat Grenzen, die nicht überstiegen werden können. Eine Herde wird wie eine Familie nicht zu einem Betrieb. Dasselbe gilt für die Gemeinden, die Petrus vor Augen hat. Die Unterscheidung zwischen Herde bzw. Familie und einem Betrieb ist grundlegend.

Das zahlenmässige Wachstum unserer Kirchen bzw. Gemeinden lässt sich nicht rückgängig machen. Damit aber wird die Frage dringend: Was muss geschehen, dass auch zahlenmässig grosse Gemeinden so strukturiert bleiben, dass der Grundcharakter der „Familie“, der überschaubaren Lebens- und Weggemeinschaft erhalten bleibt bzw. immer neu gewonnen wird? Ein weites Feld an Fragen an unsere gegenwärtigen Gemeinden und ihre Leitungsstrukturen. Was denkt Ihr darüber? Welche Erfahrungen habt Ihr damit? Was steht Euch vor Augen?


DIE HERDE IST GOTTES EIGENTUM

Wenn Petrus hier deutlich das Bild von „Hirt und Herde“ vor Augen hat, dann betont er zunächst: Die Herde ist Gottes Herde. Sie gehört ihm und ist nicht Eigentum der Hirten bzw. von menschlichen kirchlichen Leitern. Eigentlich ist das selbstverständlich. Doch wie sieht das in der Praxis aus? Es kann nicht darum gehen, dass „der Betrieb läuft“. Im Zentrum des Bemühens steht die Herde und mit ihr das Wohl jedes einzelnen der sehr verschiedenen „Schafe“. Wie geht es ihm? Was hat es nötig? Wo wird es überschätzt? Wo wird es übersehen? Die Herde und damit jedes einzelne Glied der Gemeinschaft ist Gottes geliebtes Eigentum.


DIE ÄLTESTEN UNTER EUCH

Petrus spricht zunächst zu den Hirten. Er nennt sie wohl sehr bewusst nicht Leiter. Es sind drei konkrete Weisungen, die gewiss bis heute gelten:

• „Erfüllt Eure Aufgabe als Hirten freiwillig, d.h. nicht gezwungen“ (5,2). Das deutsche Wort „freiwillig“ spricht für sich: frei und willig. Der Gegensatz: nicht gezwungen. Damit meint Petrus keinen Zwang von aussen, sondern eher einen Zwang von innen. Was kann das bedeuten? Wie erfüllt man diese Aufgabe so „wie Gott es will“?
• „Auch nicht aus schändlicher Gewinnsucht, sondern in Hingebung“ (5,2). Hingabe hat die Förderung, also den „Gewinn“ dessen vor Augen, der einem anvertraut ist. Der Gegensatz: Ich möchte aus dem, was ich tue, Gewinn für mich selbst ziehen. Dabei muss es gar nicht um materiellen Gewinn gehen. Mein Erfolg, meine Anerkennung, meine Wichtigkeit oder gar meine Unersetzbarkeit, all das ist ebenfalls „Gewinn“, den ich mir erhoffe und mir durch die Weise, wie ich für die Gemeinde bzw. Kirche arbeite, erwerben will.
• „Auch nicht als Herrscher über die, die euch zugeteilt (anvertraut) sind, sondern als solche, welche Vorbilder der Herde werden“ (5,3). Wer von uns durchschaut sich da selbst? Ist mein Bemühen, den Menschen zu dienen, nicht doch eine verborgene Weise sie zu beherrschen? Herausfordernd ist der Aufruf, sein Leben bzw. seine Lebensführung als Vorbild für andere zu gestalten. Im Neuen Testament gilt Abraham als Vorbild, wobei damit vor allem sein Glaube gemeint ist (Römer 4). Und natürlich gilt Jesus als Vorbild für die Lebensführung (Phil 2,5ff; mehrfach in unserem Brief). Doch davon spricht Petrus hier nicht. Die Hirten selbst sollen mit ihrer Lebensführung Vorbilder für die Gemeindeglieder sein. So wie sie es machen, so sollen sich die Gemeindeglieder an ihnen orientieren können. Das ist die Herausforderung: Wer von uns kann mit Paulus sagen: „Lebt so wie ihr uns zum Vorbild habt“ (Phil 3,17; vgl. 3,15-21).


DER HORIZONT

Das Verhalten der Hirten hat einen sehr konkreten Horizont, den sie nicht aus den Augen verlieren sollen: Als Hirten haben sie einen Oberhirten. Er wird kommen. Vor ihm - und nicht vor der Gemeinde - haben sie zu bestehen. Dabei handelt sich bei Petrus gerade nicht um eine Drohrede, sondern um den Horizont der grossen und freudig erwarteten Hoffnung: „Ihr werdet den unverwelklichen Kranz der Herrlichkeit davontragen“ (5,4). Einen Kranz erhält man, wenn man einen Wettkampf jubelnd und als Sieger besteht. Es geht um die Bewältigung einer grossen Aufgabe und nicht um den Sieg über einen Gegner. Der Kranz liegt bereit. Er muss und wird nur noch überreicht werden. Das ist die Gewissheit, von der Petrus hier spricht. Aus Jesu Händen werden die Hirten ihn empfangen.


GLEICHERWEISE IHR JÜNGEREN

Petrus hat die Weisung an die Ältesten der Gemeinde ausführlich gestaltet. Nun wendet er sich in einem kurzen Satz an die übrigen Gemeindeglieder. Im Gegenüber zu den Ältesten sind sie die „Jüngeren“ (5,5a). Bedeutungsvoll ist, dass er seinen Satz mit „gleicherweise“ einleitet. Die Älteren und die Jüngeren sind verschiedene Gruppen. Aber sie stehen nicht auf verschiedenen Stufen. Daran hängt das Verständnis jenes Wortes, das wir gewöhnlich mit „unterordnen“ übersetzen. Sind also doch zwei Stufen gemeint? Die Einleitung mit „gleichermassen“ weist in eine andere Richtung. Der Gedanke ist, dass der Gemeinde eine Ordnung gegeben ist. Wer auch immer man ist, ob Ältester oder Jüngerer, man hat sich einzuorden, hat seinen Platz in dieser Ordnung zu finden. Beide - die Ältesten wie die Jüngeren - haben sich einzufügen. Vorordnung und Unterordnung betrifft die „Ordnung“ und nur insofern die Menschen, die diese Ordnung repräsentieren. Der Klang liegt auf der Einordnung in Gottes gute Ordnung und nicht auf der Unterordnung unter Menschen.


GÜRTET EUCH

Wie wenig es Petrus um eine menschlich verstandene Unterordnung innerhalb der Gemeinde geht, zeigt sich darin, wie er den Gedanken weiterführt. Das Zitat aus dem Buch Sprüche gibt diesem Abschluss, der ausdrücklich Jüngere und Älteste zusammen schliesst, sein grosses Gewicht (5b = Spr 3,34). „Alle aber gürtet euch …“ Das Bild (vgl. bereits 1,13) war geläufig. Wenn man mit der Arbeit begann, hob man sein langes Obergewand in die Höhe und gürtete es über den Hüften fest. Dadurch wurde man beweglich, also frei für die Arbeit (vgl. Lk 12,35; hinter der Formulierung steht 2. Mose 12,11: die Bereitschaft zum sofortigen Aufbruch in der Passah-Nacht).


ALLE GÜRTET EUCH MIT DEMUT

Beim Bedenken des Verses achte man gut darauf, dass Petrus damit sowohl die Ältesten wie die Jungen anspricht. Es sind nicht die Jüngeren, die von den Ältesten zur Arbeit gerufen werden. Beide werden in gleicher Weise von ihrem Herrn zu ihrem Dienst gerufen.

Petrus verlässt das Bild noch nicht. Der Gürtel, den beide tragen und der sie zur Arbeit beweglich werden lässt, ist nicht einfach die “Demut“. Es ist die „Demut voreinander“. Das deutsche Wort spricht vom Mut, der hinter solcher Demut steckt. Demut ist kein Kennzeichen von Schwäche. Es ist Ausdruck von Mut. Der griechische Ausdruck bedeutet, dass man „niedrig gesinnt“ ist. Damit meint Petrus nicht, dass man von anderen eingeschätzt werden soll, sondern dass man sich selbst einschätzt. Petrus wie das Zitat aus dem Buch Sprüche spricht von der Selbsteinschätzung innerhalb der Gruppe. Auch Jesus hat davon ernsthaft mit seinen Jüngern gesprochen. Es muss wohl nötig gewesen sein und ist es gewiss bis heute: vgl. Lk 14,7-11 u.a. Der Abschnitt schliesst also mit einer Weisung, die uns ernsthaft zur Frage aufruft, wie wir uns im Gegenüber zu anderen selbst einschätzen. In unserem Selbsturteil, so sagt uns das Wort aus den Sprüchen, haben wir es unweigerlich mit Gott selbst zu tun: Spr 3,34; Lk 18,14 u.v.a.



Sonntag, 7. Februar 2021

1.PETRUS 5,1-5 — LEBEN ALS GEMEINDE

Wir erinnern an den Anfang: Petrus schreibt nicht an einzelne Menschen. Sein Brief richtet sich an Gemeinden. Wen hat er dabei vor Augen? Natürlich besteht jede Gemeinde aus lauter einzelnen Menschen. Diese Menschen aber verstanden sich zunächst als Gemeindeglieder und erst dann als einzelne Menschen. Worin besteht der Unterschied?


WAS EINEN BETRIFFT, GEHT ALLE AN

Die Gemeinden der frühen Zeit des Christentums waren wahrscheinlich Gruppen von etwa 12 bis 20 Personen. In seltenen Fällen waren sie grösser. Sie verstanden und bezeichneten sich als „Haus“, also als Hausgemeinschaft bzw. als (Gross-)Familie. Auch wenn man nicht zusammen wohnte: Man war wie eine leibliche Familie von der Erfahrung geprägt, zusammen zu gehören. Was den Einzelnen betraf, das ging alle an. Was der Gemeinde als ganzer widerfuhr, ging auch jeden Einzelnen an. Sowohl Freude wie Leid waren etwas, das man miteinander teilte. Es war eben nicht so, dass man sich nur zum Gottesdienst und zum Gebet traf und sonst das Leben bzw. den Alltag einzeln verbrachte. Gemeinde war in einem umfassenden Sinn Lebensgemeinschaft. Natürlich war das nicht selbstverständlich und einfach. Es gab, wie das in jeder Familie vorkommt, Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten. Die Erfahrung, trotz und in allem zusammen zu gehören, war jedoch die selbstverständliche Grundlage für das Christsein jedes einzelnen Gemeindeglieds.


DIE ERFAHRUNG DAMALS IST STABILER

Die Gründe, warum das heute anders ist, sind vielfältig. Aber es ist wichtig, dass wir uns einen Hauptunterschied vor Augen halten: Die Erfahrung, als Gemeinschaft zu glauben und das Leben zu teilen, ist grösser und stabiler als die Erfahrung, als einzelner Christ mit Jesus zusammen zu gehören.

Heute treffen wir uns dann und wann zum Gottesdienst, zum Austausch, zum Gebet und mancherlei Unternehmungen. Aber unser Leben führen wir weitgehend als Einzelne. Die Erfahrung, Gemeinschaft zu sein, ist nicht mehr selbstverständlich. Es gehört zum Lebensstil unserer Zeit, dass wir sowohl über die Zugehörigkeit wie die Intensität von Gemeinschaft selbst entscheiden. Wann habe ich es nötig, mit anderen zusammen zu sein? An welchem Gottesdienst bzw. an welcher Veranstaltung möchte ich teilnehmen? Diese Herangehensweise gehört zum Lebensstil unserer Zeit. Sie geht an uns als Christen und an den Gemeinden nicht vorüber.


WELCHE GEMEINDE BIETET DAS MIR ANGEMESSENE PROGRAMM?

Wir haben als Einzelne Bedürfnisse und Erwartungen und sehen uns um, wo diese am besten gestillt werden. Das Programm mancher Gemeinden liest sich wie eine Liste von Angeboten, aus denen man auswählen kann, ja vielleicht sogar soll. Ich bin nicht nur in der Lage, zwischen den Angeboten zu wählen, nein, ich muss es sogar tun. Welche Gemeinde bietet das mir angemessene Programm? In unserer Umgebung gibt es mehr als nur eine Gemeinde. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinde ist keine Selbstverständlichkeit mehr.

Der Unterschied zur Situation frühchristlicher Gemeinden ist wahrscheinlich grösser, als uns bewusst ist. Wird Gemeinde als Familie gesehen, dann gilt: Zu einer Familie gehört man, ohne dass man sie sich ausgesucht hat. Ich wechsle auch meine Familie nicht aus, nur weil meine Bedürfnisse anders geworden sind. Die Zugehörigkeit zur Gemeinde, verstanden als Familie, ist die selbstverständliche Voraussetzung für mein Leben als Christin bzw. als Christ. Die Freuden, Sorgen und Nöte der Gemeinde sind auch meine Freuden, Sorgen und Nöte und umgekehrt. Das etwa ist es, was Petrus vor Augen hat, wenn er an die „Fremdlinge in der Zerstreuung“ (1,1) schreibt. Er schreibt keinen Rundbrief an Einzelne. Er schreibt an Hausgemeinden, also an christliche Gruppen, die sich als Familien gefunden haben und als Familie verstehen.


DAS BILD VOM HIRTEN UND DER HERDE

In unserem Abschnitt verwendet Petrus nicht den Vergleich mit der Familie, sondern das parallele Bild der Herde (5,2). Das Bild ist alt und vertraut. Bereits im Alten Testament wird es verwendet, um das Verhältnis zwischen Israel und Gott bzw. zwischen Israel und denen, die das Volk führen, zu klären (Ps 23; Ez 34). Jesus greift darauf zurück, um seine Beziehung zu den Menschen, die zu ihm gehören, deutlich zu machen (Joh 10,1-18). So wie er der „gute Hirte“ seiner „Herde“ ist, soll auch Petrus zum „Hirten“ jener Menschen werden, die Jesus ihm anvertraut: „Weide meine Schafe!“ (Joh 21,15-17).

Auf dieses Wort, mit dem Jesus ihn zum Dienst an der Kirche berufen hat, greift Petrus in unserem Abschnitt zurück. In den Gemeinden spricht er zwei Gruppen an: die Ältesten (griechisch ‚presbyteroi‘; daraus abgeleitet sowohl die ‚Priester‘ wie die ‚Presbyter‘, 5,2-4), die Jüngeren (5,5a) und am Ende fügt er ein Wort an „Alle“ hinzu (5,5b). Zusammen gehalten werden beide Gruppen im Bild vom Hirten und der Herde: „Weidet die Herde Gottes, die bei euch ist“ (5,2).


MITEINANDER VERBUNDEN

Schauen wir zuerst die Einleitung an. Petrus spricht von sich bzw. von dem, was ihn mit den „Ältesten“ verbindet (5,1). Es sind drei Dinge. Für die Gegenwart gilt: Petrus ist „Mitältester“, steht also nicht als Führerfigur über den Leitern der Gemeinde. Es ist schon auffallend, dass Petrus sich dadurch mit den Ältesten auf eine Stufe stellt.

Für die Vergangenheit gilt: Seine Autorität besteht darin, dass er (Augen-)Zeuge der Leiden Christi ist. Er steht ein für die Wahrheit dessen, was der Gemeinde im Evangelium erzählt wird und worauf christlicher Glaube beruht. Als Zeuge steht er dafür ein, dass diese Botschaft verlässlich ist.

Im Blick auf die Zukunft verbindet ihn mit den Ältesten: Petrus ist „Genosse“ (Teilhaber, ‚koinonos‘; davon kommt unser Begriff ‚koinonia‘ - Gemeinschaft, in der Glauben und Leben geteilt werden) an der kommenden und erwarteten Herrlichkeit, die aufgedeckt (offenbart) werden wird. Der dreifache Blickwinkel auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist sorgfältig gewählt. Offen ist uns die Frage, ob Petrus nur von seiner Verbundenheit mit den „Ältesten“ spricht. So formuliert er es jedenfalls. Verbindet ihn das nicht doch mit der ganzen Gemeinde, also auch mit den Jüngeren bzw. mit allen Glaubenden?

Spannend aber ist es zu fragen: Was verbindet uns eigentlich mit den Menschen, die wir als Älteste, als Leiter, als Hirten ansehen? Können wir das ebenso deutlich ausdrücken wie Petrus das tut? Wie würden wohl diejenigen, die zur Leitung unserer Gemeinden berufen sind, den Grund ihrer Zusammengehörigkeit mit uns beschreiben? Und weiter: Mit wem sind wir im Glauben verbunden, wem sind wir „zugehörig“? Eigentlich ein wunderschönes Wort. Zugehörigkeit baut auf geistlichen Gegebenheiten auf und nicht auf persönlichen Begegnungen oder gar auf Sympathien. Wahrscheinlich ist ja Petrus den Gemeinden, an die er schreibt, gar nie persönlich begegnet.


SIND UNSERE GEMEINDEN NOCH ‚HERDEN‘?

Für unser Nachdenken wird es an diesem Punkt schwierig. Petrus bezeichnet die Gemeinde als „Herde“. Die „Ältesten“ sollen die Gemeinde „weiden“. Zugegeben: Das ist immer noch Teil des bildhaften Vergleichs. So schnell aber werden wir diesen Vergleich und damit das Bild nicht los. Der „Hirte“ bzw. die „Hirtin“, das ist der „Pastor“, die „Pastorin“. Gibt es die noch? Pastoren gibt es da, wo es Herden gibt. Sind unsere Gemeinden noch Herden? Wenn ja: Woran zeigt sich das? Wenn nein: Was sind wir dann?


DIE AUFGABE DER HIRTEN

Die Aufgaben eines Hirten sind bis heute gleich geblieben: 1) die Leitung der Herde (Findung des Weges) 2) mit dem Ziel der umfassenden leiblichen Versorgung, also das Finden von Weide und Wasser. Hinzu kommt 3) die Zuwendung zu den einzelnen Tieren. Ein guter Hirte kennt jedes einzelne Tier, kennt seine Eigenarten, seine Schwächen, seine Stärken und auch bestimmte Tendenzen bzw. Verletzlichkeiten. Ein ‚verlorenes‘ Schaf hat grundsätzlich und immer das Bedürfnis, eigene Wege zu entdecken und zu gehen. Das ist keine Schwäche. Es ist seine Besonderheit. Der Hirte muss das wissen. Ebenfalls ist es seine Aufgabe, das Verlorene zu suchen und zurück zu bringen. Solche Wege zu gehen gehört zur Eigenheit dieses Schafes, und als solches gehört es zur Herde. Der Hirt ist es, der diese Eigenheit kennen muss, damit er dieses Schaf immer wieder zurückbringen kann. In seinem Gleichnis spricht Jesus eindrücklich davon, mit welcher Selbstverständlichkeit sich der Hirte auf die Suche macht und mit welcher Freude die Rückkehr von allen gefeiert wird (Lk 15,1-7; vgl. Mt 18,12-14). Der Vorgang wird als Tätigkeit des Hirten formuliert: „Ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war…“

Das Bild will zeigen, dass die Herde zusammen mit ihrem Hirten eine feste und voneinander abhängige Gemeinschaft ist. Aber wenn wir es auf die Kirche übertragen: Hirten machen nur dort einen Sinn, wo es Gemeinden gibt, die sich als Herde verstehen.

Und umgekehrt: Was soll aus Herden werden, deren Hirten ihr traditionell-umfassendes Amt nicht mehr ausüben können und wollen? Was wird aus Menschen, die zum Glauben gekommen sind, und die nun erwarten, dass ihre Gemeinde gesamthaft einen Weg geht und dabei Leitung erfährt? Was wird aus Menschen, die erwarten, dass die Gemeinde auch leibhaft um die Versorgung einzelner Glieder bemüht ist? Was wird aus Menschen, die erwarten, dass sie als Einzelne wahrgenommen werden?


GEHEN WIR EINEN GEMEINSAMEN WEG?

Damit stehen wir vor unserem Problem: Wo treffen wir noch Gemeinden, auf die dieses Bild zutrifft? Es ist nicht nur die Sprache, die im Wandel begriffen ist. Es sind die Rollen, es sind die Rollenzuweisungen und die Erwartungen, die sich grundlegend verändert haben.

Wir möchten niemandem Unrecht tun. Aber wir erfahren Gemeinde kaum noch als Gemeinschaft, die einen gemeinsamen Weg geht. Wir begegnen dafür vielen einzelnen Menschen, die für ihr je einzelnes Problem Hilfe erwarten. Gerufen werden wir nicht mehr von „der“ Gemeinde. Erwartet werden wir von Einzelnen. Und da sind wir einmal als Mediator einer Beziehung gefragt, oder wir sind Zuhörer eines Menschen, der in seelische Not geraten ist. Wir sollen Talent-Finder sein, Animatoren, Mentoren bzw. Coach für Lebensphasen. Manchmal ähnelt unsere Aufgabe der eines Psychotherapeuten oder der einer Sozialarbeiterin. Wir zählen nicht weiter auf. Auf keinen Fall soll das danach klingen, als seien diese Aufgaben nicht hilfreich oder wichtig. Nur: Das sind lauter Aufgaben an einzelnen Menschen. Werden diese Aufgaben gut gelöst sind die Menschen vermutlich dankbar. Aber sie haben keinen Schritt in Richtung Gemeinschaft getan. Der Aspekt des Gemeinschaftlichen droht uns bei dieser Weise, die Arbeit in der Kirche zu verstehen, verloren zu gehen. Gewiss: Der Hirte hat bzw. hatte jedes einzelne Schaf seiner Herde im Auge. Aber es war Schaf einer Herde und nicht nur ein einzelnes wohlversorgtes Schaf.


HIRTE ODER LEITER?

Da und dort werden Pfarrerinnen und Pfarrer noch „Pastorinnen“ bzw. „Pastor“ genannt. Es soll nicht darum gehen, diese Bezeichnung zu konservieren. Obwohl der Wechsel der Bezeichnungen durchaus Signalwirkung hat. In den letzten Jahren hat das Interesse an „Leiterschaft“ zugenommen. Auch da: Es geht nicht so sehr um die Bezeichnung. Es geht aber sehr wohl um die Idee bzw. um das Konzept, das hinter diesen Begriffen steht und damit in unser Denken und Planen eingreift. Wir sprechen von „leadership“, lesen Bücher darüber, entfalten Konzepte, besuchen „Leiterschafts“-Kurse.

Gerne würden wir mit Euch darüber nachdenken, was sich durch diesen Sprachwechsel im Blick auf den Auftrag, den Jesus uns gegeben hat, verändert.


Dienstag, 2. Februar 2021

1. PETRUS 4,12-19 – DAS LEIDEN DER GEMEINDE

Ihr Lieben, lasst euch durch das Feuer nicht befremden, das euch widerfährt zu eurer Versuchung, als widerführe euch etwas Fremdes, 13 sondern freut euch, dass ihr mit Christus leidet, damit ihr auch durch die Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben mögt. 14 Selig seid ihr, wenn ihr geschmäht werdet um des Namens Christi willen, denn der Geist, der ein Geist der Herrlichkeit und Gottes ist, ruht auf euch. 15 Niemand aber unter euch leide als ein Mörder oder Dieb oder Übeltäter oder als einer, der in Fremdes eingreift. 16 Leidet er aber als ein Christ, so schäme er sich nicht. Er ehre aber Gott in einem solchen Fall. (1. Petrus 4,12-16)


LEIDEN IST TEIL DES CHRISTLICHEN WEGES

Petrus spricht deutlich. Das Leiden, das die Christen in Kleinasien aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu Jesus Christus erfahren, ist Teil ihres Weges. „Es ist doch nicht so, als widerführe euch etwas Fremdes“, schreibt Petrus. Wenn Leiden auf euch zukommen, weil ihr mit dem Christus zusammengehört, ist es das, was zu erwarten war. Auch Jesus weist immer wieder auf diesen Aspekt der Nachfolge hin, siehe z.B. Lukas 14,25-35.

Was Petrus hier den Geschwistern im Glauben schreibt, gilt ähnlich auch für Menschen, die für die Rechte anderer – zum Beispiel von gesellschaftlichen Minderheiten – eintreten. Auch sie müssen in Ländern, in denen Rechte nicht grundsätzlich geschützt werden, mit Verfolgung rechnen. Auch sie werden zu hören bekommen: Es ist nicht überraschend, dass dir so viel Widerstand begegnet.

Es fällt auf, dass Petrus ausschliesslich das Leiden um der Nachfolge willen thematisiert: Leiden, weil man dem Christus angehört und seinen Fusstapfen nachfolgt (1. Petrus 2,21). Auch Jesus hat das Leiden seiner Jünger ausschliesslich als ein Leiden um seinetwillen besprochen. Er hat seine Jünger darauf vorbereitet: „Wenn euch die Welt hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat“ (Joh 15,18). Wir empfehlen, Johannes 15,18 - 16,4 zu lesen.


WORAN LEIDEN WIR?

Wenn wir als Christen, die in der Schweiz oder in Deutschland leben, vom Leiden reden, dann ist im Regelfall nicht unsere Jesus-Nachfolge der Anlass dafür. Wir leiden an Umständen, an denen Menschen unabhängig von ihrer Glaubenszugehörigkeit leiden: weil wir krank sind, weil unsere Lebensumstände beschwerlich sind oder weil wir mit Wenigem auskommen müssen. Warum wird solches Leiden im Neuen Testament überhaupt nie thematisiert? In den Worten Jesu an seine Jünger und in den Briefen von Paulus, Petrus und Johannes an die frühen Gemeinden hören wir ausschliesslich vom Leiden um der Nachfolge willen. Warum ist das so? Was meint ihr, woran das liegt?

Jesus ging in „alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen“ (Mt 9,35). Hier kommen unsere Krankheiten und Gebrechen vor. Aber nicht in den Briefen an die Gemeinden.


FREUT EUCH, WENN IHR MIT DEM CHRISTUS LEIDET

Petrus nennt es in 4,13 einen Grund zur Freude, wenn Gemeindeglieder mit Christus leiden müssen. Das klingt für unsere Ohren befremdlich. Wir haben davon bereits im Briefeingang gelesen: „Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Versuchungen“ (1,6).


ES KOMMT AN’S LICHT, WAS WIR IN UNS TRAGEN

In 4,12 finden wir dasselbe Wort wie in 1,6: Petrus spricht von einer Anfechtung, bzw. Versuchung, bzw. Prüfung. Wenn Menschen um ihres christlichen Verhaltens willen geschmäht oder verfolgt werden, dann werden sie versucht. Jetzt wird ihr Glaube herausgefordert. Es zeigt sich, woran ich „fest gemacht“ bin, auf welchem Grund ich stehe. Petrus sagt, dass der Glaube jetzt an Echtheit gewinnt, an einer guten Entschiedenheit.
Das ist Grund für Freude! Die Versuchung führt dazu, dass „euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus“ (1,7). Wie Gold im Feuer bewährt wird, so ist die Versuchung ein notwendiger Teil unseres Lebens. Es kommt ans Licht, was wir in uns tragen. „Dazu dient der Kirche der Angriff der Welt; er ist ihre Erprobung, die feurige Glut, in der sie gleichermassen geschmolzen und geläutert wird“. (Schlatter, Die Briefe des Petrus …, 1928, 66) Es kann nicht anders sein. Der Kampf – dieser Kampf – muss sein.

Können wir uns daran freuen, wenn wir merken, wie sich unser Glaube, bzw. der Glaube der Geschwister bewährt hat? Wann habe ich mich zuletzt an meinem Glauben gefreut? Weil er sich in mir – vielleicht unvermutet – als froh und gewiss gezeigt hat? Inmitten von widrigen Umständen und ohne, dass diese zuvor behoben wurden? Die Freude, von der Petrus schreibt, ist nicht die Freude daran, dass ein Leiden beendet wurde. Mitten in der Situation, in der gelitten wird, zeigt sich der Glaube – und das ist Freude.


DIE EHRE, DEN WEG GOTTES ZU TEILEN

Der erste Grund für Freude ist, dass sich der Glaube als echt erweist. Der zweite Grund ist, dass es eine Ehre ist, den Weg Jesu zu teilen. Erinnern wir uns an Petrus selbst. Von ihm und seinen Gefährten wird erzählt, dass sie beleidigt, angeklagt, ins Gefängnis geworfen wurden. Bis sich ein Pharisäer namens Gamaliel für sie stark gemacht hat. Sie sind nicht gekränkt, nicht innerlich verletzt. Sie machen einfach weiter. „Sie gingen aber fröhlich von dem Hohen Rat fort, weil sie würdig gewesen waren, um seines Namens willen Schmach zu leiden. Und sie hörten nicht auf, alle Tage im Tempel und hier und dort in den Häusern zu lehren und zu verkündigen das Evangelium von Jesus Christus“ (Apg 5,41-42).

Dass Menschen den Weg Jesu teilen, wird erst später wirklich ans Licht kommen. Es wird sich dann zeigen, wenn Jesus sichtbar wiederkommen wird, wenn seine Herrlichkeit sichtbar wird (4,13). Dann werden die Jünger an sich selbst entdecken – dann wird ihnen aufgedeckt werden –, dass sie dem Christus gefolgt sind. „Freude und Wonne“ warten auf sie (4,13).

Petrus nennt in 4,14 einen weiteren Grund dafür, dass Christen Anlass zur Freude haben, wenn sie um Jesu willen geschmäht werden. Der Name Gottes trägt eine Kraft in sich. Wer verfolgt wird, wer um Jesu willen leidet, in dem fängt Gott selbst an zu reden. Wir erinnern uns: Der Messias selbst baut den lebendigen Tempel (1. Petrus 2,4-5) Er wohnt mit seinem Geist in seinen Jüngern. Wenn sie geschmäht werdet, dann beginnt der Geist, der in ihnen wohnt, in ihnen zu reden. Jesus hat das seinen Jüngern zugesagt. „Wenn sie euch nun überantworten werden, so sorgt nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es soll euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Denn nicht ihr seid es, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet“ (Matthäus 10,19-20).


ES MUSS SO KOMMEN

Der Weg der Gemeinde ist in der Schrift vorgezeichnet. Bevor wir die Verse 4,17-19 lesen, hören wir auf den Propheten Sacharja:

„Schwert, mach dich auf gegen meinen Hirten, gegen den Mann, der mir der nächste ist!, spricht der HERR Zebaoth. Schlage den Hirten, dass sich die Herde zerstreue. … 9 Und ich will den dritten Teil durchs Feuer gehen lassen und läutern, wie man Silber läutert, und ihn prüfen, wie man Gold prüft. Der wird dann meinen Namen anrufen, und ich will ihn erhören. Ich sage: Er ist mein Volk, und er wird sagen: Der HERR ist mein Gott!“ (Sacharja 13,7-9)

Jesus selbst zitiert dieses Prophetenwort und bezieht es auf sich (Markus 14,27). Er ist der gute Hirte, von dem Sacharja weissagt. Er wird getötet werden und die Herde wird zerstreut werden. Wenn das geschehen ist, kommen die Gerichte Gottes über die Welt. Gemeint ist das „Ende der Zeit“, wie es in der Offenbarung des Johannes oder in den Reden Jesu am Schluss der Evangelien beschrieben wird. Nun hören wir davon auch aus dem Mund des Petrus:

17 „Denn die Zeit ist da, dass das Gericht beginnt bei dem Hause Gottes. Wenn aber zuerst bei uns, was wird es für ein Ende nehmen mit denen, die dem Evangelium Gottes nicht glauben? 18 Und wenn der Gerechte kaum gerettet wird, wo wird dann der Gottlose und Sünder zu finden sein? 19 Darum sollen auch die, die nach Gottes Willen leiden, ihm ihre Seelen anbefehlen als dem treuen Schöpfer und Gutes tun.“

Die Not, die dem Ende vorangeht, trifft alle, auch die Christinnen und Christen. Die einen nehmen das Leiden als Grund, sich von Gott abzuwenden. Für die anderen wird das Leiden zum Grund, umso fester mit Jesus verbunden zu sein. Auch Christen werden vom Leid getroffen und haben sich in ihm zu bewähren. Sie „gehen durchs Feuer und werden geläutert, wie man Silber läutert“ (Sach 13,9). Die Wirkung des Todes Jesu, also des Hirten, steht nicht in Frage. Jesus hat seine Leute von der Macht des Bösen gelöst. Aber sie müssen mit Hass und Verfolgungen rechnen. Die Not wird für die Gemeinde zur Versuchung. Indem die Gemeinde an Jesus bleibt und indem sie weiterhin „Gutes tut“ (4,18), zeigt sich ihre Rettung. Das aber macht sie in den Augen ihrer Umwelt umso mehr zum Gegenstand des Hasses. Das Mittel, durch das wir unser Leben in Gottes Obhut und Fürsorge bringen, ist, „dass wir Gutes tun, unbeirrt durch den Widerstand der Gegner, auch wenn daraus das Leiden kommt“ (Schlatter, ebd. 70)


DIE BEZEICHNUNG DER GEMEINDE ALS CHRISTEN

Noch eine kleine Beobachtung: Wie haben sich die ersten Christen eigentlich selbst genannt? Offensichtlich hatten sie anfangs gar nicht das Bedürfnis, einen eigenen Namen zu wählen. Sie waren im Glauben mit Christus unterwegs. Sie gingen ganz einfach „den Weg“ (Apg 19,9; vgl. 22,4 u.a.). In Antiochien kam es zum spöttisch gemeinten Namen „die Christen“ (Apg 11,26). Da sie immer von Jesus als dem Messias, dem Christus sprachen, mussten sie wohl Menschen dieses Christus sein. Lukas merkt an, dass das in Antiochien das erste Mal geschah. Allerdings: Obwohl diese Bezeichnung so treffend war und ist, taucht sie später in der Apostelgeschichte und auch sonst im Neuen Testament nicht wieder auf. Die Ausnahme ist unser Textabschnitt. „Leidet jemand als Christ, so schäme er sich nicht. Er verherrliche vielmehr Gott mit diesem Namen“ (1. Petr 4,16). Es ist das erste und im Neuen Testament das einzige Mal, dass der Name „Christ“ als Selbstbezeichnung vorkommt. Im vollen Klang heisst das doch: Wir sind Menschen, die Jesus als dem Christus angehören, die mit Christus unterwegs sind. Es wäre gut, wenn uns diese volle Bedeutung bewusst ist, wenn wir uns selbst „Christen“ nennen.


Sonntag, 31. Januar 2021

WAS BEDEUTET HEILIGUNG?

Petrus spricht in seinem Brief von Heiligkeit und Heiligung (1. Petrus 1,2; 1,15; 1,16; 3,15). Wir fragen, was für die Gemeinden in Kleinasien und für uns heute gemeint ist. In Gesprächen über Heiligung gehen die Meinungen immer wieder auseinander. Die Überzeugung, Heiligung sei eine menschliche Aufgabe, ist weit verbreitet. Gott macht uns gerecht. Aber nun liegt es an uns, bei uns selbst aufzuräumen, damit unser Leben reiner, reifer, eben: heiliger wird. Wie aber, wenn einem die Kraft zu dieser Heiligung fehlt? Kann es sein, dass etwas anderes gemeint ist? Aber was wäre das?


DAS MISSVERSTÄNDNIS

Die Ziege Meck hat ein grosses Ziel. Sie will ein Löwe werden. Wie soll das zugehen? Zuerst müssen die Hörner weg, sagen seine Geschwister. Löwen haben keine Hörner. Es tut weh. Aber was macht man nicht alles, wenn man ein solch grosses Ziel erreichen will. So geht es weiter. Eine dichte Mähne muss her. Und dann muss das Meckern aufhören. Brüllen muss gelernt werden. Schwierig wird es beim Fressen. Keine guten grünen Blätter mehr. Nur noch Fleisch. Aber das Ziel rückt immer näher und damit wächst die Freude. Am Ende fehlt nur noch eines: Ein Löwe wohnt unter Löwen, nicht unter Ziegen. Endgültiger Abschied und Umzug: dorthin wo die Löwen wohnen. Die Schritte sind unsicher. Aber was tut man nicht, wenn man so knapp vor dem Ziel steht. Nur noch eine kurze Strecke. Endlich … Ihr könnt euch denken, wie die Geschichte ausgeht.

Der Preis, den die Ziege für das Missverständnis zahlt, ist hoch. Löwe wird man nicht durch Entwicklung oder Reifung. Als Löwe wird man gezeugt. Zum Löwen wird man geboren.


HEILIGKEIT UND HEILIGUNG

Das Thema ist gross. Wir konzentrieren uns auf Grundlinien. In unserem Beitrag geht es vor allem darum, wie in den Schriften der Bibel Heiligkeit verstanden bzw. wie von Heiligung gesprochen wird.


EIGENTUM VON … RESERVIERT FÜR …

Heilig ist Gott. Zugespitzt: Heilig ist Gott allein. Und dann all das, was ihm gehört, was ihm zur Verfügung steht. Gegenstände, die im Tempel für den Gottesdienst Verwendung fanden, trugen die Aufschrift „heilig“ bzw. „heilig dem Herrn“. Sie waren ausgesondert, gehörten Gott allein und durften nur für den Gottesdienst verwendet werden.

Damit sind wir dem Grundverständnis nahe. „Heiligkeit“ ist kein Ausdruck für ethische Vollkommenheit. „Heiligkeit“ ist ein Ausdruck rechtlich verstandener Zugehörigkeit. Darum kann das Neue Testament die Christen auch „Heilige“ nennen. Sie sind Gottes bzw. Jesu Eigentum geworden. Deutlich wird einem das sofort, wenn man nach dem Gegenteil von Heiligkeit fragt. Ist etwas nicht heilig, dann bedeutet das keineswegs, dass es schuldhaft, unvollkommen oder für den Glauben untauglich ist. Der Gegensatz von Heiligem ist das, was profan ist. Anders: Es gehört in den Bereich des Alltags und nicht in den Bereich bzw. die Zeit des Gottesdienstes.

Deutlich wird das an der Gabe des Sabbat. Der Sabbat ist heilig, weil er vom Alltag abgegrenzt ist. Reserviert ist er für die Ruhe, d.h. für das Zusammensein von Gott und Mensch. Noch einmal: Heiligung bedeutet, dass etwas dem Alltag entnommen und allein für Gott reserviert wird. Mit dem Thema Schuld bzw. ethische Unvollkommenheit hat das nichts zu tun.


DER SABBAT IST HEILIG

Zurück zum Sabbat. Neben den Festtagen gehört er zur Zeit, in der der Alltag ruht. Sechs Tage haben Alltag und damit Arbeit und menschliche Geschäfte ihr Recht. Natürlich betet man auch an diesen sechs Tagen, studiert Gottes Wort usw. Der Alltag ist nicht gottlos, gehört nicht in den Bereich der Sünde. Aber er ist Alltag, ist Werktag. Aus dem Verlauf der Woche wird nun dieser eine Tag für die Ruhe mit Gott ‚reserviert‘. Der Sabbat beginnt am Freitag Abend, indem über einem Becher Wein (Kiddusch-Becher) und dem Sabbat-Brot das Gebet der „Heiligung“ (kiddusch) gesprochen wird. Damit ist der Alltag beendet. Die heilige Zeit hat begonnen. Zwei Aspekte kommen zusammen: einmal die strikte Trennung zwischen Alltag und Feiertag (profan und heilig), sowie die erkennbare Weihung/Übereignung der heiligen Zeit (des Heiligen) an Gott allein. Beide Aspekte zusammen bilden das Zentrum dessen, was die biblische Tradition „Heiligung“ nennt. Verstärkt wird der Vorgang dadurch, dass in einem parallelen Ritus auch das Ende des Sabbat, also das Ende der heiligen Zeit und die Rückkehr in den Alltag gefeiert wird. In der sogenannten Hawdala-Zeremonie (Trennung bzw. Unterscheidung) wird nach dem Segen über Wein, Gewürzen und Licht eine Kerze im überfliessenden Wein des Kiddusch-Bechers gelöscht. Der Sabbat ist zu Ende. Der Alltag hat wieder begonnen.


BEREICHE DER HEILIGUNG

Wir halten uns also nochmals vor Augen: In der Heiligung wird jemand oder etwas dem Bereich des Alltags entnommen und Gott allein zur Verfügung gestellt. In der biblischen Weltanschauung sind es vor allem drei Bereiche bei denen „Heiligung“ vorkommt:
a) heilige Zeiten: Sabbat, Festtage, Fasten, Trauertage …
b) heilige Gegenstände und Orte: der brennende Dornbusch; der Berg Sinai; die Bundeslade; der Tempel in Jerusalem; Gegenstände, die für den Tempeldienst reserviert sind; Orte der Erinnerung; Gottes Wort
c) heilige Menschen: In der Bibel sind es vor allem die Priester und Leviten. Sie sind vom Alltag (Landwirtschaft; Viehzucht) befreit und stehen für den Dienst am Tempel zur Verfügung. Dazu kommen einzelne Menschen (die Väter, Mose, David, Propheten …), die Gott sich zum besonderen Dienst erwählt.

Daran schliesst eine weitere Beobachtung an. Nicht der Mensch ist Initiant der Heiligung. Gott hat die heiligen Zeiten bestimmt, er hat Gegenstände und Orte für sich in Besitz genommen, er erwählt Menschen für einen besonderen Dienst. Das führt dazu, dass bei der Beschreibung von Heiligung sprachlich Gott das Subjekt ist. Gott heiligt, nicht der Mensch.


HEILIGUNG IST EINE ÜBEREIGNUNG UND KEINE ENTWICKLUNG

Die ausführliche Beschreibung will darauf hinweisen, dass mit „Heiligung“ kein Gedanke an Schuld und Vergebung und ebenso kein Gedanke an eine Entwicklung oder Reifung verbunden ist. Also: Der Gedanke an Reinigung, Reifung und Vervollkommnung, der sich in der Regel in unserem Verständnis mit Heiligung verbindet, fehlt in den biblischen Schriften.

Das hängt damit zusammen, dass hinter Heiligung ein Rechtsverständnis steht. Die Erstlingsfrucht sowie die Erstgeburt gehört Gott, ist sein Eigentum. Darum ist sie heilig. „MIR gehört es“, sagt Gott immer wieder. Auch das Volk Gottes wie die Gemeinde Jesu sind sein ausschliessliches Eigentum. Das gilt unabhängig davon, wie sich das Volk Gottes bzw. die Gemeinde Gott gegenüber verhält. Eigentlich ist das ganz einfach: In unserem menschlichen Verhalten gibt es natürlich eine Entwicklung, eine Reifung, eine Vervollkommnung. Dieser Prozess aber wird in der Bibel nie Heiligung genannt. Heiligung ist Gottes Erwählung, durch die wir sein Eigentum werden. Diese Übereignung ist einem Rechtsakt vergleichbar, der den Gedanken einer Entwicklung nicht zulässt.

Wir kennen diese Unterscheidung längst aus unseren menschlichen Beziehungen. Wir sind Mütter oder Väter unserer Kinder. Das Verhältnis zu unseren Kindern ist ein ständiger Prozess. Es kann eine gute Beziehung sein, man kann sich entfremden, einander wieder nahe kommen usw. Aber: Unser Mutter-Sein bzw. unser Vater-Sein selbst ist kein Prozess. Wie immer sich die Beziehung gestaltet, wir sind immer zu 100 % Mütter bzw. Väter unserer Kinder. Dasselbe gilt für unsere Partner-Beziehungen, unsere Ehen. Sie können beglückend oder in einer Krise sein, können reifen, können … Wir sind aber immer zu 100 % verheiratet. Geht es uns miteinander schlecht, sind wir dennoch ganz verheiratet. Geht es uns miteinander gut, sind wir dadurch nicht „verheirateter“ als in Krisenzeiten.

Der biblische Begriff „Heiligung“ bezeichnet den Grund unserer Beziehung zu Gott, nicht aber ihre momentane und vorübergehende Gestalt. Wir sind heilig (geheiligt), weil unsere Beziehung zu Gott in Gottes erwählendem Handeln ihren Grund hat. Gott hat uns gewählt, hat uns je und je geliebt.


GIBT ES TROTZDEM EINE ENTWICKLUNG?

Ja und Nein. Nehmen wir als Beispiel nochmals die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern. Unser Mutter-Sein bzw. unser Vater-Sein kennt grundsätzlich keine Entwicklung. Wir sind eben nicht einmal mehr und einmal weniger Mutter bzw. Vater. In der Art und Weise, wie wir die Beziehung zu unseren Kindern gestalten und leben, gibt es jedoch sehr wohl Entwicklungen. Aber das ist etwas anderes.


DER WANDEL DER BEDEUTUNG

Unter Heiligkeit bzw. Heiligung verstanden die biblischen Schriften von Anfang an den rechtlichen Aspekt. Gottes Volk war und ist heilig, weil es Gottes Eigentum ist. Natürlich hat man dabei immer mitgedacht, dass die heilige Beziehung auch heilig gelebt werden soll. Dieser Aspekt stand jedoch, wenn man den Begriff „Heiligung“ verwendete, nicht im Vordergrund.

Geändert hat sich das erst viel später. Als die Kirche über den dreieinigen Gott nachdachte, sprach sie vom Vater als dem, der die Welt erschuf. Sie sprach von Jesus als dem, der die Welt errettete. Und sie sprach vom Heiligen Geist, der die Schöpfung in der Kraft Gottes erneuerte. Um diesen dritten Aspekt zu bezeichnen griff sie auf den biblischen Begriff „Heiligung“ zurück. Damit veränderten sich zwei Dinge.

Einmal: War Heiligung bisher vor allem eine Übereignung, so wurde sie jetzt als Prozess verstanden.

Das andere: Im biblischen Sprachgebrauch ist Heiligung ein Handeln Gottes an seinem Volk, an seiner Gemeinde, an seinen Menschen. Gott ist das Subjekt der Heiligung. Doch nun rückte an die Stelle der Neuwerdung durch die Kraft Gottes der Gedanke an den Prozess der Neuwerdung, an dem der Mensch aktiv teilnehmen kann und soll. Aus Gottes Handeln wurde eine Aufgabe des Menschen.

Damit kehren wir zurück zur Geschichte der Ziege Meck. Ihren Wunsch ein Löwe zu sein, kann man begreifen. Gott hätte eingreifen müssen, damit aus einer Ziege durch eine neue Zeugung ein Löwe würde. Sie aber meinte, sich selbst verändern zu können. Damit ist sie ein Bild für eine missverstandene Heiligung. Tapfer hat sie getan, was sie von sich aus tun konnte.


Donnerstag, 28. Januar 2021
Im Impuls von heute gehen wir der Frage einer Teilnehmerin unserer Gesprächsgruppe nach. Sie wollte wissen, warum Jesus den Petrus - den Verfasser unseres Briefs - nicht nach dem Glauben fragt, sondern nach seiner Liebe zu ihm (Joh 21,15ff).


BEZIEHUNG, GLAUBE, LIEBE – ALLES DASSELBE?


Viele Christen heute reden davon, dass sie eine „Beziehung zu Gott“ haben. Das klingt manchmal ein bisschen blutleer. Im heutigen Impuls gehen wir dem Verhältnis von Beziehung, Glaube und Liebe nach. Ist das dasselbe? Wir hatten im Impuls vom 13. Dezember geschrieben:

«Glaube ist für Petrus vor allem eine Beziehung, und zwar eine Beziehung zu Jesus, dem Christus. Wer von sich sagt, er sei ein glaubender Mensch, ist in erster Linie auf diese Beziehung hin befragbar. Wie sieht deine Beziehung zu Jesus aus? Da darf man nicht ausweichen. Wer eine Beziehung zu jemandem hat, der kann über sie auch reden. Wie gestaltest du also deine Beziehung zu ihm?

Zum Lob des Petrus für die Christen in Kleinasien gehört, dass er um ihre Beziehung zu Jesus weiss. Sie hat eine konkrete Gestalt, über die er mit den Empfängern des Briefes reden kann. «Zwischen Jesus und Euch ist es zur Liebe gekommen» (1,8). «Und das, obwohl Ihr Jesus ja noch gar nie gesehen habt.» Aber genau das ist es. Wenn in der Bibel vom Glauben an Jesus die Rede ist, dann ist eine beschreibbare Beziehung gemeint. Und wenn von dieser die Rede ist, dann ist eine Liebe gemeint. Auf unsere Liebe hin sind auch wir befragbar.

Petrus selbst wusste um den Zusammenhang von Beziehung, Glaube und Liebe. Er hatte Jesus unmittelbar vor seinem Sterben verleugnet. „Ihn kenne ich nicht“, hat er gesagt, und zwar gleich dreimal (Joh 18,15-18.25-27). Nach seiner Auferstehung hat Jesus ihn gefragt. Nicht nach seiner Beziehung zu ihm, nicht nach seinem Glauben an ihn. Gefragt hat Jesus: „Petrus, liebst du mich?“ (Joh 21,15-19). Warum macht er das? Warum fragt Jesus seinen Jünger nicht nach seiner Beziehungsdefinition, nicht nach seinem Glauben? Warum fragt er nach seiner Liebe zu ihm?
… Soweit der frühere Impuls.



BEZIEHUNG IST EINE FORMALE KATEGORIE

Eine Teilnehmerin unserer Lesegruppe hatte danach gefragt. Danke für die gute Frage, die für unser Verständnis von Glauben weitreichende Bedeutung hat. „Beziehung“ beschreibt, dass es zwischen zwei Seiten, zwei Menschen usw. eine wechselseitige Verbindung gibt. Der Ausdruck „Beziehung“ sagt aber noch nichts über die Qualität dieser Beziehung aus. Die kann sehr verschieden sein, angefangen von einer blossen Bekanntschaft („Den kenne ich auch …“ bzw. „Von dem habe ich auch schon gehört …“ usw.) bis hin zu einer verpflichtenden Beziehung. Aber auch da gibt es markante Unterschiede: Auch ein Angestellter, der seinen Chef überhaupt nicht mag, hat eine Beziehung zu ihm. Also: „Beziehung“ beschreibt die formale Seite des Verhältnisses zwischen zwei Menschen.

Wird eine Beziehung auf ihre Qualität hin befragt oder beschrieben, dann muss man genauer hinschauen. Auch für eine qualitative Beschreibung gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten: die Beziehung kann oberflächlich sein, voll von Misstrauen bis hin zu einer hingebenden, vertrauensvollen Nähe. Man merkt, dass man solche qualitative Beschreibung immer mehr verfeinern kann, das bei einer Glaubensbeziehung wohl auch soll.


GLAUBEN GIBT ES IN UNTERSCHIEDLICHER QUALITÄT

Denn: Was bedeutet es, wenn jemand sagt, er würde seinem Gegenüber glauben? Petrus hat vor dem Tod Jesus durchaus geglaubt und war sich sicher, dass sein Glaube jeder Anfechtung standhalten wird. Das gilt vielleicht auch für uns. Nur: „Glauben“ gibt es in unserem Leben in verschiedenen Qualitäten. Es kann also sein, dass die Definition einer Beziehung durch den Hinweis auf den Glauben dann und wann nicht ausreichend ist. Es gibt verschiedene Weisen, Tiefen, Ernsthaftigkeiten des Glaubens, nach denen gefragt werden kann und die man beschreiben kann. … Dass Glaube unterschiedlicher Qualität sein kann, meint nicht, dass man „mehr“ oder „weniger“ gerettet wäre durch den Glauben. Es gibt nur EINE Rettung. Und gleichzeitig kann und soll der Glaube sich vertiefen, reifen, reiner und schöner werden – was ja ein grosses Thema im ersten Petrusbrief ist.


LIEBE BESCHREIBT DIE WEITE UND DIE TIEFE, IN DER DER GLAUBE GELEBT WERDEN SOLL

Petrus war ein jüdischer Mensch. Da ​hatte er gelernt, dass die Beziehung zu Gott nicht nur in ihrer Qualität näher bestimmt werden muss. Der für Israel bis heute wichtigste Text besteht in eben dieser Beschreibung, wie die Beziehung eines Glaubenden zu Gott auszusehen hat.

Mindestens zweimal am Tag betet der jüdische Glaubende: „Höre Israel: Der Herr, dein Gott, der Herr ist EINER. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, LIEBEN von ganzem Herzen, mit deinem ganzen Leben und mit all deinen Möglichkeiten“ (5. Mose 6,4; vgl. Mk 12,29 par). Liebe ist kein Gegensatz zum Glauben. Sie beschreibt aber die Weite und die Tiefe, in der der Glaube gelebt werden soll. Drei Bereiche unseres Menschseins sind involviert: Das Herz, die Lebendigkeit und die Lebensmöglichkeiten, also alle Fähigkeiten, die einem Menschen gegeben sind. Alle drei Bereiche sollen in solcher Liebe „ganz“ eingesetzt werden, ohne Vorbehalt, ohne Reserve. Vor allem: Die Liebe benötigt keine Voraussetzungen. Sie ist in gewissem Sinn keine Antwort. Man kann sich nicht darauf herausreden, man habe ja selbst zu wenig Liebe erhalten und darum habe die eigene Liebe eine Hungergestalt. Vergleiche dazu die grandiose, nicht zu überbietende Begründung von Liebe in 5. Mose 7,6-8. Jesus führt das weiter aus: „Der Vater lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,43-48). Gott macht also keine Unterscheidung, richtet sich in seinem Verhalten nicht nach dem, wie die Menschen ihm zuvor begegnen.

Halten wir uns also vor Augen:

• „Beziehung“ allein verweist darauf, dass es eine Verbindung zwischen zweien gibt. Allerdings ist damit noch nichts über die Festigkeit und nichts über die emotionale Qualität der Beziehung gesagt.
• „Glaube“ beschreibt eine Beziehung in ihrer Qualität. Sie ist treu und fest. Diese Beschreibung meint also ihre Zuverlässigkeit.
• „Liebe“ kennzeichnet eben diese Glaubensbeziehung näher und betont die emotionale Füllung.

Hält man sich das vor Augen, dann wird klar, wonach Jesus Petrus dort am See von Genezareth (Joh 21,15-19) wirklich fragt.

Offen bleibt auch hier wie bei jeder Situation, in der man nach seiner Liebe gefragt wird: Woher kommt solche Liebe? Anders: Woher nehme ich sie? Darauf sind wir in unserem Impuls am 20. Dezember eingegangen (gegen Ende dieses Impulses unter der Überschrift „WOHER KOMMT DIE LIEBE?“). Wer mag, der liest nochmals nach. Und: Schön wäre es, wenn wir davon schreibt, ob Ihr mit dieser Einteilung etwas anfangen könnt: Beziehung, Glaube, Liebe … und auch: Liebe - von ganzem Herzen, mit deiner ganzen Lebenskraft, mit allen deinen Fähigkeiten.



Dienstag, 26. Januar 2021

1. Petrus 4,8-11 GEMEINDE ALS ORT DES LIEBENS

8 Vor allen Dingen habt untereinander ausdauernde Liebe; denn »Liebe deckt der Sünden Menge zu« (Sprüche 10,12). 9 Seid gastfrei untereinander ohne Murren. 10 Und dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes: 11 Wenn jemand redet, rede er's als Gottes Wort; wenn jemand dient, tue er's aus der Kraft, die Gott gewährt, damit in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus. Ihm sei Ehre und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.


HABT UNTEREINANDER LIEBE

Die Gemeinde ist dazu geschaffen, „damit die Liebe in der Menschheit eine Heimat habe“. So sagt es Schlatter (Die Briefe des Petrus…, 1928, 63). Die Gemeinde ist der Ort der gelebten Liebe. Und es ist ja auch so: die Gemeinde lebt, was Jesus neu in die Welt gebracht hat. Ein Miteinander, das sich Gottes Freispruch und Gottes Grosszügigkeit verdankt. Ein Miteinander, das darum auch grosszügig im Umgang mit dem anderen ist.


DIE LIEBE DECKT DER SÜNDEN MENGE

Lieben heisst, dass ich für den andern bin, ihn suche, ihn meine – und das ausdauernd. Nicht nur heute, sondern auch morgen und auch, wenn zwischendurch etwas passiert. Was kann denn passieren? Unser Lieben wird immer wieder angefochten und infrage gestellt. Das geschieht, wenn wir sündigen. Sündigen geschieht durch böse Worte, Unterstellungen, Vorteilnahme, Ehebruch usw., um einige Beispiele zu nennen. Wer sündigt, beschädigt unsere Gemeinschaft.

Petrus geht davon aus, dass das passiert. Darum sagt er: »Die Liebe deckt der Sünden Menge« (Sprüche 10,12). Was heisst das? Denken wir an Psalm 32,1:

„Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind,
dem die Sünde bedeckt ist!“ Psalm 32,1

Hier ist das „Bedecken“ ein Parallelismus zum „Vergeben“. Was vergeben ist, das soll auch bedeckt sein. Es soll nicht mehr sichtbar sein, sich den eigenen und den fremden Blicken entziehen. „Bedecken“ meint also nicht, dass Sünde verheimlicht wird. Sondern, dass sie vergeben und in der Folge auch zugedeckt wird.

Wie ist das bei mir? Neige ich dazu, frühere Sünde wieder hervorzuziehen? Egal, ob es meine eigene oder die eines Anderen ist? Neige ich dazu, sie nochmals anzuschauen, sie zu bedauern bzw. sie dem Andern vorzuwerfen? Bin ich jemand, der mehr als einmal um Vergebung für dieselbe Sache bittet? Petrus sagt der Gemeinde, dass die Sünde, die vergeben wurde, damit auch bedeckt ist. Sprich nicht mehr davon. Denk nicht mehr daran. Ich kann mich fragen, wie bereit und wie geübt ich bin, das Vergangene vergangen sein zu lassen? Bin ich auf eine gute Weise vergesslich?


SEID GASTFREI

Gastfrei zu sein meint, dass Gemeindeglieder einander das Haus öffnen und einander an den Tisch einladen. Wahrscheinlich geben sie den weiter gereisten Brüdern und Schwestern auch Unterkunft. Dass es in der Gemeinde so zugeht, hat Jesus versprochen. Alle, die ihm nachfolgen, bekommen eine neue Familie, einen neuen „Tisch“, ein neues „Bett“.

„Jesus sprach: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder oder Äcker verlässt um meinetwillen und um des Evangeliums willen, 30 der nicht hundertfach empfange: jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker mitten unter Verfolgungen – und in der kommenden Welt das ewige Leben.“ (Markus 10)

Wenn wir Gastfreundschaft leben, dann festigt sich unsere Gemeinde. Wenn wir Gastfreundschaft mit auswärtigen Brüdern und Schwestern leben, also mit Menschen, die wir nicht kennen, dann stärkt das die Einheit der Kirche.


HAUSHALTER DER GNADE GOTTES

„10 Und dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes: 11 Wenn jemand redet, rede er's als Gottes Wort; wenn jemand dient, tue er's aus der Kraft, die Gott gewährt, damit in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus. Ihm sei Ehre und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“

Jeder, der zur Gemeinde gehört, hat von Gott etwas anvertraut bekommen. Es ist nicht „sein Eigentum“, sondern ist ihm von Gott zum Dienst gegeben. Mit dem, was Gott gegeben hat, sollen wir umgehen. Wir sollen er füreinander einsetzen. Gott hat seine eigene Zuwendung – dass ER gut mit Menschen umgeht – in unsere Hände gegeben. Gnadengaben heissen sie also, weil durch sie Gottes Gnade an Andere weitergegeben wird.

Vielleicht können wir uns selbst fragen. Welche Gabe ist mir gegeben, durch die sich Gott einem Menschen zuwenden will? Habe ich die Gabe, barmherzig zu sein, wenn mir jemand zum wiederholten Mal dasselbe erzählt? Und wenn sich nichts zu ändern scheint? … Habe ich die Gabe, jemandem Hilfe zukommen zu lassen? Ohne penibel zu fragen, ob der Andere auch richtig mit dem Empfangenen umgeht? … Habe ich die Gabe, dem Andern das Wort Gottes so zu sagen, dass er oder sie es verstehen kann? Usw. Was sehen wir, wenn wir einander anschauen? Wenn wir andere Christinnen und Christen anschauen: Welche Gnade gibt Gott durch diesen Menschen weiter? Noch einmal denken wir daran: Diese Gaben sind nicht unser Eigentum. Sie sind uns nur anvertraut.

Eines aber ist klar: Wir dürfen die Gaben nicht unbenützt lassen. Was gegeben ist, das muss weitergegeben werden. Darüber werden wir einmal Rechenschaft ablegen müssen (Matthäus 25,14-30). Das gilt für uns als einzelne Christinnen und Christen. Das gilt auch für die Gemeinde als ganze.


Samstag, 23. Januar 2021

Wie geht es euch und Ihnen mit unseren Beobachtungen zur Persönlichkeitsbildung? Wir hatten gesagt, dass unsere Persönlichkeit auf dreifache Weise ausgebildet wird. Wir sind durch äussere Umstände herausgefordert. Wie antworten wir auf Herausforderungen?

- Zum einen, in dem wir handeln und Fähigkeiten ausbilden. Unsere Fähigkeiten werden ausgebildet, indem wir uns im konkreten Verhalten üben.
- Zum andern, indem wir uns an Jesus Christus orientieren. Unser Charakter wird dadurch gebildet, indem wir unseren inneren Blick auf Jesus richten.

Wolfgang hatte als Beispiel das Üben von Gastfreundschaft genannt, auf das hin die Gemeinde in 1. Petrus 4,9 angesprochen wird. Meine Wahrnehmung ist die, dass ich mich selbst und unsere Gemeinde als schwach im Handeln wahrnehme. Nicht, dass nicht alle irgendwie beschäftigt wären. Aktivitäten haben wir viele. Aber allein bezogen auf die Frage der Gastfreiheit: Wer ist bei uns in der Gemeinde und wer ist bei uns Zuhause zu Gast? Wer darf, kann, will, eine Weile mit uns mitleben - und dann vielleicht weiterziehen? Warum klopft niemand an unsere Türen? Weil kaum jemand etwas von uns und unserem Tun erwartet. Das ist jedenfalls meine Wahrnehmung.

Der dritte Bereich der christlichen Persönlichkeitsbildung ist der der Ziel- und Wegfindung. Ich meine, dass Wolfgang und ich hier schon lange einen Schwerpunkt in unseren Kursen und Vorträgen haben: Man kann lernen, von den Weg-Geschichten der Bibel her seinen eigenen Weg zu gehen. Und man sollte das entschlossen und zuversichtlich tun.

An diesem Wochenende gibt es also keinen neuen Impuls. Wir laden herzlich dazu ein, miteinander ins Gespräch zu kommen über unsere Persönlichkeitsbildung. Was fällt euch auf? Was ist euch wichtig geworden? Viele von euch sind mit uns in dieser WhatsApp Gruppe zum Petrusbrief verbunden. Da könnt ihr posten, oder ihr könnt uns ein Mail schreiben. Den nächsten neuen Impuls zum Petrusbrief gibt es hier am Dienstag, 26. Januar.


Bald werden Wolfgang und ich aus Datenschutzgründen WhatsApp verlassen und voraussichtlich zum Messenger Dienst Threema wechseln. Wir geben euch dann Bescheid. Wir sind noch nicht sicher, ob wir auch Signal benutzen werden.



Donnerstag, 21. Januar 2021

CHRISTLICHE PERSÖNLICHKEITSBILDUNG

Die meisten Briefe des Neuen Testamentes haben einen konkreten Anlass: sich vor einem ersten Treffen vorzustellen (Römerbrief), konkrete Fragen der Ethik, der Gemeindeführung und des Glaubens (Korintherbriefe) bzw. konkrete Konflikte (Galaterbrief), Klärung von eschatologischen Fragen (Thessalonicherbriefe), oder sie geben einen Lagebericht und dienen der Pflege des Kontakts (Philipperbrief) usw. Im ersten Petrusbrief ist die Lebenssituation der Gemeinden in der Diaspora selbst das Thema: Wie lebt man christlichen Glauben in einem Umfeld, das sich zunehmend gegen die christliche Gemeinde abschliesst, ja gegen den christlichen Glauben verhärtet? Vorsichtig ausgedrückt: Es geht Petrus um christliche PERSÖNLICHKEITSBILDUNG unter den besonderen Umständen des Glaubens, der zunehmend in äussere Bedrängnis kommt.


DIE PERSÖNLICHKEIT DREIFACH AUSBILDEN

Wenn wir es recht sehen, geht es bei dieser Persönlichkeitsbildung um drei unterschiedliche Anliegen. Sie gehören eng zusammen. Trotzdem sind sie zu unterscheiden. Als Beispiel: Wird jemand als Handwerker ausgebildet, dann hat er die grundlegenden handwerklichen Techniken zu erlernen. Das allein ist ein erster Schritt. Aber es macht ihn noch nicht zum Handwerker. Darüber hinaus benötigt er Kenntnisse in Materialkunde, muss die vorhandenen Werkzeuge kennen lernen und damit auch die Möglichkeiten und Grenzen seines Handwerks. Dabei wird er unweigerlich auf seine eigenen Möglichkeiten sowie auch auf jene Grenzen stossen, die in ihm und seiner Begabung liegen. Ein drittes kommt hinzu: Je mehr er mit der Technik sowie den Eigenheiten des Materials vertraut wird, desto mehr lernt er hinzu, was bisher alles entworfen und gebaut worden ist. Er versucht sich am Nachbau einfacher oder komplexerer Produkte. Irgendwann kommt es zu eigenen Entwürfen. Vielleicht sogar zu solchen, die die Grenzen des gewöhnlichen Handwerks überschreiten und neue Wege zeigen.

Das Beispiel hinkt gewiss, wie das bei allen Vergleichen der Fall ist. Doch auch bei der Bildung bzw. Reifung unserer christlichen Persönlichkeit geht es um eine Art Ausbildung, bei der sich einige Stufen deutlich voneinander unterscheiden lassen. Wir meinen, dass Petrus in seinem Brief relativ deutlich davon spricht.

• Es geht um unsere Fähigkeiten bzw. Handlungen: WAS kann und habe ich zu tun?
• Es geht um unseren Charakter, die Formung unseres christlichen Daseins: WER kann, soll und will ich sein?
• Es geht um die Wege, die ich wähle, sowie um die Ziele, die ich mir setze: WOHIN will ich kommen und WELCHE WEGE schlage ich dafür ein?


FÄHIGKEITEN

Zum ersten: Die meisten ermahnenden Aussagen betreffen unsere Fähigkeiten und Handlungen. Mit 1,13 beginnt es: „Umgürtet die Lenden eures Sinnes, seid nüchtern … richtet euch nicht nach den Begierden, die ihr früher hattet …“ Es wäre reizvoll, sich einmal all diese einzelnen Hinweise herauszuschreiben oder in der eigenen Bibel zu markieren. Würde es um eine „Handwerk“ gehen, welche Handgriffe bzw. Techniken beherrsche ich bereits? Welche müsste ich noch kräftig üben? Welche kommen bei mir noch gar nicht vor? Bzw.: Welche der Hinweise verstehe ich vielleicht noch nicht richtig?

Als Beispiel: In 4,9 ermahnt Petrus „Seid gastfrei gegeneinander ohne Murren.“ Zur Zeit unseres Briefes waren die Menschen durchaus mobil. An den grossen Routen gab es Gasthäuser. Viele Routen galten als gefährlich. Man versuchte, bei Verwandten und Bekannten unterzukommen. Von Freunden liess man sich Empfehlungsbriefe mitgeben. Sie sollten bestätigen, dass man vertrauenswürdig war. Je nach Wohnort kam es vor, dass man überaus häufig „besucht“ wurde, man also „gastfrei“ sein sollte. Aus Unterlagen des 2. Jahrhunderts wissen wir, dass das zum echten Problem werden konnte. Sollte man jeden aufnehmen? Musste man … Wie ist das heute, wo Menschen aus bitterster Armut an die Türen unserer Länder klopfen? Sie kommen gar nicht mehr bis zu uns? Wo, so müssten wir fragen, sind heute unsere „Türen“, an die geklopft wird? Oder gilt das heute nicht mehr, nicht mehr unbedingt? Und wenn: Wie begründen wir das?


CHARAKTER

Wir kommen zum zweiten Schritt. Bleiben wir beim Beispiel: Türen zu öffnen, gastfrei zu sein, ist eine „handwerkliche“ Fähigkeit. „Ob“ wir die Türen öffnen ist eine Frage unserer Persönlichkeit, unseres Charakters. Petrus hat dafür eine einfach zu handhabende Regel. „Christus hat euch ein Vorbild hinterlassen, damit ihr seinen Fussstapfen nachfolgt“ (2,21; vgl. 4,1.12f). Da geht es nicht mehr um „Technik“. Es geht um die Regel „Wie ER so auch ICH“. In der Befolgung dieser Regel hat das Rechnen, ob man es vermag, ob es sich lohnt, ob … keinen Raum. Es ist eben eine ganz andere „Technik“, von der Petrus (und auch sonst das NT (vgl. besonders Phil 2,5ff sowie eine ganze Reihe von Nachfolgeworten Jesu) hier spricht. Ein Blick auf Jesus als Vorbild hilft zu einer schnellen Entscheidung, während das rechnende Denken lange braucht und womöglich kein bzw. ein anderes Ende findet.

Wer dazu weiterdenken will, der lese neben den angegebenen Aussagen unseres Briefes und Phil 2,2ff z.B. Mt 16,24-26.

Unsere Fähigkeiten werden ausgebildet, indem wir uns im konkreten Verhalten üben. Unser Charakter wird dadurch gebildet, indem wir unseren inneren Blick ständig auf Jesus richten. Auch darüber hatten wir schon geschrieben. Die kürzeste Einführung dazu findet man wohl in Psalm 16,8. Im hebräischen Wortlaut klingt das so: „Ich stelle mir den HERRN (JHWH) beständig als Gegenüber vor mich hin. Er zu meiner Rechten - ich wanke nicht.“ Der kleine Abschnitt über Mose in Heb 11,24-27 liest sich als ein präziser Erfahrungs- bzw. Praxisbericht dazu.


ZIELE UND WEGE

Die ersten beiden Schritte bzw. Fähigkeiten sind hilfreich und anwendbar, wenn Aufgaben bzw. Herausforderungen von aussen her an uns herankommen. Zu unserem Leben gehört aber nicht nur, dass wir auf Herausforderungen antworten. Wir stehen auch vor Situationen, in denen wir zwischen verschiedenen Wegen zu wählen haben. Öfter als wir denken geht es dabei gar nicht um die Wahl zwischen richtigen und falschen Wegen. Oft genug wählen wir zwischen zwei Wegen, die beide richtig erscheinen, manchmal auch zwischen zwei Wegen, die beide schwierig oder gar falsch sind. Auch das gehört zu unserem Leben. Wir sind es, die unser Leben gestalten. Den Entscheid nimmt uns niemand ab. Auch Gott tut das nicht. Wir sind seine freien Töchter und Söhne, die ihn und seinen Sinn kennen und die fähig sind, auch selbst in diesem Sinn unser Leben zu gestalten und zu wählen. Wir sind – das ist mit den Worten der damaligen Zeit gesprochen – keine Mägde und keine Knechte. Gott als unser Vater hat Freude an seinen gereiften Kindern, die selbständig in seinem Sinn leben und handeln. Zu einer reifen Persönlichkeit, also auch zu einer christlich gereiften Persönlichkeit, gehört die Fähigkeit, sich selbst Ziele zu setzen und auch die Wege zu wählen, die zu diesen Zielen führen.

Welche Hilfen sind uns dafür gegeben? Zum Blick auf Jesus gehört nicht nur der Blick auf sein Handeln, also auf seine einzelnen Taten. Sowohl Petrus (1. Petr 4,1) als auch Paulus (Phil 2,5) sprechen von Jesu „Gesinnung“. Der Hymnus in Phil 2,5ff beschreibt darum den WEG, den Jesus in dieser Seiner Gesinnung gegangen ist. Das gehört ja zum Geheimnis der Bibel: Sie erzählt uns von Jesus, indem sie uns von den WEGEN erzählt, die Jesus gegangen ist. Die ersten Christen haben wie Jesus selbst den Gott Israels kennen gelernt, weil ihnen die Erzählungen des AT von Gottes WEGEN mit den Menschen und mit seinem Volk Israel berichten. Wir kennen Gott, weil wir seine Wege kennen. Und darum erzählen wir diese Weg-Geschichten Gottes immer weiter.


DIE WEG-GESCHICHTEN GOTTES ERZÄHLEN

In unserem Brief verweist Petrus auf Jesus als Vorbild (siehe oben). Damit sind seine Handlungen gemeint, aber auch seine Wege. Petrus verweist gleichzeitig auf den Weg, den Israel unter der Weisung Gottes gegangen ist. Auch das ist ein Weg, anhand dessen die christliche Gemeinde ihren Weg mit Gott findet, geht und gestaltet. Ab 1,13 hält Petrus der Gemeinde den Weg Israels von der Passah-Nacht bis hin Bund Gottes am Berg Sinai vor Augen:

• der Aufbruch in der Passah-Nacht 2. Mose 12,11 - 1. Petr 1,13
• der Durchzug durchs Meer - klingt an in 1. Petr 1,22
• der Bundesschluss am Berg Sinai - 2. Mose 19 steht hinter 1. Petr 2,1-10

Wie orientiert man sich an den Wegen, die Jesus gegangen ist, die Gott seine Boten geführt hat? Eigentlich ist es einfach: Man erzählt sich immer wieder diese grosse Geschichte. Wie handelt Gott? Welche Ziele hat er? Welche Wege schlägt er ein, um diese Ziele zu erreichen? Das ist die grosse Fragestellung, unter der die biblischen Berichte erzählt werden. Was kann man daraus lernen?


ZWEI DEUTUNGEN SIND MÖGLICH

Ein Beispiel, das uns im Blick auf diesen Zusammenhang immer wieder nachdenklich macht und hilfreich ist. Auf der Rückreise nach Jerusalem während seiner dritten Reise erzählt Paulus den Ältesten von Ephesus in Milet: „Und jetzt ziehe ich im Geist gebunden nach Jerusalem, ohne zu wissen, was mir dort begegnen wird, ausser dass der heilige Geist von Stadt zu Stadt mir bezeugt, dass Fesseln und Trübsale auf mich warten“ (Apg 20,23). Dieses innere Wissen von Paulus wird von geistlichen Eindrücken seiner Begleiter mehrfach bestätigt (Apg 21). Die Reaktionen aber sind verschieden. Einige sagen dem Paulus sogar „durch den Geist“, er solle nicht nach Jerusalem ziehen (21,4). Sowohl bei Paulus wie bei diesen geistbegabten Brüdern geht es um die Frage nach dem Ziel, sowie um die Wege, die Paulus gehen bzw. nicht gehen soll. Verstärkt wird diese Botschaft durch den bekannten Propheten Agabus, der Paulus extra von Judäa her nach Cäsarea entgegenkommt (21,10f). Bezeichnend für Agabus ist, dass er seine Prophetie durch eine Zeichenhandlung unterstreicht und davon spricht, dass Paulus gebunden werden wird. Agabus verbindet seine Prophetie jedoch nicht mit einer konkreten Wegweisung. Er lässt die Deutung, wie Paulus diese Zeichenhandlung verstehen soll, offen. Es ist wichtig, dass sie offenbleibt. Die Zeichenhandlung spricht von einer kommenden Gefangennahme in Jerusalem. Sie könnte eine hilfreiche Vorbereitung auf eben diese Gefangennahme sein. Sie könnte aber auch eine Warnung sein, nicht nach Jerusalem zu gehen und sich damit der Gefangennahme zu entziehen. Also: Agabus lässt die Deutung bewusst offen.

Die Mitarbeiter, die Paulus begleiten, deuten diese Prophetie als Warnung (21,12), während Paulus sie genau umgekehrt als Vorbereitung auf seine kommende Gefangenschaft versteht (21,13). Er bewegt sich weiterhin auf Jerusalem zu.

Wie kommt Paulus zu seinem Urteil? Genau das ist ja unsere Frage. Lukas gibt uns in der Apostelgeschichte darauf keine konkrete Antwort. Wir sind auf unsere Vermutung angewiesen. Sie lautet: Paulus hat die Boten Gottes vor Augen, die Gott im Verlauf der Geschichte nach Jerusalem geschickt hat: die Propheten des Alten Bundes, ja Jesus selbst. Gott hatte weder die Propheten noch Jesus im Unklaren darüber gelassen, dass der Weg nach Jerusalem Leiden und im Extremfall auch Tod bedeutet. Es gibt jedoch keinen einzigen Fall, in dem Gott einen Propheten sandte, um einen seiner Boten vor einem solchen Dienstweg zu warnen bzw. ihn davon abzuhalten. Aus der Auseinandersetzung Jesu mit Petrus, der Jesus vom Leiden in Jerusalem abhalten wollte (Mt 16,22f), hat Paulus gewusst, was er von der Deutung der Prophetie des Agabus als Warnung zu halten hat.


HINHÖREN HILFT ZU KLARHEIT

Aus dem Hinhören auf Gottes Wege mit seinen Boten (den Propheten des Alten Testaments), mit seinem Volk Israel und auf die Wege Jesu hat Paulus gelernt, Klarheit für die eigenen Ziele wie für die eigenen Wege zu bekommen. Führt Gott einen seiner Boten nach Jerusalem, dann weicht man diesem Weg nicht aus. Was Paulus dadurch gelernt hatte, das war ihm klar. Darum hat er nicht gezögert, diesen Weg zu gehen.

Was ist es, was wir aus Gottes Zielen und aus Gottes Wegen mit seinen Boten lernen? Welches Licht leuchtet von daher auf die Ziele, die wir uns setzen, sowie auf die Wege, die wir zu diesen Zielen einschlagen? Psalm 119,105 betet der Psalmbeter: „Dein Wort, o Herr, ist meines Fusses Leuchte, ist ein Licht auf meinem Weg.“ So also sind die Geschichten von Gottes Wegen durch die Geschichte zu lesen. Deutlich und spannend bis heute.



Dienstag, 19. Januar 2021
1. Petrus 4,1-11 - EINIGE GRUNDSÄTZLICHE BEOBACHTUNGEN

DIE ENTSCHEIDENDE WENDE

Wir können es uns wohl nicht oft genug sagen, uns damit ermuntern und unseren Blick damit schärfen: Die alles entscheidende Wende liegt bereits hinter uns! (4,7) Jesu Sterben, Tod, Auferstehung und Himmelfahrt - das sind gerade keine Ereignisse der Zukunft. Was aussteht, das ist Jesu Wiederkunft. Was heisst das? Ausstehend ist, dass der triumphierende Sieg Jesu über die dunkeln Mächte ausserhalb von uns wie auch in uns selbst aufgedeckt und allen sichtbar wird.

Was also fehlt? Es ist noch nicht aufgedeckt. Es ist noch nicht allen sichtbar. Oft genug ist es ja auch uns noch nicht sichtbar. Doch: Hören wir genau hin und sagen es uns auch immer so genau: Ausstehend ist NICHT der Sieg über das/den Bösen. Ausstehend ist nur, dass dieser Triumph noch nicht aufgedeckt ist. Die grosse Wende ist nicht das, was kommen wird. Die grosse Wende liegt hinter uns (4,7; der griechische Text lautet, dass das Ziel herangekommen, am Hereinbrechen ist). Wo lernen wir das zu sehen? „… die Auferstehung Christi, der zur Rechten Gottes ist, nachdem er in den Himmel gefahren ist und ihm die Engel und Mächte und Kräfte unterworfen worden sind“ (3,22). Was hier beschrieben ist, das ist heilvolle Gegenwärtigkeit, ist heilvolle Endgültigkeit.


UND NUN: NÜCHTERNHEIT

Aus der Endgültigkeit der Wende, die uns in Jesus Christus geschenkt ist (4,7), ergeben sich für die Gemeinde vor allem Besonnenheit und Nüchternheit. Die Aufregung, die mit einem immer noch offenen Ausgang der Geschichte verbunden wäre, ist von der Gemeinde Jesu endgültig genommen. So wie wir wissen, wie es um den Bösen bestellt ist - mag er noch so brüllen (5,8) - so wissen wir, wie es um die Welt und auch um uns bestellt ist: Wir sind in Gottes guten Händen. Glauben bedeutet, dass wir das wissen, das einander immer wieder sagen und die ganze Welt nur noch unter diesem Blickwinkel sehen. Das nicht zu glauben und zu beten, als ob noch etwas auf dem Spiel stünde, wäre Unnüchternheit. Zu beten, als ob wir durch unser Gebet dem Sieg Jesu noch etwas zufügen oder ihn herbeirufen müssten, das wäre jene Unbesonnenheit, die einen christlichen Glauben krank machen würde.

Petrus weist auf zwei Ausdrucksweisen des Glaubens, an denen man Besonnenheit und Nüchternheit erkennt. Da ist einmal das Gebet (4,7). Es gibt ja tatsächlich ein Beten, das leidenschaftlich und ernsthaft klingt und sich in Worten und in innerer Sehnsucht ganz an Gott hängt, — und dennoch unnüchtern und unbesonnen ist. Frage: Woran liegt es, wenn Glauben und Beten unnüchtern bleiben? Anders herum: Was sind die Kennzeichen, durch die sich uns Nüchternheit und Besonnenheit des Glaubens zeigen?

Die zweite Ausdrucksweise des Glaubens, die mit der ersten verbunden ist, ist die beharrliche Liebe untereinander, d.h. innerhalb der Gemeinde (4,8). Natürlich endet sie nicht mit der Gemeinde. Sie beginnt aber in ihr - oder sie hat überhaupt noch nicht begonnen.


LEIDEN

Das häufigste Stichwort in unserem Brief lautet “leiden/Leiden“. Damit beschreibt Petrus den Weg, den Jesus für uns gegangen ist (2,21.23; 3,18; 4,1.13), und auch den Weg, den seine Jüngerinnen und Jünger nun in seiner Nachfolge gehen (2,19.20; 3,14.17; 4,1.[12].15.[16].19; 5,9.10). Gemeint sind damit nicht jene kleineren und grösseren Einschränkungen, Entbehrungen bzw. Enttäuschungen, die zum Leben jedes Menschen gehören. Petrus beschreibt damit jene Leidenserfahrungen, die die Glieder der Gemeinde um ihres Glaubens willen, also in der Nachfolge Jesu auf sich nehmen. Sie gehören für Petrus zum Leben im Glauben hinzu: „… lasset euch durch die Feuersglut [der Leiden] bei euch … nicht befremden, als geschehe euch damit etwas Fremdes“ (4,12). Natürlich darf man in solchen Situationen um Bewahrung und Befreiung beten. Aber es fällt auf, dass Petrus dazu nicht aufruft. Das Leiden um Christi willen ist nichts Fremdes, von dem uns Gott unbedingt befreien müsste. Es ist Teil des Weges der Nachfolge, auf dem wir unserem Glauben bewähren.


WIE ER – SO AUCH WIR

„Da nun Christus … sollt auch ihr …“ (4,1). Nachfolge Jesu bedeutet für Petrus, sich an Jesus zu orientieren. Was bedeutet das? Einmal werden wir uns am konkreten Handeln Jesu orientieren. So und so hat er sich verhalten. „Fussstapfen“ hat er uns hinterlassen, in denen auch unsere Füsse ihren Schritt finden (2,21). Damit ist und bleibt er uns „Vorbild“. Aber es ist noch mehr. Hinter dem Handeln Jesu steht für Petrus ausdrücklich Jesu „Gesinnung“ (4,1; vgl. Phil 2,5). Es ist seine Grundhaltung, aus der sein jeweiliges Handeln erwächst. In eben diese Grundhaltung wachsen wir bewusst hinein. Petrus verwendet eine Bildrede. Er meint, dass man sich mit dieser Gesinnung Jesu „bewaffnen“ kann, ja soll (4,1). So, wie ER war, sollen und werden auch wir sein (vgl. 4,12-13).


WER IST GEMEINT?

Auch danach hatten wir bereits gefragt. Wir sind gewohnt, diese Texte individualistisch zu lesen und zu verstehen. Wir fragen: Was kann ich daraus lernen? Was davon geht mich an? Nun wird wohl kaum jemand sagen, dass das falsch ist. Aber es ist zu wenig. Und das kann verhängnisvoll sein. Die Briefe des Neuen Testamentes sind (mit Ausnahme der Briefe an Timotheus, Titus und Philemon) an christliche Gemeinden, also an feste Lebensgemeinschaften gerichtet. Im Glauben bilden wir zusammen mit Jesus keine „der-liebe-Gott-und-ich-AG“. Der starke Zuspruch ergeht an uns als Gemeinschaft: sowohl in Bezug auf den Trost wie auf die Ermahnung. Aber es ist gar nicht so einfach, die Gewohnheit eines rein individualistischen Hörens zu überwinden. Wie können wir uns dabei helfen?

Vielleicht hilft eine Beobachtung etwas weiter. Der „kräftige Zuspruch“ des Petrus ist mindestens zweimal auffällig geordnet. Da gibt es einmal Verhaltensanweisungen für das Zusammenleben der Christinnen und Christen als Gemeinschaft. Gemeinde ist Lebensgemeinschaft. Und das muss im Verhalten zum Ausdruck kommen. Man lese dazu 3,8 sowie 4,7-11. Direkt daneben stehen Anweisungen, wie sich Christen als Gemeinschaft gegenüber ihrem nichtchristlichen Umfeld verhalten sollen. Da ist sowohl der Ton wie der Blickwinkel ein anderer. Man lese dazu 3,9 sowie 4,1-6. Wenn man diese Unterscheidung beachtet, klingen die Weisungen plötzlich präzis. Was fällt uns z.B. im Vergleich von 3,8 mit 3,9 auf?


TATEN, GESINNUNGEN UND UNSERE WEGE

Was einen Menschen wie auch eine Gemeinschaft ausmacht, das sind einmal die einzelnen Taten. Man kann sie einüben, notieren, aufzählen. In seinen Weisungen hilft uns Gott, unsere einzelnen Taten zu erkennen. Doch bereits weiter oben haben wir auf die Unterscheidung zwischen der einzelnen Tat und der prägenden, ganzheitlichen Gesinnung hingewiesen. Beide hängen zusammen, und doch sind beide voneinander zu unterscheiden.

Doch nun kommt ein weiteres hinzu. In unserem Leben schlagen wir konkrete Wege ein. Wie finden wir Orientierung im Blick auf eben diese Wege, die wir mit Gott gehen wollen? Darüber werden wir im nächsten Impuls am Donnerstag nachdenken.



Donnerstag, 14. Januar 2021

Bitte lest 1.Petrus 3,18-22.

LASST EUCH NICHT DAVON ABHALTEN, GUTES ZU TUN

Petrus schreibt den Christinnen und Christen, dass sie alles, was sie tun, mit gutem Gewissen tun sollen. Das wird manche Menschen aus dem nicht-christlichen Umfeld der Gemeinde beschämen. Das Tun des Guten ist aber keine Garantie dafür, dass den Christinnen und Christen das Leiden erspart wird. In diesem Fall sollen sie das Leiden entgegennehmen und es als den „Willen Gottes“ verstehen (3,17). Wir haben bereits gelesen, dass Petrus der Meinung ist, dass in solchen Situationen der Glaube geprüft wird, klarer und schöner wird, und am Schluss von Jesus sein Lob bekommt (1,6-7).

Die Christen sollen also nicht auf das reagieren, was ihnen widerfährt. Sie sollen nicht mit Bosheit auf Bosheit antworten, sollen List nicht mit List parieren, und Gewalt nicht mit Gewalt (2,9). Sie sollen damit fortfahren, Gutes zu tun und gegebenenfalls zum Leiden bereit sein.


DENN AUCH CHRISTUS HAT UNSCHULDIG GELITTEN

Und wieder – wie schon in 2,21ff – verweist Petrus auf Jesus als Vorbild. Die Gemeinden haben in Jesus ihr Vorbild. „Denn auch Christus hat einmal für die Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit er euch Gott zuführte“ (3,18). Wir lesen:

1. Jesus hat unschuldig gelitten. Petrus schreibt an Christen, die leiden, obwohl sie nichts getan haben, was Leiden verdient. Ihr unschuldiges Leiden stellt die Gemeinde an den Ort, an dem Jesus Christus selbst gestanden hat. Die Gemeinde teilt in dieser Hinsicht also das Schicksal Jesu.

2. Er hat „für“ uns gelitten, nämlich um uns zu Gott zu bringen. Jesus ist für uns gestorben und auferstanden. Das Leiden liegt hinter ihm. Auf diese Weise hat er uns „Gott zugeführt“.

3. Er hat „einmal“ gelitten. Das meint: ein für alle Mal. Was Jesus in seinem Leiden „einmal“ getan hat, das reicht voll und ganz für uns alle. Welch Hochmut es doch wäre zu meinen, wir könnten oder müssten dieses Leiden ersetzen oder ergänzen. Nur unser Dank von Herzen ist die rechte Antwort darauf.


VIER UNGEWÖHNLICHE AUSSAGEN

Nun hören wir ab 3,19 Aussagen, die wir sonst nicht in der Bibel finden. Manche Bibelleser meinen, dass es darum geht, was Jesus in den drei Tagen seines Todes getan hat. Sie meinen, dass Jesus denjenigen Menschen gepredigt hat, die bereits verstorben sind. Das stimmt nicht. Ich schliesse mich im Folgenden der Auslegung von Tom Wright, Letters, p.80ff in: NT for Everybody an. Hören wir die vier Aussagen, die in 3,19-21 gemacht werden, nacheinander:

1 Jesus hat den Geistern im Gefängnis verkündigt.
2 Diese Geister waren ungehorsam in den Tagen des Noah.
3 Noahs Bau der Arche, die seine Familie rettet, weist auf die kommende Taufe hin.
4 Die Taufe handelt nicht (nur) davon, von Unreinheit gewaschen zu werden, sondern wir bitten Gott um ein gutes Gewissen.

Worum geht es?


LEIDEN UNTER DEN AUTORITÄTEN BZW. DER OBRIGKEIT

Unser Briefabschnitt – eigentlich der ganze Petrusbrief – ist eine Ermutigung an Christen, die damit rechnen müssen, ungerechte Behandlung zu erleiden. Leiden widerfährt ihnen durch menschliche Autoritäten, also durch Menschen, die ihnen ganz offiziell vorgeordnet sind. Wir hatten gelesen, dass die Gesellschaft ein klares Ordnungsgefüge zu haben scheint.

Petrus ermutigt die Gemeinden. Die erste Ermutigung besteht darin, dass die Christinnen und Christen durch ihr ungerechtfertigtes Leiden dasselbe erleben, was Jesus erlebt hat. Aber dann geht es weiter. Jesus hat durch sein Leiden und Auferstehen alle Autoritäten besiegt. Er nimmt den Ehrenplatz zur Rechten Gottes ein und ist nun Herr über alle „Engel und Gewalten und Mächte“ (3,22). Die Pointe der vier Aussagen besteht darin, dass die Gemeinden ausgiebig darüber informiert werden, welche Mächte und Autoritäten Jesus besiegt hat.


DIE MÄCHTE SIND ENTMACHTET

Die Gemeinden haben in ihrem Leiden mit menschlichen Autoritäten zu tun – vielleicht mit Statthaltern, mit Amtsinhabern, mit ‘Herren’ von Sklaven, mit einflussreichen Menschen. Die menschlichen Autoritäten verkörpern „geistige“ Autoritäten, die in einem schattenhaften, verborgenen Reich hinter ihnen stehen. Petrus sagt den Gemeinden, dass diese Autoritäten davon Kenntnis bekommen haben, dass Jesus ihre Macht umgestossen hat. Die Mächte wissen Bescheid. Jesus ist Herrscher über die ganze Welt geworden. Darum endet der Abschnitt mit der nachdrücklichen Behauptung, dass Jesus Christus nun „Engel, Mächte und Gewalten untertan sind“ (3,22)

Wie fügen sich die vier Aussagen zu dieser Schlussfolgerung zusammen? Wahrscheinlich hat Petrus das Buch Henoch vor Augen. Es war im Judentum des ersten Jahrhunderts vor und nach Christus bekannt. Das Buch Henoch führt die Probleme der Welt auf die bösen Engel von 1. Mose 6,1-4 zurück. Sie werden als geistige Wesen verstanden, die in den Zeiten Noahs gegen Gott, ihren Schöpfer, rebelliert haben. Das Buch Henoch sieht den kommenden Sieg Gottes über diese Geistwesen voraus.

Petrus sagt nun, dass der Sieg über genau diese dunklen Mächte des Bösen durch Jesus Christus errungen wurde. Nach seiner Auferstehung hat Jesus den Geistern seine definitive Ankündigung gemacht. Sie sind gerichtet. Ihre Macht ist gebrochen. Das ist eine grosse Ermutigung für die Gemeinden, die der Verfolgung durch ihre eigenen örtlichen Autoritäten entgegensehen. Denn sie sehen hinter den örtlichen Autoritäten eben diese geistigen Mächte am Werk. Die Gemeinden sollen wissen: Der Christus triumphiert über sie, und die Mächte wissen das auch. Er hat es ihnen gesagt (3,19).


NOAHS ARCHE UND DIE TAUFE

Juden und Nicht-Juden in Kleinasien kannten die Überlieferung von Noahs Arche. Petrus bezieht sich auf eine weithin bekannte Geschichte, die in der Bibel auf die Geschichte der Machtwesen zur Zeit Henochs folgt. Die Geschichte erzählt von Menschen, die durch die grosse Flut hindurch gerettet wurden. Damit ist diese Rettung ein Bild für die Taufe. So wie die Arche durch das Wasser gerettet hat, so rettet euch die Taufe (3,21).

Paulus hat die Taufe als den Weg beschrieben, um das frühere Leben hinter sich zu lassen und neues Leben zu empfangen: Man stirbt mit dem Christus und ersteht mit ihm auf und hat einen neuen Lebenswandel (Römer 6,3-4). Petrus setzt einen anderen Akzent: Durch die Taufe bekommen Christen „ein gutes Gewissen“ (3,21). Wir meinen, dass das so zu verstehen ist: In der Taufe geschieht die Vergebung der Sünden. Heisst: Christen erbitten sich von Gott ein gutes Gewissen. Wenn es dann zur Auseinandersetzung mit Nicht-Christen kommt, müssen Christen nicht beschämt sein. Sie sind mit Gott und mit sich selbst im reinen.

Was müssen Christinnen und Christen wissen, wenn sie Ärger oder Verfolgung entgegensehen? Jesus, der Christus, hat die Hoffnung Israels erfüllt, indem er die geistigen Mächte, die in der Welt wirksam sind, ein für alle Mal besiegt hat. Es sind Mächte, die von altersher – also von den Zeiten Noahs an – für Bosheit und Betrug verantwortlich sind. Die kleinen christlichen Gemeinden, die der Verfolgung entgegensehen, stehen durch ihre Taufe an der Seite des Christus. Sie können und sollen aufrecht leben. Ihr Gewissen ist gereinigt. Darum können sie sich darauf verlassen, dass Jesu Sieg, von dem sie Zeugnis geben, in der Welt präsent und mächtig ist. Es ist längstens klar, wer das entscheidende Wort gesprochen hat.


Dienstag, 12. Januar 2021

1. Petrus 3,13-17 ENTSCHEIDEND IST, WIE WIR UNS VERHALTEN

Beim bisherigen Lesen des Briefes haben wir bereits bemerkt, wie nachdrücklich Petrus die Christen auf die Wichtigkeit ihres Verhaltens hinweist. So geht es auch jetzt weiter: „… damit die, die euren guten Wandel in Christus schmähen, zuschanden werden in dem, worin ihr verleumdet werdet“ (Vers 16). Die Gemeinde soll „heilig werden im ganzen Wandel“ (1,15), hatte er geschrieben. In seinen Ermahnungen - wir haben sie den „kräftigen Zuspruch“ genannt - ruft Petrus die Gemeindeglieder zu einer vorbildhaften Lebensführung auf: „Legt ab alle Bosheit und allen Trug und Heuchelei und Neid und alle Verleumdungen …“ (2,1).

Das Feld, auf dem sich die junge christliche Gemeinde gegenüber ihrer nichtchristlichen Umgebung zu bewähren hat, ist ihre Lebensführung. Oder anders: Das Zeugnis, das die christliche Gemeinde für die Wahrheit des Evangeliums ablegt, besteht - zunächst! – in ihrem Verhalten und nicht in ihrem Reden. „… führet einen guten Wandel unter den Heiden, damit sie in dem, worin sie euch als Übeltäter verleumden, auf Grund eurer guten Werke, wenn sie näher zusehen, Gott preisen [müssen] …“ (2,12; vgl. auch 3,8f; 3,13). Ihr neues Leben als Christen wird sichtbar daran, dass sie sich von ihrer bisherigen Weise des Lebens distanzieren (4,3). „Hierin befremdet es sie [die nichtchristliche Umgebung], dass ihr nicht mehr mitlauft zu demselben heillosen Treiben. Darum lästern sie“ (4,4).


EIN ANDERES VERHALTEN

Ulrike hatte in ihrem Studienurlaub 2018 Christen in kleinen Gemeinden gefragt, worin sie sich anders verhalten als ihre nicht-christliche Umgebung. Einige ihrer Antworten als Beispiel:

- Jetzt zum Beispiel bin ich in der Minderheit, weil ich sage, wenn wir sonntags öffnen: ‹Mit mir nicht. Ich komme nicht sonntags. Mich braucht ihr gar nicht einzuteilen.› Da bin ich absolut die einzige bei hundert Angestellten, die das kundgegeben hat. (w, arbeitet im Supermarkt, Eisenhüttenstadt)

- Bei Fussballern ist es bekannt, dass sie mal gerne einen über den Durst trinken. Das war bei mir früher auch so, bevor ich gläubig geworden bin. Das hat sich komplett geändert. Das Thema, das gibt es jetzt nicht mehr. Und für mich ist es immer wieder eine Herausforderung, wenn fünfzehn Leute bei der Weihnachtsfeier saufen, dass ich der einzige bin, der es nicht macht. Sie wissen, dass ich gläubig bin, sie pflanzen mich ab und zu. Aber es ist immer weniger geworden. Dadurch, dass ich standhaft geworden bin, ist es für mich eigentlich oft eine riesen Herausforderung, dass ich nicht doch ‹Ja› sage zu dem ganzen. «Ja, das eine Mal ist eh egal, und es weiss ja keiner.» Und Gott sieht das. Darum ist es für mich wichtig, standhaft zu bleiben. Für mich selber sowieso, aber auch für die andern und mitttlerweile akzeptieren sie es. Sie fragen auch ab und zu , ob ich noch in die Gemeinde gehe, ob ich schon heilig gesprochen worden bin, und was weiss ich, was so alles für blöde Sprüche kommen. Aber es ist dann trotzdem. Sie merken, dass sich bei mir etwas verändert hat. Das freut mich und darum möchte ich gern so weiter machen. (m, Graz)

- Auch die moralische Entscheidung, ‹Ja› und ‹Nein› zu sagen, das war das unlängste Thema, das wir gehabt haben. Die ist einfacher, weil ich mit der Entscheidung nicht mehr alleine bin. Sondern weil es eben auch durch Gott vertreten wird. Ein Beispiel dazu ist: Mein Papa ist verstorben und er hat eine Freundin gehabt. Und die will von mir jetzt Geld haben. Was komplett ungerechtfertigt ist. Es sagen alle: Das muss ich nicht. Ich denke mir, sie hat es verlangt und ich gebe es ihr. Es wird einen Grund haben und das versteht aber keiner. Wenn sie es verlangt, dann soll sie es auch kriegen, denn ich glaube, es ist in seinem Sinne. Auch, wenn ich glaube, es ist nicht richtig. (w, Graz)

- Ich bin Krankenschwester und ich behalte dort einfach immer die Ruhe. Weil ich sage, o.k., es kann nichts passieren, ich bin nicht alleine, ich habe immer jemanden an meiner Seite. Ja? Und meine eine Kollegin, die ist immer so hektisch. Ich sag dann: «Jetzt beruhige dich doch mal bitte. Es ist alles gut.» Dann fragt sie mich: «Woher nimmst du deine Ruhe? Woher nimmst du deine Kraft?» (w, Wien)

Fragen wir danach, worin ihr Zeugnis von Christus gegenüber ihrer nichtchristlichen Umwelt besteht, fällt also diese nachdrückliche Betonung der Lebensführung auf. Wegen ihrer veränderten Lebensführung werden sie ja kritisiert und verleumdet. Darum, so meint Petrus, ist es ihre Lebensführung, mit der sie für die Wahrheit des Evangeliums Zeugnis ablegen müssen. Sicher werden die ersten Christen auch versucht haben, ihren Glauben mit Worten zu erklären, ihn verständlich zu machen und dazu einzuladen. Wird einem jedoch einmal deutlich, wie sehr Petrus die Wichtigkeit des christlichen Zeugnisses durch das Verhalten betont, fällt einem auf, dass er mit keinem Satz zu dem aufruft, was wir heute „Evangelisation“ nennen würden.

Mit keinem Satz? Es scheint doch eine Ausnahme zu geben. Ruft Petrus nicht doch zur Verkündigung, zum Zeugnis mit Worten auf? „Seid allezeit bereit zur Verantwortung gegen jeden, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist!“ (3,15). Ist das nicht ein deutlicher Aufruf zur Verkündigung - und das nicht nur durch das eigene Verhalten, sondern mit klaren, überzeugenden und einladenden Worten?!

Ein christliches Werk, das wir schätzen, zitiert diesen Vers und bemerkt dazu: „Mit diesen Versen möchten wir Sie zu Beginn dieses neuen Jahres ermutigen und gleichzeitig herausfordern: Wir haben die Hoffnung in dem Messias Jeschua, die uns durch alles tragen kann. Doch dürfen wir diese Hoffnung nicht für uns behalten. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen Menschen nach Antworten suchen, müssen wir die Botschaft des Messias verkünden.“

Das ist natürlich richtig. Gerne unterstreichen wir dieses Anliegen. Allerdings: Petrus spricht in dem zitierten Vers von etwas anderem. Was er in diesem Vers formuliert, das ist wirklich eine Herausforderung. Es lohnt, sich mit diesem Satz des Petrus sorgfältig auseinander zu setzen.


UNSER LEBEN IST VON HOFFNUNG BESTIMMT

1) Petrus geht davon aus, dass unser Leben von unserer Hoffnung auf Jesus Christus bestimmt wird. Wir haben ihn ständig vor Augen und folgen seinen Fussstapfen. In unserem Verhalten orientieren wir uns an ihm als unserem Vorbild (2,21-25).
• Kann ich sagen, dass mein Verhalten ein Spiegel meiner Hoffnung auf Jesus ist?

2) Es ist die Hoffnung auf Jesus, die an unserem Verhalten deutlich wird und uns von anderen Menschen unterscheidet.
• Kann ich sagen, dass meine Hoffnung mich von anderen Menschen unterscheidet?

3) Petrus ist davon überzeugt, dass eben diese Hoffnung auf Jesus dazu führt, dass Menschen uns nach dem Grund unserer Hoffnung fragen.
• Fällt den Menschen meine Hoffnung derart auf, dass sie mich nach dem Grund dieser Hoffnung fragen?

4) Petrus meint also, dass unser Reden von Jesus nicht ungefragt geschieht. Wir antworten auf Fragen, die uns die Menschen stellen. Unser Zeugnis von Jesus ist eine „Rechenschaft über unsere Hoffnung.“
• Wie sieht mein Zeugnis von Jesus aus, wenn es Antwort auf konkrete Fragen der Menschen nach dem Grund meiner Hoffnung ist?

Petrus geht davon aus, dass die jungen Christen von ihrem Glauben reden. Glaube ist und bleibt nicht stumm. Dabei aber sollte man den Zusammenhang beachten, den Petrus hier vor Augen hat. In kurzen Stichworten: Glaube ist Hoffnung auf Jesus - die im Verhalten Ausdruck findet - das der Umgebung auffällt - und zu konkreten Fragen nach unserer Hoffnung führt - Zeugnis von Jesus ist Antwort auf konkret gestellte Fragen …

Wie ist es, wenn wir heute kaum noch gefragt werden? Wie können wir uns zu einem Leben verhelfen, das die Menschen in unserer Umgebung nach dem Grund unserer Hoffnung fragen lässt?



Sonntag, 10. Januar 2021

DRITTE ZWISCHENÜBERLEGUNG (2): WIE DENKT MAN ALS CHRISTIN BZW. ALS CHRIST ÜBER STAATLICHE ORDNUNG?

Aus einigen Zuschriften von Euch kam uns die Meinung entgegen, Christen müssten erst recht und ernsthaft an der Kultur der Unterordnung mitwirken. Sie sei ja von Gott eingerichtet. An ihr liesse sich ablesen, mit welcher Ernsthaftigkeit sich die Christen in die gute Ordnung Gottes einfügen wollen. Wenn wir diesen Stimmen zuhören, dann bleibt die Weisung „seid untertan“ die wichtigste Stimme, die klarste Regelung.

Wir ermutigen keinesfalls dazu, diese Texte zu kritisieren oder gar abzuschaffen. Wir meinen, dass es notwendig ist, einige scheinbar selbstverständliche Voraussetzungen in Frage zu stellen bzw. uns in unserem Urteil zurück zu halten.

Wir wissen von der konkreten Situation der Gemeinden, an die Petrus schreibt nur sehr wenig. Darum lässt sich für diese Situation auch keine genaue Antwort geben. Hilfreich aber scheinen uns bis heute folgende Fragen zu sein: Was hat man damals unter „Obrigkeit“ verstanden? Wer war das? Wie hat man ihre Aufgabe verstanden? Und: Wie stellt sich das für uns heute dar? Auch dafür haben wir keine letzten Antworten. Aber es ist lohnend, diese Fragen heute nochmals zu stellen.


WER IST DIE OBRIGKEIT?

Für den antiken Menschen war das selbstverständlich: Das waren der König, eventuell der Fürst, der Bürgermeister … oder ganz oben der Kaiser. In der antiken Umwelt Israels, Ägyptens aber auch Mesopotamiens, bis zum späteren römischen Kaisertum gehörte der König nur bedingt zu den Menschen. Im Grunde gehörte er in die Welt der Götter. Israel war es vorbehalten, dieser Vergöttlichung des Königs erfolgreich und grundsätzlich entgegen zu treten. Auch wenn er von Gott berufen und eingesetzt wurde, war er ein Mensch. Entscheidend und unterscheidend war: In Israel stand der König wie alle anderen Menschen unter Gott und war damit auch in die Rechtsordnung eingebunden.


WENN REGIERUNGEN SICH ÜBER DAS RECHT STELLEN

Für die christliche Gemeinde ergibt sich daraus eine bleibende und unaufhebbare Spannung. Sobald sie in einem Staatswesen lebt, deren Obrigkeit sich religiös versteht und meint, oberhalb des Rechtes zu stehen, befindet sich die christliche Gemeinde - aus Glaubensgründen – politisch in der Opposition. Einer Obrigkeit, die nach dem Recht fragt und sich dadurch Gott unterordnet, wird auch die christliche Gemeinde folgen können. Stellt sich eine Obrigkeit aber über das Recht, dann hat sie aufgehört, eine letzte Instanz oberhalb von sich anzuerkennen. Sie urteilt und handelt dann im Bewusstsein, selbst oberste Autorität zu sein. Das aber kann eine christliche Gemeinde nicht anerkennen. Warum nicht? Sie ist und bleibt an das gebunden, was das erste Gebot unmissverständlich zum Ausdruck bringt. Sie anerkennt Gott allein als oberste Instanz und kann sich darum weder einem Staat noch einem Kaiser, sofern sie diesen letzten hoheitlichen Anspruch erheben, unterordnen. Man muss (!) Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Die politische Geschichte der letzten Jahrhunderte hat uns deutlich vor Augen geführt, dass es primär gar nicht um die konkrete Gestalt der Regierungsform geht. Massgebend ist, ob sie sich absolut setzt, also ob sie sich als oberste Autorität versteht. Es gab und gibt vorbildhafte Monarchen, die sich Gott unterordnen. Der preussische Soldatenkönig sagte von sich: „Ich bin mein erster Untertan.“ Dagegen gibt es Demokratien, deren oberste Vertreter gefährlich dazu neigen, sich als unhinterfragbare und damit einzige Autorität zu präsentieren. Hilfreich ist die Weise, wie Petrus die staatliche Autorität nennt. Einzelne Übersetzungen sprechen in 2,13 von „Obrigkeit“. Auf Griechisch finden wir eine Formulierung, die beinahe hilflos klingt. Bemerkenswert in einem Brief, der sonst mit glänzendem Griechisch brilliert. Petrus schreibt: „Ordnet euch jeder menschlichen Einrichtung unter.“ Noch genauer: Er spricht von “menschlicher Schöpfung“. Es ist, als wenn er bereits im Voraus das Missverständnis abwehren will, eine staatliche Ordnung habe göttlichen Rang. Nein. Die Art und Weise, wie die Fragen um Überordnung und Unterordnung in einer Gesellschaft geregelt werden, sind „menschliche Schöpfung“ (so also genau der griechische Text). Man soll ihr „um des Herrn willen“ folgen. Die Ordnung selbst aber bleibt menschlich, d.h. hinterfragbar und im Ernstfall auch zu ändern. Anders: DASS es eine Ordnung gibt, ist im Sinn Gottes. WIE diese Ordnung aussieht, das ist eine menschliche Einrichtung.


KLÄREN UND TUN, WAS RECHT IST

Auf die Frage, wozu es diese menschliche Ordnung braucht und auch gibt, erhalten wir bei Petrus wie auch bei Paulus eine deutliche Antwort: „… um die Übeltäter zu bestrafen und die zu beloben, die das Rechte tun“ (2,14; vgl. Röm 13,3-4). Man könnte fragen (und hat das durchaus auch getan): Weiss nicht jeder Mensch selbst, was richtig und was falsch, was das Gute und was das Böse ist? Man sollte es meinen. Es ist ja durchaus eine spannende Frage: Warum hat bisher jede Gesellschaft eine Rechtsinstanz, also eine Obrigkeit eingerichtet? Auf jeden Fall finden wir hier eine hilfreiche Definition: Obrigkeit hat die Aufgabe, das Recht zu klären und in der Gesellschaft auch durchzusetzen.

Offen ist die Frage: WER ist jetzt eigentlich die Obrigkeit? Früher, so scheint es, war das einfacher. Man wusste, wer der Graf, wer der Fürst oder wer der König war. Auch in der Schweiz war klar, wer zu den führenden Familien gehörte. Der normale Mensch wusste, dass er nicht zur Obrigkeit gehörte. Das waren „die da oben“. Manchmal scheint es, es habe sich gar nicht so viel geändert. „Die oben in Bern“ bzw. „die oben in Berlin“ oder in „Wien“ … Die machen die Gesetze, die kontrollieren uns auf den Strassen und schreiben uns vor …

Jetzt hätten wir, um unseren Abschnitt im 1. Petrusbrief zu verstehen, Lust auf Gespräche über Staatskunde. Und zwar ernsthaft, um unsere Aufgabe als Bürgerinnen und Bürger und damit unsere Aufgaben als Christinnen und Christen zu verstehen. Zur Verdeutlichung nehmen wir die Schweiz als Beispiel. „Die da oben in Bern“, das ist einmal der Bundesrat (in Berlin bzw. Wien entspricht das der Bundeskanzlerin bzw. dem Bundeskanzler und den Ministern). Die aber sind gerade nicht die Obrigkeit. Sie sind die „Exekutive“, also die Ausführenden. In Bern (wie auch in Berlin und Wien) sitzen auch noch die Vertreterinnen des Volkes und der Stände bzw. der Länder: Der Nationalrat und der Ständerat. Sie bilden die Legislative. Alles klar, werden die meisten sagen. So viel Staatskunde ist uns noch geläufig. Wirklich? Werden wir gefragt, wer denn wirklich die Obrigkeit sei, wer also beispielsweise in Fragen der Corona-Massnahmen über uns bestimmt, sind die Antworten merkwürdig unsicher. Dabei müssten und dürften -ja: dürften! - sie es nicht sein. In einer Demokratie ist die Obrigkeit „die Versammlung der Stimmberechtigten“. Was geschieht, wenn sich eben diese Obrigkeit als „eine Versammlung von Untertanen“ versteht?


ALS BÜRGERINNEN UND BÜRGER SIND WIR OBRIGKEIT

Wir meinen, dass wir Christinnen und Christen gerade um unseres Glaubens willen zu lernen haben, das Untertanenbewusstsein abzulegen und uns im Auftrag Gottes in das uns zustehende „Obrigkeitsbewusstsein“ einzuüben. Anders jedenfalls lässt sich 1. Petrus 2,13f gar nicht lesen: „Fügt euch um des Herrn willen in die menschliche Ordnung von Überordnung und Unterordnung ein und sorgt dafür, dass durch diejenigen, die ihr dafür beruft und anstellt, die Übeltäter bestraft und die, die das Rechte tun, belobt werden. Denn so ist es der Wille Gottes …“ Als Christinnen und Christen sind wir Bürgerinnen und Bürger des Staates. Und als Bürgerinnen und Bürger sind wir die Obrigkeit. Zu unserer Aufgabe gehört es, in dieses Bewusstsein hinein zu wachsen und die damit verbundenen Aufgaben ernsthaft zu übernehmen.

Beinahe wären wir jetzt am Ende. Aber so leicht entlässt uns dieser Text doch noch nicht. Die Aufgabe der „Obrigkeit“, so haben wir es bei Paulus und bei Petrus gelernt, besteht darin, in dem ihr zugewiesenen Beziehungsfeld das Unrecht abzuwehren und diejenigen, die das Rechte tun, zu loben. Hilfreich wäre es, wenn man diese Aufgabe noch differenzierter und ausführlicher formuliert. Was bedeutet es, dem Unrecht zu wehren? Was bedeutet es, diejenigen, die unter Unrecht leiden, in Schutz zu nehmen? Was könnte es bedeuten, diejenigen, die das Rechte tun, überhaupt zu bemerken, zu würdigen, ihnen öffentlich Anerkennung zu geben?


WIR MÜSSEN DAS RECHT SUCHEN UND WAHREN

Ein Weiterdenken würden wir uns noch im Blick auf die im Neuen Testament erwähnten Beziehungskreise wünschen. Es wäre schon viel, wenn wir an die Ehen und Partnerschaften, an die Beziehungen zwischen Arbeitern, Angestellten und Eigentümern denken, an das Verhältnis zwischen Kindern und ihren Erziehungsberechtigten usw. und sie deutlich beim Namen nennen. Darüber hinaus gibt es heute fassbare weitere Beziehungskreise, z.B. zwischen Frontex-Mitarbeitern und Seenotrettern bzw. Bootflüchtlingen, zwischen Endverbrauchern und den vielen involvierten Detailfirmen innerhalb der unüberschaubaren Lieferketten. Und dann … Gibt es doch auch die Beziehung zwischen uns als wohlhabenden Bewohnern der Erde und … Was Petrus und Paulus formulieren, das trifft auf alle Beziehungen zu: Wer sorgt für das Recht und bestraft diejenigen, die Unrecht tun? Wer bemerkt diejenigen, die das Rechte tun und würdigt sie mit ‚Lob‘? Und eben: Was im grossen Feld von Politik und Wirtschaft zu tun ist, das gilt auch in den überschaubaren Beziehungen unserer Partnerschaften, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Chef und Angestellten … Entscheidend, so scheint uns, sind drei Dinge: dass nach dem Recht gefragt, das Recht verantwortlich umgesetzt und alles in Liebe eingehalten wird. Wo das geschieht, wird einem die Einordnung in diese Ordnung auch nicht schwer.


NUR, WO RECHT GESCHIEHT, DARF AUCH UNTERORDNUNG GELEBT WERDEN

Anders ausgedrückt: Die grundlegende und alles entscheidende Anweisung in der Gestaltung unserer Beziehungen ist die Wahrung des Rechts: die Bestrafung jedes Unrechts und die Würdigung des Guten. Dafür haben alle zu sorgen, die die „Obrigkeit“ bilden: also wir alle, ohne Ausnahme. Und danach, ob das wirklich geschieht und verantwortlich umgesetzt wird, haben alle zu fragen. Wie sieht eine Ordnung von Recht, von Verantwortung und von Liebe in allen unseren Beziehungskreisen aus? Wird davon nicht nur geredet, sondern wird das auch gelebt? Wo das gilt, da kann nun auch danach gefragt werden, was „Unterordnung“ im Sinn des Evangeliums heisst. Umgekehrt: Wo Recht, Verantwortung und Liebe nicht gelebt werden, ist „Unterordnung“ weder zu erwarten noch zu verlangen.



Donnerstag, 7. Januar 2021

DRITTE ZWISCHENÜBERLEGUNG (1) - DER GLAUBE IN SEINEM GESELLSCHAFTLICHEN UMFELD

Die christlichen Gemeinden haben ihren Glauben in einem Umfeld zu bewähren, das dem Glauben distanziert, skeptisch, ja zunehmend feindlich gegenübersteht. Auffallend ist, dass Petrus nicht auf die Möglichkeit hinweist, Vorwürfe mit Worten richtig zu stellen. Dafür spricht er ausführlich, ja beinahe einseitig vom Verhalten der Gemeinden. Wir werden in 3,15 sehen, dass es eine Klärung durch Worte durchaus gibt. Aber, so meint Petrus, eine ‚Verteidigung‘ mit Worten kann nur unter bestimmten Voraussetzungen hilfreich bzw. zielführend sein. Dazu also später. Zunächst, so haben wir gesehen, verweist Petrus auf das Verhalten der einzelnen Christen bzw. auf das Verhalten der einzelnen Gemeinden. Es ist ja durchaus sinnvoll zu fragen: Wie wirkt mein bzw. wie wirkt unser Verhalten auf die Menschen, die dem Glauben skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen? Was sehen diese Menschen an uns? Das ist eine Frage, die wir uns auch heute stellen müssen.


EIN KLAR GEREGELTES ORDNUNGSGEFÜGE

Petrus hat seinen Zuspruch sorgfältig gegliedert und dabei im Auge, dass man verschiedene Beziehungen unterscheiden kann bzw. sollte: die Beziehung des Mitglieds der politischen Gesellschaft zur Obrigkeit (Statthalter und Kaiser), die Beziehung des Sklaven zu seinem Herrn, die Beziehung der Frau zu ihrem Mann sowie die Beziehung der Ältesten zu den Jüngeren (5,1-5a). Solche Differenzierungen waren in der damaligen Zeit bekannt. Man nannte sie „Haustafeln“. Ähnliche Einteilungen finden wir in Eph 5,22-6,9 und in Kol 3,18-4,1 (vgl. auch 1. Tim 2,1-2; 2,8-15; 5,1-2; 6,1-2; Titus 2,1-10). Auch in unserem Brief geht es damit weiter (5,1-5a).

Kennzeichnend ist, dass es bei allen vier Beziehungen um ein deutlich geregeltes Ordnungsgefüge geht, um ein deutlich unterschiedenes ‚Oben‘ bzw. ‚Unten‘. Es scheint also klar zu sein, wohin jede und jeder gehört. Darum scheint auch die Weisung klar zu sein. Sich in dem Beziehungsgefüge einzufinden bedeutet, dass man seinen Platz einnimmt. „Seid untertan!“, so heisst es viermal (2,13.18; 3,1 und 5,5), je einmal für jeden der vier Beziehungskreise. Es scheint also alles klar zu sein.

Petrus scheint in allen Beziehungen Menschen vor Augen zu haben, die an eine Kultur der Ordnung gewöhnt sind. Man fragt danach, wer das Recht zur Anordnung hat. Und demjenigen gilt es zu folgen. Ein Kultur des Gesprächs - wie sie heute selbstverständlich ist - scheint es dagegen kaum zu geben. Jedenfalls wird nichts in dieser Richtung vorgeschlagen. Ein guter Dialog müsste bzw. könnte doch möglich sein. Es taucht jedoch kein Vorschlag in dieser Richtung auf.

Hinzu scheint zu kommen, dass die Gemeindemitglieder in allen Beziehungskreisen in ihrem Glauben isoliert waren. Als Mitglieder der Gesellschaft haben sie es mit nichtchristlichen Beamten, Statthaltern und natürlich einem nichtchristlichen Kaiser zu tun. Als Sklaven, die in der Nachfolge Jesu stehen, haben sie Herren, die ihnen zwar die Teilnahme am Gemeindeleben zugestehen. Das war da und dort schon sehr viel. Aber ihre Herren waren nicht Christen und darum auf christliche Massstäbe hin nicht ansprechbar. Ebenso scheint Petrus Eheverhältnisse vor Augen zu haben, in denen Frauen Christinnen geworden waren und nun ihren Weg suchen mussten, wie sie ihren Glauben in ihrer Ehe leben konnten. Rechtlich gesehen war ihr Mann wirklich und auch juristisch gesehen ihr ‚Herr‘.

Es war also tatsächlich so: Das gemeinschaftliche Leben war ein Rechtsgefüge. Wer darin zu leben hatte, stand unmissverständlich vor der Weisung: „Ordne dich unter.“ Anderes war von der gesellschaftlichen Struktur her nicht vorgesehen. [Man beachte: Paulus weiss, dass es in seinen Gemeinden christliche Herren von Sklaven gab: Eph 6,9; vgl. Kol 4,1. Aber auch für sie war nach einer guten Ordnung zu fragen. [Vgl. faszinierend dazu den Philemonbrief, mit dem Paulus einen geflohenen und nun zum Glauben gekommenen Sklaven zurück an seinen Herrn sendet.] Es gab auch Ehen, in denen z.B. der Mann gläubig war oder gar beide Partner. Paulus hat da sorgfältig und sehr differenziert reagiert: Kol 3,18f; Eph 5,22-33; vgl. spannend und ausführlich 1. Korinther 7,1-40 zu einigen verschiedenen Beziehungsmodellen.


IN CHRISTUS WIRD DIESE ORDNUNG DURCHBROCHEN

Wie radikal die frühe Kirche in diesen Fragen der Ordnung gedacht hat, wird unübertroffen deutlich bei Paulus: In Christus sind alle bisherigen kulturellen Wertigkeiten und Unterschiede grundsätzlich aufgehoben (Gal 3,26-29).

„Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. 28 Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“ (Gal 3,27f).
Von dieser Grundeinsicht, die sich durch Jesu Tod und Auferstehung ergeben hat, rückt die christliche Gemeinde in ihrem Urteilen und in ihrem Verhalten nicht mehr ab. Sie kann gar nicht mehr anders, als so zu glauben, so zu urteilen, so zu handeln und also so zu leben.

Klingt das bis jetzt vernünftig? Na ja. Zumindest ist es da, wo beide Partner Christen sind, vielleicht praktikabel. Vielleicht! Man war in diesen Beziehungen nicht allein. Ging es ans Heiraten, dann heiratete man in gewisser Weise die gesamte Familie mit. Komplizierter war es, wenn man bereits verheiratet war und erst später Christ bzw. Christin wurde. Und wie stellten sich die Fragen für einen Sklaven, der zum Glauben gekommen war?


DIE GLAUBENSUMKEHR EINES MENSCHEN BETRIFFT ALLE

Wir überlassen es Euch, in die Rollen der Beteiligten zu schlüpfen. Auch da, wo man weiterhin an einem guten Miteinander interessiert ist, war und ist die Glaubensumkehr eines einzigen Menschen ein Umbruch für alle in der bisherigen Gemeinschaft. Unweigerlich sind alle davon betroffen. Das ganze Gefüge - die Gesellschaft, die Grossfamilie, die Ehebeziehung usw. wird durchgeschüttelt und muss sich neu finden. Wer sich an die Arbeit machen möchte - und wir meinen, dass das äusserst lohnend ist - der betrachtet wenn möglich alle oben angegebenen Texte und dazu noch Römer 13,1-7.

Eine Fortsetzung dieser Zwischenüberlegung erwartet euch hier am Sonntag, dem 10. Januar.



Dienstag, 4.Januar 2021

1. Petrus 3,1-7 – GEWINNEN UND ENTFALTEN

«Gleicherweise auch die Frauen, als die, die sich unterordnen ihren eigenen Männern.» «Gleicherweise» …, so beginnt der Abschnitt 1. Petrus 3,1-7. Hat Petrus eben noch die Sklaven angesprochen, spricht er nun in der gleichen Weise die verheirateten Frauen an. Es ist der dritte Abschnitt, in dem Petrus den Gemeindemitgliedern schreibt, dass sie sich unterordnen sollen.

Wir erinnern uns. Zuerst spricht Petrus allen Gemeindegliedern zu, dass sie sich dem König und den Statthaltern unterordnen sollen (2,13-17). Dann sagt er, dass die Sklaven sich den Herren unterordnen sollen (2,18-20). Jetzt sagt er das den Frauen im Blick auf ihre Männer (3,1-7)

Vielleicht stossen wir uns am Wort «unterordnen». Es steht hier tatsächlich. Wir verstehen «Unterordnen» oft als ein Aufgeben unserer persönlichen Freiheit. Aber erinnern wir uns: Petrus hat die Gemeindemitglieder gerade eben noch als «Freie» bezeichnet.


DAS UNTERORDNEN ALS AUSDRUCK DER FREIHEIT

Wie nebenbei hat Petrus das geschrieben. Es scheint ihm selbstverständlich zu sein, dass sich die Gemeindeglieder als «Freie» unterordnen (2,16). Es ist ein Akt der Freiheit, dass sie sich unterordnen. Denn sie sind nur einem verpflichtet. Es gibt nur einen, auf den sie unbedingt hören und das ist Gott. Wenn es darum geht, dass sie auf Gott hören, dass sie ihm also gehorsam zu sein haben, sind sie «Knechte» (2,16). Als Knechte Gottes sind sie Freie in der Beziehung zu anderen Menschen. Und als solche können sie sich anderen unterordnen. Und das auch nicht unbedacht und wahllos. Die Unterordnung unter König und Statthalter hat Petrus damit begründet, dass deren Autorität von Gott entlehnt ist.


DAS LEIDEN ALS AUSDRUCK DER FREIHEIT

Wir haben gelesen, dass die Sklaven ihr Verhalten nicht vom vernünftigen oder willkürlichen Verhalten der Herren abhängig machen sollen (2,18-20). Darin kommt ihre Freiheit zum Ausdruck. Petrus ermutigt diese Christen, um ihrer guten Taten willen Missverständnis und Leiden entgegenzunehmen. Die Begründung, die Petrus anführt, ist stark. Er sagt, dass die, die so handeln, ihr Vorbild in Jesus Christus haben. Auch Jesus hat gelitten und er hat daraufhin nicht selbst geschmäht oder gedroht. Jesus hat es Gottes Sache sein lassen.

Nun redet Petrus also die verheirateten Frauen in der Gemeinde an. Er spricht sie auf ihr Verhalten in der Beziehung zu ihren Männern an. Sie sollen sich «ihren» Männern unterordnen. Hier steht nicht «den» Männern. Es ist nur der jeweilige Ehepartner gemeint. Noch im selben Atemzug begründet Petrus das. Er legt den Frauen «ihren eigenen Mann» ans Herz.


DER PARTNER SOLL GEWONNEN WERDEN

«Gleicherweise sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch die, die nicht an das Wort glauben, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie ansehen, wie ehrfürchtig und rein ihr lebt» (3,1-2). Das kommt uns mittlerweile bekannt vor. Es braucht die sichtbare Lebensführung, die ihre Kraft entfaltet. Es soll nicht ein Partner den anderen bereden und ihn mit Worten zu überzeugen suchen. Sondern der Mann soll an seiner Frau etwas «sehen» können. Das «Sehen» wirkt den Glauben.

Warum aber gerade die Aufforderung, sich unterzuordnen? Es ist ja auch sonst so: Menschen gewinnen einander, indem sie den anderen und seine Anliegen suchen. Paulus schreibt das pointiert in Philipper 2,2-5: «Macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst. … So entspricht es der Gemeinschaft in Jesus Christus.» Paulus macht es zum Kennzeichen der Gemeinde, dass ihre Glieder darauf achthaben, was den Glaubensgeschwistern zugutekommt und was sie fördert.


WARUM KEIN ÄUSSERLICHER SCHMUCK?

Eigentlich müsste es herzlich egal sein, wie sich die Frauen kleiden und welchen Schmuck sie tragen. Das Leben in der von Christus geschenkten Freiheit macht vieles möglich. Als Christin kann ich mich schlicht oder teuer kleiden – es darf nur nicht die Nachfolge hindern. Es darf nicht meinen Gehorsam – heisst: mein Einstimmen in das, was ich von Gott höre – hindern. Die Frage ist also, wann meine Weise, mich zu kleiden, mich zu schmücken, beginnt, die Nachfolge zu hindern? Das geschieht dann, wenn sie eine eigene Dynamik entwickelt, wenn sie als «Begierde» (2,11) dem Leben seine eigene Ausrichtung geben will. Man kann davon ausgehen, dass Kleidung und Schönheit im römischen Reich eine grosse Rolle spielten. Das Wissen um die aktuelle Frisur der jeweiligen Kaisergattin in Rom war zwei-drei Tage später in den Provinzen angekommen. Dass Frisuren („Haarflechten“) Aufwand waren, sieht man an den Frisuren, die durch Terrakottafiguren überliefert sind:


IN DIE EIGENE SCHÖNHEIT INVESTIEREN

Es ist nun gerade nicht so, dass es in den Augen des Petrus egal ist, wie verheiratete Frauen, die Christinnen sind, mit sich selbst umgehen. Bzw. wie Menschen überhaupt mit sich selbst umgehen. Die Frauen sollen in ihre Schönheit investieren, nur eben anders, als man es zu hören erwartet:

«Euer Schmuck soll nicht äusserlich sein – mit Haarflechten, goldenen Ketten oder prächtigen Kleidern –, 4 sondern der verborgene Mensch des Herzens, unvergänglich, mit sanftem und stillem Geist: Das ist köstlich vor Gott. 5 Denn so haben sich vorzeiten auch die heiligen Frauen geschmückt, die ihre Hoffnung auf Gott setzten und sich ihren Männern unterordneten, 6 wie Sara Abraham gehorsam war und ihn Herr nannte; deren Töchter seid ihr geworden, wenn ihr das Gute tut und keinen Schrecken fürchtet» (3,3-6).

Das Investieren in die Schönheit besteht darin, dass der «verborgene Mensch des Herzens» den «unvergänglichen Schmuck des freundlichen und stillen Geistes» anzieht. Hier stellt sich die Frage nach dem, was wir unter innerer Schönheit verstehen. Und es stellt sich die Frage, ob nicht innere und äussere Schönheit aufeinander bezogen sind, egal, ob es sich um Frauen oder Männer handelt. Auf keinen Fall kann es darum gehen, dass man das Äussere vernachlässigt und sich dabei auf die «innere Schönheit» bzw. auf Petrus beruft.


ENTFALTEN, WAS GOTT UNS ZUGEDACHT HAT

Schliesslich redet Petrus die Männer an, wie sie sich gegenüber ihren Frauen zu verhalten haben (3,7-9). Diese empfangen von Gott dasselbe wie «ihr Männer», sie sind «Miterben der Gnade des Lebens». Das dürft ihr nicht aneinander übersehen oder verhindern. Es geht nicht darum, dass sich Gottes Gnade im eigenen Leben entfaltet und dass darüber der Partner zu kurz kommt. Auch im Leben der Partnerin soll sich entfalten, was Gott ihr zugedacht hat. Das gilt unabhängig vom Geschlecht. Die Frau soll ihren Mann im Blick haben – interessanterweise unter dem Aspekt, dass er erst einmal zum Glauben kommt (3,1). Der Mann soll seine Frau im Blick haben unter dem Aspekt, dass sich Gottes Gabe in ihr entfalten kann. Dass beide miteinander beten können, ist Ausdruck dafür, dass sie einen Blick füreinander haben.

Beachtenswert ist, dass Petrus vor allem an Ehepaare denkt, bei denen ein Partner den christlichen Glauben nicht teilt. Er hat keine Bedenken, dass eine solche Ehe vor Gott nicht gültig sein könnte. Bei Paulus finden wir dieselbe Überzeugung (vgl. 1. Kor 7,14). Etwas Besonderes aber ist die Wichtigkeit, die Petrus dem gemeinsamen Gebet der Ehepartner zumisst. Ja, daraus leitet er sogar eine Regel ab, nach der man das Verhalten in einer Beziehung gestalten soll: «Lebt so miteinander, dass eure (wohl: eure gemeinsamen) Gebete nicht gehindert werden» (3,7). Was genau ist damit gemeint? Und: Wie steht es eigentlich heute mit dem gemeinsamen Gebet in christlichen Ehen?


Donnerstag, 31. Dezember 2020

(12) 1. Petrus 2,18-25 - LEBEN WIE JESUS


In 1,2-2,10, besonders in den abschliessenden Versen (2,4-10) hat Petrus geklärt, wie die christliche Gemeinde sich selbst zu verstehen hat. Sie ist eine königliche Priesterschaft, ein heiliges Volk. Dabei geht es also um ihr Selbstverständnis, um ihre IDENTITÄT.

Mit 2,11 wechselt der Blickwinkel. Jetzt geht es um das VERHALTEN. Die christliche Gemeinde wird für die sie umgebende Gesellschaft hörbar durch das, was sie verkündet. Wahrnehmbar wird sie durch die Weise, wie sie sich verhält. Im letzten Impuls haben wir gehört, dass die Gemeinde „gute Taten“ tun soll (2,11-17).


WIR HABEN VERANTWORTUNG

Wir haben uns daran gewöhnt, solche Texte individualistisch zu lesen: Dann geht es um mein Selbstverständnis, also auch um mein Verhalten. Das ist gewiss nicht falsch. Es ist gut, wenn man auch an sich selbst denkt und die Aussagen des Textes auf sich bezieht. Aber der individuelle Blickwinkel allein greift zu kurz. Petrus meint mit seinem kräftigen Zuspruch, mit seinem Ruf zum Gehorsam, die Gemeinde als ganze. Denn die Menschen, die uns umgeben und beobachten, schliessen von dem, was sie an uns wahrnehmen, auf die Christenheit als ganze. Wird einer oder werden einige schuldig, wird allen nachgesagt: „So also geht es bei euch Christen zu.“

Mit der Weise, wie wir als Christinnen und Christen leben, sind wir verantwortlich für den Ruf, in dem die Kirche steht. Nun gibt es tatsächlich Unrecht, das von Christen und durch die Kirche getan wurde. Wir kennen das aus vielen Gesprächen – angefangen von den Kreuzzügen bis zur Verfehlung kirchlicher Amtsträger im Missbrauch von Kindern. Solche Vorhaltungen machen sprachlos, weil sie oft genug zu Recht erhoben werden. Es gibt dafür keine Entschuldigung. Wir gehören zu einer Kirche, die Schuld auf sich geladen hat und lädt.


SICH DER GESELLSCHAFT GEGENÜBER BEWÄHREN

Solche schweren und berechtigten Vorbehalte gegen die Christenheit gab es zur Zeit des Petrusbriefes noch nicht. Wohl aber sehen sich die Empfänger des Briefes bereits in dieser ersten Zeit der Kirche einem tiefen Misstrauen gegenüber. Vorwürfe werden gegen sie erhoben. Daraus entstehen Nachteile, Schikanen, Beschuldigungen und erste Formen von Unterdrückung, die sich später einmal zu Verfolgungen steigern werden. Es gibt keine Möglichkeit, diese Situation grundsätzlich zu ändern. Es gibt nur die Aufgabe, sich in dieser Situation als Christin und als Christ (individueller Aspekt) und damit als christliche Gemeinde (gemeinschaftlicher Aspekt) zu bewähren.

Für unser Verhalten als Christinnen und als Christen haben wir bisher gehört:
1) SCHAUE AUF DIE EINZELNE TAT: Halte dich an die einzelnen guten Verhaltensregeln.
2) VERLIERE DAS ZIEL NICHT AUS DEN AUGEN: Lebe so, dass sich jeder Vorwurf, der gegen dich und dein Verhalten erhoben wird, als unberechtigt erweisen muss.
3) STÄRKE DEINEN CHARAKTER: Ungerecht beschuldigt zu werden, das tut weh, ja es kann zur Verzweiflung führen. Halte dich an das Vorbild, das Jesus dir gegeben hat. Er hat die falsche Beschuldigung ertragen.


MACHT EUER VERHALTEN VON KEINER VORAUSSETZUNG ABHÄNGIG

Damit setzt unser heutiger Text ein. Was Christen allgemein gilt, wird einer spezifischen Gruppe von Christen zugesprochen: den Sklaven. Petrus spricht dabei Sklaven an, die die Stellung von „Haushalts-Leitern“ innehaben. Es sind Sklaven, die in gehobener Stellung arbeiten und gleichzeitig Glieder der christlichen Gemeinde sind. Wie das Verhalten jedes einzelnen Christen aussehen soll, das wird nun (2,18-20) speziell für sie entfaltet. Gottes voraussetzungslose Gnade soll sich in ihrem Verhalten widerspiegeln. Macht euer Verhalten nie von einer Voraussetzung abhängig: „Wenn mein Herr gut ist, dann bin auch ich …“ Gnade heisst Voraussetzungslosigkeit. Als Verhaltensregel bedeutet es: Dein Verhalten darf, weder auf die eine noch auf die andere Weise, davon abhängen, wie man dir begegnet.


JESUS ALS VORBILD

Sich so zu verhalten, bedarf einer inneren Grösse und Unabhängigkeit. Unabhängigkeit meint, dass wir uns nicht abhängig machen von der Art, wie man uns begegnet. Nur das gibt Freiheit und Leichtigkeit. Allerdings: Wie kommt man zu dieser inneren Haltung? Die Antwort des Petrus ist deutlich: Halte dir Christus auf seinem Weg durch Leben, Leiden und Sterben vor Augen! Halte dich an das, was bereits David sagt: „Ich stelle mir den Herrn ständig als Gegenüber vor mich hin. Er ist zu meiner Rechten. Ich wanke nicht“ (Ps 16,8). Dasselbe formuliert der Hebräerbrief in Hinblick auf Mose. Der stand in der schier unauflöslichen Spannung zwischen Verlockung (die Schätze Ägyptens) und Bedrohung (der Zorn des Pharao). Wie hielt er stand? Die Antwort lautet: „durch den Glauben“. Allerdings fügt er hinzu: Der Glaube des Mose war eine Persönlichkeits- bzw. Charakterschulung: „Er hatte im Glauben gelernt, mit dem lebendigen Gott so umzugehen, dass er ihn ständig vor sich sehen konnte“ (Hebr 11,24-27). Zu dieser Glaubens- und Lebenshaltung ermuntert Petrus. An keiner anderen Stelle des Neuen Testaments wird das Lied des leidenden Gerechten in Jesaja 53 so ausführlich und detailliert zitiert wie hier: 1. Petr 2,22-25; vgl. Jes 53,5-9. Das, so nennt es Petrus, sind „Fussstapfen“. Christus hat sie auf dem Weg unseres Lebens bereits gesetzt und uns hinterlassen. Uns scheint hilfreich, Jesaja 53 als Bild von Fusstapfen zu sehen. Sie liegen bereits vor uns und warten darauf, dass wir unsere Füsse in sie setzen.

Damit kein Missverständnis entsteht: Schon die frühe Kirche und wohl auch Jesus selbst haben anhand von Jesaja 53 die Bedeutung von Jesu Leiden und Tod verstehen gelernt. Anders: Was Jesaja 53 schildert, ist ein Geschehen FÜR UNS. Das aber hebt die andere Dimension nicht auf, auf die Paulus (Phil 2,6ff) wie auch Petrus (unser Text 1. Petr 2,22-25) verweisen. Der Weg Christi FÜR UNS ist gleichzeitig ein Vorbild, von dem wir für unser Leben lernen. Wir sollen in der Praxis leben WIE ER.


LEBT SO, DASS JEDER VORWURF ENTKRÄFTET WIRD

Zu Anfang unseres Impulses haben wir bemerkt, dass die Gemeinde in ihrer Umgebung hörbar bzw. bemerkbar wird durch ihr Wort wie durch ihr Verhalten, ihr Tun. Die Auseinandersetzung, in die die Gemeinde gedrängt wird, setzt bei ihrem Verhalten an. Ihr Ruf ist schlecht, weil man ihr, berechtigt oder unberechtigt, ungerechtes Verhalten vorwirft. Uns scheint bemerkenswert, wie Petrus die Gemeinden zu dieser Auseinandersetzung anleitet. Er verweist nach unserem Lesen geradezu einseitig nur auf das Verhalten der Gemeindeglieder: Lebt so, dass jeder Vorwurf durch euer Verhalten entkräftet wird.

Man mag fragen, ob in solchen Auseinandersetzungen nicht auch ein klares und klärendes Wort hilfreich wäre. Die Gemeinde könnte doch sicherlich manches mit Worten richtigstellen, manche Vorwürfe entkräften, auf manche Umstände hinweisen, ja vielleicht sogar durch Worte Ungerechtigkeiten aufdecken usw. Uns scheint das nicht falsch zu sein. Man darf sicherlich mit Worten für die Wahrheit eintreten. Es fällt aber auf, dass bei Petrus genau davon nicht die Rede ist. Er verweist nach unserem Lesen die Gemeinde nur auf den Weg des Verhaltens, nicht auf den Weg des Wortes, also nicht auf den Weg der mündlichen Richtigstellung, Entgegnung und Verteidigung. Warum ist das so?

Es gibt jedoch eine interessante Ausnahme: „Seid bereit zur Rechenschaft …“ (3,15). Beim Ablegen von Rechenschaft geht es durchaus um Worte, mit denen man einen Sachverhalt darstellt, begründet und erklärt. Wir werden sehen, wann das klärende Wort tatsächlich gebraucht wird.



Dienstag, 29. Dezember 2020

1. Petrus 2,11-17 - WEM SIND CHRISTEN VERPFLICHTET?

Petrus redet die Christinnen und Christen (wie in 1,1) als Menschen an, die «als Fremdlinge» bei und unter anderen Menschen leben. Zuhause sind sie in der unsichtbaren Liebe Gottes. Jetzt geht es darum, wie sie – und damit auch: wie wir – in der Gesellschaft leben sollen. Wem sind wir in welcher Weise verpflichtet?

Der Abschnitt beginnt in Vers 11 mit einer Ermahnung. Wir haben im letzten Impuls gehört, dass unter einer Ermahnung ein «kräftiger Zuspruch» zu verstehen ist: Ihr gehört zu Gott und darum hört ihr auf ihn und fügt euch ein in das, was ihr von ihm zu hören bekommt.


DAS TUN DES GUTEN

Petrus spricht den Christinnen und Christen kräftig zu. Ihre und unsere Lebensführung soll vom Tun des Guten geprägt sein.

- Wir sollen sorgsam mit uns umgehen im Blick auf unsere Begierden (Vers 11). Die Fähigkeit, etwas zu begehren, ist Teil unseres guten Menschseins. Heute würden wir wohl eher von Trieben als von Begierden sprechen: Sie meinen die Fähigkeit, etwas zu sehen, es zu wollen und eine Strategie zu entwickeln, es auch zu erreichen. Triebe richten sich auf den Gewinn von Anerkennung, Geld bzw. Macht, Sexualität usw. Petrus spricht uns zu, dass wir uns im Umgang mit unseren Trieben dem zu- und unterordnen, was wir von Gott gehört haben.

- «Eure Lebensführung unter den Völkern soll gut sein» (Vers 12). Luther hatte «euer Wandel» übersetzt, wir würden heute sagen, der ganze «Way of Life». Warum soll unsere Lebensführung gut sein? Diejenigen, die nicht von Jesus wissen, sollen unsere «guten Werke» sehen (Vers 12) und aufgrund dessen, was sie sehen, Gott als Urheber unserer guten Werke erkennen und loben.

Wir sind zum Tun des Guten verpflichtet. Das ist durchaus interessant. Man denkt als Christin, als Christ oft, dass das Weitersagen des Evangeliums unser erster Auftrag ist. Der andere soll HÖREN, was Gott für die Welt getan hat. Petrus schreibt: Die anderen sollen SEHEN, was Gott für die Welt getan hat. Ihr seid diejenigen, an denen sie es sehen.


SEHEN, WAS GOTT GETAN HAT

Als Gemeinde schulden wir es den Menschen um uns herum, dass wir Gutes tun. Wir schulden es ihnen, dass sie an uns – heisst: an der Gemeinde – etwas sehen können. Die Menschen sollen sehen können, was Jesus tut und ins Leben ruft.

Ich vermute, dass viele von uns Sätze im Ohr haben, mit denen Gemeindemitglieder das «Reden von Gott» und das «Tun des Guten» gegeneinander abwägen – meist zugunsten des Tuns. Das klingt dann so: «Man muss ja nicht immer von Gott reden. Es kommt darauf an, dass man ein anständiges Leben führt. Das geht auch ohne viele Worte. Das ist viel wichtiger.» Petrus wägt beides nicht gegeneinander ab. Das Evangelium muss man «hören» können. Menschen müssen an der Gemeinde aber auch «sehen» können, wer Gott ist.


WAS SIEHT MAN AN UNS?

Vielleicht könnt ihr euer Leben, bzw. eure Gemeinde daraufhin ansehen, an welchen Stellen das Evangelium «zu Gehör» kommt und an welchen Orten es für aussenstehende Menschen «sichtbar» wird. Wohin ladet ihr Menschen ein mit der Zuversicht, dass sie an eurem Umgang miteinander, an eurer Art, Dinge anzupacken und Prioritäten zu setzen, an der Weise, wie ihr euch einsetzt, etwas sehen? Kommen sie ins Staunen über Gott, um dessentwillen, was sie sehen? Der Neutestamentler Adolf Schlatter gewichtet das «Gesehene» höher als das «Gehörte», bzw. höher als das «Gesagte»:

«In dieser Hinsicht ist die Kraft des Werks grösser als die des Worts und das Auge stärker als das Ohr. Die Christenheit tut also ihre Pflicht noch nicht, wenn die anderen bloss von ihr hören, was gut ist und was Gott uns gibt. Das sollen sie sehen, und erst dann, wenn sie das auch sehen können, hat ihnen die Gemeinde gegeben, was sie ihnen schuldig ist.» [Schlatter, Die Briefe des Petrus, Judas, Jakobus …, Stuttgart 1928, 5. Aufl., 36]

Man könnte nun einwenden: «Wir wollen das aber nicht. Das ist ein viel zu hoher Anspruch an unser Zusammenleben.» Petrus diskutiert an dieser Stelle nicht. Er sagt: «Ihr seid ein Vorbild, ob ihr das wollt oder nicht. Ihr seid der Ort, an dem Gottes Werke sichtbar werden. Wo sollen die Leute sie denn sonst sehen?» Schlatter spricht sogar von einer «Schuld», die die Gemeinde gegenüber ihren Mitbürgern hat. Für uns stellt sich die Frage, ob wir uns von Petrus gemeint fühlen. Haben wir ein «Ja» dazu, dass Gott an unserem Miteinander sein rettendes Handeln sichtbar machen will?


WORIN BESTEHEN DIE GUTEN WERKE?

Christinnen und Christen sollen gute Werke tun. Worin bestehen diese guten Werke? Im Abschnitt 2,11-17 nennt Petrus es ein «Tun des Guten», dass sich Christinnen und Christen den gesellschaftlichen Autoritäten unterordnen. Wörtlich heisst es, die Gemeinde soll sich «aller menschlichen Schöpfung unterordnen um des Herrn ( = Jesus) willen» (Vers 13). Petrus nennt den König und die Statthalter als Garanten einer guten gesellschaftlichen Ordnung. Sich diesen unterzuordnen, ist ein «Tun des Guten» (Vers 14). Wir erinnern uns, dass wir solche Worte auch von Paulus kennen. Auch er ruft zur Unterordnung auf. Historische Voraussetzung dafür ist, dass der römische Staat sich noch nicht an die Stelle Gottes gesetzt hat, also keinen Absolutheitsanspruch vertritt. Der Staat wird im ersten Petrusbrief noch als Vollzugsorgan einer guten geschöpflichen Ordnung verstanden. Im Interesse seiner Bürgerinnen und Bürger unterscheidet er Recht und Unrecht. Später, gegen Ende des ersten Jahrhunderts, wird sich das ändern. Johannes wird an sieben Gemeinden in Kleinasien schreiben und es wird deutlich, dass Zeiten anbrechen, in denen Christen sich nicht mehr unterordnen dürfen. Diese Situation haben wir im ersten Petrusbrief noch nicht.


DIE FREIHEIT, MICH UNTERZUORDNEN

Dass sich Christen staatlicher Autorität unterordnen, geschieht aus einer inneren Freiheit heraus (2,16). Von «Freiheit» schreibt Petrus darum, weil Christen nur einen Herrn haben, dem sie sich unterordnen müssen. Es gibt nur einen, dem sie unbedingten Gehorsam schulden. Jede andere Unterordnung geschieht in Freiheit, nämlich weil Christinnen und Christen sich am «Tun des Guten» beteiligen wollen.


DIE BEVÖLKERUNG IST MISSTRAUISCH – UND IRRT SICH

Nun klingt es so, als könnten die Menschen unglaublich froh sein über das Verhalten der christlichen Gemeinden. Es ist genau anders herum. In der Bevölkerung hält man Christinnen und Christen für gottlos, denn sie opfern nicht den Göttern der Stadt und der jeweiligen Familie. In der Bevölkerung hält man Christen für illoyal gegenüber dem Staat, weil sie sich nicht am Kaiseropfer beteiligen. Man hält Menschen, die sich an den Sonntagen zu nicht-öffentlichen Feiern treffen, für potenzielle Verbrecher.

Die Gemeinde muss damit rechnen, dass sie mit Vorbehalten und Misstrauen wahrgenommen wird. Es bringt ihr nichts, sich darüber zu ärgern. Es gilt, Fakten zu schaffen, und mit dem eigenen Leben wiederzugeben, was sie von Gott empfangen hat:
«Denn das ist Gottes Wille, dass ihr durch eure guten Taten die Unvernunft der unverständigen Menschen zum Schweigen bringt» (Vers 15).


EHREN, LIEBEN UND FÜRCHTEN

Nun kommen wir zu einem wunderbar prägnanten Satz. Wem sind Christinnen und Christen in welcher Weise verpflichtet? «Ehrt alle Menschen, die Bruderschaft liebt, fürchtet Gott und ehrt den Kaiser» (2,17). Petrus unterscheidet das Lieben, das Ehren und das Fürchten.

Unsere Liebe gilt den Schwestern und Brüdern (= Bruderschaft). Das ist wichtig, damit die von Gott geschenkte Liebe keine leere Behauptung bleibt. Man kann sehr leicht behaupten, dass man andere Menschen liebt. Je weiter weg diese Menschen sind, umso weniger nachprüfbar ist die Behauptung. Die Gemeinde ist der Ort der Verifizierung. Hier zeigt sich -vor Ort – ob es Liebe gibt und wie sie praktisch wird.

«Ehren» kann man mit «respektvoll behandeln» übersetzen. Christen schulden es allen Menschen, ihnen Respekt zu zeigen. Das ist völlig unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Status, von ihrem Geschlecht, von ihrem Glauben. Unser Respekt gilt jedem Menschen in gleicher Weise. Petrus führt den «Kaiser» besonders an, auch ihm ist Respekt zu erweisen. Wahrscheinlich ist die Pointe dieses Satzes, dass der Kaiser zu «ehren», aber nicht zu «fürchten» ist. Denn die «Furcht» der Christinnen und Christen richtet sich allein auf Gott. Furcht meint doch: Ich richte mein Denken, meine Gesinnung, mein Handeln an dem aus, der für mich der alles Entscheidende ist. Wenn es einen Konflikt gibt, ob dem Kaiser oder Gott zu folgen ist, soll ohne Zögern klar sein, an wem man sein Leben ausrichtet.


Sonntag, 27. Dezember 2020

ZWEITE ZWISCHENÜBERLEGUNG: HANDELN, CHARAKTER, WEG

In der biblischen Sprache meint Gehorsam nicht das Befolgen von statischen Vorschriften. Im Gehorsam findet unsere Liebe zu Gott ihren Ausdruck. Zwischen Gott und uns, das ist uns klar, besteht ein Liebesverhältnis. Wir reden miteinander und hören aufeinander. Gehorsam sind Menschen, die in der Liebe zu Gott zu hörenden Menschen geworden sind und die in dem bleiben, was sie vom Geliebten hören. Wer liebt und hört, wird verwandelt.

Die biblischen Schriften sprechen auffallend oft von diesem Prozess der Verwandlung, sowohl von seinem Gelingen wie von seinem Scheitern. Auf dem Weg des Verwandeltwerdens gibt es Hilfen und mit denen beschäftigt sich der Impuls heute. Petrus begleitet die Gemeinde mit „kräftigem Zuspruch“, was manchmal etwas einseitig mit „Ermahnen“ übersetzt wird. Eine zweite Hilfe besteht darin, dass Petrus den Gemeinden Vorbilder für den Prozess ihrer Verwandlung zeigt. Sie helfen zur Reifung der Persönlichkeit bzw. des Charakters.

Es sind drei Felder, die man unterscheiden kann, für die wir Hilfe brauchen und auch erhalten:

(1) Unser Handeln benötigt den kräftigen Zuspruch.
(2) Unser Charakter benötigt das lebendige Vorbild.
(3) Unsere Gemeinschaft benötigt die klare Einsicht in den Weg, den wir miteinander zu gehen haben.


(1) HILFEN FÜR UNSER HANDELN: DU MUSST NICHT MEHR

Als Beispiel: Im Hören auf die zehn Gebote fällt einem auf, dass sie im Indikativ formuliert sind und nicht im Imperativ. Es heisst nicht (obwohl meist so übersetzt wird) „Du sollst …“ sondern „Du wirst …“. An ihrem Anfang steht die Zusage, dass wir zu Gott gehören, weil Gott selbst sich zu uns hält, unbedingt und bleibend: „Ich bin der Herr, dein Gott“ (2. Mose 20,2). Das hat Folgen. Es gibt destruktive Verhaltensweisen, die wir, weil Gott zu uns steht, nicht mehr nötig haben. Das sind eben keine Befehle nach dem Muster: „du sollst …“ Es sind Befreiungen: „Du hast es nicht mehr nötig, dass du …“ An die Stelle eines „du musst“ tritt die Befreiung „du musst nicht mehr“. Es ist nicht wahr, dass wir lügen müssen. Es ist nicht wahr, dass „Bosheit, Trug, Heuchelei und Neid und lauter Verleumdungen“ (2,1) uns weiterhin bestimmen. Von jetzt an hat das keinen Raum mehr in uns und unter uns. Wir müssen dem nicht mehr folgen.

DIREKT BEIM NAMEN NENNEN

Das Besondere ist, dass jeder „kräftige Zuspruch“ (so verstehen wir das, was gewöhnlich „Ermahnung“ genannt wird) unsere destruktiven Gedanken und Verhaltensweisen direkt beim Namen nennt. Nur so verlieren sie ihre Kraft. Bleiben sie diffus im Verborgenen, bestimmen sie weiterhin unser Inneres. Allgemein formulierter Zuspruch mag gut gemeint sein. Aber er hat keine befreiende Kraft. Die Aufgabe, das Verhalten zu klären, kann man nicht ‚pauschal‘ anpacken. Das geht nur, indem man eins ums andere benennt, sich klar macht und dann auch tut. Darum benennt der Zuspruch fast immer das je einzelne Handeln. Schau dir deinen Hang zur Sorge an – und dann lass sie sein. Du musst nicht mehr. Schau dir an deinen Hang, in deinem Reden über andere unklar zu bleiben – und dann lass das bleiben. Du musst nicht mehr. Schau dir deinen Hang an, auf andere neidisch zu sein. Du musst nicht mehr, weil du selbst reich beschenkt bist. Darum lass das sein … … Der klare Zuspruch meint das je einzelne Verhalten. So hilft er uns, das je einzelne an uns selbst zu sehen – und dann zu lassen. Was wir uns in diesem Zuspruch sagen, das ist eine einzige und klare Nachricht: Wir müssen nicht mehr!

DEN ZUSPRUCH GEBEN WIR UNS

Wie lebt man also, wenn man mit Gott lebt? Wie verhält man sich, wenn man in Liebe mit Gott verbunden ist? Die Antwort darauf ist gar nicht so schwer. Wir sehen auf unser Verhalten. Verhalten aber gibt es nicht pauschal. Es gibt nur lauter einzelne Handlungen. Jede einzelne Handlung benötigt ihren klaren Zuspruch und erhält ihn auch. Ihn uns zu geben, das ist die Aufgabe, die wir aneinander haben.


(2) HILFEN FÜR UNSERE REIFUNG: SEIN WIE ER

Unser Leben besteht aus all dem, was wir täglich tun. Aber unsere Persönlichkeit ist mehr als unser Verhalten. Es könnte sein, dass man unserem Verhalten nichts nachsagen kann. Alles ist in Ordnung. Aber fehlt da nicht noch etwas? Zusätzlich zu dem, was ich tue, kommt das, was ich bin. So eng das miteinander verbunden ist: Es ist doch etwas anderes. Warum ist das so?

Es kann sein, dass ich mich in allem korrekt verhalte. Man kann mir nichts vorwerfen. Aber mit und in all dieser Korrektheit suche und meine ich mich selbst. In meinem ganzen Verhalten bin ich auf der Suche nach mir selbst. Anders: In meiner Persönlichkeit bin ich auf mich bezogen. Natürlich drückt sich das in meinem Verhalten aus. Aber es ist mehr, ja ist etwas anderes.

Vielleicht klingt die Sprache altmodisch. Aber sie trifft den Kern. Paulus schreibt: „Ein jeder von euch sei gesinnt wie es Christus war“ (Phil 2,5). Die Gesinnung konzentriert sich nicht auf das, was man zu tun hat. Sie fragt danach, was man in allem Handeln sein soll und sein will. Der Weg zur Gesinnung ist das Vorbild. Ich will sein wie ER.

Im Alten Testament kann man das am Propheten Elia deutlich sehen. Sein Vorbild war Mose. Von Mose her hat Elia sein eigenes Prophetenamt verstanden. Als er nach seiner grossen Auseinandersetzung in tiefe Schwäche fällt (1. Könige 19,1ff), führt ihn sein Weg an den Berg, an dem Mose seine Berufung empfangen hatte. Dort, wo Moses Berufung begann, dort wird auch Elias eigene Berufung geklärt und bestätigt (ebda 19,8ff). Orientierung am Vorbild kann man im Neuen Testament vor allem an Jesus erkennen. Jesus hat sich als Messias gewusst. Was das bedeutet und welchen Weg er darum zu gehen hat, hat er an David, dem ersten Gesalbten (Messias) gelernt. „Du hast dir nie mit eigener Hand geholfen.“ Dieses Geheimnis des Messias hat Abigail an David erkannt und ihm zugesprochen (1. Samuel 25,26.31; vgl. ebda Vers 33). Daran hat Jesus sich orientiert.

Zur christlichen Charakterbildung beigetragen hat vor allem die Schrift „Imitatio Christi“ („Nachfolge Christi“) von Thomas von Kempen: Erstmals erschien es 1418 und war nach der Bibel das am meisten gedruckte geistliche Buch. Das Leben Christi wird darin als Vorbild für das Leben der Christen betrachtet. Lange trat dieser Gedanke vor allem in der protestantischen Frömmigkeit zurück. Die Bedeutung der Heilstat Jesu in Kreuz und Auferstehung stand derart im Zentrum des Glaubens, dass vom Vorbildcharakter seines Lebens für unsere Lebensführung kaum noch gesprochen wurde. Es ist gut, wenn diese Verkürzung korrigiert wird.

Das Leben Jesu nicht nur als Heilshandeln an uns, sondern auch als Vorbild für uns zu verstehen, taucht natürlich bereits im Neuen Testament, ja in der Verkündigung Jesu selbst auf. „Der Jünger ist nicht über dem Meister“ (Mt 10,24 u.a.; vgl. Joh 15,18-20). Wer Jesus folgt, der hat in ihm sein Vorbild. Für Paulus ist das grundlegend: „Ein jeder von euch sei gesinnt wie Christus gesinnt war … (Phil 2,5). Deutlicher kann man den Vorbildcharakter des Lebens Jesu nicht mehr betonen. Vor allem wird bei Paulus deutlich, dass es um mehr als um einzelne Verhaltensweisen bzw. Taten geht, an denen wir uns orientieren sollen. Es geht um die gesamthafte Gesinnung, die uns in Jesus begegnet. Seine Gesinnung – beschrieben im nachfolgenden Christushymnus Phil 2,6-8 – ist es, die zu unserer eigenen Gesinnung werden soll.

Für Petrus war diese Einsicht selbstverständlich. Sowohl unser Handeln wie unsere Gesinnung sollen deutlich machen, was und wie Christus dieser Welt begegnet. Darum sind sie das Mass, an dem wir unser eigenes Handeln ausrichten. Wir sollen „ihm in seinen Fusstapfen folgen“ schreibt Petrus (2,21). Und dabei wird er unmissverständlich konkret, ja er spricht sogar davon, dass darin unsere Berufung liegt. Vgl. die Weise, wie Petrus im ganzen Brief vom „Leiden“ der Christen spricht. Wir werden das noch sehen. Wer sich bereits jetzt vertiefen will: siehe z.B. 4,12-19.


(3) HILFEN FÜR UNSERE GEMEINSCHAFT: DER GEMEINSAME WEG

Wir Menschen sind, vor allem als Christinnen und Christen, keine Einzelgänger. „Man wird zum Ich erst am Du“ formuliert Martin Buber. Vertiefend muss man sagen: Wir werden zu Christen erst in der Gemeinschaft. Darum kann man vom Gehorsam der einzelnen Christen nicht sprechen, wenn man nicht auch vom Gehorsam der Gemeinschaft spricht, in der man als Christin und als Christ lebt.

Es muss einem erst einmal auffallen, wie deutlich Petrus in seinem Brief nicht zu lauter vereinzelten Persönlichkeiten spricht. Das trifft natürlich für alle Briefe des Neuen Testaments zu. Petrus redet immer die ganze Gemeinschaft an. Das ist keine Frage des Stils. Es ist ernst gemeint. Kirche bzw. Gemeinde wird als Weggemeinschaft verstanden. Wichtig ist nicht so sehr, dass der einzelne Mensch „seinen“ Weg findet, auch wenn das durchaus seine Bedeutung hat. Entscheidend ist, dass Christinnen und Christen als Gemeinschaft unterwegs sind. Wie finden sie ihren gemeinsamen Weg? Präziser: Wie finden sie gemeinsam ihren gemeinsamen Weg?

Wir haben wohl noch einen langen Weg vor uns, um die Bedeutung dieser Frage zu ermessen. Es bedeutet, dass wir den Luxus unseres christlichen Einzelgängertums aufgeben, um uns als Glieder einer Weggemeinschaft zu erkennen. Manche Fragestellungen werden sich dadurch auf verblüffende Weise verändern. Es geht nicht mehr zuerst darum, dass ich meinen Weg finde. Ich finde mich in der Gemeinschaft vor mit der Aufgabe, zusammen mit Schwestern und Brüdern den gemeinsamen Weg zu suchen, zu finden und zu gehen.

ISRAELS WEG ALS VORBILD

Auch im Blick auf die Gemeinde begegnet uns die Frage nach der Gesinnung und damit nach einem Vorbild. Als einzelner Christ soll ich die Gesinnung Christi übernehmen und in Christus mein Vorbild sehen. Der Gemeinde wird der Weg des Volkes Israel als Vorbild vor Augen gestellt. An ihm kann sie erkennen, was Berufung, was Führung, was Gehorsam usw. bedeuten. An ihm soll sie auch erkennen, dass Gott selbst die ganze Gemeinschaft auf diesen Weg gerufen hat und was es bedeutet, wenn man diesen Weg verfehlt usw.

Dass Gottes Weg mit Israel ein Vorbild für die Gemeinde ist, begegnet uns in unserem Brief ziemlich deutlich. Dass wir die Lenden umgürten sollen (1. Petr 1,13; vgl. 2. Mose 12,11), erinnert an den Aufbruch Israels beim Passahfest. Der Weg aus Ägypten wird frei durch die Bewahrung durch das Blut des Passa-Lammes (1. Petr 1,19; 2. Mose 12,7.21ff). Der Weg führt durch das reinigende Wasser des Schilfmeeres (vgl. 1. Petr 1,22; vgl. 2. Mose 14,15ff) und führt an den Sinai, wo das Volk zu einem Königreich von Priestern wird (1. Petr 2,9; vgl. 2. Mose 19,5f) … Damit kein Missverständnis entsteht: Israel als Volk Gottes wird dadurch nicht ersetzt. Sein Weg aus Ägypten ist aber ein Vorbild, um die Führung des eigenen Weges als Gemeinde zu verstehen.


Donnerstag, 24. Dezember 2020


ERSTE ZWISCHENÜBERLEGUNG: GOTTES KRÄFTIGER ZUSPRUCH

Heute gibt es keinen Abschnitt im Brief, den ihr extra lesen solltet. Wir laden euch ein, einer Beobachtung zu folgen und dieser Beobachtung für euch selbst nachzugehen. Vergegenwärtigen wir uns den Aufbau eines Briefes. Ein antiker Brief beginnt mit der Vorstellung des Absenders sowie der Empfänger (vgl. 1,1-2). Darauf folgt ein Dank an die Götter. Christliche Briefe beginnen natürlich mit einem Dank an Gott, also mit einem Gebet. Mit einem Gebet beginnt auch unser Petrusbrief, auch wenn es ein Lob Gottes und kein Dank ist (1,3-12).

Bereits diese Einleitung lässt manches von dem anklingen, was dann im eigentlichen Hauptteil, dem Briefkorpus, zur Sprache kommen wird. In unserem Brief fällt auf, wie sehr die grosse, umfassende (Heils-)Geschichte betont wird, in der die Empfänger stehen.


AUSNAHMSLOS AUFRUFE ZUM GEHORSAM

Der eigentliche Briefteil beginnt mit 1,13 und geht bis 5,11. Wenn wir auf den Beginn der einzelnen, thematischen Abschnitte achten, fällt etwas auf.

1,13 Umgürtet eure Lenden …
2,1 So leget nun ab …
2,11 … ich ermahne euch …
2,13 Seid untertan …
2,18 … seid untertan …
3,1 … seid untertan …
3,7 … gleicherweise wohnt zusammen …
3,8 … seid gleichgesinnt …
4,1 … sollt auch ihr euch waffnen …
4,7 … seid verständig und nüchtern …
4,12 … lasset euch nicht irritieren …
5,1 … ermahne ich …
5,5 … seid untertan …
5,12 … mit der Ermahnung …

Wir lesen ausnahmslos Aufrufe zum Gehorsam, also lauter Ermahnungen. Sowohl Gehorsam wie Ermahnungen stehen unter Verdacht, Ausdruck eines moralisierenden Denkens wie eines autoritären Verhaltens zu sein. Wie kommt jemand dazu, mich ermahnen zu wollen? Wer erhebt sich da über mich und macht mich klein? Wer hat das Recht, mich zur Ordnung zu rufen? An welcher Moralvorstellung misst er mich und mein Verhalten? Bin ich nicht frei? Muss ich mir das gefallen lassen? Wer besitzt das Recht, von mir Gehorsam einzufordern?

Und weiter: Hat Jesus uns nicht frei gemacht? Ist das Evangelium nicht die frohe Botschaft, dass wir von solchen Moral- und Gehorsamsvorstellungen frei sind? Bedeutet dieser Brief also einen Rückfall in Verhaltensweisen, von denen uns Christus frei gemacht hat?

So ungefähr könnte unsere kritische Reaktion auf Ermahnungen, auf den Ruf zum Gehorsam aussehen. So einfach aber ist es wohl nicht. Es könnte ja sein, dass wir auf falsche Vorstellungen hereingefallen sind. Sehen wir uns also die Vorgänge, die mit den Begriffen „Gehorsam“ und „Ermahnung“ gemeint sind, näher an.


IN DEM BLEIBEN, WAS WIR HÖREN

„Gehorsam“ kommt von Hören und hängt mit der Frage zusammen, wem man gehört bzw. mit wem man zusammengehört. Der griechische Begriff beschreibt tatsächlich einen Vorgang: Ich höre etwas und stelle mich unter das, was es da zu hören gibt. Mehr: Ich gehöre zu jemandem, höre auf ihn und füge mich in das ein, was ich von ihm zu hören bekomme. Mit überholter Moral bzw. mit einem bedenklichen Autoritätsgefälle hat das nichts zu tun. Zwischen Gott und uns, so ist uns klar, besteht ein Liebesverhältnis. Wir reden miteinander und hören aufeinander. Und dann fügen wir uns in Liebe an einander, um liebend miteinander eins zu werden. Das ist der Vorgang, den die Bibel Gehorsam nennt. Ein gehorsamer Mensch ist ein Mensch, der in der Liebe zu Gott zu einem hörenden Menschen geworden ist und der in dem bleibt, was er vom Geliebten hört. Den anderen wirklich zu hören ist das Geschenk, das einem durch die Liebe zuteil wird. Hören ist nicht einseitig. Es ist ein Hören aufeinander. Hören ist nichts Statisches. Es verwandelt uns in das, was wir einander sind. Das klingt doch schon etwas anders als das, was man gewöhnlich hinter dem Begriff „Gehorsam“ vermutet.


GOTTES KRÄFTIGER ZUSPRUCH

Auf eine Überraschung stossen wir auch bei dem anderen Wort, das uns in diesem Zusammenhang beschäftigt. „Ermahnen“, was ist das für ein Vorgang? Das griechische Wort meint, dass man jemandem etwas kräftig bzw. nachdrücklich zuruft. Ob der Inhalt dessen, was einem da zugerufen wird, eher positiv oder eher negativ ist, klingt in diesem Wort überhaupt nicht mit an. Die Betonung liegt auf der Nachdrücklichkeit des Rufs, nicht auf seinem Inhalt. In unserer deutschen Sprache haben wir das Bedürfnis, sogleich etwas über diesen Inhalt deutlich zu machen. Dadurch haben sich zwei verschiedene Übersetzungen für ein und dasselbe Grundwort eingebürgert. Wir sprechen je nach Kontext von „ermahnen“ oder von „trösten“. Als Beispiel. Paulus nennt Gott in 2. Kor 1,3 einen „Gott allen Zuspruchs“. Beinahe alle Übersetzungen geben das mit „Gott allen Trostes“ wieder. Warum eigentlich? Genauso gut könnte man auch übersetzen, Gott sei ein „Gott allen Ermahnens“. Davor scheuen sich die Übersetzer, und das wohl mit Recht. Es wäre zu einseitig. Allerdings: Die Wiedergabe mit „Trost“ ist zwar durchaus korrekt. Aber sie ist ebenfalls einseitig. Im griechischen Wort hört man immer beides. In den beiden deutschen Worten immer nur je eines. Schade.

Wie beim Begriff „Gehorsam“ merken wir auch hier: Die neutestamentlichen Schriftsteller denken und formulieren nicht moralisierend. Nur die Übersetzer tun es dann und wann. Auch da kann man nur sagen: Schade.

Allerdings sollte man die Übersetzung mit „ermahnen“ in Schutz nehmen. Auch in unserem Brief scheut sich Petrus keineswegs, den Empfängern ziemlich kräftig „zuzusprechen“. Es ist eine kraftvolle und überaus klare Sprache. Petrus redet nicht um den Brei herum. Verhaltensweisen, die dem Evangelium widersprechen, werden „mit Nachdruck“ beim Namen genannt. Diese Klarheit wird uns im Verlauf unseres Lesens noch genug begegnen.


WIE TROSTBEDÜRFTIG SIND WIR?

In diesem Zusammenhang teilen wir gerne mit Euch eine Beobachtung bzw. eine Frage. Uns scheint, dass uns in Predigten, Andachten, geistlichen Texten, auf Spruchkärtchen usw. fast ausschliesslich Trost begegnet. Manchmal nennt man es Ermutigung, Stärkung. Da wird unterstützt, aufgerichtet, freigesprochen, gesegnet, freigesetzt und wie die Begriffe alle heissen. Natürlich kommt (fast) alles auch im Neuen Testament vor. Sicherlich aber nicht in dieser Einseitigkeit. Kann man aus diesem Sprachgebrauch heraus hören, dass wir heute in einem extremen Mass trostbedürftig sind? Sind wir das wirklich? Und das so einseitig, dass die andere Seite, die im Wort „Zuspruch“ liegt, kaum noch vorkommt?

Kehren wir es um: Waren die Menschen zur Zeit des Neuen Testaments so viel mehr ‚ermahnungsbedürftig‘ als wir es heute sind? Wenn wir uns vergegenwärtigen, in welcher Situation die Empfänger unseres Briefs lebten und ihr Christsein zu bewähren hatten, wird diese Annahme fraglich. Wie ist das also mit dem kräftigen Zuspruch? Wie viel Trost benötigen wir wirklich? Wie viel Ermahnung hätten wir nötig? Wie seht Ihr das?


HANDELN, CHARAKTER, WEG

Ermahnung hat, so scheint es uns, drei Dimensionen. Sie ist eine Hilfe, das eigene Handeln zu klären. Sie gibt uns Vorbilder, unseren persönlichen Charakter zu formen. Sie ist endlich eine Anleitung, den gemeinsamen Weg als Gemeinde zu sehen und dann auch zu gehen: Handeln, Charakter und Weg. Auf diese drei Dimensionen, die auch in unserem Brief vorkommen, gehen wir im nächsten Impuls ein. Aber vielleicht macht ihr jetzt schon eure Beobachtungen. Was wurde euch bisher zur Hilfe, die sich bei euch bewährt hat?


Dienstag, 22. Dezember 2020

1. Petrus 2,1-10


ALTES LASSEN UND NEUES EINÜBEN

«So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede 2 und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kinder, auf dass ihr durch sie in eure Rettung hinein wachst, 3 da ihr schon geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.» 1. Petrus 2,2-3

Wenn etwas «neu geworden» ist, dann hört man mit dem Alten auf. «So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede» (2,1). Petrus erinnert uns daran, uns von unseren alten Gewohnheiten bewusst zu verabschieden. Mit dem neu geschenkten Leben beginnt auch eine Verhaltensänderung.

Wahrscheinlich merken wir gar nicht, dass wir solche Sätze individualistisch hören: als Aufruf an uns individuell. In unserem Text und auch sonst im Neuen Testament ist das anders. Aufgerufen werden «wir», wird also die ganze Gemeinschaft. Der Aufruf, alles schädigende Verhalten zu unterlassen, geht an die, die sich als Gemeinde verstehen. Es ist nicht nur Aufgabe des Einzelnen. Es ist eine Aufgabe an unser Miteinander, dass wir uns von dem verabschieden, was betrügerisch und heuchlerisch ist. Hier können wir die Orte unseres Miteinanders einmal durchgehen: Wie geht es in unseren Hauskreisen zu, in Sitzungen der Kirchgemeinde, bei gemeinsamen Mahlzeiten und Feiern usw.? Sind wir wahrhaftig im Umgang miteinander, im Umgang mit Geld, im Umgang mit den Menschen? Wie können wir immer wieder neu einen Umgang miteinander einüben, der der Gemeinschaft in Jesus Christus entspricht (Philipper 2,5)?


BEGIERIG NACH DEM WORT GOTTES

Der Aufforderung, von früherem Verhalten Abschied zu nehmen, korrespondiert die Einladung, Neues in sich aufzunehmen. Petrus fährt wie in einem Atemzug damit fort, dass wir Christen «begierig nach der vernünftigen lauteren Milch» sein sollen, wie es die «neugeborenen Kinder» sind. Wir erinnern uns: Die Glaubenden sind «wieder gezeugt worden (…), nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes» (1,23). So wie es die neugeborenen Kinder machen, so sollen es auch diejenigen machen, die zum Glauben gekommen sind. Was machen neugeborene Kinder? Sie sind «begierig» nach der Milch. Man kann sich einen Säugling vorstellen, der die Brust der Mutter sucht, mit geschlossenen Augen, mit greifenden Händen. Der Säugling muss es nicht erst lernen. Trinken kann er von Anfang an. Alles in ihm weiss, woran sein Leben gebunden ist.

So sollen wir das Wort Gottes in uns aufnehmen. Mit derselben Begierde und mit derselben Entschlossenheit, mit der ein Säugling trinkt. Petrus hatte das Wort Gottes erst mit dem «Samen» verglichen, aus dem das neue Leben kommt. Nun vergleicht er das Wort Gottes mit der «Milch», von der die neugeborenen Kinder leben. Sowohl der Beginn als auch der Fortgang unseres Lebens kommen also aus dem Hören auf das Wort. Kennen wir solche Begierde nach dem Wort Gottes? Verlangt es uns danach, biblische Geschichten zu hören: von dem, was Gott tut, wie er es tut, wie er mit seiner Gemeinde und mit der Welt unterwegs ist? Verlangt es uns danach, miteinander über das zu sprechen, was wir gehört haben, zu beten und danach zu fragen, was wir tun wollen?


«WIR LEBEN UNS HINEIN»

Dass ein Säugling sich durch Milch nährt, erkennt man daran, dass der Säugling wächst. So ist auch für Menschen, die zum Glauben an Jesus kommen, vorgesehen, dass sie wachsen. Durch das Trinken der Milch – das ist das Nähren durch das Wort Gottes – wachsen wir «in unsere Rettung hinein» (vgl. 2,2). Eine spannende Formulierung! Die Rettung ist uns versprochen, und nun sollen wir in sie hineinwachsen.

Wir fragen in unserem Kursen manchmal, wie wir mit biblischen Worten umgehen können. Manchmal scheinen die Worte fremd, manchmal scheinen sie uns zu «gross» zu sein. Wir können mit diesen Worten umgehen wie mit einem Kleid. So wie man ein Kleid anzieht, so kann man sich Worte der Bibel «anziehen». Man kann sie einmal probehalber gelten lassen, in ihnen und mit ihnen durch den Tag gehen. Man kann auf das hören, was sie einem hier und da zu erschliessen beginnen.

So ist auch das «in unsere Rettung hineinwachsen» gemeint. Wir sind Menschen, mit denen es bereits «gut geworden» ist – um Jesu willen. Jetzt leben wir dementsprechend. Wir «leben uns hinein» in diese neue Wirklichkeit. Wir probieren sie aus, wie man ein Kleid anprobiert, das vielleicht noch nicht ganz passt. Wir ziehen unser neues Leben, – das nach aussen hin noch nicht sichtbar geworden ist – bereits jetzt an. Wir probieren es aus und eignen uns auf diese Weise an, was Gott uns zugesagt hat.

Es ist ein kleines, auf diesem Weg weiterzugehen, sagt Petrus. Denn ihr habt ja Gottes Freundlichkeit schon geschmeckt. «Ihr habt ja geschmeckt, dass der Herr freundlich ist» (2,3). Wäre es nicht so, würdet ihr nicht glauben, und Gottes Weg wäre euch unbekannt. Das «Hineinwachsen in unsere Rettung» ist nicht etwas Zweites. Es ist ein frohes Weitergehen auf dem Weg, den Gott mit uns begonnen hat.


VON GOTT GEBAUT UND LEBENDIG

4 Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. 5 Und auch ihr als lebendige Steine baut euch auf zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.» (1. Petrus 2,4-5)

Noch bevor in Israel der erste Tempel gebaut wird, wird David geweissagt, dass Gott selbst sich ein ewiges Haus bauen wird (2. Samuel 7,10-16). Nicht Menschen werden es bauen, sondern Gott selbst wird das tun. Das ist sein erstes Kennzeichen. Sein zweites hervorragendes Kennzeichen ist, dass es nicht aus physischen Steinen, sondern aus lebendigen Steinen besteht.

Zwischenzeitlich wurden physische Tempel als Orte der Begegnung mit Gott gebaut. Der erste ist der Tempel Salomos in Jerusalem. Nach der Rückkehr aus dem Exil hat Israel den Tempel erneut errichtet. Der zweite ist der Tempel des Herodes am selben Ort. Und dann tritt Jesus in Jerusalem auf, mit dem Anspruch, dass er selbst den Tempel Gottes baut (Johannes 2,19). Jesus ist der, der «selbst baut» und der «aus lebendigen Steinen» baut. Er baut den Ort, an dem Gott wohnt.

Das Bild vom «lebendigen Stein» ist nicht neu. Es ist tief in Gottes Geschichte mit Israel verankert: «Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden» (Psalm 118,22). Jesus hat dieses Wort auf sich bezogen und hat seine Sendung von ihm her verstanden (Matthäus 21,42). Er selbst ist der Stein, der zur Grundlage des neuen – von Gott schon lange angekündigten – Baus wird. Sobald das seinen Zuhörern klar wird, reagierten sie mit Ablehnung; so wie das Psalmwort es sagt.

Was ist ein Eckstein? Er kann zweierlei sein. Ecksteine werden als Mittel der Kantenbefestigung in Mauerecken eingebaut. Sie stabilisieren Längs- und Querseiten eines Gebäudes. Oder sie meinen den Grundstein im Fundament eines Gebäudes. Dabei geht es um die Statik. Das Gewicht des ganzen Gebäudes stützt sich auf diesen einen Stein ab. Um den geht es hier. Jesus ist der Grund des neuen Baus. Er ist das Fundament der Gemeinde.


DURCH JESUS HAT DIE GEMEINDE IHREN GRUND UND IHRE EINHEIT

Durch Jesus hat die Gemeinde nicht nur ihren «Grund». Durch ihn hat sie auch ihre «Einheit». Es sind ja nicht Gemeinsamkeiten der geografischen oder sozialen Herkunft, der Bildung oder der Gesinnung, die Menschen zu diesem «lebendigen Haus» verbinden. Wie könnte das auch gehen? Sondern es ist Jesus Christus – es ist Gottes Wirken in uns Menschen – das uns zusammenbringt. Dass wir als «lebendige Steine» dazu gekommen sind, hat seinen Grund nicht in uns, sondern in Gott.


DURCH JESUS HAT DIE GEMEINDE IHRE AUFGABE

«Und auch ihr als lebendige Steine baut euch auf zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus» (2,5).

Ihr seid «eine heilige Priesterschaft». Gleich zweimal sagt Petrus das in unserem Abschnitt (2,5.9). «Priester sein» ist eine Funktionsbeschreibung. Priester ist man nicht für sich selbst, sondern für andere Menschen. Man hat eine Aufgabe anvertraut bekommen. Diese Aufgabe ist nicht einigen wenigen Christen vorbehalten. Sie ist allen gegeben, die «lebendige Steine» und «vom Geist gebautes Haus» sind. In diese Aufgabe gilt es hineinzuwachsen – «baut euch auf» (2,5).

«9 Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk zum Eigentum, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht; 10 die ihr einst nicht sein Volk wart, nun aber Gottes Volk seid, und einst nicht in Gnaden wart, nun aber in Gnaden seid (Hosea 2,25)» 1. Petrus 2,9-10

Der Dienst der Priesterschaft ist also nichts zweites neben anderen Aufgaben. Die Gemeinde hat Gottes «Wohltaten» zu verkünden (2,9). Warum das? Aus dem einfachen Grund, dass die Gemeinde diese Wohltaten bereits erfahren hat, und viele andere Menschen haben sie nicht erfahren.

Haben denn nicht alle Menschen auf irgendeine Weise Gottes Wohltaten erfahren? Natürlich. Gott tut allen Menschen Gutes. Aber die eine Wohltat, die eine, entscheidende Tat, um die es hier geht, ist nicht allen bekannt und sie ist nicht allen widerfahren. Die Wohltat besteht darin, «aus der Finsternis in sein wunderbares Licht» gerufen zu sein (2,9). Im ganzen ersten Kapitel schreibt Petrus von dieser einen Tat Gottes, die vorgesehen war, «bevor der Welt Grund gelegt wurde» (1,20) Wir sind gerufen, Gottes rettendes Handeln zu bezeugen. Denn es geht Gott tatsächlich um seine Welt und seine Menschen.



Sonntag, 20. Dezember 2020

1. Petrus 1,20-25 - EINE LANGE LIEBESGESCHICHTE


WIE LANGE GEHT DAS SCHON?

Liebe als Beziehung zwischen zwei Menschen ist eine vielfältige Geschichte. In der Regel erinnert man sich gerne an den Beginn. Wann und wo hat man sich kennengelernt? Wann ist mir der andere das erste Mal aufgefallen? Der erste Blick, die erste Verabredung … Wann war das? Wo war es? Wie ging es weiter? … Wenn man miteinander über den Anfang, über das Entstehen der Liebe spricht, dann zeigt sich: Manches haben wir gleich erlebt. Aber wahrscheinlich haben wir manches auch sehr verschieden in Erinnerung. „Du bist mir schon dort aufgefallen.“ „Damals hatte ich dich noch überhaupt nicht bemerkt. Erst viel später …“ Wir haben zwar eine gemeinsame Geschichte. In mancherlei Hinsicht aber haben wir zwei sehr verschiedene Erinnerungen daran.


DER GLAUBE IST WIE DIE LIEBE

In der Bibel wird der Glaube an Gott als eine Liebesbeziehung verstanden. Auch da kann ich aus meiner Erinnerung vom Anfang erzählen. Wie ging das eigentlich zu? Wann ist Gott mir das erste Mal ‚aufgefallen‘? Auch da gab es so etwas wie einen ersten Blick, eine erste Verabredung, eine Zeit des Suchens, des Wartens, der ersten intensiven Gespräche und die beglückende Erfahrung der Nähe. Das wird bei jedem von uns etwas anders gewesen sein. Der eine erinnert sich an ein genaues Datum, einen bestimmten Ort. Eine andere weiss nur, dass es ein langer, vielleicht auch langsamer Prozess war, an dessen Ende die Gewissheit stand, mit Gott zusammen zu gehören.


GOTTES LIEBES-ERINNERUNG

Das sind also unsere Erinnerungen an unseren Glaubensanfang. Nur: Wie war das eigentlich für Gott? Wann bin ich ihm das erste Mal aufgefallen? Welche Erinnerung hat er? Wie lang ging das schon bei ihm, auch wenn ich mich noch gar nicht nach ihm umsah?

In den biblischen Texten gibt es darauf eine eindrückliche und klare Antwort. Bei ihm begann die Liebe sehr früh. „Er war vor Grundlegung der Welt ersehen …“, hat uns „vor Grundlegung der Welt gewählt“ (1,20; vgl. Eph 1,4f u.a.). Von Gottes Seite her ist das also eine unglaublich lange Liebesgeschichte, auf die er sich von Anfang an eingelassen hat. Sie ist älter als die Welt. So lange hat er in Liebe nach mir Ausschau gehalten, bis aus dieser Liebe eine gemeinsame Beziehung, eine gemeinsame Geschichte wurde. Eigentlich könnte der heutige Impuls damit bereits enden. Es lohnt, sich in die Geschichte von Gottes Liebe zu mir zu vertiefen. Schon so lange. So viele Umwege. So viel Zurückweisungen …


… ZUM UNPASSENDEN ZEITPUNKT

Wenn von dieser erwählenden Liebe Gottes die Rede ist, machen wir eine merkwürdige Erfahrung. Nicht wenige Menschen fragen zurück: „Wie ist das dann mit den anderen?“ Gemeint sind wohl die Menschen, die nach unserer Erfahrung nicht glauben. Ja. Wie ist das mit diesen Menschen? Unwichtig ist diese Frage gewiss nicht. Aber: Warum taucht sie gerade jetzt auf? Jetzt geht es doch um meine Beziehung zu IHM, um SEINE Beziehung zu mir. Er hat mich gefunden und ich ihn. Um nichts anderes geht es jetzt. Bleibt bitte jetzt bei diesem Thema. Die andere Frage läuft uns nicht davon.


GLAUBE IST …

Zwei Aussagen macht dieser Abschnitt über das Glauben. Einmal: Glauben ist eine feste Hoffnung (Vers 21c; vgl. Vers 3). Das hatten wir ja schon. Hoffnung ist in der Sprache der Bibel keine vage Angelegenheit. Sie ist im Gegenteil eine feste Gewissheit von etwas, was man aber im Moment nicht sehen, nicht greifen bzw. nicht vorzeigen kann. Hoffen hat also nur damit zu tun, dass ich über das, was ich hoffe, noch nicht verfügen kann. Hoffen aber meint, dass ich mir dessen jetzt schon ganz gewiss bin. Den biblischen Ausdruck „Hoffnung“ sollte man also genauer mit Hoffnungsgewissheit übersetzen.


WORÜBER VERFÜGT DER MENSCH?

Das zweite, was uns vom Glauben gesagt wird, ist: Dass wir glauben können, wurde und wird uns von Gott geschenkt (Vers 21a). So wenig wir über Gott verfügen, so wenig verfügen wir über unser Glauben. Es ist wichtig, dass uns das gesagt wird. Es lohnt, sich einmal vor Augen zu halten, worüber wir alles nicht verfügen, was also nie in unserer Entscheidung lag. Dass es mich gibt, das habe ich nie selbst entschieden. Dass ich Frau oder Mann bin, lag nie in meiner Entscheidung. Dass ich jetzt lebe und nicht vor 100 Jahren … Dass ich in Mitteleuropa lebe und nicht in … Man sollte weiter aufzählen. Das sind alles keine Nebensachen. Im Gegenteil: Wesentliches, das mich zu dem macht, der ich bin, lag nie in meiner Hand. Und dazu, so sagt uns Petrus jetzt, gehört auch unser Glauben. Es ist wirklich wie bei der Liebe. Ich finde beide vor, mache sie aber nicht. Das einzige, was ich tun kann, ist, dass ich sie von Herzen bejahe.


WOMIT GLAUBEN BEGINNT …

Damit uns das gewiss wird, sprechen die biblischen Texte vom Beginn des Glaubens als von einer „Wiedergeburt“. Genauer sollte man von einer „Neu-Zeugung“ sprechen (Vers 23; vgl. bereits 1,3 und Joh 3,1-10). Deutlicher kann man es wohl nicht ausdrücken. Zur eigenen Zeugung wurde man nie befragt. Man hat daran auch nicht mitgewirkt. Man hat sich nur als ein Lebender nach der Geburt vorgefunden.

Gezeugt wird man durch einen Samen. Als diesen Samen bezeichnet Petrus das Wort Gottes, also das Evangelium. So wie die Liebe dadurch entsteht, dass ich den geliebten Menschen sehe, seine Stimme höre, so entsteht der Glaube dadurch, dass mir das Evangelium so gesagt wird, dass ich es hören kann (Vers 25). „Glauben kommt aus dem Hören“ sagt Paulus (Röm 10,17). Auch hier hilft die Entsprechung von Glauben und Lieben weiter. Es geht sowohl um den Anfang, mit dem Liebe oder Glaube beginnt. Es geht gleichzeitig um das Leben, das aus diesem Anfang immer neu entspringt. Wie der Glaube damit begonnen hat, dass mir das Evangelium so gesagt wurde, dass ich es hören konnte, so geht es nun weiter. Aus dem Hören des Evangeliums entspringt das immer neue Leben eben dieses Glaubens. Wir lassen das Hören auf die Worte der Bibel nie hinter uns. Nichts kann und wird jemals an die Stelle des Hörens auf das biblische Wort treten. Unser Glauben hat mit dem Hören des Evangeliums begonnen und führt uns unser Leben lang immer tiefer in dieses Hören hinein. Wer das tiefer verstehen will, der ziehe den Vergleich zur Liebe zwischen zwei Menschen. Womit begann sie? Wodurch bleibt sie ein Leben lang lebendig? Was für die Liebe gilt, das gilt ebenso für das Glauben.


DAS NEUE IST GEWORDEN

Noch eine weitere Parallele lässt sich feststellen. Zwischen dem Beginn der Liebe und dem treuen Leben in dieser Liebe steht der Moment, in dem diese Liebe sowohl nach innen wie nach aussen für verpflichtend und bleibend anerkannt und benannt wird. Aus der Liebe wird eine auch nach aussen hin verbindliche Beziehung. Was bei der Liebe die Heirat ist, das ist im christlichen Verständnis des Glaubens die Taufe. Im Rahmen der christlichen Gemeinde bekennt man seinen Glauben. Im Akt des Untertauchens spricht die Gemeinde dem Täufling zu, dass Jesu stellvertretende Heilstat auch ihm gilt. Er darf sich als einer wissen, der mit Christus gekreuzigt, gestorben und begraben ist. Im Auftauchen erfährt der Glaubende, dass auch er auferstanden ist, dass auch sein neues Leben mit Christus bei Gott verwahrt ist (vgl. Kol 3,1-4). Die Gemeinde begleitet ihn bei diesem Akt, ist sein Zeuge und nimmt ihn dadurch in ihre Mitte auf. „Das Alte ist vergangen. Neues ist geworden“ (2. Kor 5,17).


DAS ALTE IST VERGANGEN

Petrus hebt von diesen Aspekten einen besonders hervor: „Ihr habt eure Seelen (euer bisher gelebtes Leben) im Gehorsam gegen die Wahrheit gereinigt“ (1,22). Es ist gut sich Zeit zu nehmen, diesen Vorgang sorgfältig zu bedenken. Im bisherigen Leben wurden wir in vielfältiger Weise schuldig an der „Wahrheit“. Manches wird uns sofort bewusst sein. Manches mag unklar bleiben. Petrus spricht nicht davon, dass all das ‚geklärt‘ oder ‚aufgearbeitet‘ werden soll. Geht das überhaupt? Wo es möglich ist, spricht sicher nichts dagegen. Vor allem nicht, dass Unrecht wieder gut gemacht wird, sofern das noch möglich ist. Aber: Auch da, wo solche Wiedergutmachung versucht wird, bleibt an uns selbst, an unserem bisherigen Leben und unserem Gewissen (Petrus spricht von der „Seele“) immer etwas hängen. Sie benötigt das, was Petrus „Reinigung“ nennt. Diese erfährt der Glaubende in der Taufe.


DAS NEUE IST DIE LIEBE …

Was an uns geschieht, wenn Gott uns als seine Kinder annimmt, ist eine unvorstellbare Liebe. Niemand von uns wird zu erklären vermögen, warum das an ihm geschieht. Gottes Liebe ist, sofern wir auf uns selbst sehen, ohne jeden Grund. Allerdings: Würde sie in uns ihren Grund finden, wäre sie Verdienst und damit nicht mehr Liebe. Die Grundfrage lautet: Welchen Grund hat Liebe? Die einzig gültige Antwort kann nur lauten: Gott liebt mich, weil er mich liebt (vgl. 5. Mose 7,7f). Nur die Liebe kann zum Grund der Liebe werden.


… UND DIE LIEBE VERSCHENKT SICH WEITER

Petrus spricht darum hier (1,22) von der Geschwisterliebe, die von uns aus weitergeht zur anderen, zum anderen. Ebenso grundlos wie wir sie selbst empfangen. Ebenso ohne Berechnung („ungeheuchelt“), wie sie auch uns ohne Berechnung geschenkt worden ist und wird.


WOHER KOMMT DIE LIEBE?

Wenn ich darüber nachdenke frage ich mich, woher ich denn solche Liebe nehmen soll. Es ist gut, wenn man sich dieser Frage stellt. Was hier von uns erwartet wird (man lese dazu die wahrhaft masslose Beschreibung von Liebe in 1. Kor 13), das ist uns Menschen nicht angemessen. Was meint Petrus, wenn er von „ungeheuchelter Geschwisterliebe“ schreibt und uns ermahnt, einander „von Herzen“ und auch noch „beharrlich“ zu lieben. Da denke ich an das Kind, das den Vater um Geld bittet. Wofür es das brauche, fragt der Vater. Die Antwort: „Ich will dir doch ein Geschenk machen.“ Ist das ein Geschenk, wenn es der Vater doch selbst bezahlt? Ja, das ist es. Das Kind hat ja kein eigenes Geld. Damit es dem Vater etwas schenken kann, muss es sich das Geld für das Geschenk vorher vom Vater erbitten. Genau so ist es mit der Liebe. Wir schenken nichts Eigenes weiter, sondern nur das, was wir von ihm erbeten haben. Der Kirchenvater Augustin sagt es prägnant: „Herr, gib was du befiehlst. Und dann befiehl, was immer du willst.“ Das Geheimnis der christlichen Liebe ist, dass es sich um eine erbetene, um eine empfangene Liebe handelt, nicht um unsere eigene. Oder, wie es die schöne Zeile eines Gedichtes sagt: „… damit ich die Liebe, von der ich leb, liebend an andere weitergeb.“


Donnerstag, 17. Dezember 2020

1. Petrus 1,17-19

17 Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben in Gottesfurcht, solange ihr hier in der Fremde weilt; 18 denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, 19 sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.

Petrus spricht im Abschnitt Vers 13-25 über die Lebensführung der Gemeinde. Wie Israel aus Ägypten auszog und sich auf den Weg machte, genau so soll sich die Gemeinde jetzt auf den Weg machen. Sie soll dabei auf ihr Unterscheidungsvermögen und auf Nüchternheit achten. Es ist, als ob Petrus sich in Vers 17-19 selbst unterbricht und jetzt schon wieder an die Gnade erinnert, wie bereits in Vers 13. Die Gnade – also das Tun Gottes für uns – besteht darin, dass wir erlöst, erkauft, auf jeden Fall losgemacht worden sind.


WIR SIND LOSGEKAUFT WORDEN

Die Nennung des „teuren Blutes Christi“ erinnert an das Passa. Wir sind also beim selben Motiv wie in Vers 13. Als Israel sich damals bereit machte, um Ägypten zu verlassen und in die Freiheit aufzubrechen, war den Familien geboten, ein Lamm zu schlachten und gemeinsam zu essen. Sie sollten das Blut des Lammes an ihre Türpfosten streichen. Wo sie das taten, ging das Verderben an ihnen vorbei (2. Mose 12,13). An die Stelle dieser Lämmer ist Christus als das Lamm Gottes getreten. Er ist derjenige, der das Gericht auf sich genommen hat.

Das Bild vom Loskauf, das Petrus verwendet, ist das eines Sklavenmarktes. Auf einem solchen Markt wurden in der Antike keine freien Menschen angeboten. Männer, Frauen und Kinder wurden als Sklaven zum Kauf angeboten. Das Bild könnte kaum drastischer sein. Es zeigt, dass wir nicht frei waren, nicht Herren unserer selbst waren. Über uns wurde bestimmt. Auf diesem Sklavenmarkt ist Gott aufgetaucht. Keine Rede davon, dass er gefeilscht hätte. Er ging hin und hat bezahlt. Er hat mit der Währung bezahlt, die uns die Freiheit brachte: Nicht mit Silber oder Gold, sondern mit seinem „Blut“. Tatsache ist: Er hat bezahlt. Tatsache ist auch: Wir sind frei. Aber eben: Wir sind nicht frei, weil wir immer schon frei waren. Wir sind frei, weil wir losgekauft worden sind.


GOTT RICHTET JEDEN NACH SEINEM WERK

«Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben in Gottesfurcht, solange ihr hier in der Fremde weilt» (Vers 17). Vielleicht verwundert dieser Satz manchen. Haben wir nicht eben gelesen, dass das Gericht Gottes – weil Christus als das Lamm sein Blut für uns vergossen hat – hinter uns liegt? Ja, das tut es. Das ist unbedingt festzuhalten. Wir leben in der festen Hoffnung auf unsere Rettung.

Gemeint ist: Wie wir als Kinder Gottes unser Leben führen, während wir «in der Fremde» sind, das wird ans Licht kommen und seine Würdigung erfahren. Denn wie ich in der mir zugesprochenen Hoffnung auf Rettung lebe, das ist mir ja nicht vorgegeben. Paulus spricht davon sehr präzise in 1. Korinther 3. Heute kann ich mich über mich selbst und über andere täuschen. Aber wenn Jesus wiederkommt und alles aufdeckt, dann wird alles durchsichtig. Dann werde ich auch meiner selbst ansichtig. «Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen» (1. Kor 3,13).


DIE RETTUNG STEHT NICHT AUF DEM SPIEL

Die Frage im Gericht lautet nicht, ob uns Gottes Gnade zugesprochen wird. Das ist uns ja versprochen. Unsere Rettung steht nicht mehr auf dem Spiel. Ans Licht wird kommen, was wir in unserem Leben aus dem Geschenk der Gnade gemacht haben. Wie Petrus (1,7) verwendet auch Paulus (1. Kor 3,12-14) den Vergleich mit dem Feuer. Im Gericht werden wir zusammen mit dem, was wir getan haben, wie durch ein Feuer gehen. Wird das, was wir in unserem Leben getan haben, bleiben — oder wird es verbrennen?

In der kirchlichen Paränese (Ermahnung) hat man immer wieder einmal auf das Gericht verwiesen, damit Christinnen und Christen ihre Lebensführung ernst nehmen. Das hat einer „Pädagogik der Furcht“ Vorschub geleistet. Petrus geht es ebenfalls um die Ernsthaftigkeit des Lebenswandels. Um zu solcher zu ermutigen, verweist er aber gerade nicht auf das Gericht, sondern auf den Preis, der für uns im Loskauf bezahlt wurde. Dankbarkeit dafür, dass Jesus uns durch sein Blut losgekauft hat, ist das Motiv für unsere Lebensgestaltung. Es ist nicht die Furcht vor dem Gericht.



Dienstag, 15. Dezember 2020

1.Petrus 1,13-16

13 Darum umgürtet die Lenden eures Verstandes; seid nüchtern und hofft ganz auf die Gnade, die euch durch die Offenbarung Jesu Christi gebracht wird. 14 Weil ihr Kinder des Gehorsams seid, macht euch nicht den Begierden gleich, die ihr früher während eurer Unwissenheit hattet; 15 sondern wie der, der euch gerufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. 16 Denn es steht geschrieben (3. Mose 19,2): »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.«


Mit Vers 13 beginnt ein zweiter grosser Abschnitt im Brief. Er reicht bis zum Kapitelende. Nun geht es um das, was zu tun ist.

Wir beginnen mit einem Beispiel: Stellt euch vor, ihr habt ein Stipendium für einen Studiengang bekommen. Die Konsequenz ist nicht die, dass ihr darum – weil ihr ins Stipendiat aufgenommen worden seid, weil ihr jetzt finanziert und betreut werdet, – euch darüber freut und euch die nächsten drei Jahre ausruht. Sondern ihr werdet euch mit Einsatz daran machen, das zu erarbeiten und zu erlangen, wofür ihr das Stipendium beantragt habt.


WIE SOLLEN WIR LEBEN?

Petrus setzt in Vers 13 mit dem Bild von Menschen ein, die sich zum Aufbruch bereit machen. «Die Lenden zu gürten» hiess damals, das lange Alltagskleid hochzuraffen und in den Gürtel zu stecken. So ist man reisefertig, so kann man gut laufen. Mit unserem Abschnitt beginnt Petrus über den Weg zu schreiben, auf den die Gemeinden gerufen sind. Er schreibt von der Lebensführung, dem «Way of Life» (Vers 15.17.18) der christlichen Gemeinde. Luther übersetzt etwas altmodisch mit «eurem ganzen Wandel». Wie sollen sie jetzt leben? Wie sollen wir leben?

Petrus bezieht sich in diesen Versen mehrmals auf die Feier des Passa beim Auszug aus Ägypten. Das Volk Israel macht sich auf den Weg. Es macht sich zum Aufbruch bereit: «So sollt ihr's aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füssen haben und den Stab in der Hand und sollt es in Eile essen; es ist des HERRN Passa» (2. Mo 11,11) Wenn es jetzt um die Lebensführung der Gemeinden geht, setzt Petrus mit der Erinnerung an einen Aufbruch ein. Gott hatte seinem Volk zugesagt, sie aus Ägypten hinaus und in ein neues Land herein zu bringen, das Gott ihnen versprochen hat (2. Mose 11,17.25). Petrus schreibt den Gemeinden, dass sie losgehen sollen, so wie Israel damals losgegangen ist.


GEHEN ODER STOLPERN?

Darum umgürtet die «Lenden eures Verstandes» (Vers 13). Das Wort für Verstand meint das Unterscheidungsvermögen, meint unsere Fähigkeit zu «unterscheiden». Wenn ihr als Christen aufbrecht, wenn ihr euren Weg als glaubende Menschen geht, dann tut das als Menschen, die unterscheiden können. Ihr sollt unterscheiden können, was von Gott her kommt, und was nur so klingt und nur so aussieht. Schon interessant, dass Petrus das Unterscheidungsvermögen an erster Stelle nennt.

Seid als Menschen unterwegs, die «unterscheiden» können und seid als Menschen unterwegs, die «nüchtern» sind. Beide Attribute zeigen in dieselbe Richtung. Sich nichts vormachen lassen (= unterscheiden können) und nicht wie trunken in verschiedene Richtungen wanken, mal hierhin mal dahin (= nüchtern sein). Nüchtern sein meint, dass ich Kontrolle und Bewusstsein habe über das, was ich tue. Nicht nur Petrus, auch Paulus liebt dieses Wort, wenn er den Gemeinden schreibt (1. Kor 15,34; 1. Thess 5,6 und öfter).

Vielleicht kann man sich fragen, wie Menschen aussehen, die nicht «gegürtet» sind und die «trunken» sind. Sie gehen nicht, sondern sie stolpern. So wie man über seine Kleider stolpern kann, so stolpern sie, weil sie verwirrt werden durch ihr mangelndes Urteilsvermögen. Sie stolpern einmal hierhin, einmal dahin. Wenn ich Petrus zuhöre, welches Bild kommt mir für mein eigenes Gehen in den Sinn?


HÖREN ODER SICH BEHERRSCHEN LASSEN?

«Ihr seid Kinder des Gehorsams», schreibt Petrus (1,2). Diese Formulierung ist heute missverständlich. «Kinder» bezieht sich in der Bibel so gut wie nie auf ein kleinkindliches Entwicklungsstadium, also nie auf fehlende Mündigkeit. Christen sollen sich ja gerade nicht wie Unmündige verhalten: Sie sollen ein gutes Urteilsvermögen haben, sollen nüchtern und zielsicher ihren Weg gehen.

«Kinder» sind diejenigen, die «von neuem gezeugt» wurden und die darum Gott als ihren «Vater» anreden. Gehorsam zu sein heisst – wir erinnern uns an 1,2 – dass wir hinhören. Die Gemeinde fragt Gott: Wo bist du zu finden? Auf welchen Weg nimmst du uns mit? Solch ein Hinhören geschieht gemeinsam, vorrangig im Gottesdienst. Die Gemeinde soll miteinander darüber reden, was sie von Gott her zu hören meint. Hören lässt sich nicht delegieren.

Dass wir «begehren» können, ist etwas Gutes. Wir müssen wissen, was wir wollen und wohin es uns zieht. Wir sind von Gott her unser Leben lang in ein «Mehr» gerufen, was vor allem ein Mehr an Qualität, an Tiefe, an wirklichem Leben ist. Wenn Menschen nichts mehr wollen, ist das im Regelfall Ausdruck eines Problems.

Petrus geht es also nicht darum, dass Christen nicht begehren. Im Gegenteil. Man soll die eigenen Wünsche und Sehnsüchte kennen und bewusst mit ihnen umgehen. Einmal kann das heissen, dass ich meinen Wünschen folge und z.B. eine Beziehung eingehe, mich einer neuen Aufgabe widme usw. Ein andermal kann es heissen, dass ich ein Begehren bewusst zur Seite lege und verabschiede. Wir erinnern uns: Petrus geht es um unsere Nüchternheit und ebenso um die Fähigkeit unserer Vernunft, klare und kluge Unterscheidungen zu treffen. In solchen Entscheidungen spielt mein Hören eine Rolle. Es geht nicht so sehr darum, ob Gott zu einzelnen Entscheiden Ja oder Nein sagt, sondern darum, ob meine Entscheide in die durch seinen Ruf entstandene Lebensdynamik passen. Es geht um das Gesamt meines Lebens. Wir sollen – so wie der heilig ist, der uns gerufen hat – heilig werden in unserer ganzen Lebensführung (Vers 15). Heilig: Es soll deutlich sein und werden, dass wir zu Gott gehören, dass wir Kinder aus seinem Hause sind.


UND IMMER WIEDER DIE GNADE

Petrus wiederholt sich. Er erinnert, dass wir unsere «Hoffnung ganz auf die Gnade setzen» sollen (Vers 13). Er hatte schon am Anfang des Briefes geschrieben, dass wir „zu einer lebendigen Hoffnung“ erneuert worden sind (Vers 3). Er kann nicht anders, als daran erinnern, dass unsere Lebensführung einen Grund hat: Mit uns ist es bereits gut geworden.



Sonntag, 13. Dezember 2020

1. Petrus 1,8-9.10-12

IMMER NOCH: LOB

Immer noch lesen wir das Lob, mit dem Petrus seinen Brief an die Gemeinden in der Zerstreuung beginnt (1,3-12). Ja, hoffentlich stimmen auch wir in dieses Lob ein. Eines der Hauptworte in diesem ersten Abschnitt – ja wohl des ganzen Briefes – lautet „Rettung“ (1,5.9.10). Je nach Übersetzung lesen wir auch „Heil“ oder Seligkeit“. Petrus ist überzeugt, dass eben diese „Rettung“ das Ziel des Glaubens ist. Man könnte formulieren: „Darauf läuft alles hinaus.“ Oder: „Am Ende wird sich zeigen, dass für Glaubende alles gut war und ist.“


WIE GESTALTET SICH EURE BEZIEHUNG?

Erstaunlich ist, wie präzis Petrus ist. Glaube ist keine spirituelle Haltung, keine meditative Übung, keine ethische Einstellung, keine religiöse Überzeugung, obwohl es das alles vielleicht auch sein kann. Glaube ist für Petrus vor allem eine Beziehung, und zwar eine Beziehung zu Jesus, dem Christus. Wer von sich sagt, er sei ein glaubender Mensch, ist in erster Linie auf diese Beziehung hin befragbar. Wie sieht deine Beziehung zu Jesus aus? Da darf man nicht ausweichen. Wer eine Beziehung zu jemandem hat, der kann über sie auch reden. Wie gestaltest du also deine Beziehung zu ihm?


NICHT IRGENDWIE, SONDERN LIEBE

Zum Lob des Petrus gehört, dass er um diese Beziehung der Gemeindeglieder zu Jesus weiss. Sie hat eine konkrete Gestalt, über die er mit dem Empfängern des Briefes reden kann. Gerade das, so meint er, gehört zum Erstaunlichen: Zwischen Jesus und Euch ist es zur Liebe gekommen (1,8). Und das, obwohl Ihr Jesus ja noch gar nie gesehen habt. Aber genau das ist es. Wenn in der Bibel vom Glauben an Jesus die Rede ist, dann ist eine beschreibbare Beziehung gemeint. Und wenn von dieser die Rede ist, dann ist eine Liebe gemeint. Auf unsere Liebe hin sind auch wir befragbar.

Petrus selbst wusste um den Zusammenhang von Beziehung, Glaube und Liebe. Er hatte Jesus unmittelbar vor seinem Sterben verleugnet. „Ihn kenne ich nicht“, hat er gesagt, und zwar gleich dreimal (Joh 18,15-18.25-27). Nach seiner Auferstehung hat Jesus ihn gefragt. Nicht nach seiner Beziehung zu ihm, nicht nach seinem Glauben an ihn. Gefragt hat er: „Petrus, liebst du mich?“ (Joh 21,15-19). Warum macht er das? Warum fragt Jesus seinen Jünger nicht nach seiner Beziehungsdefinition, nicht nach seinem Glauben? Warum fragt er nach seiner Liebe zu ihm?


LEIDEN UND HERRLICHKEIT

Tatsächlich klingt es so, als ob es für das Leben und für den Glauben so etwas wie unterschiedliche Etappen gibt. Einmal ist es der gegenwärtige Zeitabschnitt der Versuchung, der Traurigkeit, des Leidens. Aber dann auch: Die Zeit, wenn Jesus wiederkommt, wird eine Etappe sein. Einerseits liegt diese Zeit noch vor uns. Andererseits: Sollte und könnte diese Herrlichkeit wenigstens zeichenhaft bereits jetzt angebrochen sein? Wir glauben doch, dass Jesus bereits jetzt unter uns und mit uns unterwegs ist. Hatten wir es nicht im früheren Impuls so formuliert: ‚Noch nicht‘ - aber doch auch ‚jetzt schon‘?


SIE GEHÖREN ZUSAMMEN …

Sehen wir noch einmal genau hin, wie Petrus darüber spricht. Wir werden in Versuchungen betrübt, schreibt er (1,6) und meint, dass „es [so] sein muss“ (ebda). Dahinter erkennt Petrus durchaus einen Sinn. Durch die Versuchung wird unser Glaube bewährt und wird, wie das Gold durch Feuer, gereinigt und erst recht kostbar. Auch das Ziel ist klar: „Lob und Preis und Ehre beim Offenbar-Werden Jesu Christi“ (1,7). Wie klingt das? Auf jeden Fall nicht so, als ob Erfahrungen der Versuchung und des Leidens eigentlich nicht oder nicht mehr sein dürften.

Es klingt auch in keiner Weise danach, dass der Glaube ein Weg oder eine Methode ist, diese Zeit der Versuchung und des Leidens zu verkürzen oder zu vermeiden. Nein. Leiden und Versuchung gehören zum Weg der Christinnen und Christen hinzu. Petrus (und auch die übrigen Zeugen des Neuen Testaments) machen daraus keine besondere Angelegenheit. Der Glaube, die Beziehung zu Jesus ist kein Schutz VOR der Versuchung und dem Leiden. Er ist eine Hilfe zur Treue IN Versuchung und Leiden. Wir werden bewahrt IN der Versuchung und nicht VOR der Versuchung. Das aber bedeutet gleichzeitig: Betrübnis gehört zum Glauben dazu. Hat Jesus nicht ganz ähnlich gesprochen: „Selig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen …“ (Mt 5,11 u.a.)


WAS WUSSTEN DIE PROPHETEN?

Petrus fügt eine Beobachtung an, die uns womöglich fremd erscheint. Aber es lohnt, sie zu betrachten.

• Der Geist, der in den Propheten wirksam war, hatte klare Einsicht in die Gnade, die für die christliche Gemeinde bestimmt war.
• Diese Gnade verwirklicht sich in der Rettung, die der Gemeinde durch Jesus geschenkt wird.
• Christi Leiden und die darauf folgende Herrlichkeit sind eine unauflösbare Einheit. Leiden und Herrlichkeit sind nicht zwei Wege Gottes. Sie sind EIN Weg Gottes zur Gnade bzw. zur Rettung.
• Unklar war den Propheten zunächst, für welche Zeit ihre Einsicht bestimmt war.
• Darauf wurde ihnen aufgedeckt (offenbart), dass die Einsicht in die Einheit des Weges Gottes für die christliche Gemeinde, also für die Generation NACH der Ankunft des Messias bestimmt war — und nicht für die Generation der Propheten selbst, also nicht für die Zeit der VORBEREITUNG auf die Ankunft des Messias.

Ist das der Gedankengang, den Petrus mit den Gemeinden teilen will? Wenn ja, was meint er damit? Wir machen einen Vorschlag, wie man diese Formulierung des Petrus verstehen könnte. Die Propheten haben drei Dinge begriffen:

• Einmal lassen sich auf dem Weg der Gnade und der Rettung Leiden und Herrlichkeit nicht voneinander trennen. Der Weg Jesu war ein Weg ins Leiden. Genau dieser Weg aber war der Weg Gottes zur Rettung, zur Herrlichkeit. Es ist entscheidend, dass man diese Einheit erkennt und an ihr festhält. Dasselbe gilt auch heute bzw. überall, wo Gott an und mit Menschen handelt. Leiden und Herrlichkeit sind kein Widerspruch. „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wo es aber stirbt bringt es viel Frucht“ (Joh 12,24).
• Dann: Diese Einheit von Leiden und Herrlichkeit ist entscheidend für die Gemeinde. Nur wenn wir als Gemeinde Einsicht in diese Einheit von Tod und Auferstehung gewinnen, können wir das Evangelium verstehen.
• Endlich: Die beschriebene Einheit von Leiden und Herrlichkeit kennzeichnet nicht nur Gottes Handeln in Christus. Sie beschreibt auch Gottes Handeln mit seinen Boten, mit seiner Gemeinde, mit den Glaubenden. Auch für sie gilt: Der Weg zur Herrlichkeit und der Weg ins Leiden bilden eine unauflösbare Einheit.


NICHT EINMAL DIE ENGEL

Wer versteht Gottes Wege? Wie kommt man zu ihrem Verständnis? Petrus ist mit Paulus eins darin, dass diese Einsicht der Gemeinde im Evangelium zuteil wird. Die Engel besitzen keine tiefere Erkenntnis. Sie sind keine Halbgötter, die wir im Blick auf Gott und seine Geheimnisse befragen müssten, sollten oder könnten. Eher ist es umgekehrt. Die Engel lauschen in unseren Gottesdiensten neugierig darauf, was im Evangelium verkündet wird. Auch für sie gibt es keinen anderen Weg zur Erkenntnis Gottes. Vgl. 1,12 und Eph 3,10. Frage: Was bekommen sie zu hören, wenn sie in unseren Gottesdiensten das Evangelium hören wollen?



Donnerstag, 10. Dezember 2020

KOSTBARER ALS GOLD – 1. Petrus 1,6-7

«6Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Versuchungen, 7 auf dass euer Glaube bewährt und viel kostbarer befunden werde als vergängliches Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus.» (1. Petrus 1,6-7)

Als glaubende Menschen leben wir in einer Spannung. Wir haben sie die Spannung des JETZT SCHON und des NOCH NICHT genannt. Jesus hat seine Herrschaft bereits angetreten (Mt 28,18). Das ist JETZT schon so. Gleichzeitig ist seine Herrschaft NOCH NICHT aufgedeckt, also noch nicht ‚offenbart‘. Das geschieht dann, wenn Jesus Christus wiederkommt (Vers 5 und 7). Wenn alles ans Licht kommt, dann „werdet ihr euch freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude“ (Vers 8).

Es ist gut, wenn man sich das immer wieder klar vor Augen hält und sich zuspricht. Rechtlich gesehen sind die Verhältnisse jetzt schon geklärt. Sie sind aber jetzt noch nicht durchgesetzt. Es ist nicht der Rechts-Entscheid, der noch aussteht. Dieses Datum liegt hinter und nicht vor uns. Offen ist lediglich der Zeitpunkt, an dem dieses Recht auch endgültig durchgesetzt und damit „offenbar“ wird.


TRAURIG IN MANCHERLEI VERSUCHUNGEN

Petrus schreibt den Christen in Kleinasien: „Ihr seid jetzt traurig in mancherlei Versuchungen“. Die Traurigkeit hat ihre Zeit und sie hat ihren konkreten Anlass. Christen sind also nicht grundsätzlich traurig oder grundsätzlich ein bisschen melancholisch gestimmt. Wenn Zeiten der Versuchung kommen, dann – und genau dann – gehört Traurigkeit zum Christenleben dazu. Petrus sagt, „wenn es sein soll“ (Vers 6). Es ist möglich, dass uns das Leiden ergreift, und wenn es kommt, dann muss es sein. Denn Gott hat es uns gegeben.

Die Traurigkeit hat ihren Anlass darin, dass die Gemeinde sich als „versucht“ erfährt. Gottes Herrschaft ist – wie gesagt – noch verborgen und andere Herrscher treten auf. Christen werden im römischen Reich der frühen Kaiserzeit (bis 96 n. Chr.) nicht verfolgt, leben aber in einem Zustand der Rechtsunsicherheit. Sie müssen mit Nachteilen rechnen, wenn sie sich zum Glauben an Jesus Christus bekennen. Üblich war es, an jedem Ort dem Kaiser in Rom seine Loyalität zu zeigen, indem man sich am Kaiseropfer beteiligt. Juden und Christen haben sich nicht beteiligt und galten damit als potenziell nicht verlässlich. Das schränkte ihre Teilhabe am öffentlichen Leben ein. Denn das gesamte öffentliche und auch das geschäftliche Leben spielte sich in Verbindung mit der lokal gepflegten religiösen Tradition ab. Einen religiös gesehen ‚neutralen‘ Bereich gab es weder im öffentlichen noch im privaten Leben. Sprich: Geschäftsabschlüsse traf man während einer gemeinsamen Opferfeier in einem der örtlichen Tempel. Konnte man sich als Christ dem entziehen?

Die Versuchung – man kann auch übersetzen: die Anfechtung – besteht darin, dass Christen das Leben so erfahren, dass sie sich überlegen: Sollen wir nicht lieber vom Glauben Abschied nehmen? Oder – weniger radikal – sollen wir die Übung unseres Glaubens auf den privaten Bereich reduzieren, um so einer ganzen Reihe von Schwierigkeiten zu entgehen?


DER GLAUBE IST DYNAMISCH

In diesen Zeiten der Versuchung geschieht etwas mit euch, sagt Petrus. Er sagt das nicht düster oder deprimiert. Seine Sprache ist eher bzw. im Gegenteil fast jubelnd! Petrus hat den Glauben der Menschen in Pontus, Galatien, Kappadozien usw. vor Augen und sagt: „Als so schön, leuchtend, rein und kostbar zeigt sich euer Glaube! Er ist kostbarer als vergängliches Gold, das durchs Feuer geläutert wird.“ Das Bild der „Läuterung durch das Feuer“ war allen verständlich. Edelmetalle waren nach der Schmelze im Feuer ungleich kostbarer als vorher. Petrus sieht den Glauben offensichtlich nicht als etwas Statisches. Glaube kann sich bewähren und dadurch an Klarheit und Schönheit gewinnen.


SICH ALS VERLÄSSLICH ERWEISEN

Dass Glaube sich bewährt, heisst nichts anderes, als dass Menschen sich in widrigen Situationen als verlässlich erweisen – gegenüber Gott und gegenüber anderen Menschen. Dass ein Mensch sich unbedingt auf Gott verlässt, dass er an Gott festhält, darin besteht sein Glaube. Damit ehrt er Gott und das löst grossen Jubel aus. Die Bewährung eures Glaubens wirkt „Lob, Preis und Ehre“, wenn Jesus Christus offenbart wird (Vers 7).

Es fällt auf, dass Petrus an dieser Stelle nichts davon schreibt, dass sich der Glaube seiner Adressaten nicht bewähren könnte. Da gibt es kein: Jetzt passt ja alle auf, dass euer Glaube sich nicht als Täuschung erweist. Diese Zuversicht kann ihren Grund nur darin haben, dass Gott die Quelle des Glaubens ist. Er hat den Glauben gemacht und ihn den Seinen gegeben und wird auch dafür besorgt sein, dass sie ihn durchhalten (Philipper 1,6; Hebräer 12,2). Petrus selbst hat gewusst, dass Jesus für ihn gebeten hat, damit sein Glaube nicht aufhört (Lukas 22,32)

Ich, Ulrike, habe 2018 bei einem längeren Besuch in Ägypten koptische Christinnen und Christen kennengelernt. Sie rechnen ganz selbstverständlich mit der Möglichkeit des Martyriums. Sie haben Anschläge in ihren Kirchen in Kairo erlebt. Ich habe diese Christen – für mich überraschend – nicht als unsicher wahrgenommen. Es ist ihnen selbstverständlich, dass es Gott ist, der seine Gemeinde ins Leiden führt. Das ist kein Unglück, sondern es ist eine Würdigung, von Gott auf diesen Weg des Leidens geholt zu werden. Beides steht nebeneinander: Die Traurigkeit über den Verlust ihrer Angehörigen und die Freude darüber, Gott mit dem eigenen Glauben ehren zu dürfen. Auf dieser Reise 2018 haben wir koptische Christinnen und auch Priester gefragt, was das Leiden mit ihren Gemeinden macht. Wie werdet ihr verändert? Sie haben unabhängig voneinander geantwortet: Wir wachsen in der Liebe. Wir rücken näher zu Gott hin.


WIE IST ES MIT UNS?

Manche Geschehnisse oder Lebensumstände werden sich auch für uns als Zeit der Versuchung herausstellen. Sie helfen dazu, dass wir uns als wahr – heisst als verlässlich – erweisen: gegenüber Gott und gegenüber Menschen. Vielleicht bekommt jetzt der eine oder andere Angst. Wenn ich versucht werde, kann es dann sein, dass es bei mir nicht reicht, dass ich mich nicht als verlässlich erweise? Vielleicht ist das so, und mir werden die Augen über mich selbst geöffnet. Gott rettet mich davor, mich über mich selbst zu täuschen. Wo es bei mir nicht reicht, da bitte ich Gott darum, dass er mich weiterbringt. Und er tut es. Wir werden gerichtet durch Jesus, der sich an unserer Stelle hat richten lassen.


Dienstag, 8. Dezember 2020

EINE LEBENDIGE HOFFNUNG – 1. Petrus 1,3-9


Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner grossen Barmherzigkeit wiedergezeugt hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, 4 zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch, 5 die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereitet ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit. 6 Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, 7 auf dass euer Glaube bewährt und viel kostbarer befunden werde als vergängliches Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus. 8 Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, 9 wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.


DAS LOB GOTTES

Der Brief setzt mit einem Lob Gottes ein. «Gelobt – wörtlich: gesegnet – sei Gott, der Vater unsres Herren Jesus Christus». Das fällt auf. In antiken Briefen ist nämlich eine Danksagung am Briefanfang üblich, kein Lob. Man dankt für etwas. Daran hält sich auch Paulus in seinen Briefen (Röm 1,8; Phil 1,3; 1.Thess,1,2f und öfter). Weil Paulus so konsequent dankt, fällt beispielsweise auf, dass er den Galaterbrief gerade nicht mit einer Danksagung beginnt. Das sagt bereits viel über den Inhalt dieses Briefes. Wenn Paulus sonst seine Briefe mit einer Danksagung beginnt, dann ist die Gemeinde «Gegenstand» seines Dankens («Zuerst danke ich meinem Gott durch Jesus Christus für euch alle») und die Gemeinde ist im selben Atemzug oft auch «Gegenstand» der Fürbitte.

Petrus setzt also mit einem Lob Gottes ein. Im Lob wird gesagt, wer Gott ist. Darum ist in der orthodoxen Kirche das Lob Gottes die höchste Form der Theologie. Im Lob benennen wir, wer Gott ist und was Gott getan hat. So macht das auch Petrus hier, und zwar äusserst präzise. Was also hat Gott getan?


GOTT BEGINNT NEUES

Interessanterweise heisst es in Vers 3 eher nicht, dass wir «wiedergeboren» wurden, auch wenn sich diese Übersetzung in der Kirche verbreitet hat. Das griechische Wort ginomai/gennao, heisst einfach nur «werden», «entstehen». Gott lässt wieder «werden», lässt das Leben noch einmal «entstehen». Gemeint ist: Gott fängt mit uns noch einmal ganz von vorne an. Er repariert nicht, er beginnt neu. Neues Leben beginnt mit der Zeugung und nicht erst mit der Geburt.

Es ist gut, wenn man genau hinhört, was Petrus hier betonen will. Der Grund für diesen Neubeginn liegt nicht in uns. Er liegt ausschliesslich bei Gott selbst, und zwar in seiner «grossen Barmherzigkeit».


EINE LEBENDIGE HOFFNUNG

„Gott hat uns nach seiner grossen Barmherzigkeit wiedergezeugt zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“.

Wir sind also zu Menschen mit einer lebendigen Hoffnung gemacht geworden. Vielleicht empfindet das mancher als enttäuschend, weil er sich fragt: Ist das jetzt nur eine Hoffnung? Hofft denn nicht jeder auf irgendetwas und weiss nicht, ob es eintreffen wird oder nicht? Im Deutschen hat Hoffnung den Klang von etwas Vagem, etwas Ungewissem.

In der Sprache der Bibel ist das anders. Hoffnung ist etwas Gewisses, weil sie einen festen Grund hat. Der feste Grund, von dem Petrus schreibt, ist Jesu Auferstehung von den Toten. Mit seiner Auferstehung hat das Neue auch für uns bereits unwiderruflich begonnen. Wenn Petrus also von einer Hoffnung spricht, dann betont er gleichzeitig zwei Aspekte: Einmal ist das Neue in unserem Leben noch nicht endgültig sichtbar. Darum sind wir immer noch Wartende. Andererseits gibt es nichts, das uns gewisser wäre. Hoffnung in der Bibel ist immer „Hoffnungs-Gewissheit“.


ZWEI ÄNGSTE

Wir warten also darauf, dass Gottes Handeln für alle sichtbar wird. Das Sichtbarwerden geschieht „zur letzten Zeit“ (Vers 5). In der Zwischenzeit könnten theoretisch gesprochen zwei Dinge geschehen. Petrus spricht zwei Ängste an. Was Gott uns geschenkt und zugesprochen hat, erscheint uns auf doppelte Weise gefährdet. Das Erbe selbst könnte auf dem Spiel stehen. Oder auch wir könnten zugrunde gehen.


DAS ERBE WIRD AUFBEWAHRT

Petrus schreibt, dass ein «unvergängliches und unbeflecktes und unverwelkliches Erbe» für uns im Himmel aufbewahrt wird (Vers 4).

Wer ein zukünftiges Erbe antritt, könnte unsicher werden. Ist das Erbe später noch vorhanden? Wir kennen das aus unseren Familien. Wer in einigen Jahren von Eltern und Verwandten erben wird, weiss nicht, ob das Geld dann überhaupt noch da ist. Vielleicht hat eine Entwertung von Geld und Eigentum stattgefunden. Oder das Erbe wurde angerührt, weil sich Lebensumstände in der Zwischenzeit geändert haben.

Petrus sagt, dass das Erbe für uns im Himmel aufbewahrt wird. Es ist nicht unsere Sache, das zu tun. Auch das ist Gottes Sache. Das ist Petrus so wichtig, dass er dreimal sagt, dass das Erbe nicht angerührt und nicht beschädigt wird. Von dem, was Gott uns zugesagt hat, geht gewiss nichts verloren.


WIR SELBST WERDEN BEWAHRT

Nun könnte die Gemeinde denken, dass sie als Gemeinde vielleicht gar nicht bis ans Ziel kommen wird. Oder einzelne Christen haben Angst, dass sie diese „letzte Zeit“, in der alles ans Licht gebracht wird, gar nicht erst erreichen. Petrus sagt den Christinnen und Christen zu: Ihr müsst keine Angst haben. «Ihr werdet aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt» (Vers 5).

Wieder: Es ist nicht unsere Anstrengung, dass wir am Ziel ankommen, dass wir dabei sind, wenn Gott sein Tun vollendet. Es ist „Gottes Macht“, die dafür Sorge trägt, dass wir ihm nicht zwischenzeitlich abhanden kommen. Er bewahrt uns.


ES IST NOCH NICHT SICHTBAR

Gott hat uns „gezeugt hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten» und in den Himmeln wartet auf uns «ein unvergängliches (…) Erbe“. Das ist jetzt noch nicht zu sehen, weder für Aussenstehende, noch für uns selbst. Es ist eben nicht so, dass fremde Menschen auf die Gemeinde hinzeigen und staunend sagen: „Schau mal, da muss doch ein Gott eingegriffen haben, dass es so phantastisch bei ihnen aussieht. So viel Leben und solche Fülle! Lass uns hingehen und auch etwas davon mitnehmen.“

Lasst uns noch einmal hinschauen. Wie ist das mit dem neuen Leben, das wir durch Jesus Christus haben? Was ist zu sehen, und was ist nicht zu sehen?

Bereits heute ist sichtbar, wie wir leben. Man merkt, worauf wir unsere Hoffnung setzen, wie wir als Glaubende miteinander umgehen und wie wir mit anderen Menschen umgehen. Aber dass Gott eingegriffen hat, das ist nicht so eindeutig, wie wir uns das wünschen. Wir glauben es, weil Jesus uns das zusagt. Auf das eindeutige Sehen aber warten wir.

Vielleicht wendet jemand ein, dass man doch einiges an Gottes Gemeinde sehen kann. Zum Beispiel Freude, Glauben, Solidarität, innere Freiheit. Das ist hoffentlich so. Aber das kann – in den Augen anderer Menschen – immer auch einen anderen Grund haben. Dass es unmissverständlich Gott ist, der unter uns wirkt, das kann nur derjenige wahrnehmen, dem von Gott die Augen dafür geöffnet wurden.


MANCHMAL GESCHIEHT ES ZEICHENHAFT

Gab es nicht immer wieder Zeiten in der Geschichte, in denen das Neue, das Jesus in die Welt gebracht hat, so unmissverständlich ans Licht trat? Johann Christoph Blumhardt hat einmal gesagt, Gott habe in seiner Lebenszeit (ab 1838 in Möttlingen bzw. später in Bad Boll) die Tür des Himmels einen Spalt weit geöffnet. In diesen Jahren wurden viele Menschen sichtbar geheilt und sichtbar von ihren Bindungen befreit. Die Veränderungen konnten alle sehen. Um es zu sehen musste damals niemand erst glauben. Und doch schien es, als ob sich diese Tür später wieder schloss. Wie ist das zu verstehen?

Es ist Gottes Geschenk, wenn er - im Bild gesprochen - bereits jetzt „die Tür öffnet“. Was bei Gottes endgültiger Wiederkunft für alle Menschen Wirklichkeit werden wird, das wird in Zeiten eines geistlichen Aufbruchs (wie damals bei Blumhardt; es gibt natürlich auch andere Beispiele) bereits jetzt „zeichenhaft“ sichtbar. In einer solchen Zeit wird etwas vorweggenommen. Als Gemeinschaft von Glaubenden dürfen wir das erbitten. Aber es gibt kein Recht darauf, dass das unter uns jetzt schon und immer schon geschieht. Es gibt auch keine ‚Technik‘, kein besonderes Gebet, keine besondere Reifung, durch das bzw. durch die wir solche Erfahrungen bereits jetzt machen. Petrus spricht unmissverständlich davon, dass es eine Zeit geben wird, in der Christus für uns alle „offenbar“ wird.


JETZT UND NOCH NICHT

Das griechische Wort „offenbar werden“ ist hilfreich. Es meint, dass dann etwas „aufgedeckt“ werden wird. Dann wird so etwas wie eine Decke, die jetzt noch die wahren Machtverhältnisse verhüllt, weggenommen. Petrus spricht vom „Offenbarwerden Jesu Christi“ (1,7). Genau müsste man übersetzen, es gehe um eine „Aufdeckung“ (Apokalypsis) Jesu. Jesus selbst sagt: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ (Mt 28,18). Dass es so ist, das ist uns jetzt noch weitgehend verhüllt. Dass es verhüllt ist, bedeutet aber nicht, dass es nicht jetzt bereits wirklich wäre. Genau das ist die Spannung, in die man als glaubender Mensch, in die wir als glaubende Gemeinde gestellt sind. Einerseits: Es ist JETZT SCHON so. Andererseits: Es ist jetzt NOCH NICHT aufgedeckt (offenbart). Wir müssen uns das als Glaubende immer wieder selbst zusprechen: Es IST schon da, auch wenn wir es jetzt noch nicht sehen können. Was werden wir sehen, wenn es dann einmal enthüllt werden wird? Wir werden sehen, dass Gottes Wirklichkeit uns die ganze Zeit umgeben und erfüllt hat. Nur unseren Augen war es verhüllt. Was wir für eine Abwesenheit Gottes halten, das war und ist in Wirklichkeit seine Nähe, für die unsere Augen blind sind.

Damit stehen wir wieder am Anfang unseres Abschnitts. Petrus beginnt mit einem Lob Gottes. Wie anders sollte er diesen Brief beginnen? Wie anders sollten wir unser Gespräch über diesen Brief beginnen?


FRAGEN FÜRS GESPRÄCH

Wie ist das mit unserer Sehnsucht danach, dass das Neue, das Gott begonnen hat, sichtbar wird? Kennen wir Kirchen, die mit der Sichtbarkeit von Gottes Wirken werben? Was denke ich darüber?



Sonntag, 6. Dezember 2020

1. PETRUS 1,1-2

Ein Brief in der Antike beginnt mit der Nennung des Absenders sowie der Nennung des Empfängers bzw. der Empfänger. So ist es auch hier. WER schreibt? „Petrus, Apostel Jesu Christi“. Petrus, der den Brief von Rom aus schrieb und versandte, war ein anerkannter Sprecher der Gesamtkirche. Er selbst nennt sich „Abgesandter Jesu Christi“. Ein Gesandter war in der Antike ein bevollmächtigter Sprecher, der anstelle seines Herrn auftreten konnte. „Der Gesandte eines Herrn ist wie dieser selbst.“ Petrus gibt damit zu verstehen, dass die „verstreuten“ Christen in Kleinasien Jesus selbst am Herzen liegen, indem der Sprecher der Gesamtkirche betend an sie denkt und ihnen schreibt. Sie sind nicht vergessen.

WEM wird geschrieben? Petrus nennt fünf römische Provinzen beim Namen, die auf dem Gebiet der heutigen Zentral- und Westtürkei liegen. Briefe wurden damals meist durch Boten versandt. Die Landkarte lässt vermuten, dass ein Bote den Brief von einer Gemeinde zur anderen brachte. Die Reiseroute beginnt am östlichen Schwarzen Meer, führt nach Süden, dann nach Westen und wieder gen Norden zum Schwarzen Meer. Die Gemeinden hatten also auch untereinander Kontakt, wussten von einander, nahmen am Ergehen der einzelnen Gemeinden teil.


VOM ALTEN TESTAMENT HER GUT BEKANNT

Mit drei Begriffen werden die Gemeinden bzw. deren Glieder näher gekennzeichnet. Sie sind die, die Gott ausgewählt hat. Sie sind „Fremdlinge“ und wohnen „in der Zerstreuung“, also in der Diaspora. Das sind drei Begriffe, die vom Alten Testament her gut bekannt sind. Bereits seit dem Untergang Jerusalems (585 v. Chr.) wohnte Gottes Volk „in der Zerstreuung“. Man gehörte weiterhin zusammen, wusste weiterhin voneinander, war weiterhin ein Volk. Aber man lebte nicht mehr im selben Land. Die „Zerstreuung“ ist der Ort, an dem man darauf wartet, dass Gott sein Volk wieder zusammen führt. Was seit der Zeit des Alten Testaments für Israel gilt, das gilt nach Petrus auch für die Mitglieder der christlichen Gemeinde. Sie sind EIN Volk, EINE Kirche, wissen voneinander, nehmen Anteil aneinander …

In dieser „Zerstreuung“ sind Christen „Fremdlinge“. In diesem Begriff geht es um das geistliche und ebenso um das politische Wohnrecht. Ein „Fremdling“ hat kein volles Bürgerrecht, wohl aber ein beschränktes „Wohn- und Arbeitsrecht“. In der Schweiz würde man sagen, er sei Ausländer mit „Niederlassungsbewilligung“. Was also durchaus politisch zutrifft, das hat auch geistlich seine Bedeutung für das Leben von Christen in dieser Welt. Wir haben hier „keine bleibende Stadt“ (Hebr 13,14). „Unser Bürgerrecht“ (das Reich, in dem wir Bürger sind) ist in den Himmeln (Phil 3,20).


DER GRUND LIEGT NICHT IN MEINER WAHL

Hinter all dem steht, dass Gott uns gewollt hat. Unser Glaube beginnt nicht damit, dass wir Gott gesucht haben. Er hat uns gesucht, hat uns gerufen, hat uns „zuerst geliebt“ (1. Joh 4,10.19). Die Initiative ging von ihm aus. Darum gründet unser Glaube darin, dass ER uns gewollt und gewählt hat.

Immer einmal sind Menschen von dieser Aussage irritiert. „Was ist dann mit …?“ Dieser Gedanke hat aber hier nichts zu suchen. Die Rede von Gottes Erwählung will Christinnen und Christen gewiss machen, dass der Grund ihres Glaubens in Gott und in seiner Wahl liegt. Der Grund liegt also nicht in mir, nicht in meiner Wahl. Ich bin mit Gott unterwegs, weil ER mich gewollt, weil ER mich gerufen hat. Mehr und anderes ist damit nicht gesagt. Was mit „den anderen“ ist, das ist Gottes Sache. Und wir wissen, dass Gott gut ist.


WARUM, WODURCH, WOHIN

Bemerkenswert ist, dass der Hinweis auf den erwählenden Gott in Vers 2 dreifach entfaltet wird. Es ist gut, wenn man das langsam betrachtet. Man könnte sagen: Gott ist an unserer Gewissheit, dass wir mit ihm zusammen gehören, in dreifacher und je verschiedener Weise beteiligt. Petrus spricht von Gott als vom Vater, vom Geist und von Jesus als dem Christus. Auf Gott geht unsere Erwählung in dreifacher Weise zurück:

• in der Frage, WARUM wir gewählt sind,
• WODURCH uns diese Wahl zuteil wird
• und WOHIN uns Gottes Wahl führt.

Im Vater gründet unsere Erwählung, insofern er davon „vorher“ - also vor unserem eigenen Wissen und Bemühen – weiss bzw. gewusst hat. Gottes Geschichte mit mir hat begonnen, noch bevor es mich gegeben hat (vgl. Eph 1,4).

Petrus spricht an zweiter Stelle vom Geist. Dessen Aufgabe war und ist die „Heiligung“, durch die uns die Wahl Gottes zugeeignet wird. Entgegen einem weit verbreiteten Verständnis ist Heiligung eine Aufgabe des Geistes und nicht des Menschen. Gott ist heilig. Darum ist auch alles, was Gott gehört, heilig. Das ist die Aufgabe des Geistes: dass er alle, die zu Gott gehören, zu ihm bringt und sie in Gottes Bild verwandelt, sie ihm immer ähnlicher macht (2. Kor 3,18). Vor allem: dass in ihnen das Geheimnis, dass sie Gottes Eigentum sind, immer deutlicher zutage tritt. Doch nochmals: Petrus spricht hier von einer Aufgabe und einem Wirken des Geistes und nicht des Menschen. Im Neuen Testament hat das Verbum „heiligen“ nie den Menschen zum Subjekt.


GEHORSAM ZU JESUS CHRISTUS

Der Geist Gottes führt den Menschen in den Gehorsam gegenüber Jesus Christus. Das ist das dritte. Petrus spricht Jesus, dem Christus, zu, wohin uns Gottes Wahl führen soll und wird. Dem Gehorsam liegt das Hören zugrunde. Gott ist ein redender Gott. Darum verbindet er sich mit Menschen durch ihr Hören. Gehorsam ist die immer neue Einwilligung des Menschen in das, was wir von Gott her zu hören bekommen. Für unser Verständnis wichtig ist, dass der Gehorsam primär nicht auf Vorschriften, auf Gebote usw. ausgerichtet ist, sondern auf Gott und sein lebendiges Reden. Gehorsam ist Ausdruck einer lebendigen und personalen, einer ‚hörenden‘ Beziehung. Darum spricht Petrus auch vom „Gehorsam zu Jesus Christus“.


DER EINMALIGE BUNDESSCHLUSS

Für unser Verständnis schwieriger ist der zweite Teil. Gottes Wahl führt uns nicht nur in den Gehorsam, sondern auch „zur Besprengung des Blutes Jesu Christi“. Im alttestamentlichen Opfergottesdienst wurden Tiere geopfert. Besprengung durch Blut bedeutete, dass die sühnende, d.h. die reinigende Wirkung des Todes des Opfertieres im Opfergottesdienst den Menschen bzw. der Gemeinde vermittelt wurde. Besprengt aber wurde in der Regel nur das Heiligtum sowie der Altar, nicht aber ein Mensch. Eine Besprengung von Menschen gehört nicht in den Gottesdienst. Allerdings gibt es zwei Ausnahmen. Die eine ist die Weihe, mit der das Geschlecht Aarons in den Priesterdienst eingesetzt wurde (2. Mose 29,21). Für die christliche Gemeinde bedeutsam wurde die zweite Ausnahme. Beim Bundesschluss zwischen Gott und seinem Volk wurde das ganze Volk mit Blut besprengt (2. Mose 24). In Analogie dazu hat Jesus vom Abendmahlskelch als dem „Blut des Bundes“ gesprochen und dabei an 2. Mose 24 gedacht. Bei der „Besprengung mit dem Blut Christi“, von dem Petrus in unserem Vers spricht, geht es also um den einmaligen Bundesschluss. Gottes Wahl führt mich in Jesus Christus in diesen bleibenden neuen Bund Gottes mit seinem Volk hinein.


GNADE UND FRIEDEN MIT EUCH

Die Brief-Einleitung endet noch in Vers 2 mit einem … Was ist es nun? Ist es ein Wunsch? Ist es eine Zusage? Wir verstehen den Segen Gottes und damit auch diese Formulierung als einen kräftigen Zuspruch: „Gnade und Friede sei mit Euch – und zwar wachsend/zunehmend.“ Petrus erkennt also sowohl in Gottes Gnade wie in seinem Frieden sehr ‚dynamische‘ Gaben, die sich im Menschen verwurzeln, die in ihm reich werden und zunehmen. Das wird ihnen am Ende des Eingangsgrusses zugesprochen.

Wir merken, wie dicht Petrus hier denkt bzw. wie präzise er formuliert. Wahrscheinlich muss man sich daran erst gewöhnen. Dabei darf man die Aussagen des Briefes Schritt um Schritt für sich selbst bedenken: … Fremdling … in der Zerstreuung … gewählt … voraus gewusst … Gottes Geist heiligt … Gehorsam … durch Jesu Tod in den neuen Bund aufgenommen … Gnade … Frieden … immer mehr zunehmend …



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