Das Neueste ...

Ulrike Rasa (Foto: Wolfgang Bittner)

Wolfgang und Ulrike (Foto: Wolfgang Bittner)

Wolfgang 2018 (Foto: Wolfgang Bittner)

                                 Sie  kennen  ... ... uns beide kaum oder noch gar nicht? Dann sind Sie auf unserer Willkommen-Seite am rechten Ort.
Dort erhalten Sie erste Informationen zu uns, unserer Arbeit, unserem Leben – aber auch zu unseren Tätigkeiten und Freunden. Von dieser Seite aus finden Sie gut zu allen weiteren Hinweisen.

... Ulrike Bittner noch nicht und wollen mehr über sie wissen? Dann führt sie diese Seite weiter.

... Wolfgang J. Bittner noch nicht und möchten sich über ihn informieren? Dann klicken Sie hier.

... bereits uns beide?! Dann ist diese Seite mit den untenstehenden Neuigkeiten wahrscheinlich das Richtige für Sie. Lesen und Blättern Sie doch. Sie erfahren dabei, wo und wozu wir in letzter Zeit unterwegs waren.

Auf  dieser  Seite  ... ... informieren wir Sie in der Form eines Journals über Neuigkeiten, die es bei uns bzw. in unserem beruflichen Umfeld gibt: was wir erleben, was uns auffällt, was wir beobachten und was uns fragend macht. Interessiert? Echos freuen uns. Schreiben Sie an ulrike.bittner@bluewin.ch oder an wbittner@bluewin.ch. Wir antworten gerne und so schnell wir können.

Immer  wieder  Neues  ... Donnerstag, 16. September 2021
Ulrike schreibt: Wolfgang und ich sind in Berlin. Wir besuchen meine Familie und - soweit es die Zeit zulässt - manche Menschen, denen wir verbunden sind. Ich hole mir ab und zu ein Zeitfenster-Ticket fürs Schwimmbad im Märkischen Viertel und geniesse das Schwimmen sehr. Wobei Berlin so viele Baustellen und so viel Stau hat, dass es mühsam ist, mit dem Auto irgendwo hin zu kommen.

Heute war ich mit einer Nachbarin in einem neu gegründeten Café im Kiez. Das Café ist noch leer, hat drei unangeschnittene Kuchen in der Vitrine und fast keine Gäste. Als meine Nachbarin aufsteht und gehen muss, bleibe ich noch ein bisschen sitzen und unterhalte mich mit dem Betreiber. Es ist ein älterer Mann, ein Sudanese, der von Haus aus promovierter Naturwissenschaftlicher und sehr initiativ ist. Er fragt mich, was ich mache.

Ich sage, dass ich Theologin bin. Er strahlt und sagt, Theologie sei doch die schönste aller Wissenschaften!! Sie führe in eine Weite des Denkens. ... Von wem habe ich so etwas zuletzt gehört?! Es ist ein Muslim, der mich daran erinnert. Der die Freude versteht, die es macht, dem Wort Gottes nachzuforschen und es mit anderen Menschen zu teilen. Und dabei sein gesamtes Wissen - Sprache, Liebe zur Kunst, wissenschaftliches Denken - mit einzubeziehen. Als ich zahlen will, winkt er ab. Dabei bin ich der einzige Gast im Laden. Die Freude über die Begegnung ist ihm mehr wert als das Entgelt für die Getränke. Ich lege ihm Geld auf den Tisch und sage, dass ich mich freue, dass er und sein Café im Kiez sind.


Dienstag, 7. September 2021
Ulrike schreibt: Ich habe seit dieser Woche Urlaub. Meine Tage teilen sich gerade in drei grosse Zeiten. Zum einen bringe ich unseren Garten einigermassen in Ordnung. Das macht mir Spass, dabei kann ich gut nachdenken oder einen Podcast hören. Ich höre gern Hazel Brugger ("Nur verheiratet") oder Maximilian Pollux ("Der Gangster, die Hure und der Junkie") oder Folk-Musik von Gordon Bok. Wer reinhören will, kann das hier tun: Turning toward the Morning

Gegen Abend fahre ich zum Schwimmen nach Rheinfelden. Ich habe ein Saison-Abonnement gelöst dies Jahr. Das wunderschöne Freibad liegt auf der Schweizer Seite direkt am Rhein. An sonnigen Tagen (diese Woche) sind die Bahnen, die für Schwimmer/innen freigehalten sind, ziemlich voll. Da tummeln sich gesundheitsliebende Seniorinnen und Senioren. Dann kann ich den Rhein ausweichen. Ich meine den abgesperrten Uferbereich des Rheins, denn im Fluss selbst ist die Strömung dieses Jahr zu gefährlich. Manchmal schwimmt man auch im Uferbereich auf der Stelle vor sich hin, weil auch da die Strömungen noch spürbar sind. Das Wasser ist kalt, aber gerade am Abend und in der Abendsonne ist es wunderschön.

Die meiste Zeit verbringe ich gerade mit Aufräumen und v.a. mit dem dem Sichten und Ordnen von Adressen. Es gibt den Mail-Verteiler der Fritz-Blanke-Gesellschaft. Über den werdet ihr auf Wolfgangs Vorträge, Schweige-Exerzitien usw. hingewiesen. Über den Verteiler für Erwachsenenbildung unserer Kirchgemeinde weise ich auf meine Anlässe hin.

Manche Menschen gehören aber zu keiner der beiden Gruppen. Für sie ist es Glückssache, ob sie Bescheid bekommen bzw. Bescheid wissen. Darum überarbeiten Wolfgang und ich unseren Mailverteiler, damit der Informationsfluss besser klappt.


Montag, 6. September 2021
Ulrike schreibt: Wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass in zweieinhalb Wochen - am 25. September 2021 - ein Studientag mit Wolfgang stattfindet. Ort ist der zentral gelegene Saal der evangelisch-methodistischen Kirche im Zeltweg 20 in Zürich (nahe am Kunsthaus Zürich).

Es wird am Studientag darum gehen, wie wir GEWISSHEIT finden. Unser Glaube braucht Gewissheit. In seinem Wort bietet uns Gott selbst Gewissheit an. Doch wie kommt unser Inneres dazu, fest zu werden?

An diesem Studientag fragen wir nach: Was ist es, das mich innerlich unruhig macht? Was ist es, das mich innerlich fest werden lässt?

Wolfgang spricht über:

Gefühle - und ihre Aufgaben. Was darf ich von meinen Gefühlen erwarten, was nicht?
Irritationen - und ihre Wichtigkeit.
Gewissen - und seine Ambivalenz
Gottes Zusagen - und ihre Bedeutung
Unser Gebet - und seine Sprache

Sie finden mehr Informationen und den Flyer für den Studientag links in der blauen Leiste, wenn Sie auf "Studientage" klicken. Auch hier finden Sie ihn: GEWISSHEIT-21-09-25. Ich selbst finde die Klärungen, die Wolfgang am Studientag vornimmt, grundlegend wichtig, wenn man andere Menschen seelsorgerlich begleitet. Die Sehnsucht nach innerer Festigkeit hat fast jede/r und die Frage danach, wie er bzw. sie zu solcher Festigkeit kommt.


Sonntag, 29. August 2021
Ulrike schreibt: Wir sind nun schon ein paar Tage zurück aus Rasa - und sind in den Alltag eingetaucht. Wir wünschen euch und Ihnen einen gesegneten Sonntag. Hier können Sie den zweiten Teil von Wolfgangs Impuls zu Psalm 86,8 nachhören:



Ganz unten auf dieser Seite [dort, wo die Buchstaben blau werden] können Sie diesen Impuls herunterladen unter: PSALM 86,8B VERGLEICHEN


Und hier ist die Verschriftlichung desselben Impulses:

KANN MAN GOTT MIT ANDEREN HELFERN VERGLEICHEN?

Soweit der Exkurs, der bereits heute morgen begonnen hat. Den haben wir jetzt weiter geführt. Nun kommen wir zu Vers 8: „Keiner ist wie du, HERR, unter den Göttern, und nichts gleicht deinen Werken.“ Der Vers 8 enthält einen merkwürdigen Gedanken. Beim Vorbereiten habe ich mich gefragt, ob ich selbst diesen Gedanken kenne. Es geht um die Frage des Vergleichens. Kann man Gott mit Anderen vergleichen? Oder präziser gefragt: Neigen wir dazu, wenn wir um Hilfe rufen, wenn wir Hilfe brauchen, die verschiedenen Hilfsangebote, die verschiedenen sich anbietenden Helfer untereinander zu vergleichen? Wer oder was könnte mir da auch noch helfen? Wer könnte mir auch noch hilfreich sein? Dann bekommen wir so etwas wie eine Reihe von potenziellen Helfern und Hilfsangeboten. In dieser Reihe der Hilfsangebote finden wir dann auch Gott vor. Vers 8 übersetzt: „Niemand oder nichts ist vorhanden wie du unter den Göttern, mein HERR.“

WORAN MAN GÖTTER ERKENNT

Der Psalmbeter spricht etwas aus, das wir wahrscheinlich so nicht sagen würden: „Unter den Göttern“. Wir behaupten, dass es Götter nicht mehr gibt. Ich glaube das nicht. Ich glaube, dass es in unseren Herzen, in unseren Entscheidungsprozessen, in unseren Mechanismen sehr viele Götter gibt. Wir nennen sie nicht Götter, aber sie haben die Funktion von Göttern. Ein Gott ist der, der alles bestimmt. Es in der Hand hat, es fördert, es zu Ende bringt usw.. Und den muss ich für mich gewinnen. An den muss ich mich halten, bei dem muss ich in die Schule gehen, dessen Rezepte muss ich übernehmen, damit mein Leben gelingt. In diesem Zusammenhang sagt der Psalmbeter: „Niemand wie du unter den Göttern“. Wenn man sagt: Niemand wie du unter den Göttern, dann ist das ein Eingeständnis: das Eingeständnis, dass man durchaus vergleichen kann. Vielleicht sogar geneigt ist zu vergleichen. Kenne ich eine Gruppe, eine Lebenslehre, eine Lebensanschauung, die mich fasziniert? Die mir früher einmal begegnet ist und mir jetzt wieder begegnet? Im Bereich der Weltanschauungen, der Lebenshilfen, auch im Bereich der religiösen Angebote? Es gibt viele und verschiedene, zum Teil auch interessante, vielleicht mir sogar entsprechende Angebote.

ANGEBOTE VON LEBENSHILFE

Und es ist tatsächlich so: Ich habe eine Zeitlang das Angebot esoterischer Lebenshilfen in der Schweiz in Bern studiert und habe über einige Monate hinweg eine grosse Esoterikbuchhandlung besucht. Die gibt es in Bern. Sie führt nur Esoterik und wird von ein paar Leuten geleitet, die ausgesprochen menschlich, liebevoll, mit viel Zeit, auch viel Sachverstand für die Menschen da sind. Die lassen sich in Gespräche verwickeln, erzählen von Erfahrungen, hören auf Erfahrungen hin, wenn sie jemand erzählen will. In dieser Buchhandlung gab es alles, ich staune heute noch darüber. Es gab auch christliche Lebenshilfe, eher wenig und in einem kleinen Raum. Die in meinen Augen besten Bücher haben gefehlt: Es waren vor allem Bücher, die in meinen Augen schillernd gewesen sind, die dort präsentiert wurden. Die passten besser in das Angebot. Aber sie waren da.

Wenn sich ein Mensch orientiert, dann geht es zu wie bei allem anderen. Ich gehe hin und vergleiche die Angebote. Beim Psalmbeter klingt es, als ob er durchaus verglichen hätte. Und zum Schluss sagt er: „Niemand ist wie du unter den Göttern“ (Vers 8a). Ich bin das ganze Angebot durchgegangen, aber niemand ist wie du. Es sind zwei Kategorien, die er unterscheidet: die Götter, in deren Reihe gliedert er offensichtlich Gott ein. Und dann: das, was du gemacht hast. „Und nichts gleicht deinen Werken“ (Vers 8b). Das wären also die Tinkturen oder die Steine oder die Techniken. Das sind keine Götter, aber Hilfsmittel, die diese Götter anbieten. Weder auf der Ebene der Götter noch auf der Ebene der Hilfsmittel ist Gott vergleichbar. Der Psalmbeter führt das nicht aus. Aber man ahnt, dass er sich in diesem Bereich auskennt. Er ist also nicht einer, der von all dem anderen keine Ahnung hat.

Zu mir kommen manchmal Leute, die in bestimmten Kursen gewesen sind. Dann fragen sie mich ganz vorsichtig, nennen einen Namen, nennen einen Ort, nennen einen Fachbegriff und wollen auf diese Weise herausfinden, ob ich wohl auch Ahnung davon hätte. Das ist in Ordnung, das macht man so. Derr Psalmbeter hat offensichtlich in der Szene Erfahrung. Aber er hat nicht nur Erfahrung, sondern er hat ein Urteil. Interessant ist, dass er dieses Urteil im Gebet auch Gott gegenüber ausspricht. Es bleibt bei diesem einen Satz des Urteils.

ZWEI FRAGEN

Für das eigene Nachdenken könnt ihr beidem weiter nachgehen. Entweder geht ihr dem nach, womit wir angefangen haben: der Frage nach der Schuld. Ist meine Schuld für mich nur und ausschliesslich etwas Dunkles? Oder kann ich vor dem Angesicht Gottes Schuld eingestehen und gleichzeitig anerkennen? Ich habe Angst, dass ich falsch verstanden werden könnte. Die Frage ist, ob ich an der Schuld in meinem Leben, auch etwas von Gott und seiner guten Schöpfung gelernt habe? Das Böse in unserer Welt ist so arm, dass es das Gute braucht, um wirksam zu werden. Die Schlange im Paradies braucht die Frucht vom Baum der Erkenntnis, das heisst, sie braucht das Gute, um damit zu verführen. Die Schlange hat nichts Eigenes, was böse wäre, um zu verführen. Darum ist die Frage erlaubt und durchaus kreativ: Was ist das schöpfungsbedingt Gute, zu dem Gott gesagt hat, das ist gut, das mir in meiner Schuld entgegengekommen ist?

Und nun eben auch das zweite: Wo neige ich dazu, einen Vergleich anzustellen zwischen Gott und den Göttern? Zwischen Gott und den Dingen, die mir als Hilfe angeboten werden? Bin ich durch diesen Weg hindurch? Oder ist der Weg vielleicht im Moment nicht aktuell, aber er ist eigentlich nicht abgeschlossen. Ahne ich, dass ich in der nächsten Krise darauf zurückgreifen werde, oder mir überlegen werde, dort oder dorthin zu gehen? Oder bin ich auf meinem Lebensweg soweit gekommen, dass ich mit dem Psalmbeter sagen kann: „Keiner von den Göttern ist wie du. Und nichts, was du geschaffen hast, gleicht dem, was mir auf diesem Weg entgegenkommt“. Es ist die Frage nach der Reifung unseres Urteils und der Klarheit unseres Inneren im Urteil.


Dienstag, 24. August 2021
Ulrike schreibt: Hier stellen wir Ihnen einen weiteren Impuls zu Psalm 86 zum Nachhören und Mitlesen zur Verfügung. Sie werden auf diese Weise drei von gesamthaft ca. 20 Impulsen gehört haben. Wolfgang bezieht sich auf Vers 8, in dem der Psalmbeter sagt: "Du, Gott, bist ein Vergebender". Wolfgang weist auf einen Aspekt des Schuldigwerdens hin, den man normalerweise nicht vor Augen hat. Den Impuls können Sie gleich hier anhören:



Ganz unten auf dieser Seite [dort, wo die Buchstaben blau werden] können Sie diesen Impuls herunterladen unter: PSALM 86,8a GEHEIMNIS DER SCHULD

Und hier finden Sie die schriftliche Fassung dieses Impulses:

Ich nehme noch einmal den Faden von heute Vormittag auf. Gott ist der Vergebende. Es geht um Vergebung und auf unserer Seite um Schuld. Was geht vor, wenn es zur Schuld kommt, und was geht dann vor, wenn Schuld vergeben ist? Das ist ein hochkomplexer und vielfältiger Vorgang. Der Schuldanteil ist nur ein Teil dieses Vorgangs. Der klassische Bericht der ersten Schuld ist der Sündenfall, der Bericht in 1. Mose 3. Es ist einer der tiefsinnigsten Berichte, der auf eine seltsam zurückhaltende Weise vom Geheimnis von Schuld spricht.

ES BEGINNT MIT ETWAS GUTEM

Die Schuld beginnt damit, dass etwas Gutes, ja sogar etwas Wunderbares in der erreichbaren Nähe des Menschen ist. Die Frucht am Baum der Erkenntnis trägt keinen Charakter von Schuld an sich. Es ist erst der Hinweis Gottes davon nicht zu essen, der zur Schuldproblematik führt (1. Mose 3,3) Der Hinweis Gottes führt zur Schuldproblematik, nicht aber die Frucht selber. Die Frucht selber gehört in die Schöpfung Gottes und über die Schöpfung heisst es: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und es war sehr gut“ (1. Mose 1,31). Das gilt auch für diese Frucht. Ich denke mir, dass mit dieser Frucht der Erkenntnis von Gutem und Bösem anders hätte umgegangen werden sollen, als durch diesen Zugriff, zu dem die Schlange verleitet. Es ist dieser Zugriff, der zu dem führt, was die Bibel Schuld nennt. Es ist nicht die Frucht.

Das liesse sich an manch anderem Bericht in der Bibel entfalten. Wenn wir es mit Schuld zu tun haben, dann haben wir es immer auch und vordergründig sogar mit etwas zu tun, das in der Schöpfung Gottes liegt und gut ist. Wir greifen also zu kurz, wenn wir danach fragen, was war die Schuld? Wenn ich an meine Schuld zurückdenke, dann heisst die angemessene Frage: Worin bestand das Unangemessene, der nicht erlaubte, zerstörerische Zugriff? Aber das, worauf man zugreift, das war etwas Gutes. Ich kann fragen, was aus diesem Guten, auf das ich da zugegriffen habe, hätte werden können, wenn ich oder wenn wir nicht schuldhaft zugegriffen hätten?

SCHULDIG WERDEN UND GLEICHWOHL REICHER WERDEN

Ich habe versucht, mir ein paar Schuldgeschichten aus der Bibel, und auch von mir bekannten Menschen vor Augen zu stellen. Vielleicht könnt ihr das auch tun. Entweder eure eigene Geschichte oder Geschichten, die ihr von anderen Menschen kennt. Mir wird dabei deutlich, dass Menschen durch ihr Handeln natürlich schuldig geworden sind. Aber sie sind gleichzeitig auch reicher geworden. Sie haben auf diesem Weg etwas entdeckt, was zur Schöpfung gehört. Adam und Eva erkennen, was gut und böse ist; sie erkennen diesen Baum mit seiner Frucht. Und der gehört nicht zum Wesen des Bösen. Sie greifen nicht auf einen Baum zu, der böse wäre. Der Baum gehört zur guten Schöpfung Gottes. Der Weg dorthin hätte anders sein sollen. So manches Kind, das Verbotenes tut, tut es, weil das, was es damit erreichen kann, so wunderschön und spannend und reich machend ist. Eigentlich würden wir jetzt ein Gespräch brauchen, damit wir nicht in Missverständnissen versinken.

Euch möchte ich den Rat geben: Geht einer oder zwei Schuldgeschichten nach, die ihr aus der Bibel oder aus eurem Bekanntenkreis kennt, möglicherweise von euch selber. Man muss nicht die Schuld verleugnen, darum geht es nicht. Was da geschehen ist, war eine Schuldgeschichte.

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Als Petrus Jesus verleugnet hat, war es eine Schuldgeschichte. Was hat er daran erfahren? Er hat daran erfahren, dass Jesus sagt, ich habe schon vorher für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre (Lukas 22,32). Es ist eine unglaubliche Gegengabe, die er bekommt, in dem Moment, wo er schuldig wird. Die Frage an mich lautet: Was ist mir begegnet, als ich schuldig geworden bin? Was am Geheimnis der Schöpfung hat sich mir geöffnet, als ich, was ich so hätte nicht tun sollen, doch getan habe? Als ich den Weg der Schuld gegangen bin? Es kann sein, dass die Lebensumstände, in denen ich war, die Menschen um mich herum, die Beziehungen, in denen ich lebe, eigentlich keinen anderen Weg zugelassen haben als meinen Weg in die Schuld. Und trotzdem war es Schuld. Gleichzeitig hat mir der Weg in diese Schuld die Augen für den Reichtum der Schöpfung geöffnet. Noch einmal: das ist kein Plädoyer fürs Schuldigwerden. Es wäre heilsam, wenn das, was man auf diese Weise erfährt, auf eine andere Weise erfahren hätte. Aber man hat es nicht. Vielleicht hat man es auch wirklich nicht gekonnt.

ES GIBT NEBEN DEM SCHULDANTEIL NOCH ANDERES

Mein Plädoyer lautet, dass wir hinter dem, was an Schuld geschehen ist, nicht nur den Schuldanteil sehen. Für den Schuldanteil gibt es Vergebung. Und die Vergebung ist etwas, das auf gute Weise, auf endgültige Weise frei macht. Die Schuld aber macht mich nicht nur schuldig, sie führt mich in einen Bereich der Schöpfung, der mich reicher macht. Das klingt etwas absolut, so ist es nicht gemeint. Ich weiss gut, dass es Schuld gibt, die einen vielleicht einen Moment lang in die Illusion führt, man sei reich geworden die einen bitter arm entlässt. Aber wir sind alle alt genug und wir wissen darum. Wir sollten den Blick dafür bewahren, dass es mit Schwarzweissmalerei ganz einfach nicht geht.

Als David den Ehebruch mit Batseba beging, war es Schuld und sein Handeln wird deutlich als Schuld benannt. Es ist als Schuld auch erledigt worden, aber das ist nicht das einzige, das daraus geworden ist. Mein Wunsch: haltet die Augen offen für alles andere, das durch Schuld auch aufgeht. David bekommt eine Frau, er bekommt ein Kind. David wird der Stammvater des kommenden Messias. Er erlebt mit, dass mit dem Sohn der Batseba als erstem die Linie Gottes ins Messiastum bis hin zu Jesus von Nazaret beginnen wird. Es gibt keine Messianität, es gibt keine Linie hin zu Jesus, ohne Batseba. Und damit, ohne diesen Schritt der Schuld des David. Das macht die Schuld nicht kleiner. Aber es zeigt, dass sie vergebene Schuld ist und das aus ihr etwas geworden ist.


Sonntag, 22. August 2021
Wolfgang schreibt: Unser Psalm 86 beschäftigt uns wirklich Tag für Tag. Wir staunen selbst, was alles sich uns öffnet: über Gott ebenso wie über uns. Diesmal geht es um die FREUDE, die wir von Gott erbitten - und dazu um das GUTE, in das Gott unser Leben und unser Handeln verwandeln kann. Die einzelnen Impulse nehmen wir auf. Einige davon können wir bearbeiten und auch verschriftlichen. Hier eine weitere Probe zu Vers 5 - sowohl als Audio-Datei wie als schriftliche Fassung. Den Impuls können Sie gleich hier anhören. Die schriftliche Fassung folgt unten.


Ganz unten auf dieser Seite [dort, wo die Buchstaben blau werden] können Sie diese Predigt herunterladen unter: PSALM 86,5 (5)

Und hier ist die Verschriftlichung von Wolfgangs Impuls zu Psalm 86,4 und 5:

Wir haben versucht deutlich zu machen, dass hier um Freude gebeten wird: „Herr, erfreue die Seele deines Knechtes“ (Vers 4). Mir selber geht das sehr nach. Der Psalmbeter merkt, bzw. weiss aus seiner Erfahrung, dass die Freude sich oft nicht von alleine einstellt. Dass sie aber erbeten werden kann. Nun ist es so mit den Emotionen: Manche muss man erbeten, manche kommen, ohne dass man darum gebeten hat. Dann möchte man eher, dass sie nicht kämen.

DIE SEELE MELDET SICH ZU WORT

Für Rasa hat das seine Bedeutung. Überhaupt für besondere Zeiten, für Zeiten der Stille und des Freiraums, den wir hier haben. Da meldet sich die Seele, die Psyche, über Stimmungen und Emotionen zu Wort. Warum? Eigentlich ist das einfach. Ich stelle es mir so vor, dass die Seele sagt, im normalen Alltag ist alles so eingetaktet, dass ich an den Menschen, mit dem ich reden möchte, kaum heran kann. Da ist alles im Trott drin und läuft.

Wenn dann einmal eine Zeit kommt, die nicht so eingetaktet ist, dann wittert die Seele, die Psyche, ihre Chance. Die Psyche, das ist nicht jemand anders: das bin ich selber – dieser Teil in mir, der auch ich bin. Der wittert seine Chance und sagt: Vielleicht gelingt es mir jetzt in diesen Tagen doch mit dem Betreffenden zu reden. Es gibt verschiedene Weisen, wie man von seiner eigenen Seele gesucht und überrascht werden kann. Ich nenne drei davon:

1) SELBSTGESPRÄCH Es kann sein, dass mein Inneres in der Form des Selbstgesprächs plötzlich mit mir zu reden beginnt. Da kommen Erinnerungen hoch und plötzlich redet es in mir. Vielleicht bin ich das gar nicht gewöhnt. Vielleicht ist es angenehm, vielleicht auch weniger angenehm. Wenn ich das merke, gerade in einer solchen Zeit wie hier, ist es gut, darauf einzugehen. Ein inneres Reden heisst ja, das Innere sieht mich als ein Gegenüber. Das nehme ich ernst. Ich rede mit meinem Inneren als meinem Gegenüber: „Was möchtest du mir sagen?“ Was da auftaucht an Bildern, an Erinnerungen, was auch immer: warum das? Ich kann das Gespräch also aufnehmen, suchen und bewusst eintreten. Das ist eine schöne Erfahrung, denn ich merke, in mir gibt es noch jemand, der auch ‘ich‘ bin, der aber mit mir reden will.

2) GEFÜHLE Die zweite Form des Überraschtwerdens sind ungewohnte Gefühle. Gefühle, die man vielleicht aus dem Alltag, aus dem normalen Lebenslauf, gar nicht so sehr kennt. Vielleicht überfällt mich plötzlich eine Traurigkeit. Ich habe aber gar keinen Anlass traurig zu sein. Es ist schön hier, ich habe mich gefreut darauf, es empfängt mich alles wohl. Und plötzlich taucht in mir eine Traurigkeit auf, die ich vielleicht gar nicht einordnen kann. Auch das ist eine Form des Gesprächs. Und ich frage mein Inneres nach dem „Warum“. Ich gebe ihm Raum, ich lasse es zu und versuche hineinzuhören in mein eigenes Leben. In dieses Gefühl, das sich hier in mir bemerkbar macht.

3) TRÄUME Eine dritte Form sind Träume. Es ist erstaunlich, wie viel in Rasa geträumt wird. Auch Träume sind eine Sprache des eigenen Inneren, in dem es mir Dinge sagen will, auf Dinge aufmerksam machen will. Ich vermute es geschieht, weil die Zeit plötzlich Freiräume hat, einen anderen Takt, einen anderen Rhythmus und der Traum eine andere Form des Inneren ist, mit mir vielleicht noch einmal ins Gespräch zu kommen. Auch dann ist es gut, darauf zu hören. Wer möchte, kann dann auch das Gespräch über den Traum suchen. Träume sind zu deuten, und sie sind in der Regel sogar einfach zu deuten. Wenn man einmal merkt, worauf man achten kann bei einem Traum, dann kann einem vieles klar werden. Träume sind ein Weg mit dem unser Inneres uns zu Hilfe kommen will. Kein Traum will uns schaden. Auch wenn die Träume erschütternd sind oder traurig sind usw.. Das, was sie wollen, ist etwas Gutes. Das kann man lernen.

Soweit zur Erfahrung, denn hier in Vers 4 ist von einer Emotion – der Freude – die Rede. Einer Emotion, um die der Psalmbeter bittet. Wir beten zusammen mit dem Psalmbeter: „Herr, erfreue deinen Knecht.“

WARUM DIE BITTE UM FREUDE?

Wir kommen jetzt zu Vers 5. Vers 5 ist ein Teil eines ganzen Satzes, der Vers 4 und Vers 5 umfasst. Es ist also ein längerer Satz. Es fällt auf, dass das leitende Verbum das erste ist: „erfreue“: "Erfreue die Seele deines Knechtes." Und nun kommt ein doppelter Nachsatz. Beide Male wird er eingeleitet mit dem Wörtchen „denn“. Die Bitte um Freude wird also zweimal begründet. Wenn ihr diese beiden Verse überblickt, dann gibt es zwei Möglichkeiten, sie zu verstehen. Es kann heissen, dass die drei Aussagen über Gott der Grund dafür sind, um Freude zu bitten:

„Du bist ein Guter,
du bist ein Vergebender,
du bist einer, der reich ist an Gnade – oder an Gunst – allen, die die rufen.“

GOTT IST REICH AN GUNST

Das Wort „Gunst“, das hier steht, oder „Gnade“, das kennen wir bereits. Es steht ganz am Anfang des Psalm, wo der Psalmbeter sagt, ich bin ein „hasid“ (Vers 2). Dort hatten wir schon gesagt, dieses Wort meint die wechselseitige Zugewandtheit innerhalb einer festen Gemeinschaft. Diese Zugewandheit kann man mit "Gunst" oder "Güte" übersetzen. Martin Buber übersetzt mit „Huld“, einem Wort, das man heute kaum noch gebraucht. Darum nennt Martin Buber auch den Menschen, der Huld hat, einen Holden (Vers 2a).

WIR SIND GUT MITEINANDER

Das hier verwendete Wort für „Gunst“ bzw. „Gnade“ ist Kennzeichen einer Gemeinschaft, in der man verpflichtend miteinander einen Weg geht, sein Leben miteinander lebt. In dieser Gemeinschaft ist man gut miteinander. Dieses Wort gebraucht der Psalmbeter jetzt und sagt: „Gott, auch du bist auf diese Weise gut.“ Wir hören, es gibt eine verpflichtende Gemeinschaft, zu der Gott gehört und zu der wir gehören. In dieser Gemeinschaft kann ich mich darauf berufen, dass Gott gut ist. Dass er voll Güte ist.

GEMEINSCHAFT AUF AUGENHÖHE

Ich kann dann in meinen Gedanken weiter spinnen. Wenn jemand gütig ist, was ist er dann nicht? Er ist nicht aufbrausend, auch nicht nachtragend. Vielleicht kann ich mir diesen Begriff der „Güte“ erschliessen, indem ich das Negative erwähne: was dann jemand eben nicht ist. Der Psalmbeter ist überzeugt, Gott ist ein gütiger Gott. „Gütig“ enthält in meiner Sprachvorstellung immer eine Wendung von oben nach unten. Ich bin gütig mit jemandem. Dann stehe ich oben und der andere unten. Das klingt in diesem Wort nicht mit. Sondern es ist eine Gemeinschaft auf Augenhöhe. Die Güte, von der hier gesprochen wird, ist eine Güte auf Augenhöhe. So begegnen wir Gott. Nun wird vom Psalmbeter gesagt: Du bist gütig, reich an Güte, also nicht geizig. Gott muss nicht haushalten mit seinem Vorrat an Güte. Sondern er ist reich an Güte, und zwar allen, die ihn anrufen.

MIT GOTT EIN GESPRÄCH SEIN

Nun kann man fragen, wenn man kritisch sein will: "Ja, ist Gott nur zu denen gütig, die ihn anrufen? Ist das quasi die Vorleistung, die man erbringen muss? Ist das das Kennzeichen, an dem ich erkannt werde? Bei dem lohnt es sich, dass man mit ihm, mit ihr gütig ist?" Das glaube ich nicht. Aber ich kann es euch nicht beweisen. Ich denke bei diesem Psalm: Da kommt dieses Rufen zu Gott und sein Hören von ihm her zu mir, ja öfter vor. Und ich denke es mir so, dass das Rufen zu Gott hin so etwas wie einen Kanal öffnet, ein Gespräch, das nicht unterbrochen ist. Ein Gespräch, das man zu jeder Zeit aufnehmen und weiterführen kann. Ein Gespräch, bei dem ich nicht jemanden wegholen muss, weil er anderweitig beschäftigt ist. Und der dann sagen muss: O, ich habe dich beinahe vergessen.

Es ist anders: Gott anzurufen heisst, ständig in einem Gespräch zu sein, das auf eine gute Art und Weise nicht zu Ende ist. Das nicht zu Ende geht. Friedrich Hölderlin hat ein Gedicht geschrieben, in dem es eine merkwürdige Zeile gibt, die zum Nachdenken drängt. Er sagt: „Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander“. Also nicht: Seit ein Gespräch wir führen. Sondern da gibt es ein Gespräch, das ist so eingeübt, so gut, so bleibend, zwischen ihm und uns, dass man formulieren kann: Wir sind ein Gespräch. Und wir hören voneinander.

Das ist das dritte. Der Psalmbeter sagt also: du bist reich an Gunst, an Güte innerhalb des unabgebrochenen und unaufhörlichen guten Gesprächs. Auch des wortlosen Gesprächs, das sich zwischen dir und mir vollzieht. Es lohnt sich darüber nachzudenken: Was bedeutet das, dass das Verhältnis zwischen Gott und uns als Gespräch bezeichnet werden kann? Der Psalmbeter sagt: Ein Rufen hin zu dir. Was öffnet das in mir und in meinem Verhältnis zu Gott? Nun kommen zwei weitere Aussagen über Gott. Das Gott ein Vergebender ist, wird morgen Thema sein. Heute hören wir, dass der Psalmbeter Gott „gut“ nennt.

EIN GROSSES WORT

Der erste Begriff, der hier steht, ist: „Du bist ein Guter“. Das Wort gut ist in unserer Sprache oft zu einem kleinen und übersehenen Wort geworden. Es ist etwas gerade noch gut. Wenn etwas nur gut ist, dann müssen wir aufpassen, nicht zu hören: es ging gerade so. Es war gerade noch gut. Was höre ich, wenn ich das Wort gut höre? In der biblischen Welt ist das Wort „gut“ ein grosses Wort. Wir merken das daran: Als der reiche Jüngling zu Jesus kommt, redet er ihn an und sagt: „Guter Meister“ (Markus 10,17ff). Da stoppt Jesus ihn und fragt sofort zurück: Warum nennst du mich gut? Einer ist gut, Gott allein.

Für mich klingt das so, als ob der reiche Jüngling dieses Wort „gut“ als ein kleines Wort, einfach so als Anrede braucht. Und Jesus macht ihn aufmerksam: Das ist ein grosses Wort, kein kleines. Und eigentlich ist es nur dort angemessen, wo man Gott meint. Nur Gott ist wirklich gut. Woher hat Jesus das? Er hat es allem Anschein nach aus der Schöpfungsgeschichte. Der Schöpfungsbericht, 1. Mose 1, erzählt, wie Gott an den sechs Tagen eines ums andere schafft. Und an einzelnen Tagen wird gesagt: Es war gut. Nicht an allen Tagen, aber auffallend häufig. „Gut“ ist also Gottes Urteil über das, was er in der Schöpfung ganz und vollendet getan hat. Am sechsten Tag sieht Gott zurück auf alles, was er getan hat. Da ist die Schöpfung abgeschlossen und Gott hält Rückschau auf alles. Und es wird dann gesagt: Und siehe, es war sehr gut.

Wer dem nachgehen will: Paulus schreibt im ersten Timotheusbrief, Kapitel 4, Vers 4: „Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut.“ In der Schöpfung gibt es also nichts Verstecktes, Verborgenes, das neben dem Guten auch noch in die Schöpfung hineingekommen ist. Es gibt nichts in der Schöpfung, dem ich mit Verdacht begegnen müsste. Mit dem Verdacht, dass es doch schädlich sein könnte, hinderlich, wie auch immer. Sondern es ist gut. „Gut machen“, in diesem vollen und ganzen Sinn, das kann nur Gott. Wir Menschen kriegen das nicht hin. Obwohl wahrscheinlich jeder von uns den Wunsch hat, gut zu sein und die Dinge gut zu machen. Der Psalmbeter aber nimmt uns in sein Gebet hinein und sagt: „Herr, mach die Seele deines Knechtes froh. Denn du bist gut.“ Was muss das für eine Freude sein. Wenn einer, der nur gut ist, alles gut macht. Und darum bittet dieser Psalm und in dieses Gebet nimmt er uns mit hinein.



Mittwoch, 18. August 2021
Wolfgang schreibt: Der zweite Impuls (von gestern Vormittag: Psalm 861b.2) ist jetzt als Audio-Datei zugänglich: BITTE UM LEBENDIGKEIT. Die Fortsetzung der schriftlichen Fassung folgt unten. Sie können diesen Impuls gleich hier anhören:


Ganz unten auf dieser Seite [dort, wo die Buchstaben blau werden] können Sie diese Predigt herunterladen unter: PSALM 86,1b.2 (2)


HELFEN ODER RETTEN?

Es ist, als ob das nächste Verbum diesen Gedanken – bewahrt werden zu müssen – noch vertieft. Und zwar in eine grosse Ernsthaftigkeit hinein vertieft. Der Psalmbeter fordert Gott auf: „Rette deinen Knecht“ (Vers 2). Da scheint für den Psalmbeter sehr viel auf dem Spiel zu stehen.

Es gibt im Hebräischen eine klare Unterscheidung zwischen ‘Helfen‘ und ‚Retten‘. Die deutschen Übersetzungen bringen das oft durcheinander, auch in diesem Psalm. Aber es ist gut, wenn man sich die Unterscheidung einmal deutlich macht. ‚Helfen‘ meint den Beistand, den ich erfahre, wenn ich selber noch einiges tun kann. Ich bin nicht ganz unfähig für etwas. Ich kann es, aber ich kann es nicht ganz. Um etwas ganz zu können, eben auch ganz zu leben, will ich das einsetzen, was ich vermag. Aber ich brauche Ergänzung. Helfen ist eine die Möglichkeiten des Anderen ergänzende Handlung.

Und dann gibt es das zweite, das Retten. Da vermag ich nichts mehr. Dann brauche ich nicht Hilfe, sondern dann brauche ich Rettung. Um das zu unterscheiden braucht es einen klaren Blick auf mich selbst. Ein klares Urteil. Auch darüber kann man nachdenken.

KLARHEIT ÜBER SICH SELBST GEWINNEN

Es kann sein, dass mir jemand begegnet und mich um Hilfe bittet. Dabei braucht er nicht Hilfe, sondern Rettung. Wer dann – nur – um Hilfe bittet, macht sich etwas vor. Er meint, er könne noch relativ viel. Und es sei nur wenig, was er noch zusätzlich ‚von aussen her‘ braucht. Dann liegt vor diesem Menschen ein Weg des Bewusstwerdens, auf dem er Klarheit über sich selbst gewinnt. Wie es mit mir? Wie steht es um mich? Es ist oft gar nicht so einfach zu unterscheiden: Brauche ich Hilfe oder brauche ich Rettung?
Dasselbe kann man auch umkehren. Ich kann jemandem anbieten: ‚Ich möchte dir gerne helfen.‘ Und dabei möchte ich ihn retten. ‚Retten‘ aber heisst: Ich bekomme eine ganz grosse Bedeutung für den Anderen. Weil der ja gar nichts mehr kann, und weil ich alles für ihn tun kann. Oftmals ist es so, dass der Andere gar keine Rettung braucht. Er bräuchte eigentlich Hilfe. Aber der, der an seine Seite tritt, will ihn retten. Das ist eine Anmassung, ein Übergriff.
Wir brauchen also Klarheit über uns selbst: Was brauche ich? Und wir brauchen auch Klarheit für den Anderen: Was braucht sie? Was braucht er? Sehr schön ist das im Schöpfungsbericht beschrieben, in dem Gott sagt: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, meint: ‚autonom‘ sei. Gott fährt fort: „Ich will ihm eine Hilfe schaffen“ (1. Mose 2,18). Die beiden, die da zusammengehören, die werden einander zugeordnet, aber nicht, um sich gegenseitig zu retten. Sondern um sich gegenseitig zu helfen. Ich denke, ihr habt das alle vor Augen: Was geschieht mit einer Beziehung zwischen zwei Menschen, wenn der eine den andern unbedingt zu retten versucht? Obwohl Rettung gar nicht angesagt ist. Damit entmündigt er den Anderen. Und dumm ist es, wenn der Andere es sich gefallen lässt.

Wir entdecken also in den ersten beiden Versen von Psalm 86 vier Verben und damit vier Tätigkeiten, zu denen der Psalmbeter Gott auffordert: (1) Gott soll sein Ohr zuneigen, (2) ihm antworten, (3) seine Lebendigkeit bewachen/bewahren, (4) ihn retten. Das Wort ‚helfen‘ kommt im Psalm dann auch noch vor, aber erst im letzten Vers, als vorletztes Verbum.

BETEN BRAUCHT KLARHEIT

Ein Wort fällt auf, es kommt ausserordentlich häufig vor, vor allem im ersten Teil des Psalms. Das ist das Wort „denn“. Mit „denn“ begründet man etwas. „Neige dein Ohr, Herr, antworte mir, denn…

Wer ein ‚denn‘ formulieren kann, hat vorher um Klarheit über sich selbst nachgesucht. Um Klarheit darüber, was er selber braucht. An unserem Psalm werden wir merken: Der Psalmbeter hat solche Klarheit gefunden.
Er kann auch darum ‚denn‘ sagen, weil er Klarheit über Gott hat und über das, was Gott tun kann oder tun soll. Ich denke, dass das eine gute Einsicht ist: dass Beten Klarheit braucht. Eine Klarheit darüber, was ich brauchE und warum ich so mit Gott rede. Und dass ich Klarheit darüber brauche, was Gott tun kann und was er tun soll. Neun Mal kommt in unserem Psalm das Wörtchen ‚denn‘ vor. Das erste ‚denn‘ begegnet uns in Vers 1: „Denn ich bin elend und arm“.

METHODISCH

Ein kleiner Einschub: Ihr merkt, es ist sehr viel, was in diesen Versen steht. Ich bitte euch bei der Betrachtung darauf zu verzichten, allem nachzugehen. Versucht hinzuhören: Wo berührt etwas euer Inneres? Wovon merkt ihr: Das geht jetzt mich an? Es geht also nicht darum, was interessant für euch ist. Sondern um das, was euch angeht. Wo merke ich, dass mein Inneres mit mir reden will? Oder gar, dass Gott mit mir darüber reden will?

ICH BIN GEBEUGT

Wenn der Psalmbeter in Vers 1 formuliert: „Ich bin elend und arm“, dann fragen wir im Deutschen: Worin besteht denn da der Unterschied? Oder sind das einfach zwei Begriffe für ein und dasselbe? Das erste Wort, das hier steht und das oft mit ‚elend‘ übersetzt wird, heisst eigentlich: ‚Ich bin gebeugt‘. Das könnte ein Anlass sein darüber nachzudenken: Was geht in mir vor, wenn ich das Wort ‚gebeugt‘ höre? Trifft das etwas in meinem Leben? Es kann sein, dass ich durch Beugung erzogen worden bin. Ich bin ein gebeugter Mensch und reagiere darauf, wenn man mich wieder beugen will. In welcher Weise ich auch immer dann darauf reagiere.

Ist das Gebeugtsein zu einem Muster in mir geworden? Beuge ich mich schon prophylaktisch unter die Umstände, unter bestimmte Menschen? Vorauseilend? Oder geht es anders zu bei mir: Wittere ich, dass man mich beugen will und gehe auf Widerstand? Vielleicht werde ich gar nicht gebeugt, aber ich habe Angst davor, aus meinen bisherigen Erfahrungen des Gebeugtwerdens. Und ich sage: ‚Alles, nur das nicht. Nur das nicht wieder.‘ Der Psalmbeter sagt: Ich weiss etwas vom Gebeugtsein. Und er bittet. Jetzt haben wir den Zusammenhang: Er bittet um dieses aufmerksame konzentrierte Ohr Gottes. Er bittet Gott um sein Antworten. Weil es so etwas wie Beugung in seinem Leben gibt.

WO BIN ICH ARM GEWORDEN?

In Vers 1b steht „Ich bin gebeugt und ich bin arm“. Das Wort ‚arm‘ meint materielle Armut, es meint aber auch innere Armut. Mir will scheinen: die Beugung ist der Vorgang. Wozu der Vorgang führt, ist, dass ich am Ende arm werde. Dass etwas, auch in meinem Inneren arm wird. Auch da könnte und dürfte man fragen: Wo bin ich arm geworden vor lauter Beugung? Vielleicht auch durch einen anderen Vorgang. Der Psalmbeter denkt offensichtlich, dass seine Armut nicht in Ordnung ist. Es gibt eine Armut, die kann gefahrlos in unserem Leben da sein. Und es gibt eine Armut, die dürfte nicht sein. Die ist nicht am richtigen Ort bei mir. In diesem Fall ist es gut, wenn man mit Gott darüber redet. Dann braucht man ihn: dass er, Gott, sich konzentriert mir entgegen beugt.

MEINE FÄHIGKEIT ZUR GÜTE

Das zweite ‚denn‘ steht in Vers 2. Jetzt folgt nicht etwas Destruktives, das das Schwere im Leben bezeichnet, sondern etwas Positives. Man weiss kaum, wie man Vers 2 auf deutsch übersetzen soll. Die alten Übersetzungen haben gesagt „denn ich bin fromm“. Wahrscheinlich kann kaum jemand von uns das Wort ‚fromm‘ als etwas Positives hören. Das Wort, das hier steht, meint eine Eigenschaft in einer Beziehung. In einer Zweier-Beziehung oder in einer Gruppen-Beziehung. Wenn man als Gruppe zusammengehört, dann ist es notwendig, dass man zueinander gütig ist. Ohne Güte gibt es keine Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft kann nur schwer existieren, wenn man ständig nachrechnet, ob der eine mehr hat und der andere weniger. Ob ich zu meinem Recht komme, ob ich genug kriege. Die Fähigkeit, gütig zu sein, ist die Fähigkeit aus diesem Rechnen herauszusteigen. Und das ist der Begriff, der hier steht. Ich bin ‚gütig‘ – wir haben kein deutsches Wort dafür – aber gemeint ist das Gütigsein in einer Gemeinschaftsbeziehung. Wir könnten auch sagen: Ich bin gemeinschaftstauglich, aber das ist kein schönes Wort.

DU BIST MEIN GOTT

Und nun der Abschluss von Vers 2: „Rette deinen Knecht“. Hier folgt kein ‚denn‘ als Begründung. Aber es könnte hier stehen. „Rette deinen Knecht, (denn) du bist mein Gott.“ Das Wort „mein Gott“ muss man sich im Mund und im Herzen zerfliessen lassen. Er sagt nicht: Du bist ein grosser Gott oder ein mächtiger Gott. Ein allgegenwärtiger Gott usw. Er sagt: Du bist mein Gott. Natürlich ist Gott gross und allmächtig. Aber was bedeutet das, dass ich zu diesem Gott sagen kann: mein Gott? Vielleicht kann ich das nicht sagen. Oder ich will das nicht, oder noch nicht. Man muss sich nicht überfordern. Aber man darf hineinwachsen. Sich hinein tasten. Damit dieses Wort auch für einen selbst ein wahres Wort wird.

VERTRAUEN MEINT KLEBEN

Nun haben die Übersetzungen einen etwas anderen Klang als das Hebräische. die deutschen Übersetzungen sagen: „der auf dich vertraut“. Im Hebräischen gibt es für Vertrauen verschiedene Begriffe. Das Wort, das hier für ‚vertrauen‘ steht, meint eine Bindung, eine gute Bindung an jemanden. Und zwar eine Bindung, die so stark ist, dass man sie eigentlich nicht mehr lösen kann. Man will diese Bindung nicht lösen. Und man muss nicht ständig in der Furcht sein, sie könnte wieder auseinander gehen.

Auch das kennen wir aus manchen Beziehungen. Ständig hat man Angst, ob die Beziehung hält. Wird sie bleiben? Ist sie immer noch intakt? Es ist nicht schön, wenn man ständig in dieser Spannung lebt. Langfristig gesehen ist es etwas Gutes und auch etwas Notwendiges, dass ich in einer Beziehung zu dem Punkt komme, an dem ich sage, da steht nichts mehr auf dem Spiel. Das ist mit „der auf dich vertraut“ am Ende von Vers 2 gemeint. Das Wort, das hier steht, meint vermutlich angeklebt sein.

Als Kind hat mich etwas sehr fasziniert. Neben unserer Wohnung war eine Schreinerei. In der Schreinerei hat man Holz aneinander geleimt. Um mir deutlich zu machen, was das bedeutet, hat der Schreiner es mir ein paarmal gezeigt. Er hat auf das verleimte Holz draufgeschlagen. Das ist auseinandergebrochen. Aber nicht dort, wo es verleimt war. Die Leimstelle ist festgeblieben. Nebendran, wo das Material nicht mehr so gut war, dort ist das Stück auseinander gegangen. Aber nicht an der Leimstelle. Genau das ist hier gemeint: „Rette deinen Knecht, denn du bist mein Gott. Und diese Beziehung, in der ich sagen kann „mein Gott“ bedeutet, wir sind „verklebt“ miteinander. Ich vertraue dir. Wie immer man das jetzt auch übersetzt. Versucht hinzuhören, was es ist, mit dem euer Inneres beginnt, bei dem euer Inneres stehenbleiben will.


Dienstag, 17. August 2021
Ulrike schreibt: Gerade geht der erste ganze Tag der Schweige-Exerzitien zu Psalm 86 zu Ende. Ich habe Wolfgangs Impuls von heute Morgen verschriftlicht. Hier könnt ihr den ersten Teil nachlesen. Morgen geht es weiter und wir stellen morgen auch die Audio-Aufnahme zum Anhören zur Verfügung.


1 HERR, neige dein Ohr und antworte mir;
denn ich bin gebeugt und arm.
2 Bewahre meine Seele, denn ich bin ‚fromm'.
Rette deinen Knecht, mein Gott, der sich an dich klebt.

Wolfgang: Wir haben gestern mit einer Beobachtung eingesetzt. Der Psalmbeter beginnt in Vers 1 mit einem Imperativ, einem Verb in der Befehlsform. Der Beter richtet seine Aufforderung an Gott: „Neige dein Ohr“ (Vers 1a). Das heisst wohl: ‚Höre du mir nicht nur nebenbei zu, sondern lass alles liegen und stehen. Konzentriere dich auf das eine, was ich jetzt zu sagen habe.’ Der Psalm selbst legt uns nahe: So darf man mit Gott reden. Ich darf Gott bitten: ‚Lass alles stehen und liegen und höre du mir jetzt zu und dem, was mich bewegt.‘

ANTWORTEN STATT ERHÖREN

Etwas zweites war uns gestern aufgefallen. Der Psalmbeter bittet im Unterschied zu manchen Übersetzungen nicht: „Erhöre mich“. Sondern er bittet: „Antworte mir“. Wir haben gestern versucht, auf den Unterschied hinzuweisen. Ich finde diesen Unterschied grundlegend. Wenn ich um Erhörung bitte, dann bin ich mit meinem Wunsch und meiner Bitte die treibende Kraft und die Mitte des Redens. Wenn ich bitte „antworte mir“, dann geht es mir nicht um meine Wünsche. Sondern es geht mir um meine Kommunikation mit IHM. ‚Du, Gott, bist mir wichtig. Mir ist wichtig, dass du mir Antwort gibst und ich daran merke, wie wichtig ich dir bin. Du hörst nicht nur nebenbei zu und gehst dann einfach weiter. Sondern: An deiner Antwort merke ich, dass ich bei dir angekommen bin.‘
Es kann sein, dass jemand ‚erhört‘ wird, aber nur darum, weil der andere sich sagt: ‚Dann gebe ich ihm halt, was er will. Dann ist er still und ich habe Ruhe vor ihm.‘ Das heisst, man wird erhört, aber man ist nicht angekommen. Der Beter von Psalm 86 will und muss bei Gott ankommen. Auf diesen Weg des Betens nimmt uns der Psalmbeter mit. Es ist eine Einladung, in dieser Sprache Gott nahezukommen. Soweit zum ersten Impuls von gestern. Nun fahren wir weiter. Wir haben in der ersten Zeile des ersten Verses zwei Bitten an Gott gehört: „Neige dein Ohr und antworte“.

BEWACHE MEINE LEBENDIGKEIT

Nun kommen im zweiten Vers zwei weitere Verben dazu, zwei weitere Aufforderungen an Gott: Die eine heisst: „Bewahre – oder bewache – meine Seele.“ Das Wort, das hier steht, gebraucht man auch im heutigen Israel für den Wachdienst. In der Schweiz würde man sagen: für die Securitas. „Bewache bzw. bewahre meine Seele“. Und der zweite Imperativ heisst: „Rette deinen Knecht“. Da scheint also etwas auf dem Spiel zu stehen! Sehen wir uns das näher an. Was meint: Bewache meine Seele? In der griechischen Anthropologie geht man davon aus – und wir haben das weitgehend in unser Alltagsdenken übernommen – dass der Mensch, Leib, Seele und Geist hat, bzw. aus Leib, Geist und Seele besteht.

Das ist im Hebräischen anders. Das Wort, das hier mit ‚Seele‘ übersetzt wird, kommt von der Vorstellung des Kehlkopfes her. Der Kehlkopf ist der Ort, durch den der Atem strömt. Wenn ich frei durchatmen kann, dann, so würde der Hebräer sagen, geht es meiner Seele gut. … Ich merke, ich lebe. … Ich kann frei durchatmen. Das tut gut. Darum heisst der Begriff, der im Deutschen meist mit ‚Seele‘ übersetzt wird, auch ‚Leben‘, bzw. ‚Lebendigkeit‘. Ich spüre meine Lebendigkeit, weil ich meinen Atem spüre. Weil ich durchatmen kann. Und ich merke, dass etwas mit meiner Lebendigkeit nicht in Ordnung ist, wenn es mir den Atem nimmt. Am Atem kann ich merken, bzw. ich merke es ohnehin sowohl bei Anderen wie bei mir selbst, wie es um meine Lebendigkeit bestellt ist.

Das hebräische Denken ist auf eine seltsame Weise von Anfang an psychosomatisch. Die Begriffe, die wir für die Seele und für seelische Vorgänge haben, nimmt das Hebräische weitgehend aus der Beobachtung des Körpers: Leben bzw. Seele wird durch das Wort für ‚Kehlkopf‘ bezeichnet.
Ich nenne ein anderes Beispiel. Das ‘Erbarmen‘ ist eine seelische Regung. Auch für diese seelische Regung braucht man den Begriff für ein Organ des Körpers, nämlich die Gebärmutter. Und das geht so weiter. Es sind also Körperbeobachtungen, die mir helfen zu verstehen, wie es um meine Seele (= griechisch), bzw. um meine Lebendigkeit (= hebräisch) bestellt ist. „Bewahre meine Seele“ würde ich am liebsten übersetzen mit „Bewahre meine Lebendigkeit.“ Oder noch lieber: „Bewahre meine Vitalität.“ Das ist es, was ‚Seele‘ meint. Ich bin vital. Wenn der Atem fliesst. Ich spüre etwas von der Lebendigkeit.

WIE STEHT ES UM MEINE LEBENDIGKEIT?

Der Psalmbeter merkt, dass bei ihm etwas auf dem Spiel steht. Seine Lebendigkeit braucht Bewahrung. Es ist nicht selbstverständlich, dass die Lebendigkeit fliesst. Die Tatsache, dass der Psalmbeter Gott darum bittet, zeigt: Er kann nicht allein zuständig sein für seine Vitalität. Natürlich ist es seine Aufgabe. Es ist sein Leben. Aber er weiss, dass er Gott darum bitten muss! Wenn die Lebendigkeit in meinem Leben bleibt, dann ist das ein Stück Bewahrung von Gott. Und um die darf ich ihn bitten.
Das wäre eine schöne Aufgabe für das Betrachten, für unsere Zeit mit Gott. Wie verhält es sich eigentlich mit meiner Lebendigkeit? Meiner Vitalität? Lebe ich in dem Mass, in dem Umfang an Lebendigkeit, von dem ich die Ahnung habe, das es mir eigentlich zustehen würde?
Eine zweite Frage: Halte ich mich selbst für zuständig, oder gar für allein zuständig für meine Lebendigkeit? Beziehungsweise, was fange ich damit an, wenn der Psalm mich in diese Bitte an Gott mit hineinnimmt, dass etwas in mir bewacht bzw. bewahrt werden muss? Und dass ich Gott darum bitten kann. Es kann sein, dass es solche Lebendigkeit in meinem Leben einmal gegeben hat. Aber sie ist mir vielleicht schon länger, oder vielleicht jetzt erst, wie abhanden gekommen. Wie kann ich mit Gott darüber reden? Der Psalm leitet uns dazu an: Rede mit Gott darüber. Und vor allem: Bitte ihn darum, dass hier etwas bewacht und bewahrt wird in deinem Leben. Dass dir deine Lebendigkeit nicht verloren geht.

.... Fortsetzung folgt morgen :-)

Montag, 16. August 2021
Ulrike schreibt: Wolfgang und ich sind heute zu den Schweige-Exerzitien nach Rasa ins Tessin aufgebrochen. Woffgang wird in den nächsten zehn Tagen (also in 2x fünf Kurstagen) Psalm 86 mit den Teilnehmenden betrachten. Hier oben in Rasa scheint die Sonne - aber die Fahrt ins Tessin war teilweise gespenstisch. Dichter Regen, peitschender Wind, grosse Hagelkörner. Ich habe mich stellenweise gefühlt wie in einem apokalyptischen Film. Auch die Seilbahn hinauf nach Rasa fuhr wegen des Wetters nur in grösseren Abständen. Hier oben aber scheint die Sonne.

Wolfgang hat heute Abend den ersten halben Vers von Psalm 86 erschlossen. Luther übersetzt: "Herr, neige deine Ohren und erhöre mich." Wolfgang erzählt, wie es ihm als kleinem Jungen ging. Wenn er seiner Mutter etwas Aufregendes, für ihn Grossartiges zu erzählen hatte, dann wollte er ihre Aufmerksamkeit. Sie sagte, während sie das Geschirr abwusch: "Aber ich höre dir doch auch zu." Nebenbei hört sie ihm zu, während sie etwas anderes macht. Er aber wollte, dass seine Mutter sich in diesem Moment ausschliesslich ihm zuwendet. Dass sie ihm "ganz" zuhört, mit aller nur mögichen Aufmerksamkeit. Das ist es, was der Psalmbeter in Vers 1 erbittet. Dass Gott sich ihm ganz zuwendet. In der Bildsprache sich sogar "körperlich" zu ihm hinneigt.

Der Psalm ist uns gegeben, damit wir uns Davids Bitten zueigen machen. Auch wir dürfen und sollen um Gottes Aufmerksamkeit für uns bitten.

Wolfgang weist darauf hin, dass Luther die Bitte Davids übersetzt: "Herr, neige deine Ohren und erhöre mich." Im Hebräischen steht es aber anders. Da heisst es: ".... und antworte mir." Der Beter erbittet nicht Erhörung von Gott, sondern Antwort. Das ist ein Unterschied. Es muss für ihn nicht etwas zuvor Vorgestelltes und Definiertes herauskommen. Der Beter will Antwort - ein sicheres Zeichen dafür, dass er gehört wird. Diese Antwort darf durchaus anders sein, als erwartet. ... Aber sie soll einem Herzen entspringen, dass sich mir ganz zugeneigt, mich ganz wahrgenommen hat.

Samstag, 14. August 2021
Ulrike schreibt: Gestern habe ich mir bei Claudia Güdel in Basel (ein Mode-Label) ein einfaches, aber elegantes Kleid aus der kommenden Herbst/Winter-Kollektion gekauft. Die hängt im Atelier bereit und kommt in die Läden, sobald das Wetter umschlägt und es kälter wird. Das Kleid habe ich heute für einen Besuch im Pflegezentrum angezogen und bin doch sofort von zwei älteren Menschen darauf angesprochen worden. Das hat mich gefreut!

In der Kirchgemeinde haben die Bibelgesprächskreise wieder begonnen und ich möchte mit Beginn des neuen Schuljahrs einen neuen Gesprächskreis beginnen. Es gibt einige Interessierte, und Sie können mich gern ansprechen, wenn auch Sie einen Glaubensort suchen. ... Apropos Glaubensort: Morgen Abend laden wir zur Abendfeier in die Stadtkirche Liestal. Wir sind immer noch bei unserem Jahresthema, dem Zuspruch "Fürchte dich nicht ...!" Morgen betrachten wir die ersten fünf Verse aus Psalm 56. Da erzählt David im Lied, wie er von seinen Feinden bedrängt wird. Sie verfolgen ihn, und auch an seinem Fluchtort bei König Achisch in Gat fühlt David sich nicht sicher: "Und David nahm sich diese Worte zu Herzen und fürchtete sich sehr vor Achisch, dem König von Gat" (1. Samuel 21,13).

Was macht David gegen seine Furcht? In der Situation selbst wendet David einen Trick an, und stellt sich als 'verrückt' und damit ungefährlich dar. "Und er stellte sich vor ihnen wahnsinnig und tobte unter ihren Händen und rannte gegen die Pforte des Tores und liess seinen Speichel in seinen Bart fliessen" (1. Samuel 21,14). David täuscht seine Gastgeber darüber, dass er tatsächlich 'jemand' ist. Im Rückblick dichtet David dann ein Lied, eben den Psalm 56. Er besingt, dass er sich fürchtet und sich in seiner Furcht an Gott festmacht. Ihm vertraut er, an ihn klebt er sich an:

"4 Der Tag, an dem ich mich fürchte: auf dich vertraue ich (= zu dir hin klebe ich mich).
5 Ich werde Gottes Wort rühmen; auf Gott werde ich vertrauen (= an Gott werde ich mich kleben)."

Dieses Vorgehen finde ich hilfreich: Die eigene Furcht anzuerkennen und zu benennen. Und sich dann einen Fixpunkt zu suchen, an den man sich 'anklebt'. Das ist Glaube. Herzliche Einladung für morgen, 18 Uhr. Im Anschluss an die Abendfeier werden wir im Kirchhof zu Getränken und zum Austausch einladen. Sie sind willkommen.


Sonntag, 8. August 2021
Wolfgang schreibt: "Berufen zum Priesterdienst …" Das mag fremd in unseren Ohren klingen. Mose nennt Israel ein „Königreich von Priestern“ (2. Mose 19,6) und Petrus nennt die christliche Gemeinde ein „königliches Priestertum“ (1. Petrus 2,9-10). Gott hat sowohl seinem Volk Israel als auch der Gemeinde eine Aufgabe gegeben. Was hat es damit auf sich? WER ist zum Priesteramt berufen? WEM gilt dieses Priestertum? WORIN besteht die Tätigkeit eines Priesters? Die Predigt von Pfarrerin Ulrike Bittner über 2. Mose 19,1-6 geht diesen Fragen nach. Sie können sie gleich hier anhören:


Ganz unten auf dieser Seite [dort, wo die Buchstaben blau werden] können Sie diese Predigt herunterladen unter: 2021-BERUFEN ZUM PRIESTERDIENST.


Sonntag, 01. August 2021
Wolfgang schreibt: Der heutige Predigttext irritiert. Es klingt, als ob man sich verhört hätte. Kommt es nicht vor allem auf unser Glauben an? Und jetzt spricht Jesus davon, dass alles an unserem Tun hängt. Wie ist das also mit unsem HÖREN UND TUN?

Sie können die Predigt von Ulrike Bittner zu Matthäus 7,24-28 (Stadtkirche Liestal und Gemeindezentrum Seltisberg) gleich hier anhören.


Ganz unten auf dieser Seite [dort, wo die Buchstaben blau werden] können Sie diese Predigt herunterladen unter: 2021-HÖREN-UND-TUN.


Dienstag, 27. Juli 2021
Ulrike schreibt: Wolfgang und ich hatten letzte Woche unseren zwanzigsten Hochzeitstag. Wir sind erstaunt und glücklich, dass wir uns immer noch lieben und dass uns keinen einzigen Tag langweilig miteinander ist. Eigentlich wollten wir im Restaurant von Nik Gygax feiern - wo wir 2001 unsere standesamtliche Hochzeit gefeiert haben -, haben dann gemerkt, dass er gestorben und das Restaurant geschlossen ist. Dann wollten wir woanders essen gehen, aber es hat immer geregnet. Überhaupt, der Regen! Die Bäume in unserem Garten in Liestal wachsen bombastisch. Mittlerweile fühlen wir uns im Wohnzimmer - wegen des grünen Lichts - wie im Aquarium. Ich habe heute einen Baum und ein paar Büsche zurück geschnitten. Jetzt sehen wir nicht nur "grüne Wände", sondern auch wieder etwas Himmel. Das Baumschneiden war Arbeit, hat aber interessanterweise geklappt.

Ich bereite jetzt Veranstaltungen für die zweite Jahreshälfte und für 1/2022 vor. Im November starten Wolfgang und ich wieder mit den Bibel Salons. Wer so weit im Voraus plant, kann sich schon einmal die Montag Abende im November freihalten.

Diesen Sonntag - und am nächsten auch - feiere ich mit der Gemeinde in Liestal Gottesdienst. Predigttext für den 1. August ist der Schluss der Bergpredigt, Matthäus 7,24-29. Jesus sagt: "Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute (...) Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute" (Vers 24.26). Wer hört und tut, sagt Jesus. Um diesen Zusammenhang wird es gehen. Was heisst es, zu hören und zu tun? Jesus deckt seinen Zuhörern auf, dass sie zwar das Gefühl haben, viel zu tun, tatsächlich aber nicht tun, was dem Willen Gottes entspricht (Mt 7,23). Sie vermeiden es, den Willen Gottes zu tun.

Das ist auch für uns interessant. Auch ich meine oft etwas zu tun, aber in Wirklichkeit bekunde ich nur meine Meinung, meine eigene Gesinnung. Jia Tolentino schreibt in ihrem sehr guten Buch Trick Mirror. Über das inszenierte Ich (deutsch 2021) davon. Wir werden durch die sozialen Medien ständig herausgefordert, unsere Meinung in Tweets oder Foren kundzutun, uns zu positionieren, Menschen recht zu geben und angebliches oder tatsächliches Unrecht anzuprangern. Das führt dazu, dass wir uns für Menschen halten, die etwas tun. Dabei tun wir gar nichts. Wir verändern gemeinsames Leben nicht, sondern wir reden nur davon. Wer viel im Internet unterwegs ist und da seine Meinung kundtut, dessen Energie wird von der Aktion weggeleitet. Er "überlässt die Sphäre des echten Lebens jenen (...), die sie ohnehin schon kontrollieren". Das Internet hält uns mit der Frage beschäftigt, "wie wir unser Leben am besten und korrektesten erklären" (32).

Jia Tolentino: "Im echten Leben (sie meint: ausserhalb des Internet) münden Erfolg oder Misserfolg einer jeden einzelnen Performance oft in einer konkreten physischen Handlung - man wird zum Abendessen eingeladen, zerstört die Freundschaft oder bekommt die Stelle. Online verharrt die Darstellung meist in einem nebulösen Schleier aus Meinungsbekundungen, in einem ungebrochenen Strom aus Herzchen und Likes und Augäpfeln, aufsummiert in Zahlen, die neben dem eigenen Namen erscheinen" (Jia Tolentino, 30).

Ich finde das sehr gut beobachtet. Und freue mich darauf, mit der Gemeinde dem nachzugehen, wie aus unserem Hören ein - hoffentlich auch gemeinsames - Tun werden kann. Herzliche Einladung in den Gottesdienst in der Stadtkirche um 9.30 Uhr.


Donnerstag, 22. Juli 2021
Ulrike schreibt: Die Ausstellung zum Lebenswerk der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama im Gropius-Bau hat mir gefallen. Auf der Website des Gropius-Baus ist ein Film zur Ausstellung verlinkt. Am meisten macht mir Eindruck, dass die Künstlerin nicht im Hinblick auf "Andere" und deren Erwartungen zu arbeiten scheint. Da ist kein Wunsch zu gefallen, oder belehrend etwas aufzuzeigen - meine ich jedenfalls. Kunst ist Yayoi Kusamas Weise, die Welt zu verarbeiten. Und ihre Weise, sich selbst als Teil der Welt zu fühlen. ... In den 70er Jahren hat sich die heute 92jährige Yayoi Kusama in einer psychiatrischen Klinik ihren Wohnsitz gesucht - und lebt und arbeitet immer noch dort. Das beeindruckt mich auch. Ich wüsste gern, ob und vor allem worin sich Kunst als "therapeutisches Projekt" von Kunst als einem Sichtbarmachen, Strukturieren und Verarbeiten der Welt unterscheidet.

Nicht weit entfernt vom Martin-Gropius-Bau liegt die Gemäldegalerie. Da wird bis 5. September 2021 die Ausstellung Spätgotik - Aufbruch in die Neuzeit gezeigt. Sie ist grossartig, mit Bildern und Schnitzereien von Martin Schongauer, Niclas Gerhaert, Tilman Riemenschneider usw.. Ich habe mir jeden (!) Text zu den Bildern und Schnitzereien durchgelesen, obwohl ich bereits den Audioguide gehört habe.


Mittwoch, 21. Juli 2021
Ulrike schreibt: Wenn ich hier wenig erzähle, liegt das nicht daran, dass wenig los ist. Im Gegenteil! Es war viel in den letzten Wochen: In der Gemeinde habe ich vor allem Menschen besucht. Dann gehen Wolfgang und mir die Impulse von der VBG Woche in Moscia (Anfang Juli) noch nach. Da haben wir aufgezeigt, in welchen Spannungsfeldern wir als Christinnen und Christen leben. Und dass es wichtig ist, diese Spannungsfelder zu kennen und sich in ihnen bewegen zu lernen. ‹Verlässlich› zu sein, heisst nicht, dass man ‹stur› auf einer als christlich definierten Position beharrt. Die Impulse aus Moscia erscheinen uns als so gut, dass wir sie bei weiteren Kursen aufnehmen und vertiefen wollen. Übrigens auch bei den Bibel-Salons, die wir in der zweiten Jahreshälfte wieder starten wollen!

Jetzt gerade bin ich in Berlin, vor allem um meine Eltern zu besuchen. Wir haben uns durch die diversen Lockdowns selten gesehen und jetzt nutze ich die Zeit. Weil ich mittlerweile gern nachts unterwegs bin, ist die Fahrt kein grosser Aufwand. In Berlin erscheint mir das Leben als sommerlich normal. Das ist merkwürdig, weil ja andere Teile Deutschlands durch Unwetter und Hochwasser zerstört wurden. Wahrscheinlich nimmt das zu, dass Menschen im selben Land so Unterschiedliches erleiden. Das ist eine Herausforderung an unsere Solidarität.

Ich gehe jeden Tag schwimmen und geniesse das auch. Wobei Bäder in Berlin (trotz der Zeitfenster-Tickets) deutlich voller sind als die Bäder im Baselbiet. Das ist ein munteres Sich-Überholen und Überholt-Werden in den Schnellschwimmerbahnen. Ich bin nicht sooo schnell, aber ich sehe zumindest sportlich aus :-)

Es gibt manches von dem zu erzählen, was ich in Berlin sehe und lerne: besonders im Blick auf Gemeindeentwicklung und Mission. Vielleicht erzähle ich davon noch. Es ist super interessant, welche Gemeinden bzw. Kirchen in Berlin neu beginnen, was sie wollen und was sie dafür tun. .... Was mich freut: eine Karte für die Ausstellung von Yayoi Kusama. Eine Retrospektive [im Gropius-Bau: hier] habe ich auch noch bekommen. Das ist alles andere als selbstverständlich, weil die Karten online sofort ausverkauft waren.

Morgen schreibe ich hier weiter ...


Sonntag, 11. Juli 2021
Wolfgang schreibt: Ulrike hat heute Vormittag in der Stadtkirche Liestal eine besondere Predigt gehalten. Jesus heilt einen Mann mit einer 'verdorrten' Hand (Markus 3,1-6). Das Problem: Er tut es an einem Sabbat. Warum tut er das? Und: Warum sind die Pharisäer darüber derart empört, dass sie sich mit den Beamten des Herodes zusammen schliessen, um Jesu Tod zu planen? Sie können die Predigt gleich hier anhören:



Ganz unten auf dieser Seite [dort, wo die Buchstaben blau werden] können Sie diese Predigt herunterladen unter: 2021-07-11-Mk 3,1-6.


Ulrike schreibt: Hier sind die Hauptlinien der Predigt:

1 Das Glück, gefunden zu werden. Der Mann mit der verdorrten Hand ist Jesus nicht hinterhergegangen. Er sass bereits in der Synagoge in Kapernaum. Jesus betritt sie mit seinen Jüngern. Es ist also Jesus, der auf den Weg des Mannes tritt.

2 Habe ich, so könnte sich der Mann fragen, damit gerechnet, dass Jesus mir dort begegnet? Habe ich also - unbewusst? - auf Jesus gewartet? Der Mann mit der vertrockneten Hand fragt sich vielleicht: Habe ich damit gerechnet, dass Jesus kommt? Jesus war ja bereits in Kapernaum gewesen. Er hat in dieser Synagoge gelesen und geredet. Das ist einige Tage, längstens einige Wochen her. Von ihm heisst es: Jesus lehrte in der Synagoge in Kapernaum „und sie entsetzen sich über seine Lehre, denn er lehrte mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten“ (Markus 1,21).

3 Jesus hat in Kapernaum bereits geheilt. Nach dem ersten Synagogenbesuch gehen Jesus und die Jünger in das Haus des Simon und Andreas: Da ist die Schwiegermutter des Simon Petrus und er heilt sie (Markus 1,29). Später heilt Jesus - wohl ebenfalls im Haus des Simon - einen Gelähmten und spricht ihm Vergebung der Sünden zu (Markus 2,1ff).

4 Achtung: Sabbat! Wird Jesus dem Mann mit der verdorrten Hand helfen? Jesus hatte bereits eine Auseinandersetzung mit den Pharisäern. Seine Jünger raufen am Sabbat Ähren. Jesus hat sich - und damit seine Autorität - mit David verglichen. Er tritt in die Tradition des Messias. „So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat“ (Markus 2,28).

5 Wird Jesus am Sabbat helfen? Wenn ja, warum? Am Sabbat bringt Gott seine Schöpfung zu ihrer Vollendung. Wir lesen davon in 1. Mose 1,31-2,4. "Und so wurden vollendet Himmel und Erde". Das Vollenden geschieht - interessanterweise - im Akt der Ruhens. Gott bringt am Sabbat, am letzten Tag der ersten Schöpfungs-Woche, seine Schöpfung zum Ziel. Jesus stimmt in Markus 3 in das Handeln Gottes ein: Er bringt die Schöpfung zu ihrem Ziel. Darum heisst er den Mann, seine Hand auszustrecken. Und sie wird ihm wieder hergestellt.


Mittwoch, 30. Juni 2021
Ulrike schreibt: Wolfgang und ich sind ab Sonntag, 4. Juli, für eine Ferienbibelwoche in Moscia - am Lago Maggiore. Ich weiss es nicht genau, vermute aber, dass es noch freie Zimmer hat. Wir haben als Thema für die täglichen Impulsreferate und Gespräche Wie das Herz fest wird ausgesucht. Die Casa Moscia liegt - ausgesprochen schön - direkt am See. Das ist eine Freude für alle, die gern schwimmen. Man kann auch gut wandern oder ist mit dem Bus in wenigen Minuten in Ascona. Die Ferienbibelwochen in Moscia sind so aufgebaut, dass man auch für einzelne Tage kommen kann. Hier sind Wolfgangs und meine Themen für die nächste Woche. Es sind Wege dahin, dass das eigene Herz fest bleibt und fest wird:

       FEST sein - und doch BEWEGLICH bleiben
       Keine REZEPTE befolgen - und doch GOTTES WEGE gehen
       VIEL WOLLEN - und doch das EIGENE MASS finden
       EIGENE GEFÜHLE bejahen - und doch nur auf GOTTES ZUSPRUCH bauen
       Menschen LOSLASSEN – und doch mit GOTTES FESTHALTEN rechnen
       Zwischen Menschen UNTERSCHEIDEN - und doch ALLEN Gutes tun
       Vergangenes VERABSCHIEDEN – und doch: ERINNERUNG schafft Gegenwart


STORYTELLING

Bei meiner beruflichen Weiterbildung zum Storytelling haben wir uns gestern mit der Theologie der Stories beschäftigt. Wie geht es zu, dass Gott uns Menschen in seine eigene Geschichte hineinnimmt? Geschichten bedienen Motive, die im Leben jedes Menschen eine Rolle spielen.

Die Referenten haben sehr schön gezeigt, wie die Berichterstattung von der Fussball-Europameisterschaft Motive kennt, die auch in den biblischen Geschichten eine Rolle spielen. Hier sind eine paar Beispiele. Links die Berichterstattung vom Fussball, daneben Beispiele von biblischen Erzählungen.

       Kampf, Niederlage, Rettung, Sieg - biblisch: Landnahme
       Held des Abends - biblisch: Retter, König David
       Überlegener Gegner wird überwunden - biblisch: David und Goliath
       Die Auswahl hat es geschafft; es geht weiter - biblisch: Mission
       Team und Trainer halten zusammen - biblisch: Seesturm
       .....

Biblische Geschichten sind aber komplexer, bringen starke Gegensätze zusammen:

       Erwählung und Verwerfung - biblisch: Zerstörung des Tempels
       Verrat des Retters - biblisch: Jesus und Judas
       Team zerstritten - biblisch: Versagen der Treuen
       Bewahrt werden in der Zerstreuung - biblisch: Diaspora
       ....

Die stärkste Geschichte ist die von der Auferstehung Jesu. Die Auferstehung ist das 'Re-Framing' einer Katastrophe. Die Katastrophe (Kreuzigung und Tod) muss nicht geleugnet werden. Zu relativieren ist sie sowieso nicht. Sterben und Tod können nicht relativiert werden. Die einzelnen Elemente der Passionsgeschichte neigen dazu, eine absolute Katastrophe zu schildern. Die Evangelien leugnen kein einziges Element dieses Geschehens. Sie erzählen aber mit ihnen eine ganz andere, nicht zu erwartende Geschichte: "Im Tode bezwang er den Tod, und schenkte den Entschlafenen das Leben …" So besingt die orthodoxe Kirche den unbegreiflichen Osterjubel.


Montag, 28. Juni 2021
Ulrike schreibt: Unsere Ferien in Berlin und an der Ostsee sind zu Ende gegangen und meine (berufliche) Weiterbildung hat heute begonnen. Ich habe mir einen viertägigen Kurs ‹Kirche als Erzählgemeinschaft - Storytelling› ausgesucht. Es geht um die Bedeutung gemeinsamer Erzählungen:

Erzählungen zu entdecken (im Hinhören)
Erzählungen zu reflektieren (im Dialog)
Erzählungen zu schaffen und sie einzusetzen (Gestalten)

Der Tag war sehr vielfältig. Ich erzähle hier schlaglichtartig, was mir heute besonders interessant war. Wir haben einen TED - Talk mit Chimamanda Adichie gehört. Ich habe früher ihre Bücher gelesen, besonders erinnere ich mich an Americanah, deutsch 2015. Es lohnt sich sehr, ihr auch selbst zuzuhören:Die Gefahr einer einzigen Geschichte


DIE GEFAHR EINER EINZIGEN GESCHICHTE

Chimamanda Adichie erzählt, was geschieht, wenn man über andere Menschen nur "eine einzige Geschichte" kennt und erzählt. Wenn man das macht, schreibt man ihre Identität fest, ohne zu wissen, dass es auch ganz andere Geschichten über sie gibt. Adichie nennt mehrere Beispiele: sie erzählt von einem Jungen, der aus einer armen Familie vom Land kam und im Haushalt ihrer wohlhabenden und gebildeten Eltern in Nigeria arbeitete. Für die junge Chimamanda war dieser Junge "einfach nur arm". Bis ihre Familie eines Tages die Familie des Jungen besuchte. Da sah sie mit Verwunderung, dass im Haus seiner Familie wunderschöne Korbwaren hergestellt wurden. Und sie erschrak über sich selbst, weil sie vorausgesetzt hatte, dass eine arme Familie nicht "produktiv" sein kann. Produktiv-sein kam in ihrer Erzählung über Armut nicht vor.

Sie selbst kannte - als junges Mädchen - nur eine einzige Geschichte über Amerika. In ihren ersten Schreibversuchen reproduzierte sie immer wieder diese eine Geschichte. Sie schrieb von blonden, blauäugigen Menschen, die Äpfel essen und sich übers Wetter unterhielten. Adichie: Das Problem von Stereotypen ist nicht, dass sie unwahr sind. Das Problem ist, dass sie oft die einzigen Geschichten sind. Wird von einem Menschen oder einem Volk nur eine Geschichte erzählt, raubt man ihm die Würde. ... Ein wichtiger Satz: dass man Menschen ihre Würde raubt, wenn man nur eine Geschichte über sie zu erzählen weiss. Mir wichtig: Mich freut es, wie vielfältig die biblischen Geschichten sind. Wie oft wird dasselbe erzählt, um es in unterschiedlicher Perspektive zu betrachten, zu fassen, und ihm dabei sein Geheimnis zu lassen.

ZUHÖREN

Wir haben uns schwerpunktmässig mit dem Zuhören beschäftigt. Wir haben kurze Interviews (im Video) gehört und uns gefragt, wie es uns beim Zuhören geht. Und warum es uns so geht, wie es uns geht. ... Das war interessant. Ich merke, dass ich gut zuhören kann, wenn ich bei einem Menschen eine Offenheit wahrnehme; wenn er oder sie sich selbst als lernend oder auf dem Weg versteht. Das kann auch in ganz kleinen Dingen sein. ... Mir fällt es aber schwer zuzuhören, wenn jemand sich bereits mit Sätzen darüber gewappnet hat, was für ihn oder sie (noch) geht und was nicht.

Ralph Kunz hat uns psychologische Aspekte des Zuhörens vorgestellt. Das kam dem ziemlich nahe, was eine befreundete Psychotherapeutin uns letzte Woche in Berlin erzählt hat. Sie meinte, dass sie ihre Klientinnen und Klienten erzählen lässt und aktiv in das Erzählen eingreift. Das Ziel ist, dass die Erzählenden entdecken, dass ihnen auch ein anderer Blick auf ihre Situation möglich ist. Sie lernen im Gespräch, Dinge neu zu sehen. Sie lernen, sich Wege und Handlungsweisen für sich selbst vorzustellen - zu imaginieren - die vorher ausserhalb der eigenen Vorstellungswelt lagen. Ralph Kunz hat uns einen Wilfried Bion - ich habe nie von ihm gehört - und seine Methode des Containing vorgestellt. Der Therapeut - also der Zuhörende - hört an, was ihm erzählt wird: "Vorbild ist die Mutter, die die Ängste ihres Kindes zu lindern versucht, indem sie diese ‹unverdaulichen Anteile› in sich aufnimmt, innerlich modifiziert und sie dann strukturiert zurückspiegelt." (Folie und gleichzeitig wiki)

Ich habe zurückgefragt, was denn genau dieser Container sei; es kann ja nicht die Psyche der Seelsorgerin sein, die die Last des Erzählten trägt. Ralph Kunz meinte, es sei der ‹Raum›, der sich im Zuhören öffnet, der diesen Container bildet. ... Dem muss ich noch noch nachdenken. Ich meine ja, dass alles Gehörte bei Gott zu deponieren ist. Ich höre es mit meinen Ohren, aber ich lasse es Gottes Sache sein. Gottes Herz - wenn man so reden will - ist der Container.


Freitag, 25. Juni 2021
Ulrike schreibt: Heute gehen unsere Ferien zu Ende. Wir sind im Berlin am Aufräumen. Die drei Tage an der Ostsee waren wunderschön. Anders als im Wetterbericht angekündigt hatten wir viel Sonne bei knapp 20°C. Vom Hotel aus - über die Strasse und über den Deich - sind es 200m bis in die Ostsee. Der Strand war eher leer, obwohl die Strandkörbe merkwürdigerweise ausgebucht waren. Der Ort Ahrenshoop mit seinen Hotels, Cafés und Lokalen selbst war knallevoll: voll mit Autos, älteren Menschen und sehr sportlich gekleideten Radfahrerinnen. Dabei hat die Ferienzeit nicht einmal begonnen. .... Mir war es eigentlich zu voll; aber eben ein wunderbarer Strand. Hier sind ein paar Ferienbilder. Ahrenshoop war seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts auch Künstlerkolonie. Für mich waren die Bilder von Anna Gerresheim, Elisabeth von Eicken, Paul Müller-Kaempff und anderen eine Entdeckung. Es sind vor allem Landschaften und Bauernhäuser.




Montag, 21. Juni 2021
Ulrike schreibt: Das Wochenende war im Nachhinein gesehen sehr voll - mit lauter schönen Erlebnissen. Am Freitag Abend waren Wolfgang und ich im Strandbad Lübars. Das ist ein See im Norden von Berlin, wo mein Bruder und ich als Vorschulkinder schwimmen gelernt haben: noch so richtig mit ‹Trockenschwimmen› im heissen Sand. Ich kann mich lebhaft daran erinnern, wie wir Kinder auf dem Bauch im Sand lagen, und dass mir überhaupt nicht klar war, was diese Übung mit dem Schwimmen zu tun hat. Das Strandbad war - mit seinen Zufahrtswegen - gestopft voll; es waren halt 37°C. Der See selbst - also jenseits des Nichtschwimmerbereichs - war fast leer und das Schwimmen wunderschön. Auf dem Wasser liegen die Blüten der Lindenbäume, und man ist beim Schwimmen von einem zarten süssen Geruch umgeben. So etwas Schönes kann man sich gar nicht ausdenken. ... Gestern früh war ich im Flughafensee - ebenfalls in Reinickendorf - schwimmen. Der See ist gut zum Schwimmen und bis zu 35m tief. Ich mag gar nicht dran denken, was oder wer da alles drin liegt. Aber vielleicht habe ich auch ein bisschen viel Phantasie.

Zum Jubiläum in der Apostel-Johannes-Gemeinde gestern waren zwar viele gekommen - vor allem ältere Leute -, aber fast keiner von denen, auf die ich mich gefreut habe. Gefreut habe ich mich auf junge Leute von Anfang/Mitte der 80er Jahre, die jetzt wie ich 50+ sind. In meinen Augen waren das besondere Zeiten, weil viele von uns zum Glauben an Gott gekommen sind. Wo sind sie heute? Welche Wege sind sie gegangen? Ich hätte das auch in geistlicher Hinsicht interessant gefunden: wie unsere Gemeinde sich nach aussen hin vervielfältigt.

Heute fahren Wolfgang und ich an die Ostsee. Wir haben recht spontan ein kleines Hotel in Ahrenshoop gefunden, sehr nahe am Strand. Bin gespannt, ob es so schön ist, wie es auf den Fotos aussieht.


Freitag, 18. Juni 2021
Ulrike schreibt: Unsere erste Ferienwoche ist herum. Wir sind in Berlin und fühlen uns sehr wohl. Wolfgang bekommt von den 35°C nicht so viel mit, weil die Wohnung keine direkte Sonneneinstrahlung hat. Die Baum-Hasel (Türkische Haselnuss), die als Strassenbaum vor dem alten Berliner Mietshaus steht, wirft ihren Schatten über den ganzen Balkon. Das ist super angenehm. Bis in die Nacht sitzen junge Leute an Tischen unter unserem Balkon, denn im Nachbarhaus ist ein griechisches Lokal.

Ich war zweimal zum Schwimmen im Sommerbad Seestrasse - ich wäre auch öfter gegangen, aber die Online-Tickets sind schnell ausgebucht. Jetzt bleiben nur noch die eintrittsfreien Berliner Seen. Und zweimal war ich im Museum. Einmal in der James-Simon-Galerie - dem Neubau auf der Museumsinsel - und einmal im Hamburger Bahnhof. Die Ausstellung Achmîm. Ägyptens vergessene Stadt auf der Museumsinsel fand ich nicht wirklich informativ. Die beiden Ausstellungen im Hamburger Bahnhof (Scratching the Surface und Pauline Curnier Jardin: Fat to Ashes) habe ich als sehr anregend empfunden.

Jetzt am Wochenende feiert die Kirchgemeinde, in der ich als junge Frau zum Glauben gekommen bin, ihr 50 jähriges Bestehen. Das ist ein schöner Zufall, dass das Jubiläum in die Zeit unseres Urlaubs fällt. Mir war früher gar nicht klar, dass die Apostel-Johannes-Kirchgemeinde ‹jünger› ist, als ich es bin. Ich bin gespannt, wen ‹von früher› die heutige Kirchgemeinde ausfindig gemacht hat. Wir hatten in den 80ern eine sehr grosse Jugendarbeit; viele junge Leute - unter anderem ich - sind im Anschluss an den Konf.unterricht gläubig geworden. Auch mein Bruder kommt für diesen Anlass mit einem seiner Kinder nach Berlin.

Hier sind ein paar Bilder aus Berlin:




Freitag, 11. Juni 2021
Ulrike schreibt: Seit gestern haben wir Ferien. Ich freue mich sehr darüber. Wobei ich bereits seit Auffahrt (Himmelfahrt) regelmässig ins Freibad (beheizt) gehe, was für mich ein Feriengefühl ist. Gestern bin ich zum ersten Mal in den Rhein gestiegen und ein bisschen - aber nicht lange - geschwommen. Unsere Steuererklärung habe ich heute Morgen zum Finanzamt gebracht, was auch ein Gefühl von Ferienbeginn ist. Sie ist nur halb so dick wie in den vergangenen Jahren, weil im letzten Jahr ja viele Veranstaltungen ausgefallen sind.

Gestern kam eine Einladung der Apostel-Johannes-Kirchengemeinde in Berlin zu ihrem 50jährigen Bestehen. Das ist die Kirchgemeinde in einem Berliner Hochhausviertel, in der ich 1983 zum Glauben gekommen bin. Es ist fast ein Wunder, dass wir an genau diesem Wochenende auch in Berlin sind. Ich freue mich darauf, einige Menschen aus meiner Jugendzeit in der Gemeinde wiederzusehen.

Unser Garten in Liestal ist wunderschön, das Gras - mit Kornblumen, Margeriten, Disteln, Akelei, Mohn ... steht hüfthoch. Die Rosensträucher blühen üppig, wahrscheinlich, weil ich dies Jahr daran gedacht habe, sie zu düngen. Die Blumenkästen vor den Fenstern habe ich gestern neu bepflanzt - vorwiegend mit Geranien und Begonien. Das bleibt bis in den Herbst. Wo man hinschaut: es ist schön.


Sonntag, 6. Juni 2021
Wolfgang schreibt: Der gestrige Studientag zum Thema Heiliger Geist war für mich selbst ganz spannend. Ohne Gottes Lebens-Geist würde die Schöpfung in sich zusammen sinken: "Nimmst du den 'Atem' (Geist) weg - zu Staub zerfallen sie …" (Psalm 104,29f). Gott selbst muss seinen Geist immer neu aussenden, damit die Schöpfung überhaupt bestehen bleibt. Es ist schon bemerkenswert, wie nahe diese Aussagen den Erkenntnissen der modernen Astrophysik kommen und zum kreativen Gespräch herausfordern. Leider war gestern dafür zu wenig Raum. Mehr Zeit blieb uns, auf die Botschaft der Propheten zu hören. Gottes Volk, so sagen sie (vor allem Jeremia und Ezechiel), hat durch sein Verhalten den Bund mit Gott derart gebrochen, dass er nicht mehr 'repariert' werden kann. Es braucht eine gundlegende Erneuerung. Wenn sie von einem "Neuen Bund" sprechen, dann erwarten sie eine grundlegende Erneuerung. Der "Neue Bund" ist gerade kein anderer Bund. Es ist Gottes Neuanfang mit seinem Volk. Der Unterschied: Er baut nicht auf den menschlichen Möglichkeiten auf, sondern auf Gott und seinen Möglichkeiten. In der Sprache der Propheten: Gott wird das fleischerne bzw. das steinerne Herz der Menschen entfernen und durch seinen Geist ersetzen. Was Jeremia (31,31-34) bzw. Ezechiel (36,24-27) in ihrer Sprache formulieren gehört zur kühnsten Hoffnung, von der die Bibel spricht. Geist, das ist Gott selbst mit den Möglichkeiten, die nur ihm zur Verfügung stehen. Es ist nötig, dem immer wieder nachzudenken und seinen eigenen Glauben an dieser Hoffnung fest werden zu lassen.

Das Datum des nächsten Studientages steht schon länger fest: Samstag, 25. September 2021. Das Thema selbst ist noch offen. Irgendwie werden wir jedoch dieser prophetischen Hoffnung weiter nachgehen. Wie lautet sie? Und welche Konsequenzen hat sie bereits jetzt für die Gestaltung unseres Glaubens und Lebens: persönlich und gesellschaftlich? Ihr werdet bald mehr darüber hören.

Näher liegen die Termine im Tessin. "Wie das Herz fest wird" - 4. bis 10. Juli 2021 in Moscia. Diese Tage in der Reihe "Bibelimpulse und Urlaub" sind recht gut gebucht. Aber es sind immer noch Plätze frei. Gerne laden wir dazu ein.

Mit Freude bereite ich mich schon länger auf die Schweige-Exerzitien in Rasa vor (16. bis 26. August 2021: zehn Tage oder fünf Tage ab 16. oder ab 21. August 2021). In diesen Tagen wird uns Psalm 86 begleiten: Wie aus Not und Klage eine Bitte wird. "Lehre mich deine Wege … ich will ja in deiner Treue weiter gehen." Dafür sind noch ziemlich viele Plätze frei [vor allem in den ersten fünf Tagen]. Wir wären froh, wenn Ihr auf dieses Angebot im Freundeskreis aufmerksam macht - oder Euch überlegt, selbst daran teilzunehmen. Der Psalm ist 'schlicht'. Wahrscheinlich ist er gerade darum so grossartig, ja überraschend.


immer noch Freitag, 4. Juni 2021
Ulrike schreibt: Morgen ist Studientag der Fritz-Blanke-Gesellschaft: ‹WER HAT DEN HEILIGEN GEIST? Was die Bibel vom Heiligen Geist und von anderen Geistern sagt›. Wolfgang wird zu einem Gang durch die Bibel einladen: von der Schöpfung, durch die Geschichte Israels bis hin zu Jesus und zum Geist des neuen Bundes. Das ist - meiner Meinung nach - sehr grundlegend und gleichzeitig spannend.

Wir sind bis jetzt erst gut zwanzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Sie können sich also noch kurzfristig anmelden, alle weiteren Informationen finden Sie links bei Studientage.


Freitag, 4. Juni 2021
Wolfgang schreibt: Wir freuen uns sehr auf das Stille Wochenende am 1. Advent-Wochenende (26. bis 28. November 2021): "ICH REDE MIT MEINER SEELE". Ulrike und ich werden es gemeinsam leiten. Sie können sich ab sofort anmelden.

Wir kennen die innere Stimme in uns. Manchmal tröstet und ermutigt sie uns. Manchmal warnt sie uns und klagt uns an. Sie tritt auf als eine Stimme, die gründlich Bescheid weiss. Doch: Hat sie wirklich immer recht? Die Bibel weiss davon, dass es eine ernsthafte Kultur des inneren Gesprächs mit uns selbst, also mit unserer Seele braucht. Unsere 'Seele' tritt auf als Seelsorgerin, als Trösterin wie als Anklägerin, vor allem als präzise Theologin usw. Psalm 103 nimmt uns hinein in das Gespräch mit dieser eigenen inneren Stimme.

Dabei stellt sich heraus, dass die Seele keineswegs immer recht hat. In ihrer Angst vertritt sie eine eigene Theologie, die unbedingt korrigiert werden muss. Es geht wahrhaftig um die SEELSORGE AN DER EIGENEN SEELE. An diesem Einkehrwochenende hören wir auf das je eigene innere Gespräch. Was spricht meine Seele mit mir? Was behauptet sie? Was und wie kann ich ihr entgegnen? Der Wüstenvater 'Evagrius Ponticus' (345 - 399) hat sich in seiner Schrift "Die grosse Widerrede" eingehend und überraschend praktisch damit beschäftigt: hilfreich bis heute.

Den Flyer für unser Wochenende finden Sie gleich hier: 2021.11 Stilles Wochenende Riehen. Ein hilfreiches, kreatives und frohes Wochenende gerade zum Beginn der Adventszeit.


Sonntag, 30. Mai 2021
Wolfgang schreibt: Ulrike hat heute sowohl in Liestal wie in Seltisberg über Psalm 103,1-13 gepredigt: SEGNE den Herrn meine Seele. Warum heisst es, dass die Seele Gott 'segnen' soll? Warum redet der Psalmbeter so eindringlich mit sich selbst, also mit seiner eigenen Seele? Muss sie etwas lernen bzw. etwas zur Kenntnis nehmen, das sie von sich aus nicht weiss, nicht so einfach kann? Eine spannende Anleitung zum Umgang mit sich selbst. Sie können die Predigt gleich hier anhören:



Ganz unten auf dieser Seite [dort, wo die Buchstaben blau werden] können Sie diese Predigt herunterladen unter: 2021-05-30-PSALM103.


Freitag, 28. Mai 2021
Ulrike schreibt: Heute Abend nehmen wir als Kirchgemeinde an der ‹Langen Nacht der Kirchen› teil. Es sind drei Konzerte (jeweils um 19/ 20/ 21 Uhr) und eine Taizéfeier um 22 Uhr. Thema der Langen Nacht ist ‹Glaube, Hoffnung, Liebe› und es gibt kurze inhaltliche Impulse. Mein Impuls ist der über Hoffnung. Was heisst es, auf Gott zu hoffen?

Morgen ist der angekündigte Zoom-Studientag zu den Psalmen mit Siegfried Zimmer und Wolfgang. Damit ich morgen teilnehmen kann, muss ich heute vorbereiten: Am Sonntag - also übermorgen - feiern wir in der Stadtkirche Gottesdienst mit goldener Konfirmation, heisst: mit Gästen von auswärts. Ich predige über Psalm 103. Wir streamen einzelne Teile in den Kirchsaal, wo Theresia Gisin - die Leiterin unseres Kirchenchors - den Gottesdienst für die ‹normale› Gemeinde an die Hand nimmt. Das finde ich sehr schön, dass das so geht. Um 11 Uhr feiern wir noch auf dem Seltisberg. Am Abend bin ich von den Tübinger Jungakademikerinnen für ein Zoom Meeting über Spiritualität eingeladen. Das muss ich auch vorbereiten.


Sonntag, 23. Mai 2021
Ulrike schreibt: Wolfgang und ich wünschen euch ein frohes Pfingstfest. Wir wünschen euch viel Freude an Gott, der mitten unter seinem Volk und in uns Wohnung genommen hat.

Letzte Woche hat jemand erzählt, dass in unserer Synode (also der der Baselbieter Kirche) letzthin darüber abgestimmt wurde, ob die Dreieinigkeit aus der Kirchenordnung zu streichen sei. Das wurde von den Synodalen mehrheitlich abgelehnt. Aber dass man in der Schweiz über die Geltung ökumenischer Bekenntnisse überhaupt abstimmen kann, ist schon sehr gewöhnungsbedürftig. Der tiefere Grund: Die reformierten Kirchen der Schweiz sind - anders als die meisten Kirchen weltweit - bekenntnisfrei.

Gerade ist der neue Rundbrief der Fritz-Blanke-Gesellschaft - das ist der Verein bzw. der grosse Freundeskreis, für den Wolfgang arbeitet - verschickt worden. Derselbe Rundbrief wird nächste Woche in Papierform verschickt. Es gibt eine - in meinen Augen - ausgesprochen schöne Beilage von Wolfgang zu Psalm 73. Und es sind ein paar Einladungen drin. Wir laden zum nächsten Studientag mit Wolfgang ein. Er findet am Samstag, dem 5. Juni 2021 statt, von 9.30 Uhr bis 16.30 Uhr. Ort ist der Saal der EMK (Methodistische Kirche) in Zürich im Zeltweg 10. Thema des Studientages ist:

WER HAT DEN HEILIGEN GEIST? WAS DIE BIBEL VOM HEILIGEN GEIST UND VON ANDEREN GEISTERN SAGT

Die biblischen Zeugnisse sprechen sehr differenziert von ganz verschiedenen Geistern, die einem begegnen bzw. die in einem wohnen können. Darum ruft die Bibel wie die christliche Tradition eindrücklich zur «Unterscheidung der Geister» auf. Woran zeigt es sich, dass uns Gottes Geist begegnet, ja in uns wohnt? Könnte es auch ein anderer 'Geist' sein? Wie unterscheidet man das? usw.

Den Flyer finden Sie links, wenn Sie auf Studientage klicken. Wahrscheinlich haben wir uns selbst etwas konkurrenziert. Denn am Samstag, dem 29. Mai 2021, findet ebenfalls ein Studientag statt, den Siegfried Zimmer und Wolfgang gemeinsam gestalten. Thema: PSALMEN: beten, lesen, verstehen. Infos und Anmeldung: https://www.ticketino.com/de/Event/Die-Psalmen-Beten-Lesen-Verstehen/130725. Dieser Psalmen-Studientag findet ausschliesslich online statt. Der Studientag zum Heiligen Geist findet physisch - eben in Zürich :-) - statt.

EIN MUSEUM ÖFFNET SICH

Ich war heute früh - es hatte noch ein Zeitfenster um 9 Uhr :-) - in der Fondation Beyeler in Riehen. Sie zeigen eine Installation von Olafur Eliasson. Ich kenne seine Werke von Ausstellungen in Berlin (Martin-Gropius Bau), aber die in Riehen übertrifft alles. Klickt einmal hier: OlafurEliassonLife

Das Museum hat seine Räume geöffnet und hat sie in eine grosse Wasserlandschaft verwandelt. Alle Räume - bis auf einen grossen Saal - sind nach aussen hin offen, es gibt keine Türen und Fenster mehr. Man kann auf Holzstegen über eine Wasserlandschaft gehen. Die ist bepflanzt und leuchtet in einem neon-hellen Grün. Abends wohl blau. Mein erstes Gefühl war, dass die ‹Natur› sich wieder in den einstigen ‹Kulturräumen› ausbreitet. So wie man es von verlassenen Ortschaften und stillgelegten Fabriken kennt. Aber es ist eben kein ‹Überwuchern›, was Eliasson zeigt, sondern dieser neue Raum ist stilisiert. Die Stege sind gradlinig und ‹streng›, laden nicht zum Verweilen ein. Ausgesprochen schön ist der Übergang dieser stilisierten Wasserwelt hin in die Parklandschaft des Museums. Da treffen die unterschiedlichsten Grüntöne und Gefühle aufeinander. ... Was mich geflasht hat ist, dass hier Menschen tatsächlich Neues denken und (mit viel Geld) baulich umsetzen.


Mittwoch, 19. Mai 2021
Ulrike schreibt: Wenn Sie heute um 19.30 Uhr per Zoom beim Abend mit Assaf Zeevi dabei sein wollt, klicken Sie bitte hier: Offener Abend Wir treffen uns ebenfalls ‹leibhaft›, nämlich im Saal vom Kirchgemeindehaus Martinshof in Liestal. Thema des Abends - neben manchen anderen Fragen und Berichten - wird sein: Die Bibel für Juden, die Bibel für Christen. Wir freuen uns auf euch, auf Sie, auf das gemeinsame Hinhören, Nachfragen und Lernen.


Sonntag, 16. Mai 2021
Wolfgang schreibt: Die Predigt von heute ist eine Fortsetzung der Predigt vom Himmelfahrtstag - über Epheser 1,15-23. Paulus betet für die Gemeinde. Sein Gebet ist ein grosser und konzentrierter Dank. Aber ihm fehlt auch die Bitte nicht. Was lernen wir aus der Weise, wie Paulus für seine Gemeinden betet, für unser eigenes Beten, ja für unsere Bittgebete? Es ist schon erstaunlich, dass Paulus die Zusammenhänge zwischen Gottes Handeln und unserem Beten so klar gesehen hat: DANK FÜR DIE GEMEINDE. Sie können die Predigt gleich hier anhören:



Ganz unten auf dieser Seite [dort, wo die Buchstaben blau werden] können Sie diese Predigt herunterladen unter: 2021-DANK FÜR DIE GEMEINDE-Eph1.



Samstag, 15. Mai 2021
Ulrike schreibt: Am Mittwoch nächster Woche - also am 19. Juni - haben wir Assaf Zeevi bei uns zu Gast in der Kirchgemeinde. Assaf Zeevi ist Reiseleiter bei Kultour und Autor des Buches "Lass das Land erzählen. Eine Reise durch das biblische Israel" (2021). Im nächsten Frühling erscheint bereits sein zweites Buch. Ihr könnt am Mittwoch entweder vor Ort im Kirchsaal teilnehmen (Beginn 19.30 Uhr) oder euch per ZOOM einwählen, ebenfalls kurz vor 19.30 Uhr. Den ZOOM Link findet ihr im Menü links bei "Israel-Reise". Thema des Abends ist Die Bibel für Juden, die Bibel für Christen.


Freitag, 14. Mai 2021
Wolfgang schreibt: GOTTES KRAFT AN UNS — Die Predigt von Ulrike zu Christi Himmelfahrt (Epheser 1,15-23) ist nun auch als Text in einer PDF-Datei erhältlich: 2021-HIMMELFAHRT-Gottes Kraft an uns-Text


Donnerstag, 13. Mai 2021 - CHRISTI HIMMELFAHRT
Wolfgang schreibt: Über Weihnachten und Ostern lässt sich gut predigen. Da gibt es Geschichten, die man erzählen und die man sich innerlich vorstellen kann. Wie aber ist das mit Christi Himmelfahrt? Auch das ist eine Geschichte. Nur: Was bedeutet sie? Ulrike führt es aus: Mitten in der Auseinandersetzung der Mächte, die unsere Welt und unser Leben bestimmen, hat Gott Fakten geschaffen. Die Frage, wer die letzte Macht in unserer Welt und damit auch in unserem Leben hat, ist nicht mehr offen. Sie ist endgültig entschieden … Natürlich war das ein Kampf. Der aber liegt hinter uns und nicht mehr vor uns: GOTTES KRAFT AN UNS. Die Predigt über Epheser 1,15-23 von Ulrike Bittner in der Stadtkirche Liestal kann man gleich hier anhören:



Ganz unten auf dieser Seite [dort, wo die Buchstaben blau werden] können Sie diese Predigt herunterladen unter: 2021-HIMMELFAHRT - Gottes Kraft an uns.


Mittwoch, 12. Mai 2021
Ulrike schreibt: Morgen feiern wir Auffahrt; in Deutschland sagt man Christi Himmelfahrt. Um 9.30 Uhr ist Gottesdienst in Liestal und am Sonntag feiern wir in Liestal (9.30 Uhr) und auf dem Seltisberg (11 Uhr). Der Predigttext steht im Brief an die Gemeinde in Ephesus im 1. Kapitel, Vers 1 und 15-23.

Paulus schreibt von der "überschwänglichen Kraft", mit der Gott an uns handelt. Das ist sein Thema und "mein" Thema für den Gottesdienst morgen. Man kann allerdings blind dafür sein, mit welcher Kraft Gott unter uns zugange ist. Um diese Kraft wahrzunehmen, müssen uns "die Augen des Herzens" geöffnet werden. Das ist Thema der Gottesdienste am Sonntag.

Hier teile ich ein paar Beobachtungen zu Epheser 1,1.20-23:

(1) An wem handelt Gott "mit überschwänglicher Kraft"? An uns. "Uns", das sind diejenigen, die an Jesus glauben (Vers 1).

(2) Wie gross ist die Kraft Gottes? Es ist die Kraft, mit der Gott seinen Sohn von den Toten auferweckt hat (Vers 20). Grösseres kann man nicht finden, als jemanden, der aus "nichts" wieder "etwas" macht.

(3) Jesus sitzt zur Rechten des Vaters im Himmel. "Himmel", das ist eine Chiffre für den Ort, an dem "regiert", am dem entschieden wird. "Himmel" ist der unsichtbare Teil unserer Wirklichkeit, der da ist, aber unseren Augen verborgen ist.

(4) Jesus nimmt Platz an der Seite des Vaters - das feiern wir an Auffahrt. Das heisst, dass Jesus seinen Weg zu Ende gebracht hat. Er hat Fakten geschaffen, hinter die niemand mehr zurück kann. Niemand kann mehr infrage stellen, dass Jesus stärker ist als der Tod und dass mit ihm neues Leben begonnen hat und beginnt. Mich ärgert es oft, dass gerade Christen so tun, als wäre hier noch nicht entschieden. Als müssten sie kämpfen und beten, damit Jesus Sieger bleibt und sich alles in die richtige Richtung entwickelt. Das ist irreführend. Jesus sitzt bereits auf dem Ehrenplatz, zur Rechten des Vaters.

(5) Alle anderen Mächte - Menschen, Gottheiten, Herrschaften, Institutionen - sind entmachtet. Sie müssen sich Jesus unterordnen (Vers 21). Das heisst: Wer beansprucht, beliebig über Menschen verfügen und entscheiden zu können, der lügt. Niemand hat das letzte Wort über einen anderen. Es ist Jesus, dessen Wort gilt.

(6) Frage: Wofür braucht es die "überschwängliche Kraft" Gottes an uns? Mir fallen schnell Menschen ein, für die ich mir eine solche Kraft wünsche. Aber es sind nicht nur diejenigen, die in einer Krankheit oder Sucht oder ausweglosen Lebensumständen festzustecken scheinen. Jeder von uns braucht diese "überschwängliche Kraft" Gottes. Ich kann mich ja nicht selbst retten. Niemand kann das. Augustinus (später Luther und Barth) beschreiben uns als Menschen, die in sich selbst verkrümmt sind: incurvatus in se - ohne jede Ausnahme. Auch derjenige, dem sein Leben gelingt, der erfolgreich ist, der vieles hat und ist, ist in sich selbst verkrümmt. Und muss gerettet werden. Jesus rettet - und dafür braucht es diese Kraft an uns.


Freitag, 7. Mai 2021
Ulrike schreibt: Wir hatten diese Woche mehrere Kreise - auch einige Sitzungen - in der Kirchgemeinde. Mir ist etwas aufgefallen, was mir noch nicht bewusst war. Dass auch Gemeindemitglieder, die ich für ‹well connected› halte, sich einsam fühlen. Innerhalb von 1,5h haben drei Menschen - von denen ich es nicht gedacht habe - gesagt, dass sie sich manchmal fragen, warum sie (noch) leben. Da gibt es einiges für uns als Gemeinde zu lernen. ... Wir werden bald - mit einem kleinen Team - das Projekt Gellert Help in Basel besuchen. Und uns erzählen lassen, wie sie sich in diakonischer Hinsicht aufgestellt haben. Wir müssen lernen.

Ich habe diese Woche wirklich einiges erlebt. Ich besuche u.a. die neuzugezogenen Seniorinnen und Senioren im örtlichen Pflegezentrum. Der Sinn ist, dass sie uns ‹als Kirche› einmal sehen: dass sie wissen, dass wir da sind mit Gottesdiensten und als Ansprechpartnerinnen. Mir hat ein bisschen die Motivation für Besuche gefehlt und ich habe Gott um gute Begegnungen gebeten. Und so war es dann auch. Fast wunderhaft, wie jeder einzelne Besuch seine eigene Zeit und sein eigenes Thema hatte. ... Gebete müssen nichts Grosses sein. Es geht nur darum, etwas in Gottes Hände zu geben. Eine Situation ihm anzuvertrauen und ihm zu überlassen.


Mittwoch, 5. Mai 2021
Wolfgang schreibt: In unserer Lesegruppe zum Buch "Lass das Land erzählen" zur Geschichte und zum Land Israel wird einem bald einmal deutlich, wie wichtig das Judentum für das Verständnis von Altem und Neuem Testament ist. Wer sich auch nur ein wenig damit beschäftigt stösst immer wieder auf das zentrale Buch des Judentums, also auf den TALMUD. Er ist die zentrale geistige Mitte des Judentums: ein Werk mit einigen tausend Seiten und entstanden im Lauf von mehreren Jahrhunderten. Im Grunde ist der Talmud das Protokoll eines jahrhundertelangen Gesprächs. Wobei dieses Gespräch bis heute vielfältig weitergeht.

TALMUD LESEN: Wie aber nähert man sich dem Talmud? Er ist eine Welt für sich, die jemandem, der mit dem Judentum nicht vertraut ist, ziemlich fremd erscheinen muss. Der gute Vorsatz im Talmud zu lesen, sollte nicht schnell in eine Enttäuschung münden. Dazu fünf Hinweise für mögliche erste Schritte: TALMUD LESEN.


Montag, 3. Mai 2021
Wolfgang schreibt: Seit einem Monat lesen wir nun in einer Internetgruppe (über Threema) das Buch „Lass das Land erzählen“ von Assaf Zeevi. Überraschend anschaulich führt der Autor durch die Geschichte und das Land Israel. Seine genaue Kenntnis des Landes, der neuesten archäologischen Ausgrabungen und der Lokaltraditionen führen auch gute Bibelkenner zu manchen Aha-Erlebnissen. Erstaunlich, was man alles bisher nicht gewusst bzw. übersehen hat. Assav Zeevi wird der Reiseleiter unserer Israel-Reise im Oktober sein. So ist die Lektüre für manche von uns auch Reise-Vorbereitung. Auf jeden Fall ist es eine unterhaltsame und lehrreiche Einführung in Geschichte, Landeskunde und Archäologie von Israel. Nach unserem Leseplan kommen wir Mitte der Woche bei Samuel und den ersten Königen Saul, David und Salomo an. Das wäre eine gute Gelegenheit, ins Lesen und ins Gespräch einzusteigen. Für die Gesprächsgruppe (man darf gerne auch nur so mitlesen) kann man sich bei Ulrike anmelden. Mail an ulrike.bittner@bluewin.ch.

Hier ein kleiner Zwischenbericht, auch wenn man nicht an der Gruppe teilnehmen will oder kann. Bei der Lektüre des Buches von Assaf Zeevi fällt einem auf, dass seine Darstellung auf etwa fünf Grundlagen aufbaut:
1) biblische Texte: WO in der Bibel steht das?
2) jüdische Tradition: WIE verstehen die frühen Rabbinen diese Texte?
3) Land Israel: WIE sehen Orte und Landschaften aus (Bilder, Videos)?
4) Geografie: WO im Land spielen sich die Ereignisse ab (Landkarten)?
5) Archäologie: WAS wird durch Ausgrabungen bestätigt? WAS bleibt unsicher?

An seiner Darstellung schätzen wir die grosse Sorgfalt, mit der er all diesen Spuren nachgeht und sein Wissen vor uns ausbreitet. Dabei wird er nie ideologisch. Er macht auch deutlich, wo unser Wissen - historisch und archäologisch - vorläufig ist und unsicher bleibt.

HILFSMITTEL für die, die ihre Lektüre erweitern bzw. vertiefen wollen:
1) BIBEL: Benützt ihr eine eher evangelistische Übersetzung der Bibel (z.B. „Hoffnung für alle“)? Dann wäre es gut, sich daneben auch an einer Bibelausgabe zu orientieren, die dem biblischen Urtext nahe kommen will (z.B. Elberfelder). Dabei gilt: Die ideale Übersetzung gibt es nicht. Hilfreich ist das Programm https://www.bibleserver.com, das einem Zugang zu 10 verschiedenen deutschen Bibelübersetzungen bietet.

2) JÜDISCHE AUSLEGUNGS-TRADITION: Es existiert eine Fülle von Beiträgen vor allem zu einzelnen Fragen, Texten und Büchern. Im englischen Sprachraum gibt es einige Bibeln, die aus dem jüdischen Verständnis übersetzt worden sind. - Wer sich für Detailfragen interessiert, der muss selbst suchen bzw. nachfragen. Vgl. auch unten der Verweis auf Guido Baltes (unter 5) ARCHÄOLOGIE).

3) BILDER und VIDEOS sowie 4) LANDKARTEN: Im Internet und vor allem auf YouTube gibt es eine kaum mehr überschaubare Fülle von Bildern und Videos unterschiedlicher Qualität. Wer den Spuren, die Assaf Zeevi gelegt hat, vertiefend nachgehen möchte, dem sei zum Einstieg das (englischsprachige) Programm „SatelliteBibleAtlas“ empfohlen. Da findet man eine 13-teilige Serie (jeweils zwischen 5 bis 15 Minuten) zur Geografie und Geschichte Israels, die der Darstellung von Assaf Zeevi ziemlich ähnlich ist. Die Serie beginnt mit dem Beitrag „01 Introduction. The Land of the Bible: Location & Land Bridge“
https://www.youtube.com/watch?v=EzzqeBx937I&list=UUcQLhhX6Eil6JoUkHihmTRg&index=15. Zusätzlich gibt es einzelne Beiträge zu Orten und Landschaften. Wer sich das ansieht, der hat eine gute Grundlage, selbst weiter zu suchen.

5) ARCHÄOLOGIE/AUSGRABUNGEN: Die meisten ideologisch gefärbten Beiträge gibt es auf dem Gebiet der Archäologie. Nicht alles, was biblisch klingt und die biblische Darstellung zu bestätigen scheint, ist zuverlässig. Wie findet man einen guten Einstieg? In Darstellung, Anliegen und Sorgfalt findet man bei Guido Baltes jenen festen Boden, der einem von Assaf Zeevi her vertraut geworden ist. In sieben Kurzvideos stellt er Grundfragen und Probleme biblischer Archäologie anhand der Ausgrabungen von Jericho sowie Ai vor: https://www.bibelentdeckungen.de/category/video/archaeologie-und-bibel/ Durch die Videos hat man alles gut vor Augen und kann nachvollziehen, warum die Meinungen der Spezialisten im Blick auf die Datierung weit auseinander gehen. Die Beiträge sind spannend und hilfreich, um sich mit Grundfragen biblischer Archäologie vertraut zu machen.

Die Homepage von Guido Baltes (https://www.bibelentdeckungen.de/) ist überaus umfangreich. Im Blick auf die Bedeutung rabbinischer Zeugnisse für unser Verständnis der Bibel teilt er die Voraussetzungen, die uns von Assaf Zeevi her vertraut sind. Vor allem findet man bei Guido Baltes sehr viel Material zum Verständnis des jüdischen Hintergrundes des Neuen Testamentes. Eine überaus reiche und vor allem zuverlässige Fundgrube.


Freitag, 30. April 2021
Ulrike schreibt: Ich bin für drei Tage zu meinen Eltern gefahren. Ich finde es gar nicht leicht, die für die eigene Situation geltenden Einreisebestimmungen des Bundesministeriums für Gesundheit zu finden und zu verstehen. Auf jeden Fall bin ich froh, dass ich hier bin und diese Unternehmung nicht mehr auf ein unbestimmtes 'Später' verschoben habe.

Wie immer, wenn man aus der Schweiz kommt, gibt es einige verblüffende Momente. Ich bin schnurstracks zum 'Testen' gegangen, wie man bei der Einreise per SMS angewiesen wird. In einer Apotheke scanne ich den QR Code und laufe noch beim Eintragen meiner Daten um's Haus herum zum Hintereingang. Durch das Treppenhaus kommt man in den ersten Stock, wo auf dem Treppenabsatz ein Bistro-Tischchen steht. Die Angestellte desinfiziert sich die Handschuhe und gibt berlinerisch-direktiv die Anweisung: "Lehnen Sie sich mal an die Wand da" (im Treppenhaus😎) und dann schiebt sie mir schon das Stäbchen in die Nase. Was in Lausen oder Muttenz 20 Minuten dauert, braucht hier 30 Sekunden. Kurz darauf bekomme ich das Testergebnis per Mail geschickt.

Das Bild, das ich aus den Medien von der Bundes-Notbremse habe und das tatsächliche Leben auf den Strassen unterscheiden sich sehr voneinander. Der Kleine Tiergarten war aufgrund des schönen Wetters bumsvoll. Früher sassen da vor allem Randständige und Abhängige - jetzt ist der Park ein schöner Ort für Familien und unzählige Kinder. Der Spielplatz ist von Kindern belagert und auf den Wiesen sitzen - mit Abstand - Junge und Alte. Wenn Parks auch langfristig wieder zu Orten gemeinsamen Lebens werden, wäre das ein grosser Gewinn für uns alle. ... In Izmir habe ich das bei meinen Besuchen 2018 und 2019 so erlebt: wie Hunderte von Familien in kleinen Grüppchen ihren Feierabend im Park verbringen. Mit Picknick und Grill, aber man konnte seinen Tee auch vor Ort bei Händlern mit Samowar kaufen. Diese entspannte und familienfreundliche Atmosphäre werde ich nicht mehr vergessen. Aussen um den Park herum war ein Laufweg angelegt, auf dem ganz normale Bürgerinnen und Bürger - viele nicht besonders sportlich - ihre tägliche Fitness machten. Mancher allein, manche in Gruppen - das sah auch schön aus.


Sonntag, 25. April 2021
Ulrike schreibt: Hier ist Wolfgangs dritter und letzter Impuls aus Rasa zu Psalm 73, diesmal zu den Versen 21 bis 28:



Wir haben gestern gehört, dass der Psalmbeter lernt, sein Urteil nicht aus den Erfahrungen der Gegenwart abzuleiten. Er lernt, dass alle Dinge auf ihr Ziel zulaufen. Das hilft ihm, den Weg der anderen - den Weg der Gottlosen - zu verstehen. 'Gottlos' heisst in der Bibel: Gott bedeutet mir nichts. Er kommt nicht in meinem Leben vor. Nur ich komme in meinem Leben vor und die Menschen, die zu mir gehören.

Der Psalmbeter kann seine Bitterkeit verabschieden:
"Als mein Herz erbittert war und es mich stach in meinen Nieren,
da war ich dumm und ohne Einsicht, war wie ein Tier vor dir." (Vers 21)

Bitter war er, bevor Gott ihn an die Hand genommen hat, bevor Gott ihn gelehrt hat, auf das Ende der Dinge zu sehen. Nachdem er die Irritation über das Ergehen der Gottlosen abgelegt hat, ist für die Psalmbeter noch die Frage offen, wie es mit ihm selbst aussieht. Was ist mit meinem Ende? Wird es für mich zu einem guten Ende kommen? Wir lesen davon in den Versen 21-28.

WAS IST MIT MIR?

Offen ist also die Frage: Wie verhält es sich mit mir? Was ist mit meinem Ende, mit meiner Zukunft? Der Psalmbeter gibt eine Antwort und die klingt überaus zuversichtlich:

"Nun aber bleibe ich stets bei dir,
du hältst mich bei meiner rechten Hand.
Du leitest mich nach deinem Ratschluss
und nimmst mich hernach in die Herrlichkeit." (Vers 23f)

Die Zuversicht, die der Beter ausstrahlt und die Gewissheit, dass ihn nichts von Gott trennen wird (Vers 25f) können einem unheimlich sein. Wie kann der Beter sich seiner selbst so sicher sein? Erinnern diese Sätze nicht an Petrus, der Jesus zugesichert hat, mit ihm ins Gefängnis, ja sogar, in den Tod gehen zu wollen? Merken wir darauf: Petrus hat das Jesus versprochen, obwohl Jesus ihn nicht darum gebeten hat.

Die Lutherübersetzung von Vers 23 ist irreführend: "Dennoch bleibe ich stets an dir ..." Es klingt, als ob es in der Verfügung des Beters steht, an Gott festzuhalten. Der hebräische Text ist bescheidener. Wörtlich setzt Vers 23 ein mit den Worten: "Und ich" ... - was ist mit mir?

"Und ich: beständig bei dir.
Du ergreifst mich bei meiner Hand, meiner rechten."

Das ist ein Parallelismus. Dass der Psalmbeter bei Gott bleibt, hat seinen Grund darin, dass Gott seine rechte Hand ergriffen hat. Der Grund für das Bleiben liegt nicht im Vermögen des Betenden. Der Grund für das Bleiben liegt auch nicht in dem, was ihm die Zukunft bringen wird. Der Grund liegt in etwas, was Gott bereits getan hat, was also bereits geschehen ist. Gott hat seine rechte Hand fest ergriffen. Das reicht aus.

GOTT HAT MEINE HAND ERGRIFFEN

Schauen wir noch einmal auf Petrus. Er hatte Jesus sein Bleiben versprochen und hat sich damit fehl eingeschätzt. Jesus hat das im Voraus gewusst und Petrus im Voraus gesagt, dass er ihn verleugnen wird (Lukas 22,31-34). Als Petrus seiner Fehleinschätzung erliegt, ist es keine wirkliche Katastrophe. Auch in der Verleugnung gilt für Petrus der Zuspruch Jesu: Du bleibst bei mir. Denn: Du bist längst von mir gesehen. Ich habe deine Hand fest ergriffen.


Samstag, 24. April 2021
Ulrike schreibt: Hier ist Wolfgangs zweiter Impuls aus Rasa zu Psalm 73, diesmal zu den Versen 2 bis 20:



Gestern haben wir gehört, dass der Psalmbeter einen Satz verinnerlicht hat, nämlich den Satz, dass "Gott gut ist zu Israel, zu denen, die reines Herzens sind" (Vers 1). Das ist ein wahrhaftiger, ein verlässlicher, ein bewährter Satz. Es ist gut, wenn man auch heute solche Sätze hat, und wenn das Leben mit solchen Sätzen ("Gott ist so und so") ruhig geworden ist.

Aber auch solche wahren Sätze können einen blind machen. Das zeigt uns Psalm 73. Der Psalm fährt fort und macht uns auf eine Gefährdung aufmerksam. "Ich wäre beinahe gestrauchelt", formuliert der Psalmbeter (Vers 2). Die Gefahr des Strauchelns lag nicht in einem offensichtlich falschen Satz über Gott. Sondern an einer Aussage, die für den Glauben wirklich wichtig ist. Der Aussage: Mein Leben ist gut, wenn ich mich rein halte.

Was ist es, das den Psalmbeter zum Straucheln bringen will? Die Antwort: ".... da ich sah, dass es den Gottlosen so wohl ging" (Vers 3). Der Psalmbeter sieht etwas! Er sieht etwas, was vorher auch schon da war. Aber er hat es vorher nicht wahrgenommen. Stellt euch bitte die Frage: Gibt es in meinem Leben Dinge, die ich sehen könnte, aber ich schaue nicht hin? Ich nehme sie einfach nicht wahr?

DER BLICK AUF ANDERE MENSCHEN

Das Sehen des Beters geht in drei verschiedene Richtungen. Die erste Richtung ist die, die im Psalm am breitesten behandelt wird: der Blick auf die anderen Menschen. "Ich sah, dass es den Gottlosen gut geht." Hier steht "Schalom", das Wort für einen umfassenden Frieden. Es sind mächtige Bilder, die vor den Augen des Beters auftauchen. Er sieht, wie die Gottlosen von grossem Frieden umgeben sind. Er nimmt drei Wesenszüge an diesen Menschen wahr:

a) Sie haben eine Einstellung. Ich weiss auf einmal, wie dieser bestimmte Mensch innerlich eingestellt ist. Er wirkte zuerst vielleicht freundlich, zuvorkommend auf mich, ... aber auf einmal nehme ich auch etwas anderes an ihm wahr. Eine innere Haltung, die zu ihm gehört.

b) Sie tun etwas. Plötzlich nehme ich wahr, was dieser bestimmte Mensch tut - oder nicht tut. Ein Beispiel: Er hat mir zugesagt, dass er da ist und hilft. Aber er ist nicht da, obwohl er es sagt. Und das immer wieder.

c) Sie reden etwas. Mit einem Mal nehme ich wahr, was dieser Mensch redet. Wie er zum Beispiel im Reden etwas ausprobiert. Wie er Grenzen immer mehr überschreitet. Immer offensichtlicher verwendet er Lügen - und merkt, dass das bei seinen Zuhörern gut ankommt. "Er reisst seinen Mund auf bis zum Himmel", sagt der Psalmbeter (Vers 9). Und die Zuhörer schlürfen seine Worte wie kostbares Wasser (Vers 10).

Kenne ich solche Bilder von Menschen, die mich umgeben? Kenne ich es, dass ich an ihnen etwas wahrnehme, was ich vorher nicht wahrgenommen habe?

DER BLICK AUF SICH SELBST

Dem Psalmbeter gehen die Augen auf für sich selbst. Ich kann mir auch im Blick auf mich selbst etwas vormachen. Das kann im Positiven sein - das heisst, ich schätze mich viel zu grossartig ein. Das kann im Negativen sein - das heisst, ich mache mich klein. Ich rede mich klein. Ich wehre es ab, wenn jemand mich aufmerksam macht auf das Gute, das Gott mir gegeben hat. Vielleicht halte ich es für "Nüchternheit", aber es ist in Wirklichkeit eine "Vernichtung" dessen, was an mir an Gutem zu sehen ist.

Was ist es, dass der Psalmbeter an sich selbst wahrnimmt? "Ganz umsonst hielt ich rein mein Herz und wusch meine Hände in Unschuld." (Vers 13) Ganz umsonst ist, was ich gelebt habe. Der Beter fällt ein Urteil. Die zweite Frage, die ich euch mitgeben möchte: Was sehe ich, wenn ich mich selbst ansehe?

DER BLICK INS HEILIGTUM

Zweimal hiess es "ich sah". Auch jetzt geht es um ein Sehen. Aber es geht zuerst um einen Ort, den ich aufsuche, um an diesem Ort etwas zu sehen.

Bisher hat der Psalmbeter - im Blick auf den Gottlosen, im Blick auf sich selbst - sein Denken eingeschaltet. "Da sann ich nach und suchte es zu verstehen. Es war eine Qual in meinen Augen." (Vers 16). Wir versuchen das, was wir so plötzlich am anderen und an uns selbst wahrnehmen, mit unserem Denken zu erfassen. Was bleibt uns auch anderes übrig? Nun aber kommt das Denken an seine Grenze. "Ich dachte nach, bis ..." (Vers 17). Das "bis" markiert eine Grenze. ... Jetzt braucht es einen Ortswechsel. Der Beter denkt nach, bis er an "das Heilige" kommt, den heiligen Ort Gottes. Er sucht den Tempel auf.

WO BEGEGNET MIR GOTT IN SEINER HEILIGKEIT?

Für uns könnte die Frage lauten: Wo gibt es in meinem Leben einen Ort, an dem ich erfahre, dass Gott mir in seiner Heiligkeit begegnet? Heilig heisst: Es fällt alles von mir ab, was vor Gott nicht Bestand hat. Alle Pseudo-Argumente fallen in sich zusammen. Manche Pseudo-Argumente bringe ich nicht heraus, wenn Gott in der Nähe ist. Der Ort reinigt mein Denken von Argumenten und Bildern, die vor Gott nicht Bestand haben.

Der Psalmbeter bleibt nicht dabei stehen. Er sagt: Am Heiligtum Gottes ist etwas mit mir geschehen. Vielleicht hat er das vorher gar nicht so erwartet. Es gibt zwei Extreme, wenn Menschen einen heiligen Ort aufsuchen. Entweder, sie erwarten, dass Gott sie zusammenstaucht. Oder sie erwarten, dass Gott sie auferbaut.

WIE KOMMT DAS AM ENDE HERAUS?

Hier ist es so, als ob Gott den Beter an der Hand nimmt und ihm etwas zeigt. Was zeigt er ihm? "Ich hatte acht auf ihr Ende" (Vers 17). Was geschieht hier? Im Heiligtum lerne ich, darauf zu achten, wie sich die Dinge entwickeln. Darauf zu achten, wie sich ein Mensch entfaltet. Ich lerne die Frage zu stellen: Wie kommt das am Ende heraus?

Vielleicht würden wir von uns und unserem Leben sagen: Eigentlich habe ich von Anfang an gewusst, wie es heraus kommt. Die Frage "Wie kommt es heraus?" kann man nicht früh genug stellen. Und es ist nicht so, als ob man die Frage erst am Ende beantworten kann. Die Frage öffnet mir das Tor zur Nüchternheit. Es ist, als ob Gott sagt: Mach dir nichts vor.

Wie ist es, wenn ihr an die Vergangenheit zurückdenkt? An Projekte oder an Anstellungsverhältnisse, die ihr übenommen habt. Und in die ihr viel Hoffnung, viele Gedanken, viele Pläne hinein investiert habt? Ist es im Rückblick nicht so, dass man an manchen Stellen sagen kann: Ich habe von Anfang an gewusst, dass es nicht geht?! ... Man kann diesen Blick einüben, nämlich vom Ende her auf Entscheidungen zu sehen, die jetzt anstehen.

Wer ins Heiligtum eintritt, wird von Gott gleichsam an die Hand genommen und lernt, vom Ende her zu sehen.
Die einen dürfen lernen, dass nicht alles "schwarz" ist, von dem sie meinen, dass es im Moment "schwarz" sei. Die anderen dürfen lernen, dass nicht alles "hell" ist, von dem sie meinen, es sei doch hell.

Geh hin zu Gott und lerne sehen. Mach dich frei von dem inneren Muster deines Charakters. Gott lehrt ein konkretes Hinschauen und Wahrnehmen dessen, was da ist. Das gilt im Blick auf Projekte, auf Menschen, auf Beziehungen.

Ich kann darum bitten, dass mein Sehen gesund wird. Gesund von Übertreibungen auf die eine oder die andere Seite hin. Dass ich etwas sehe, heisst nicht, dass ich es wünsche. Es geht nicht um meine Wunschvorstellungen. Sehen heisst auch nicht, dass ich ein Anliegen formuliere, für das ich eintrete. Sehen ist etwas absichtsloses. Ich bin nicht gesteuert von meinen Wünschen und nicht von meinen Anliegen. In meinem Gebet stehe ich absichtslos vor Gott. Ich lerne - von Gott an die Hand genommen - mir nichts mehr vorzumachen. Das ist etwas Gutes.


Freitag, 23. April 2021
Ulrike schreibt: Hier ist Wolfgangs erster Impuls aus Rasa zu Psalm 73, diesmal zu Vers 1;



In Psalm 73 hören wir von einem Menschen, bei dem eine Krise losbricht. Vielleicht kennen wir es: Lange Zeit ist alles ruhig in einem selbst, auch in Bezug auf den Glauben. Und plötzlich bricht etwas los.

Es sind drei Bewegungsrichtungen, in die hin sich der Psalmbeter bewegt. Wir werden sie in den nächsten beiden Tagen betrachten:

- zu den Menschen hin
- zu sich selbst hin
- zum Heiligtum hin

Am Ende kommt der Psalmbeter zu einer starken Gewissheit. Er spricht auf eine Weise über die Nähe Gottes, die man im Alten und Neuen Testament selten findet. Uns begegnet in seinem Gebet eine Intimität, die einem Angst machen kann. Kann und darf ich so beten, wie er betet?

GROSSE ANFECHTUNGEN UND GROSSE GEWISSHEIT

Vielleicht haben Sie schon einmal Kleider angezogen, die Ihnen zu gross sind. So geht es mir mir den Psalmen. Ich lese die Psalmen so, wie man ein Kleidungsstück anzieht, das noch nicht passt. Man wächst hinein. Oder es zeigt sich überraschend, dass es doch passt.

Die Ängste und Anfechtungen, die der Psalmbeter ausspricht, sind gross. Sie sind grösser, als meine eigene Angefochtenheit es ist. Die Gewissheit und die Unbedingtheit, sind mir zu gross. Ich spreche sie aus mit der Bitte, dass ich in solche Gewissheit und Unbedingtheit hineinwachsen möge.

Nun zu unserem ersten Impuls. Der Psalm beginnt mit einem Glaubenssatz. Der heisst: "Gut ist Gott zu Israel; zu denen, die reines Herzens sind." Sätze wie dieser könnten im Katechismus stehen. Das sind Sätze, mit denen man als glaubender Mensch auf festem Grund steht. Es sind die Selbstverständlichkeiten des Glaubens, die da ausgesprochen werden: dass Gott "da" ist; dass Gott vergibt, dass er mich führt usw..

Der erste Satz des Beters heisst also: "Gut ist Gott zu Israel; zu denen, die reines Herzens sind." (Psalm 73,1) Gut ist er zu seinem Volk Israel. An dieses Volk hat Gott sich gebunden. Gott hat sich auch an die gebunden, die mit Jesus von Nazareth leben. Auch ich darf als Nicht-Jude sagen, dass Gott gut zu mir/ zu uns ist. ... Dieser Satz wird für den Psalmbeter nun zum Problem. Der Satz ist theologisch richtig. Er ist biblisch gedeckt durch die Erfahrungen von Menschen. Er gehört zu den Sätzen, die auf tiefe Weise "wahr" sind, das heisst: zuverlässig sind. Und doch wird der Satz dem Beter zum Problem werden. Wir werden das sehen.

MIT WELCHEN SÄTZEN LEBE ICH?

Eine erste Frage, bzw. Aufgabe an euch: Vielleicht seid ihr mit einem ähnlichen Satz aufgewachsen wie dem, dass Gott gut ist. Populärer sind heute Sätze wie dieser: "Du kannst zu Gott kommen, wie immer du bist." Welche feststehenden Sätze haben euch in eurem Leben erreicht und selbstverständlich begleitet? Selbstverständlich zum Beispiel darum, weil sie in eurer Familie eine selbstverständliche Geltung hatten. Wie hast du damals über Gott gesprochen? Solche Sätze haben ihre eigene Zeit. In dieser Zeit sind sie stark, geben Festigkeit und Gewissheit. Dann geraten sie irgendwann in den Hintergrund. ... Welche Sätze über Gott trägst du in deinem Inneren? ... Was also ist es, was mir von Gott her feststeht? Man weiss das intuitiv, muss dem nicht gross nachdenken.

HABE ICH DAS, WAS DER SATZ SAGT, SELBST ERFAHREN?

Solche Sätze, die einem feststehen, sollte man vertiefen oder überprüfen. Sage ich das, oder habe ich das selbst erfahren? Ein Beispiel: "Gott ist gerne bereit zu vergeben." Das ist wahr; das meint: ich kann mich darauf verlassen. Aber ist es auch so, dass ich diese Bereitwilligkeit Gottes zu vergeben, in meinem Leben erfahren habe? Wie ist es, wenn ich angefochten war? War Gott dann derjenige für mich, der gern bereit war, mir zu vergeben? Oder gehe ich mit meiner Schuld in einer Weise um, dass ich über Jahrzehnte hin an bestimmten Dingen festhänge und nicht aus der Vergebung lebe? Das gibt es.

Vielleicht kommt man in ein Erschrecken. In der Seelsorge begegnen einem immer wieder solche Sätze. Die werden im Regelfall verteidigt. Sie werden aber oft nicht gelebt.

Oder nehmt die Zusage Jesu aus Matthäus 28 als Beispiel. Da sagt Jesus: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt." Eigentlich müsste unser Leben nur so strotzen vor Gegenwart Gottes! Wie sieht es aber aus in der Glaubenspraxis vieler Christinnen und Christen? Da hört man: "Ich wünsche mir so sehr, dass Gott mir endlich wieder einmal nahe ist."

REICHT ES MIR, VON GOTT ZU WISSEN?

Man könnte den Verdacht haben, dass solch ein Satz, wenn er bloss "gewusst" wird, nicht ausreicht. Dass nur derjenige Satz ausreicht, hinter dem auch meine Lebenserfahrung steht. Heute würde man formulieren: den ich authentisch mitsprechen kann. Wir wünschen uns die Erfahrung, das ist klar. Was aber ist, wenn die Erfahrung fehlt? Wenn die Wahrheit, die Gott mir zuspricht, nur noch - nur noch? - in meinem Wissen vorhanden ist? Reicht es, von Gott zu wissen? Reicht es mir, von Gott zu wissen?

"Gut ist Gott" heisst der erste Satz des Psalmbeters. Dieser Satz wird ihm fraglich werden. Die Erfahrung, dass Gott ihm gut ist, fehlt. Aber der Satz ist immer noch da. Was machen wir also? Was machen wir mit dem Katechismus - mit den zuverlässigen Sätzen darüber, wie Gott ist und wie er handelt? .... Ich sage: Hoffentlich habt ihr wenigstens noch den Katechismus!

Was ist denn, wenn ein Mensch sagt, seine Schuld hole ihn wieder ein. Dabei habe er schon so oft um Vergebung gebeten. Was sagt man diesem Menschen in der Seelsorge? Ich sage: "Du suchst nicht die Vergebung. Du suchst das Gefühl der Vergebung."

Was macht man, wenn die eigenen Gefühle einem eine irritierende Bortschaft vermitteln? Was tut man dann?

- Die erste Möglichkeit ist, dass man einen Weg sucht, um zu guten Gefühlen zu kommen. Man sucht einen Ort, eine Kirche, die einem gute Gefühle zugänglich macht. Wenn jemand auf diesem Wege seine Gefühle tatsächlich korrigieren lassen kann, ist das schön.

- Die zweite Möglichkeit ist, dass ich wissen muss, wie Gott zu mir steht. Wenn jemand sagt: "Ich suche seit 20 Jahren Vergebung und habe sie nicht gefunden", dann ist sein Satz eine Lüge. Woher weiss ich, wie Gott zu mir steht? Ich weiss die Antwort aus dem, was Gott uns in der Bibel zuspricht. Der Weg zur Gewissheit liegt darin, dass ich mich auf das verlasse, was Gott mir als Wissen über ihn selbst zuspricht.

Die Grundwahrheiten des christlichen Glaubens sind Wissenssätze. "Du bist bei mir." - "Du vergibst mir." - "Du führst mich." - "Du hast angefangen und du wirst vollenden" usw. Die Frage ist:

Haltet ihr das, was Gott euch zugesagt hat, für zu wenig?
Reicht es euch aus, von Gott zu wissen?


Freitag, 23. April 2021
Ulrike schreibt: Wolfgang und ich sind gestern nach Rasa, ins Tessin gefahren. Ich hatte am Morgen noch einer der vielen Sitzungen in der Kirchgemeinde, die wir in diesen Wochen haben. Das war schon merkwürdig, nach so vielen Monaten 'Zuhause' wieder durch den Gotthard zu fahren. Das Tessin blüht, es waren gestern zwischen 20° und 25°C. Für die nächsten Tage ist schönes Wetter angesagt - ideal, um in den Bergen zu laufen.

In Rasa hätte gestern der Kurs "Segnende Seelsorge", den die VBG (Vereinigte Bibelgruppen der Schweiz) mit Wolfgang und mir ausgeschrieben hat, beginnen sollen. Der Kurs wurde vor einigen Wochen coronabedingt abgesagt. Das Campo ist voll belegt - die Casa Moscia am Lago Maggiore übrigens auch - , aber eben ohne Kursangebot.

Wir sind jetzt für ein paar eigene Ferientage hier, was auch schön ist. Drei Tage ohne Programm, aber mit Gottesdienst. Das Campo Rasa lädt ab heute Morgen jeweils zu einem Gottesdienst mit Wolfgang ein. Wenn das von der Aufnahmequalität her möglich ist - falls wir nicht in der Casa Rocca, sondern im Freien sind, gibt es zu viele Nebengeräusche - stellen wir Wolfgangs Predigt hier zum Nachhören zur Verfügung.

Anfang Juli werden Wolfgang und ich übrigens für eine Ferienwoche am Lago Maggiore sein. Wenn jemand von euch mit uns Ferien machen möchte: es gibt täglich Andachten und Impulse dazu, was es heisst, dass das Herz fest wird (Hebräer 13,9).


Dienstag, 20. April 2021
Ulrike schreibt: Ich hatte mich vor einigen Wochen elektronisch für einen Impftermin eingetragen. Dabei habe ich angekreuzt, dass mir "egal" ist, wo die Impfung stattfindet. Diesen Samstag kam eine SMS, dass ich mich Montag - also gestern - um 11 Uhr in Laufen einfinden möchte. So richtig hat mir die Zeit nicht gepasst (zu spät), aber ich dachte, bevor ich den Termin verschiebe und sonst wann einen neuen bekomme, gehe ich hin.

Ich war ein bisschen früher am Krankenhaus (= Impfzentrum) in Laufen, in der Hoffnung, dass ich etwas früher drankomme und dann schnell wieder Zuhause bin. Ich war die allererste und habe gemerkt, dass sie überhaupt erst um 11 Uhr öffnen. Also warte ich vor dem Eingang in der Sonne. Zehn Minuten später hat sich dann schon eine Schlange mit vielen weiteren Leuten gebildet. Punkt 11 Uhr öffnen mehrere Schalter: Ich zeige Krankenkassenkarte und Ausweis, fülle zügig den Zettel aus und sprinte los auf dem Weg durchs Krankenhaus, damit ich nicht hinter anderen Leuten anstehen muss. Im dritten Stock angekommen, werde ich geimpft. Und dann sagt das Team von Krankenschwestern und Arzt: "Herzlichen Glückwunsch! Sie sind unsere erste Klientin im neu eröffneten Impfzentrum Laufen!!! Da haben wir einen Blumenstrauss für Sie."

Ich war wirklich verblüfft. Ich hatte gar nicht registriert, dass Montag Eröffnungstag vom Impfzentrum war 😎. Aber ich habe mich sehr gefreut über die schönen Blumen. Und über die grosse Freundlichkeit und das grosse Engagement all derer, die den Betrieb im Impfzentrum ermöglichen und betreuen.


Samstag, 17. April 2021
Ulrike schreibt: Hier nehme ich zwei Fragen auf, die im Anschluss an den Zoom vom Mittwoch gestellt wurden.

FRAGE: Grund meines Mails ist neben dem Dank eine Verständnisfrage und eine Anschlussfrage zum Referat:
Wenn ich recht zugehört habe, sagen die jüdischen Rabbiner, Mose habe alle 5 Bücher am Sinai verfasst! Falls das so ist, muss ich fragen: Wie konnte Mose die mindestens 35 Jahre Wüstenwanderung, die nach dem Aufenthalt am Sinai geschahen, mit all den vielen Vorfällen, im voraus wissen? Vielleicht habe ich falsch gehört? Mit den Büchern 1-3 und allen gesetzlichen Vorschriften aus den Büchern 4 und 5 schien mir ein Verfassen beim Sinaiaufenthalt schon plausibel! Nicht aber mit den Beschreibungen der Wanderung nach dem Sinaiaufenthalt!

ANTWORT Der im Vortrag zitierte Satz lautete genau: „Mose empfing die Thora vom Sinai und übergab sie an Josua …“

„Thora“ hat drei verschiedene Bedeutungen:
1) die fünf Bücher Mose.
2) Die in der Bibel schriftlich überlieferten Gebote Gottes, also Gottes „Weisung“ (die schriftliche Thora).
3) Die bis heute andauernde Diskussion über die Gebote, ihre Bedeutung und vor allem ihre praktische Umsetzung (die mündliche Thora).

In dem Zitat aus der Mischna (Aboth1,1) geht es darum, dass sowohl schriftliche wie mündliche Thora dieselbe Autorität „vom Sinai“ (also von Gott) haben und Teil des Bundes Gottes mit Israel sind. Wir haben als evangelische Christen gelernt, dass nur die (schriftliche) Bibel göttliche Autorität hat, nicht aber die (mündliche) Tradition, also die Auslegung. Das ist im rabbinischen Denken anders. Mischna und Talmud kommen aus der Hand Gottes genau wie die Bibel. Dabei geht es also um die Frage der Autorität von Bibel und mündlicher Thora.

Davon zu unterscheiden ist die historische Frage, also die Frage, ob bzw. wie Mose Verfasser der fünf Bücher Mose ist bzw. sein kann. Darauf gab und gibt es wie im Christentum im Lauf der Jahrhunderte sehr verschiedene Antworten. Natürlich war den Rabbinen auch klar, dass Mose z.B. seinen eigenen Tod nicht beschreiben konnte. Wichtig war ihnen weniger die historische Frage. Das oben stehende Zitat meint nicht, dass Mose am Sinai die fünf Bücher der Thora erhielt. Er „empfing“ die Gesamtheit der Gebote Gottes, sowohl die schriftlichen wie die mündliche Auslegung dazu. Die „mündliche“ Thora hat also für die Rabbinen dieselbe Autorität wie die schriftliche. Mehr ist damit nicht gemeint.


FRAGE Wir haben von den Bünden gehört. Dem Noahbund, dem Bund mit Mose und - mit Jesu Tod und Auferstehung - dem Bund mit den Jüngern und allen Nachfolgern Jesu. (Es gibt ja noch weitere: den Bund mit Abraham, mit David). Sagt die Bibel etwas über eine Hierarchisierung dieser Bundesschlüsse?

ANTWORT Nun noch zu den Bundesschlüssen. Ich würde nicht von einer Hierarchisierung sprechen, sondern von einer heilsgeschichtlichen Abfolge. Entscheidend ist jeweils, wer Gottes Partner des jeweiligen Bundes ist. Der Noahbund gilt allen Menschen. Der Sinaibund gilt nur Israel. Die Propheten weisen darauf hin, dass Israel diesen Bund gebrochen hat. Weiter kann die Heilsgeschichte nur gehen, wenn Gott diesen gebrochenen Bund erneuert. Das ist die grosse Hoffnung, von der z.B. Jer 31,31ff eindrücklich spricht. Gottes Gebote waren im Sinaibund auf Steintafeln eingraviert. Jetzt sollen sie im erneuerten Bund ins Herz der Menschen eingeschrieben, d.h. etwas Inneres werden (vgl. auch Ez 36,23-28). Auf diesen „Neuen Bund“ (genauer: "erneuerten Bund") wartet Israel. Jesus nimmt diese Hoffnung auf. Im Abendmahl wird dieser Neue Bund eingesetzt (z.B. Lk 22,14-20; in Vers 20 spricht er deutlich vom „neuen Bund“) und in der Gabe des Geistes an Pfingsten bestätigt. Dieser „Neue Bund“ ist die Erfüllung von Gottes Verheissung (Jeremia, Ezechiel usw.) und gilt denen, die in Gottes Lebensgemeinschaft mit Jesus eintreten. Es geht also um eine heilsgeschichtliche Abfolge.

Für Morgen eine herzliche Einladung auf 18 Uhr in die Stadtkirche Liestal. In der Abendfeier hören wir auf das "Fürchte dich nicht", das Gott dem Josua (Josua 1) zuspricht. Wir feiern das Abendmahl.


Montag, 12. April 2021
Ulrike schreibt: Am Mittwoch, also übermorgen, laden Wolfgang und ich um 19:00 Uhr zu einem ZOOM-Treffen ein. Dieser Zoom ist Teil der Threema Lesegruppe zum Buch «Lass das Land erzählen» von Assaf Zeevi. Aber es ist auch jede/r andere Interessierte eingeladen. Wolfgang referiert, ich moderiere unser Gespräch:

Was sind Talmud, Mischna, Halacha und Haggadah? Wie denkt man im rabbinischen Judentum über die «Völker», also über Nicht-Juden? Was hat es mit den Noachidischen Geboten auf sich? Dürfen Christen den Sabbat halten und das Passa feiern?

Die Zugangsdaten zum ZOOM finden Sie links, wenn Sie Israel-Reise anklicken.


Sonntag, 11. April 2021
Wolfgang schreibt:Hier finden Sie die Predigt, die Ulrike heute in der Stadtkirche Liestal über 1. Petrus 1,3-9 gehalten hat. Mit der Auferstehung Jesu von den Toten hat Neues begonnen. Wie ist das mit dem Neuen? Kann man es jetzt schon sehen? Kann man es sichtbar machen? Ulrike vergleicht das Neue, das Jesus in die Welt gebracht hat, mit einem Zirkus, der in eine Stadt kommt. Menschen sehen den Tross, sie laufen neben den Wagen und den Tieren her - bis der Zirkus auf einem Platz mitten in der Stadt hält. Der Platz ist von einem Bretterzaun umgeben. Als der letzte Wagen auf den Platz eingefahren ist, schliesst sich das Tor. Wir sehen den Zirkus nicht mehr. Aber wir hören die Stimmen, wir hören die Bewegung und das Klopfen der Hämmer. … Und wir warten darauf, dass sich das Tor zur Vorstellung öffnet!



Und hier sind ein paar Gedanken aus der Predigt:

«Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner grossen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten»

• Gelobt … Dieser Bibelvers ist ein Segenswort, im Jüdischen eine Beracha. Gott wird gesegnet für das, was er Gutes geschaffen hat.
• Wofür wird Gott in 1. Petrus 1,3 gesegnet, bzw. gelobt? … Dafür, dass er uns wiedergeboren hat
• Wozu hat er uns wiedergeboren? .... Zu einer lebendigen Hoffnung
• Worauf gründet diese lebendige Hoffnung? .... Darauf, dass Jesus von den Toten auferstanden ist

Ich vergleiche das Neue, das mit der Auferstehung Jesu begonnen hat, mit einem Zirkus, der in eine Stadt einzieht. Menschen haben die Wagen, die Tiere, die rollenden Buden mit ihren eigenen Augen gesehen. Sie haben sie auf dem Weg in die Stadt begleitet. Der Zirkus erreicht einen Platz mitten in der Stadt. Hier werden später die Vorstellungen sein. Der Platz hat ein grosses Tor und ist von einem stabilen Bretterzaun umgeben. Durch das Tor rollen die Wagen auf den Platz, und die Menschen, die zum Zirkus gehören, betreten den Platz und die Tiere. Als der Zirkus drinnen ist, schliesst sich das Tor. Man kann jetzt nichts mehr sehen. Aber man hört die Stimmen, man hört das Klopfen und Hämmern beim Aufbau des Zeltes.

Auf diese Weise ist der auferstandene Jesus unter uns da. Aber wir sehen ihn jetzt noch nicht. Vielleicht erhaschen wir den einen oder anderen Blick durch ein Loch im Bretterzaun. Vielleicht öffnet sich für einen Moment auch tatsächlich das Tor. ... Petrus schreibt, dass wir warten. Warten darauf, dass dass das Tor endgültig aufgeht. "Zur letzten Zeit" werden wir Jesus Christus sehen und alles, was er neu geschaffen hat. Dann ist alles endgültig offen und sichtbar.

Was ich in der Predigt vergessen habe zu sagen: Wir selbst sind als Menschen, die "wiedergeboren sind zu einer lebendigen Hoffnung" nicht nur ausserhalb, sondern gleichzeitig innerhalb des Bretterzauns. Wir sind ja auch neu geworden durch Jesus. Aber wir sehen uns selbst nicht! Wir sind uns selbst verborgen. Paulus schreibt das im Brief an die Gemeinde in Kolossae: "Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott. Wenn aber Christus, euer Leben, offenbar wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit." (Kolosser 3,3f)


Mittwoch, 7. April 2021
Ulrike schreibt: Gestern habe ich geschrieben, dass wir heute eine Lesegruppe bei Threema (ähnlich wie WhatsApp) zum Buch von Assaf Zeevi, Lass das Land erzählen, 2021, starten. Was heisst das? Wir nehmen uns für jede Woche - von Mittwoch bis Mittwoch - einen Abschnitt zum Lesen vor. Über den tauschen wir schriftlich - eben bei Threema - aus. Man kann Beobachtungen teilen, Fragen stellen, den andern vom eigenen Besuch an den beschriebenen Orten in Israel erzählen usw.. Wir hoffen, dass sich möglichst viele aktiv beteiligen; also nicht nur Wolfgang und ich.

Wenn noch jemand zur Lesegruppe dazustossen möchte, gebt mir Bescheid, und ich nehme euch auf. Wolfgang und ich schlagen vor, bis nächsten Mittwoch im Buch die Seiten 7-27 zu lesen (bei Kindle das Kapitel "Lerne das Land kennen"). Und auch parallel dazu über das Gelesene auszutauschen. Wir sehen, dass Israel ein "Durchgangsland" ist, das ehemalige Weltreiche verbindet. Wir sehen, wie Israel landschaftlich beschaffen ist, und welches seit Jahrtausenden die Verkehrswege sind.


Dienstag, 6. April 2021
Ulrike schreibt: Wir hatten sehr schöne Ostertage - mit Besuch von Wolfgangs Kindern und Grosskindern. Die Sonne scheint, zwischendrin schneit es, im Garten blüht alles und auch meine wohl gehüteten Feigenbäume treiben aus.

Ich habe diese und nächste Woche Beerdigungsbereitschaft. Am Sonntag feiere ich Gottesdienst in Liestal (9.30 Uhr). Predigttext ist der unglaubliche Jubel im ersten Petrusbrief, Kapitel 1,3-9:

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der uns nach seiner grossen Barmherzigkeit wiedergeboren hat
zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten,
4 zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe,
das aufbewahrt wird im Himmel für euch,
5 die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit,
die bereitet ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit ...."

Wir glauben, auch wenn wir noch nicht 'sehen'. Keiner von uns sieht, auch die ganz frommen Christen - wer immer das sein mag - 'sehen' nicht 😄😇 Und wer etwas ans Licht zwingen will, was erst zur letzten Zeit ans Licht kommen wird (= offenbar wird), der tut unrecht. Wir 'sehen' nicht, wir hoffen. Damit stellt sich die Frage, was eine "lebendige Hoffnung" ist? Was ist der Grund unserer Hoffnung? Wer ist der Grund unserer Hoffnung? ... Für mich selbst finde ich interessant, dass wir auch 'uns selbst' nicht sehen. Unser Leben ist neu geworden durch den Glauben an Jesus. Aber auch das ist unseren Augen verborgen. "Euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott" (Kolosser 3,3) ... Also, es wird spannend. Herzliche Einladung.

Morgen starten wir - über einen Zeitraum von acht Wochen hin - auf Threema eine Lesegruppe zum Israel-Buch «Lass das Land erzählen» von Assaf Zeevi. Er wird ja der Reiseleiter unserer Israel-Reise im Oktober sein. Heute habe ich mich mit einer Liestaler Familie getroffen, von der auch zwei Kinder im Oktober mit nach Israel kommen. Wir sind heute auf der Landkarte die Reise durchgegangen: es wird eine schöne Reise!! Wenn sie denn (coronabedingt) stattfinden darf. Wer an der Lesegruppe teilnehmen will, der melde sich bei Ulrike.


Karfreitag, 2. April 2021
Ulrike schreibt: Von Montag bis gestern (Donnerstag) habe ich in der Kirche Passionsandachten gefeiert - zu Jesusworten aus Johannes 12. Die Andachten waren wenig besucht dieses Jahr, aber ich fand sie ausgesprochen schön. Gestern war ich auch wieder im Pflegezentrum Brunnmatt zum Gottesdienst. Ich hatte zum ersten Mal nach Monaten den Eindruck, es ‹funktioniert› wieder: die Seniorinnen und Senioren, die kommen wollen, sind da. Und wie immer: wir haben als Gemeinde einfach Glück mit unsern Musikerinnen und Musikern. Es ist eine Freude, mit ihnen zusammen einen Gottesdienst zu gestalten.

Wir haben in diesen Tagen Besuch von Wolfgangs Kindern und Grosskindern. Sie übernachten hier, wir essen zusammen, lesen, reden über das Gelesene, sitzen auf der Terasse in der Sonne, gehen Blumen pflücken oder spazieren.

Heute werde ich das Buch Lass das Land erzählen von Assaf Zeevi im Blick auf die Lesegruppe durchgehen. Am Mittwoch nächster Woche ist der ‹offizielle› Beginn unserer Gruppe auf Threema. Von manchen weiss ich, dass sie das Buch bereits gelesen habe, andere warten auf erste ‹Instruktionen› 😎.


Sonntag, 28. März 2021
Wolfgang schreibt: Von einem Menschen oder gar von einer ganzen Gruppe von Menschen erwartet zu sein, das kann sehr verschiedene Reaktionen in uns hervorrufen: Freude, Unsicherheit, Überraschung … Dem Verfasser des Hebräerbriefes jedenfalls ist es sehr ernst: WIR SIND ERWARTET. Ehrlich gesagt: Mir ist es eher unangenehm, wenn mich jemand derart konkret erwartet. Ich falle nicht so gerne auf, bleibe lieber unbemerkt, zumindest im ersten Moment. Anders ging es mir, als ich Ulrikes heutige Predigt zum Palmsonntag hörte. Mein Inneres wurde froh. Das kommt gar nicht so oft vor. Wie es wohl Ihnen geht?

Die Predigt kann man gleich hier anhören:


Herunterladen kann man die Predigt unten auf dieser Seite unter dem Titel «2021-PALMSONNTAG-HEBR11+12»


Freitag, 26. März 2021
Ulrike und Wolfgang schreiben: Viele haben gefragt, ob wir die Impulse zum ersten Petrusbrief gesammelt zur Verfügung stellen. Hier sind sie: Petrusbrief mit Bittners

Danke für eure Geduld. Das Manuskript ist dem persönlichen Gebrauch vorbehalten.

Nach Ostern werden Wolfgang und ich eine Lesegruppe zum Buch von Assaf Zeevi Lass das Land erzählen (2021) anbieten. Auch dafür haben sich viele bei uns gemeldet. Assaf Zeevi ist Leiter unserer Reisegruppe, wenn wir im Oktober - so Gott will - nach Israel fliegen. Zur Teilnahme an der Lesegruppe sind auch Nicht-Reisende eingeladen, fühlt euch willkommen!

Wir werden die Gruppe bei Threema führen (ähnlich wie WhatsApp). Wer mitlesen möchte, sollte sich zum einen bis Ostern das Buch besorgen. Und ihr solltet euch die App von Threema herunterladen und mir Bescheid geben, damit ich euch in die Lesegruppe aufnehme. Und nun etwas, was uns besonders freut. Assaf Zeevi wird am 19. Mai 2021 zu uns nach Liestal kommen.


Dienstag, 23. März 2021
Ulrike schreibt: Kennt ihr das Gefühl, dass Dinge euch ‹gelingen›? Dass euch etwas ‹geschenkt› wird? Wenn ein Besuch bei einem schwerkranken Menschen beglückend für den Besuchten und die Besucherin ist? Das kann man nicht selber machen und man weiss auch, dass einem da etwas zugefallen ist.

Ein kleines Erlebnis von gestern. Ich zünde am späten Nachmittag ein paar bunte Kerzen auf dem Fenstersims im Treppenhaus an. Und dabei schaue ich aus dem Fenster. Da läuft draussen jemand vorbei und sieht mich durch die Scheibe hindurch an. Ich grüsse von drinnen, die Frau grüsst etwas unsicher zurück. Ich laufe zur Haustür und gehe ihr entgegen: "Bist du es, Esther?" Es war wirklich ein Raten. Wir haben uns viele Jahre nicht gesehen. Es war Esther, und sie hatte nicht gewusst, wo wir wohnen. Bei so zufälligen Begegnungen versuche ich aufmerksam zu sein, ob da eine Botschaft für mich drin liegt :-) Wir haben uns dann Zeit fürs Reden und einen Kaffee im Wohnzimmer genommen.

Am Sonntag feiere ich Gottesdienst mit der Gemeinde in Liestal (9.30 Uhr) und von Montag bis Donnerstag feiern Ilja Voellmy - unser hervorragender Organist und ich - Passionsandachten (18 Uhr). Für dieses Jahr habe ich für jeden Abend jeweils ein Jesuswort aus dem Johannesevangelium, Kapitel 12, ausgesucht.


Donnerstag, 18. März 2021
Ulrike schreibt: Ich habe in zwei Tagen das Israel-Buch von Assaf Zeevi gelesen, das Anfang März 2021 erschienen ist. Es heisst: Lass das Land erzählen. Eine Reise durch das biblische Israel. Wenn ihr irgend Zeit zum Lesen habt, lest es. Assaf Zeevi stellt Zusammenhänge her, die man als christliche Leserin, als christlicher Leser normalerweise nicht kennt. Er meint, dass man das Land verstehen muss, wenn man die biblische Geschichte verstehen will. Das sind die örtlichen Gegebenheiten, die damaligen Reisewege, die Sprache und ihre Bedeutungen und vor allem den jüdischen Kontext. Das Buch ist leicht zu lesen, finde ich, und gleichzeitig extrem sorgfältig geschrieben. [Eine ausführliche Rezension von mir findet ihr bei amazon.]

Denen von euch, die Wolfgangs Bibelauslegungen, die Betrachtung der Psalmen in den Schweige-Exerzitien in Rasa, seine Vorträge über hebräisches Denken usw. kennen, wird vieles vertraut vorkommen. Es ist also nichts ‹anderes›, was euch bei Assaf Zeevi begegnet, sondern eine Vertiefung und Erweiterung unseres Wissens.

Assaf Zeevi ist Reiseleiter und wird uns auf der Israelreise vom 3. bis 11. Oktober 2021 begleiten. Es ist etwas Besonderes, mit ihm zusammen zu fahren und es ist auch etwas Besonderes, dass wir eine dermassen schöne und interessante Reiseroute haben. Es gibt noch freie Plätze. Den Flyer findet ihr links auf unserer Seite und auch hier bei assafzeevi

Nach Ostern werden Wolfgang und ich allen Interessierten anbieten, das Buch Lass das Land erzählen mit euch zu lesen. Wir werden nicht ‹alles› lesen - das steht euch persönlich frei -, sondern vor allem die Kapitel, die sich mit Geschichten und Orten befassen, die wir im Oktober besuchen werden. Corona-bedingt wissen wir natürlich manches nicht. Aber das, was wir planen und in den Blick nehmen können, das machen wir.


Samstag, 13. März 2021
Ulrike schreibt: Heute hätten die einwöchigen SCHWEIGE-EXERZITIEN von Wolfgang in Rasa/Tessin beginnen sollen. Es haben sich auch viele von euch/ von Ihnen angemeldet. Die Hotellerie vom Campo Rasa hatte sich vor einigen Wochen entschlossen, das Campo Rasa corona-bedingt erst im April zu öffnen. Jetzt fallen die Frühjahrs-Exerzitien nach 2020 zum zweiten Mal aus. ... Wahrscheinlich geht es euch auch so, dass sich jetzt vieles "zum zweiten Mal" ereignet. .... Vor einem Jahr, Mitte März, haben wir begonnen, die OFFENBARUNG DES JOHANNES online mit euch zu lesen. Dann folgten die BIBEL-SALONS im Herbst (Vaterunser, Gebote, Glaubensbekenntnis) und die PETRUSBRIEF-STUDIENGRUPPE von Dezember 2020 bis Februar 2021. Anfang März haben wir uns per Zoom zu 4 theologisch-therapeutischen Gesprächen über WOHIN MIT DER ANGST? getroffen.

Ich habe gerade das Gefühl von Nichtstun. Was natürlich daran liegt, dass ich eine Woche Urlaub habe :-) Wolfgang und ich lesen recht viel miteinander, und zur Zeit ganz zweckfrei. Zuerst die Bibel und dann lesen wir ein Buch miteinander, das uns interessiert. Und zwar jeden Tag ein einziges Kapitel. Jetzt gerade lesen wir von Václav Havel das Büchlein ‹Versuch, in der Wahrheit zu leben›, 1978 (deutsch 1980). Er zeigt auf, wie post-totalitäre Systeme funktionieren. Post-totalitär nennt er Gesellschaften, in denen sich eine ‹Diktatur zum Wohle aller› bereits tief und selbstverständlich in das Denken und Verhalten ihrer Bürgerinnen und Bürger eingegraben hat. Er schreibt von der «Eigenbewegung» solcher Systeme, erklärt, warum der Anspruch auf «Legalität» so hoch gehalten werden muss, und erzählt von möglichen und nicht möglichen Formen des Widerstands. Interessant ist, dass die bedeutendeste Form des Widerstands darin besteht, menschlich zu leben und menschlich mit Anderen umzugehen. Warum Musik und Bücher und vor allem das Schreiben ein totalitäres System bedrohen. ... Ich finde es super interessant.

Vorher haben wir von Timothy Snyder, Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand (2018) gelesen. Snyder ist Historiker mit dem Schwerpunkt auf der Geschichte des 20. Jahrhunderts in Europa. Er zeigt Entwicklungen in Europa auf - vor allem im deutschen Nationalsozialismus - und sagt: "Seht her, so haben sie es damals gemacht. Und so versuchen auch rechte Parteiungen heute, Einfluss auf die amerikanische Gesellschaft zu nehmen." Snyder nennt Trump und die Republikaner nie beim Namen, aber das Buch will aufmerksam darauf machen, wie die USA gegenwärtig ticken. Die 20 Kapitel tragen Überschriften wie 1: Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam, 2: Verteidige Institutionen; 5: Denke an deine Berufsehre, 9: Sei freundlich zu unserer Sprache usw.. Also o.k. zum Lesen, aber irgendwie sehr ‹richtig› und eindimensional.


Donnerstag, 11. März 2021
Ulrike schreibt: Ab heute habe ich ein paar Tage Urlaub und freue mich sehr über die viele Zeit. Ich bin gestern bei Spotify auf ein Lied von Manfred Siebald gestossen, das mir unglaublich gut gefällt. Vielleicht beglückt es euch ja auch. Er erzählt von den letzten Schritten des Sohnes mit seiner Mutter - oder seinem Vater - wie von einem gemeinsamen Tanz. Hier könnt ihr es anklicken und hören: Deine letzten Schritte

Deine letzten Schritte darf ich begleiten,
ganz allein zu gehen fällt dir jetzt schwer.
Und ich muss dich durch die Dunkelheit leiten,
denn den Weg durch das Haus siehst du längst nicht mehr.

Wenn uns jemand sieht wie wir uns bewegen,
zwischen Tisch und Bad und Sessel und Bett,
mag sich der Gedanke in ihm wohl regen:
Letztes Paar, letzter Tanz, Mitternachtsparkett.

Und: rechter Fuss.
Und: linker Fuss.
Wir nehmen uns die Zeit.
Du tanzt mit mir,
ich tanz mit dir
bis hin zur Ewigkeit.

Gab es diesen Tanz nicht schon mal zu sehen?
Als ich laufen lernte, warst du dabei.
Nahmst mich bei den Händen, halfst mir zu gehen
Und so schliesst sich ein Kreis heute für uns zwei.

Und: rechter Fuss.
Und: linker Fuss.
Wir nehmen uns die Zeit.
Du tanzt mit mir,
ich tanz mit dir
bis hin zur Ewigkeit.

.... wie gesagt: Text und Melodie von Manfred Siebald


Mittwoch, 10. März 2021
Ulrike schreibt: Manche von euch haben gefragt, ob wir unsere Impulse zum ersten Petrusbrief gesammelt zur Verfügung stellen. Hier sind sie. Wir bitten euch, sie ausschliesslich für den persönlichen Gebrauch zu nutzen: PETRUSBRIEF ONLINE

Ich bin heute in einer Zoom Gruppe unserer Kirchgemeinde, in der wir den Philipperbrief miteinander lesen. Wir lesen und besprechen die Schlussworte des Briefs. Paulus richtet Grüsse aus - von sich selbst und von anderen. Dass jemand uns grüsst, heisst, dass wir in seinem Gedächtnis und in seinem Herzen vorkommen. Wir sind aufgehoben beim andern, wir werden erinnert. Auch wenn wir einander nicht sehen, sagen uns Grüsse: Du kommst immer noch in meinem Leben vor.


Montag, 8. März 2021
Ulrike schreibt: Wir sind schon wieder mittendrin in einer neuen Woche. ... Ich mache (corona-bedingt) Spaziergänge mit Menschen aus der Kirchgemeinde. Das ist sehr schön; das kann man beibehalten für spätere Zeiten :-)

Manche haben mich gefragt, wo sie die Vorträge der letzten Woche nachhören können. Sie finden die Vorträge zum Beispiel hier: Vorträge-Wohin-mit-der-Angst


Samstag, 6. März 2021
Wolfgang schreibt: Jetzt ist die Vortragsreihe «Wohin mit der Angst?» abgeschlossen. Es war ein ausgesprochen gutes und interessantes Experiment: Vier Vorträge von vier verschiedenen Referentinnen bzw. Referenten. Zum Abschluss sprach Ulrike heute Morgen über «Angst vor Gott – und wie ich zum Vertrauen finde.»

Den Vortrag kann man gleich hier anhören:


Herunterladen kann man den Vortrag unten auf dieser Seite unter dem Titel «Angst vor Gott»


Sonntag, 28. Februar 2021
Wolfgang schreibt: Es gibt Geschichten in der Bibel, auf die man immer wieder zurück kommt. Man kann sie nicht genug betrachten, nicht genug erzählen. Warum ist das so? Es geht bei diesen Geschichten um Grundfragen der Menschlichkeit, ja sogar der Menschseins. Immer wieder taucht die Frage vor uns auf und fordert uns zur Antwort heraus: WAS HEISST: »DAS RICHTIGE TUN«? Ulrike hat heute über die beiden Hebammen Schifra und Pua (2. Mose 1,15-22) gepredigt. Da gibt es das eine, das den beiden Frauen von aussen her befohlen wird. Und da gibt es das andere, von dem die beiden Frauen in ihrem Inneren wissen. Es steht viel auf dem Spiel. Was heisst in diesem Fall, das Richtige zu tun? Die Szene hat sich geändert, aber die Frage ist quer durch die Geschichte dieselbe geblieben. Und die Antwort? Eigentlich ist auch sie schlicht. Sie setzt keine Bildung voraus, wahrscheinlich nicht einmal Glauben, wohl aber den freien Zugang zu dem, was man die unverrückbare Menschlichkeit im eigenen Inneren nennen kann.



Ganz unten auf dieser Seite [dort, wo die Buchstaben blau werden] können Sie diese Predigt herunterladen unter: 2021-WAS HEISST DAS RICHTIGE TUN.



Samstag, 27. Februar 2021
Ulrike schreibt: Morgen feiern wir in Liestal um 9.30 Uhr Gottesdienst. Im Mittelpunkt steht die Erzählung von den beiden Hebammen Schifra und Pua (2. Mose 1,15-21). Die beiden Frauen weigern sich, einer staatlichen Anordnung zu folgen und die neugeborenen hebräischen Jungen zu töten. Die Geschichte scheint mir ein guter Einstieg in die kommende Woche zu sein. Da werden wir per Zoom über ‹Angst› reden.


BEOBACHTUNGEN ZU 2. MOSE 1,15-21

«Und der König von Ägypten sprach zu den hebräischen Hebammen, von denen die eine Schifra hiess und die andere Pua: 16 Wenn ihr den hebräischen Frauen bei der Geburt helft, dann seht auf das Geschlecht. Wenn es ein Sohn ist, so tötet ihn; ist's aber eine Tochter, so lasst sie leben. 17 Aber die Hebammen fürchteten Gott und taten nicht, wie der König von Ägypten ihnen gesagt hatte, sondern liessen die Kinder leben. 18 Da rief der König von Ägypten die Hebammen und sprach zu ihnen: Warum tut ihr das, dass ihr die Kinder leben lasst? 19 Die Hebammen antworteten dem Pharao: Die hebräischen Frauen sind nicht wie die ägyptischen, denn sie sind kräftige Frauen. Ehe die Hebamme zu ihnen kommt, haben sie geboren. 20 Darum tat Gott den Hebammen Gutes. Und das Volk mehrte sich und wurde sehr stark. 21 Und weil die Hebammen Gott fürchteten, gab er auch ihnen Nachkommen.»


EINE SITUATION VERÄNDERT SICH

Durch Joseph war Israel (= Jakob) nach Ägypten gekommen. Einige Generationen später ist seine Nachkommenschaft gross geworden, die Israeliten sind stark und das Land ist voll von ihnen (1,7). Die Ägypter bekommen Angst, erinnern sich nicht mehr an das gute Miteinander und beginnen die Israeliten gezielt klein zu halten.


WO ERLEBEN WIR DRUCK?

Der König befiehlt den Hebammen, die neugeborenen israelitischen Buben zu töten. Er macht ihnen Druck durch seine Autorität.
Woher kennen wir das, dass zum Beispiel ein Arbeitgeber den Angestellten Druck macht: Ihr müsst das jetzt so und so machen....? Zugunsten von mir, zu Ungunsten von .... euren Familien/ unseren Kunden/ eurer Gewissensbindung, ... eurem kollegialen Miteinander???


...UND SIE TATEN NICHT

Die beiden Hebammen machen das einfach nicht. Sie beugen sich nicht dem Druck.
Die betroffenen - das heisst die gebärenden - Frauen erleben bei den Hebammen eine ganz grosse Klarheit. Wie fühlt sich das an, wenn man Menschen trifft, die aus einer inneren Klarheit heraus leben? Die nicht um ihrer selbst willen Zugeständnisse machen? Die keine Unsicherheiten und Skrupel ausstrahlen? Ich stelle mir vor, dass das für die gebärenden Frauen rundum gute und unglaublich erleichternde Begegnungen sind.

Und auch wir sind von Herzen froh, wenn wir auf solche innerlich klaren Menschen treffen. Oder wie geht es euch?


WEM BIN ICH VERPFLICHTET?

Woher haben die Hebammen ihre Klarheit? Die Antwort wird in äusserster Kürze gegeben: „Aber die Hebammen fürchteten Gott und taten nicht, wie der König von Ägypten ihnen gesagt hatte.“ (Vers 17)

Das Handeln der Hebammen ist eigentlich keine Frage des Glaubens. Es ist eine Frage der Menschlichkeit. Um die Wahrheit zu WISSEN braucht es Menschlichkeit. Es braucht dafür keinen Glauben, keinen jüdischen, keinen christlichen, keinen muslimischen. Es genügt der innere Zugang zur Menschlichkeit. Um an der Wahrheit auch FESTZUHALTEN, ist der Glaube (die Gottesfurcht; die Überzeugung, dass es etwas Grosses gibt, das unser Menschsein übersteigt … ohne das man die Menschlichkeit verliert …) eine entscheidende Voraussetzung.


DIE LÜGE GEGEN DEN PHARAO

Es kommt bald ans Licht, dass die Hebammen den Anordnungen nicht folgen. Sie werden zum Pharao gerufen. Sie lügen ihn dreist an. Dreist, weil leicht zu durchschauen: „Die hebräischen Frauen sind nicht wie die ägyptischen. Ehe die Hebamme zu ihnen kommt, haben sie geboren.“ Die beiden Frauen geben kein «Zeugnis» ihres Glaubens. Das haben sie mit ihrem Handeln bereits getan. Offensichtlich meinen sie, dem Pharao in dieser Hinsicht nichts zu schulden. Das ist in anderen biblischen Geschichten anders: zum Beispiel bei Daniel (Daniel 3,17-18).


ES IST EINE VORLÄUFIGE HILFE

Pua und Schifra verweigern das Unrecht für eine bestimmte Zeit. Die bedrängende Situation setzt sich aber fort. Die endgültige Wende wird durch jemand anderen kommen – durch Mose. Und damit durch das Verlassen des Landes. Die beiden Hebammen bekommen aber ihren Platz in der grossen Geschichte von Befreiung und Aufbruch Israels. Ihre Namen, ihr Handeln wird erinnert.


Donnerstag, 25. Februar 2021
Ulrike schreibt: Seit gestern steht es fest: Unsere Offenen Abende in der nächsten Woche «Wohin mit der Angst?» werden ausschliesslich über ZOOM stattfinden. Treffen im Kirchgemeindehaus in Liestal sind leider noch nicht möglich.

Links auf unserer Homepage haben wir den Zugang zu den einzelnen Abenden - und zu meinem Vortrag am Samstag Morgen - verlinkt. Wir starten am Dienstag, dem 2. März, 19.30 Uhr, mit einem Vortrag von Dr. Heidrun Kaletsch: Was ist das: «Angst»? Wozu dient sie? Und wie begegne ich ihr? ... Ich werde den Abend moderieren und wir laden - wie immer - dazu ein, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Mich würde es freuen, wenn Sie Ihre Freundinnen und Bekannten aufmerksam machen. Man muss nicht Mitglied der Kirchgemeinde sein, um mitzumachen :-) Sie finden alle Zugangsdaten ebenfalls auf der Homepage unserer Kirchgemeinde: OFFENE ABENDE


Samstag, 20. Februar 2021
Wolfgang und Ulrike schreiben: Heute finden Sie auf unserer Seite den letzten Impuls zum Petrusbrief. Elf Wochen (seit dem 6. Dezember) waren wir bibellesend miteinander unterwegs. Für Wolfgang und mich war es eine gute Zeit: wir haben viel über einen unaufgeregten und kräftigen Glauben gelernt. Aus dem letzten Impuls - den Sie links unter Petrusbrief-Online - finden, ein paar Beobachtungen zum Schluss des Briefs.

DIE KRAFT DER GRÜSSE

Der Brief schliesst mit einigen Grüssen. Das sollte man - bis heute - nicht unterschätzen. Grüsse sind keine beliebige Floskel. Sie bedeuten: Da gibt es jemanden, der an mich bzw. der an uns denkt. Ich bin nicht vergessen. Wir sind nicht vergessen. Es gibt Menschen, denen unser Ergehen nicht gleichgültig ist. Es gibt Menschen, in deren Denken und Beten wir vorkommen. Petrus nennt „die Miterwählte in Babylon“ und meint damit wohl die Gemeinde in Rom. Ausdrücklich nennt er auch „Markus“, den er zudem „meinen „Sohn“ nennt. Wir vermuten, dass Markus einigen Gemeinden persönlich bekannt war, während die Gemeinde in Rom von den verstreuten Gemeinden in Kleinasien durch Erzählungen von Boten gehört hatten.

Grüsse sind für Menschen, die in der „Zerstreuung“ (1,1) leben, wichtiger, als wir vielleicht denken. Wir haben Kinder danach gefragt: „Wer ist es, der an dich denkt?“ In der Regel kam die Antwort sofort: meine Mutter, mein Bruder, meine Grossmutter … Verbunden war das mit einem Leuchten im Gesicht: Ich weiss, dass ich im Denken anderer Menschen vorkomme. Es ist nötig das zu wissen, damit man leben kann.

Was geschieht mit einem Menschen, der bei anderen vergessen geht? Wir denken konkret an Gemeinden im nahen und mittleren Osten. Für sie ist es teilweise sogar überlebenswichtig, dass sie von uns nicht vergessen werden. Es bedeutet ja: Andere Menschen beobachten es und nehmen es wahr, was mit uns „in der Bedrängnis“ geschieht.

Grüsse sind eine entscheidende Kraft gegen das Vergessen werden. Petrus nennt zwei Ausdrucksweisen, wie Grüsse Gestalt annehmen. Einmal der „Kuss“. Ein Kuss ist ein körperlich-intimes Zeichen dafür, dass man wahrgenommen wird, dass man bei jemand vorkommt, nicht vergessen ist und wird. Ein Kuss ist kein oberflächliches Zeichen von Nähe. Er ist ein Zeichen, in dem die Verpflichtung zum Ausdruck kommt: „Wir gehören zusammen.“ Darum schreibt Petrus von einem „Kuss der Liebe.“ Paulus nennt ihn „heiligen Kuss“ (1. Kor 16,20). Zum Gruss gehört gewiss auch das konkret ausgesprochene und verpflichtende Wort. „Friede sei mit allen, die in Christus sind!“ Es ist das Wort des Segens. In ihm tritt der lebendige Gott an unsere Seite und geht ganz gewiss seinen guten Weg mit uns weiter.


Mittwoch, 17. Februar 2021
Ulrike schreibt: Seit dieser Woche ist es für mich ruhiger in der Gemeinde. Seit gestern ist es frühlingshaft warm und Schnee und Eis sind geschmolzen. Jetzt kommt mein wunderbar gemähter Rasen vor dem Haus wieder ans Tageslicht. Kurz vor dem Schneefall habe ich einen Benzin-Freischneider in der Landi gekauft. Ich dachte, dass es schade ist, wenn bald die Narzissen und Tulpen herauskommen, und sich ihren Weg durch das hohe und verdorrte Wintergras kämpfen müssen. ... Dass ich das kann: einen Rasenmäher selbst zusammenbauen, und dass er dann auch noch funktioniert, macht mich sehr zufrieden!!

Glücklich macht mich, dass es mit dem täglichen Laufen immer noch gut geht. Laufen ist prima zum Nachdenken. Oder zum Hörspiel-Hören. Beim WDR (Westdeutscher Rundfunk) gibt es eine japanische Hörspielserie: "Jenseits der Zeit" - die höre ich gerade. Ich laufe ziemlich langsam vor mich hin. Vor ein paar Tagen hatte ich den Impuls, schneller zu laufen. Und bin überrascht, dass auch das geht, ohne dass ich mich dafür anstrengen muss.

In unserer Petrusbrief-Lese (siehe links bei Petrusbrief Online) nähern wir uns langsam dem Ende. Wolfgang wird noch einen Impuls zu "Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch" schreiben (1. Petrus 5,7) und ich etwas zum Schluss des Briefes. Gestern habe ich alle bisherigen Impulse durchgesehen und geordnet - das wären ca. 160 Buchseiten.


Mittwoch, 10. Februar 2021
Ulrike schreibt: Bei uns in Liestal liegt wieder dicker Schnee. Ich schüttle ab und zu die Bäume frei, denn unsere beiden jungen Feigenbäume sind von der Schneelast auf den Boden gedrückt worden. Ich habe ihnen ein paar Krücken gebaut, damit sie wieder aufrecht stehen und hoffe, dass sie den Frühling erleben.

Mit Gemeindegruppen treffe ich mich wenn möglich per Zoom. In der Gruppe Mt 11:28 lesen wir den Philipperbrief und heute die Verse Phil 4,4-7. Da kann einem auffallen, dass in jedem Satz die Wörter "alle", "immer" oder "nichts" stehen. Das ist Absicht.

"Freuet euch in dem Herrn zu jeder Zeit, und abermals sage ich: Freuet euch! 5 Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! 6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! 7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren." (Philipper 4,7-11)

Paulus will, dass wir nicht mehr unterscheiden müssen. Wir haben das - weil wir in Christus sind - nicht mehr nötig. Der Anlass für Freude ist uns bereits gegeben. Darum können wir uns zu jeder Zeit freuen. Natürlich gibt es manchmal auch besonderen Grund zur Freude, der noch vor einem liegt - aber darum geht es Paulus nicht. Der Anlass für die tiefste Freude, für die vollkommene Freude, ist uns bereits gegeben. Er ist da.

Wir sollen nicht "einteilen", mit welchen Menschen wir auf welche Weise umgehen. Denn auch Gott geht mit allen Menschen gut um. Wir sollen allen Menschen mit Güte begegnen - weil Gott gütig ist.

Um gar nichts sollen wir uns sorgen - und da denken wir an die Dinge bzw. Zustände, die uns tatsächlich beunruhigen. Allein, dass wir sie Gott nennen - sie im Gebet vor Gott aussprechen - das nimmt uns die Sorge. Nicht, dass alles "besser" wird dadurch. Aber es ist aufgehoben bei IHM. Schliesslich spricht Paulus der Gemeinde nicht ein bisschen Frieden zu, sondern einen Frieden, der eigenartig, ja kurios ist. Er ist umfassend. Der Friede, den Gott geschaffen hat, ist "grösser als alle Vernunft".


Sonntag, 7. Februar 2021
Ulrike schreibt: Die erste wichtige Nachricht vorneweg. Die SCHWEIGE-EXERZITIEN IN RASA vom 13.-18. März 2021 sind abgesagt worden. Das Campo Rasa, also der Hotelbetrieb, hat den Entscheid getroffen, die Kurse wegen Corona noch nicht im März beginnen zu lassen. Wolfgangs Schweige-Exerzitien sind ja immer der erste Kurs in jeder Saison. Wolfgang schreibt gerade an einem Brief an alle die, die sich angemeldet haben. Es ist ein Verlust, dass der Kurs nicht stattfinden kann, und zwar für uns alle.

Wolfgang wird euch auch sagen, welche Kurse mit ihm und mit mir in diesem Jahr - so Gott will - stattfinden. Vielleicht mag ja der eine oder andere in einem späteren Monat nach Rasa oder nach Moscia kommen. Zum Beispiel zum Kurs Segnende Seelsorge in Rasa [22.-25. April] oder zum Bibel-Urlaub in Moscia [4.-10. Juli].

Heute haben wir einen Kurs LESEN-BETRACHTEN-WEITERGEBEN vorbereitet. Es ist ein Praxis-Kurs, der an zwei Wochenenden stattfindet [10./11. und 17./18. April 2021]. Wolfgang und ich bieten an, das betrachtende Gebet kennenzulernen und zu üben. Betrachtung ist ein sehr alter christlicher Weg. Es ist auch der Weg, auf dem Wolfgang und ich uns biblischen Texten nähern, sie erschliessen und weitergeben. Die Zahl der Plätze ist begrenzt, es braucht eine verbindliche Anmeldung. Hier findet ihr den Flyer:

Heute haben wir in unserem KURS ZUM PETRUSBRIEF einen Impuls zu 1. Petrus 4,1-5 veröffentlicht (links bei Petrusbrief-Online). Wie verstehen sich die Gemeinden, an die Petrus schreibt und wie verstehen sich viele Gemeinden heute?

Wir meinen, dass wir Gemeinde heute kaum noch als Gemeinschaft erleben, die einen gemeinsamen Weg geht. Wir begegnen heute vielen einzelnen Christen, die je für sich ihren Weg durchaus ernsthaft gehen. Pastoren sind kaum mehr mit der Gemeinde als ganzer unterwegs. Sie werden von Einzelnen gerufen; sie sind Mediatoren in Beziehungsfragen, Zuhörerinnen für Menschen, die in seelische Not geraten sind, Mentoren in Lebensphasen. Das hat alles seine Berechtigung. Nur: Das sind lauter Aufgaben, die im Blick auf einzelne Menschen wahrgenommen werden. Werden diese Aufgaben gut gelöst, sind die Menschen vermutlich dankbar. Aber sie haben keinen Schritt in Richtung Gemeinschaft getan. Der Aspekt des Gemeinschaftlichen droht uns bei dieser Weise, die Arbeit in der Kirche zu verstehen, verloren zu gehen. ... Wie also würde es heute aussehen, wenn Menschen im Glauben miteinander unterwegs sind? Wie würde es aussehen, wenn wir einander im Bild von Herde und Hirten wahrnehmen würden?


Montag, 1. Februar 2021
Ulrike schreibt: Wolfgang hat mich auf den Rabbiner Dr. Abraham Twerski hingewiesen. Twerski war Psychiater und ist gestern in hohem Alter gestorben. Hier ist ein Beitrag von ihm. "Was wir von einem Hummer lernen können". Das Video dauert etwas mehr als eine Minute und ist wirklich interessant und einleuchtend:





Samstag, 30. Januar 2021
Ulrike schreibt: Gestern waren Wolfgang und ich in Basel, ein Paar neuer Schuhe abholen. Wolfgang kann keine handelsüblichen Schuhe tragen, wie man mit einem Blick auf seine Füsse schnell sieht. Es sind wirklich Kleinigkeiten, die der junge Schuhmacher zum Schluss noch korrigiert. Hier gibt er dem Fuss ein Paar Millimeter mehr Luft, da hat er eine Idee, wie sich der Verschluss leichter erreichen lässt. ... Die meiste Zeit sitzt man als Kunde daneben und wartet. Während der Schuhmacher arbeitet. Zum Schluss sage ich: "Das braucht schon ganz schön viel Zeit, nicht wahr?" Also: So viel Zeit für so kleine Sachen.

Am Abend hat sich das wiederholt. Unsere Heizung funktionierte plötzlich nicht mehr. Ein Handwerker kam, und hat den Schaden schnell entdeckt. Aber dann dauerte es lange mit dem Versuch, den Schaden zu beheben. Und ich dachte: Mein Gott, braucht das viel Zeit, so ein kleines Teil zu ersetzen.

Im geistlichem Leben und in der menschlichen Reifung erwarten wir ebenfalls, dass es "husch, husch" geht. Dass sich das Herz von heute auf morgen ändert. Dass sich Barmherzigkeit und Liebe ganz schnell und wie von selbst einstellen. Aber so ist das nicht. Dafür ist uns unser ganzes Leben gegeben. Wir haben die Zeit dafür bekommen. Dass wir im Glauben wachsen. Dass wir in der Liebe wachsen. Dass die Hoffnung in uns immer leuchtender wird.

Übrigens liess sich der Heizkessel gestern nicht reparieren. Da ist noch ein bisschen Wartezeit angesagt - und auch das kann ein Gleichnis sein. Der Monteur war da, aber er muss noch einmal wieder kommen; mit einem neuen Heizkessel :-)


Freitag, 29. Januar 2021
Ulrike schreibt: Wolfgang und ich haben für Oktober 2021 (Sonntag, 3.10. bis Montag, 11.10.) zu einer Reise nach Israel eingeladen. Wir werden mit Assaf Zeevi sowohl die "Hauptorte des Glaubens" besuchen, wie auch selten besuchte biblische Orte. Drei Tage werden wir in einem Kibbuz direkt am Ufer des Sees Genezareth sein. Wolfgang und ich halten - so weit man es planen kann - an dieser Reise fest. Kultour-Reisen, der Veranstalter, ist zuversichtlich, dass Israel-Reisen im Herbst stattfinden können; einfach, weil Israel impftechnisch gut aufgestellt ist. ... Falls es im Herbst eine Quarantäne-Pflicht geben sollte (bei Einreise in die CH oder bei Einreise nach Israel), wird Kultour von sich aus die Reise annullieren. Falls es eine Impfpflicht für Einreisende nach Israel geben sollte, können diejenigen, die sich nicht impfen lassen wollen, kostenneutral umbuchen. Vielleicht reicht auch ein negativer Test vor Reiseantritt. Das weiss jetzt noch keiner. Wer sich in diesen Wochen für unsere Israel Reise anmelden will, ist von der Anzahlung befreit.

Hier verlinken wir euch unseren Flyer: ISRAEL-2021-Flyer sowie ISRAEL-2021-Anmelde-Talon. Wolfgang und ich freuen uns auf die Orte, die wir als Gruppe besuchen werden. Ich möchte Sichem wiedersehen und Bethel, will noch einmal nach Shilo hochlaufen, wo die Stiftshütte stand, und möchte mit euch auf dem Garizim stehen. Und noch einmal lebendig werden lassen, was hier geschah.

Von Assaf Zeevi - unserem Reiseleiter - erscheint anfangs März 2021 ein Buch (Hardcover sowie als Kindle-E-Book): Lass das Land erzählen. Eine Reise durch das biblische Israel. Lass-das-land-erzaehlen Vielleicht mögen ja einige von euch das Buch mit uns zusammen lesen.


Donnerstag, 28. Januar 2021
Ulrike schreibt: Wir unterhalten uns jeden Tag über den 1. Petrusbrief. Die gemeinsame Beschäftigung mit diesem biblischen Text nimmt uns zeitlich und auch inhaltlich ganz schön in Anspruch. Danke für die Echos aus der Gruppe «PETRUSBRIEF-ONLINE». Im Impuls für heute geht es um BEZIEHUNGEN, um GLAUBEN und um LIEBE. Viele sagen von sich, dass sie eine Beziehung zu Gott haben. Was heisst das? Und was bedeutet es, wenn jemand sagt, er würde seinem Gegenüber glauben? Den Glauben gibt es in unserem Leben in unterschiedlichen Qualitäten. Es gibt verschiedene Weisen, Tiefen, Ernsthaftigkeiten des Glaubens, nach denen gefragt werden kann und die man beschreiben kann. … Dass Glaube unterschiedlicher Qualität sein kann, heisst nicht, dass man darum „mehr“ oder „weniger“ gerettet wäre. Es gibt nur eine Rettung. Glaube aber kann und soll sich vertiefen, soll reifen, reiner und schöner werden – was ein grosses Thema im ersten Petrusbrief ist. ... Die Liebe beschreibt die Weite und die Tiefe, in der wir unseren Glauben leben sollen. Mehr dazu findet ihr links bei Petrusbrief-Online.


Samstag, 23. Januar 2021
Ulrike schreibt: Wie geht es euch und Ihnen mit unseren Beobachtungen zur Persönlichkeitsbildung? Sie finden den Beitrag links bei Petrusbrief Online (unter dem Datum vom 21. Januar). Wir hatten gesagt, dass unsere Persönlichkeit auf dreifache Weise ausgebildet wird. Wir sind durch äussere Umstände herausgefordert, wie wir auch durch innere Bilder geprägt und bestimmt sind. Wie antworten wir auf diese Herausforderungen?

- Zum einen, in dem wir unser Handeln bzw. unsere Fähigkeiten ausbilden. Unsere Fähigkeiten werden ausgebildet, indem wir uns im konkreten Verhalten üben.
- Zum andern, indem wir uns an Jesus Christus orientieren. Unser Charakter wird dadurch gebildet, indem wir unseren inneren Blick auf Jesus richten. Wir schauen nicht nur auf sein Verhalten, also auf seine Tätigkeiten, sondern vor allem auf seinen Charakter, also auf seine Gesinnung.

Wolfgang hatte als Beispiel das Üben von Gastfreundschaft genannt, auf das hin die Gemeinde in 1. Petrus 4,9 angesprochen wird. Meine Wahrnehmung ist die, dass ich mich selbst und unsere Gemeinde als schwach im Handeln wahrnehme. Nicht, dass nicht alle irgendwie beschäftigt wären. Aktivitäten haben wir viele. Aber allein bezogen auf die Frage der Gastfreiheit: Wer ist bei uns in der Gemeinde und wer ist bei uns Zuhause zu Gast? Wer darf, kann, will eine Weile mit uns mitleben - und dann vielleicht weiterziehen? Warum klopft niemand an unsere Türen? Ist es so, dass kaum jemand etwas von uns und unserem Tun erwartet? Das ist jedenfalls meine Wahrnehmung.

Der dritte Bereich der christlichen Persönlichkeitsbildung ist der der Ziel- und Wegfindung. Ich meine, dass Wolfgang und ich hier schon lange einen Schwerpunkt in unseren Kursen und Vorträgen haben: Man kann lernen, von den Weg-Geschichten der Bibel her seinen eigenen Weg zu finden und dann zu gehen. Und man sollte das entschlossen und zuversichtlich tun.

An diesem Wochenende laden wir dazu ein, anstelle eines weiteren Impulses noch einmal den Beitrag vom 21. Januar zu lesen, zu vertiefen und darüber auszutauschen. Ziel: Wir kommen miteinander ins Gespräch über unsere Persönlichkeitsbildung. Was fällt euch zu den drei genannten Schwerpunkten auf? Was ist euch wichtig geworden? Viele von euch sind mit uns in einer WhatsApp Gruppe zum Petrusbrief verbunden. Da könnt ihr eure Gedanken, Wahrnehmungen und Vorschläge posten, oder ihr könnt uns ein Mail schreiben. — Mit dem nächsten neuen Impuls zum Petrusbrief geht es dann am Dienstag, 26. Januar, weiter.

Bald werden Wolfgang und ich aus Datenschutzgründen das Programm WhatsApp verlassen und voraussichtlich zum Messenger Dienst Threema wechseln. Wir geben euch früh genug Bescheid. Noch nicht sicher ist, ob wir auch das Programm Signal benutzen werden.



Mittwoch, 21. Januar 2021
Ulrike schreibt: Für heute hat Wolfgang einen Impuls geschrieben, in dem es um christliche Persönlichkeitsbildung geht. Ihr findet den links unter Petrusbrief-Online. Bei der Bildung bzw. Reifung unserer christlichen Persönlichkeit geht es um eine Art Ausbildung, bei der sich einige Stufen deutlich voneinander unterscheiden lassen. Petrus spricht in seinem Brief relativ deutlich davon.

• Es geht um unsere Fähigkeiten bzw. Handlungen: WAS kann und habe ich zu tun?
• Es geht um unseren Charakter, die Formung unseres christlichen Daseins: WER kann, soll und will ich sein?
• Es geht um die Wege, die ich wähle, sowie um die Ziele, die ich mir setze: WOHIN will ich kommen und WELCHE WEGE schlage ich dafür ein?

Wir meinen, dass der Hinweis auf drei Aspekte der Persönlichkeitsbildung einem auch die Augen über sich selbst öffnen kann. Wir werden in den nächsten Tagen - wahrscheinlich :-) - mehr dazu sagen.

Ich bin heute in drei ZOOM-Sitzungen unserer Kirchgemeinde. Zwei davon dienen der Planung, bzw. Vorbereitung von Veranstaltungen, eine dem Austausch. Für einen Geburtstagsbesuch werde ich einem Gemeindemitglied Blumen und Karte an die Haustür bringen.


Sonntag, 17. Januar 2021
Wolfgang schreibt: Es ist schon erstaunlich, wie man gerade bei bekannten Geschichten immer wieder überraschend Neues entdecken kann. So ging es mir heute, als ich Ulrikes Predigten in Liestal und in Seltisberg über die Hochzeit von Kana (Johannes 2,1-11) hörte. Wie zart doch die Geschichte ist. Jesus verhindert die ganz grosse Beschämung des Bräutigams. Der war für Verpflegung und für Wein verantwortlich. Eine unbekannte Zahl von Gästen ist während sieben Tagen zu bewirten. Die Hochzeitsfreude ist etwas Heiliges. Sie darf nicht verletzt werden. Doch nun geht der Wein aus. Was alles steht jetzt auf dem Spiel? Was alles wird plötzlich sichtbar?

Ihr könnt die Predigt (es ist die Fassung von Seltisberg) gleich hier anhören:



Ganz unten auf dieser Seite [dort, wo die Buchstaben blau werden] könnt Ihr diese Predigt herunterladen unter: 2021-Hochzeit von Kana.


Samstag, 16. Januar 2021
Ulrike schreibt: Eine dicke Schneedecke liegt über allem. Der Blick in den Garten, hinüber zum Passwang und hoch zum Schleifenberg ist wunderschön. Trotz des Schnees bin ich heute den Schleifenberg hochgelaufen - mit Spikes an den Schuhen, was wunderbar ging. Viele Bäume sind unter der Last des Schnees zusammengebrochen oder liegen schwer von Schnee über den Wegen, so dass man unter den Ästen durchkriechen muss.

Morgen feiere ich Gottesdienst in Liestal und Seltisberg. Ich halte mich an den vorgeschlagenen Predigttext Johannes 2,1-11., die Hochzeit zu Kana. Am Donnerstag war ich nach mehrwöchiger Pause einmal wieder zum Gottesdienst im Altenpflegezentrum. Wir haben die Gottesdienste in den Wohngruppen gefeiert, das heisst, parallel zueinander und nacheinander. Das ist eine grosse Leistung, die den alten Menschen abverlangt wird - mit so wenig Kontakten nach aussen hin zu leben.

Morgen Nachmittag - von 17 bis ca. 18 Uhr - laden Wolfgang und ich euch zum ZOOM ein. Wir möchten 1. Petrus 3,13-17 zum Ausgangspunkt des Gesprächs nehmen: Petrus erinnert die Christinnen und Christen in Kleinasien immer wieder an ihr Verhalten, an ihren "Way of Life". Er meint, dass an ihrer Art zu leben, etwas von der "Hoffnung" sichtbar wird, die sie durch Jesus Christus haben. Wir finden das spannend. Wie ist das bei uns heute? Was sehen Menschen an uns? An welchem Verhalten kommt unsere Hoffnung zum Ausdruck? Ihr findet den ZOOM Link links bei Petrusbrief Online.


Montag, 11. Januar 2021
Ulrike schreibt: Hier könnt ihr die drei Meditations-Impulse von gestern Abend zu Jesaja 44,1-4 anhören. Diese erste Abendfeier führt ins Hauptthema des Jahres «FÜRCHTE DICH NICHT!» ein. Sie steht unter dem Thema «Getröstet - Erwählt - Gesegnet».

Den Zugang zu diesen drei Impulsen gibt es also gleich hier:




Sonntag, 10. Januar 2021
Ulrike schreibt: Heute Abend ist in der Stadtkirche Liestal Abendfeier. Wir haben als Jahresthema das "Fürchte dich nicht", das Gott seinem Volk immer wieder zusprechen lässt. Unser Team hat sich verändert - als Gründungsteam der Abendfeier waren wir 12 Jahre miteinander unterwegs. Das ist wirklich lang. Wolfgang und ich werden an zwei Wochenenden im April einen Kurs anbieten. Da üben wir das Betrachten einer biblischen Geschichte, das Strukturieren und das freie Reden. Wenn Sie Interesse haben, merken Sie sich den 10./11. und 17./18. April 2021.

Heute Abend werden wir Jesaja 44,1-4 betrachten. Ein unglaublich schönes und starkes Trostwort. Die Impulse heissen GETRÖSTET - ERWÄHLT - GESEGNET.


Samstag, 9. Januar 2021
Ulrike schreibt: Wenn Sie links Petrusbrief Online klicken, finden Sie Impulse, um mit uns zusammen den ersten Petrusbrief zu lesen. In dieser Woche haben wir gefragt, in welchem gesellschaftlichen Setting die frühen christlichen Gemeinden in Kleinasien leben. In seinem Brief beschreibt Petrus ein Umfeld, das klar in „oben“ und „unten“ eingeteilt ist. Es scheint klar zu sein, wohin jede und jeder gehört. Petrus spricht vier verschiedene Beziehungsgefüge an. Viermal schreibt er den Gemeinden „Seid untertan!“ (2,13.18; 3,1 und 5,5). Als Einwohner sollen sich die Christinnen und Christen der Obrigkeit unterordnen, die christlichen Sklaven sollen sich den ‘Herren’ unterordnen, die christlichen Frauen ihren Männern, die christlichen jungen Leute den älteren.

Interessanterweise sind die Christinnen 'eigentlich', das heisst durch den Glauben an Jesus frei geworden. Sie sind nicht mehr an gesellschaftliche Einteilungen in "oben" und "unten" gebunden. Frei sind sie, weil der Glaube – das neue Leben, das durch Jesus begonnen hat – die Unterschiede zwischen ihnen aufhebt (Galater 3,26ff).

Petrus fragt also, wie durch den Glauben erneuerte Menschen (Christen) in der für ihre Zeit relevanten Gesellschaftsstruktur – z.B. im röm. Kaiserreich – leben sollen. Wie lebt man als Christin bzw. als Christ in der Ehe, in Sklaven/‘Herren‘-Beziehungen, im Staat, im Verhältnis von jungen und alten Menschen usw.? Das sind ja Strukturen, zu denen man sich verhalten muss. Im Impuls für Morgen denken wir darüber nach, was wir, die wir als Christinnen und Christen in einer demokratisch organisierten Gesellschaft leben, von Petrus lernen.


Sonntag, 3. Januar 2021
Wolfgang schreibt: Es hat sich in den letzten Jahren eingebürgert, dass zum Jahresanfang über die Jahreslosung gepredigt wird. Ulrike hat heute keine Ausnahme gemacht und über die neue Jahreslosung 2021 gepredigt: «Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist» (Lukas 6,36).

Sie ist befreiend und verpflichtend zugleich. Befreiend weil wir in unserem Verhalten zu anderen nicht mehr 'rechnen' müssen … Verblüffend der Hinweis, dass diese Botschaft nicht nur uns als Einzelne angeht, sondern auch uns als ganze Gemeinde. Wie reden die Menschen von uns, von unserer Gemeinschaft? Kann man an unserem Verhalten Gottes Barmherzigkeit lernen? Jesu Wort ist erstaunlich vielfältig, befragt uns ernsthaft und spricht uns ebenso ernsthaft frei. — Eine Predigt zu einem guten Jahresanfang. Ebenso und vielleicht vor allem eine Predigt, die man sich während des Jahresverlaufs immer wieder anhören muss: allein, als Freunde, im Gemeindekreis, als Kirchgemeinde. Immer wieder. Mit seinem Wort stellt Jesus in eine Freiheit, die wir nicht verlieren dürfen. Und gleichzeitig stellt er uns in eine Verpflichtung, aus der wir nicht aussteigen können.

Die Predigt könnt Ihr gleich hier anhören:


Ganz unten auf dieser Seite [dort, wo die Buchstaben blau werden] können Sie diese Predigt herunterladen unter: 2021-JAHRESLOSUNG: BARMHERZIGKEIT.


Mittwoch, 30. Dezember 2020
Ulrike schreibt: Ziemlich von jedem, mit dem ich rede, höre ich, dass dieses Jahr "schnell" vorbei gegangen ist. Auch Wolfgang und ich erleben das so. Vor einem Jahr - also Anfang Januar 2020 - haben wir begonnen, die Johannesoffenbarung mehrmals zu übersetzen und zu lesen. Im März haben wir mit vielen von euch die Gruppe Online-in-die Offenbarung gestartet, und bis in den Juni hinein miteinander gelesen ... Wolfgang und ich haben für uns selbst dann auch weiterhin jeden Tag übersetzt, vor allem Bücher des Alten Testaments. Morgen zum Beispiel werden wir das Buch Josua zu Ende gelesen haben. Dieses sorgfältige Lesen ist ungalublich nährend. Man kann vom Wortlaut her so viele Beobachtungen machen, die verblüffen, etwas verdeutlichen und noch einmal neu hinschauen lassen, wie Gott mit seiner Welt unterwegs ist. ... Seit Anfang Dezember lesen wir nun mit einigen von euch den ersten Petrusbrief. Hier habe ich neu sehen gelernt, wie die christliche Gemeinde ihren Weg vom Weg Israels her versteht. Die Sprache des Petrusbriefs ist voll von Anklängen, vor allem an die Exodusgeschichte. Man lernt an Gottes Weg mit Israel, auf welche Weise Gott mit Menschen unterwegs ist, wie er führt. Man lernt, worauf unbedingt Verlass ist, wo Gefährdungen liegen, wie sehr Zuspruch benötigt wird. ... Wer Interesse hat, kann links bei Petrusbrief-Online klicken und die Impulse nachlesen oder mitlesen.

Für mich gab es ausser dem Bibel-Lesen noch eine zweite Konstante in diesem Jahr. Ich war an fast jedem Tag laufen oder schwimmen. Und das nach 35 Jahren ohne Sport. ...Schwimmen war ich vor allem im Sommer im wunderbaren Freibad kurz vor Rheinfelden. Am schönsten waren die kalten Tage und die Regentage, wo man die Schwimmer/innen an einer Hand abzählen konnte. Das Laufen habe ich mittlerweile zu meinem Tagesschluss gemacht.

In der Kirchgemeinde habe ich in diesen Wochen Beerdigungsbereitschaft und bin ab und zu auf dem Friedhof. Morgen feiere ich Jahresschlussandacht - um 17.30 Uhr in der Stadtkirche. Ich will mit der Gemeinde das Gedicht "Von guten Mächten wunderbar geborgen" von Dietrich Bonhoeffer betrachten. Ich denke, man kann etwas daran lernen. Das "Geborgensein" setzt nicht erst ein, wenn alles gut geworden ist. Es ist schön und ein grosses Geschenk, wenn etwas gut werden darf ("noch einmal Freude haben, an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz"). Aber das ist für Bonhoeffer keine Bedingung. Er kann sich in einen grösseren Zusammenhang einordnen ("dann lass uns hören jenen vollen Klang: der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet"). ... Die Andacht morgen ist eine Fortsetzung der Heiligabend Predigt. Unsere Freude hängt nicht an einer Bedingung, nicht an einem "Wenn". Sie macht sich an dem fest, was Gott für uns bereits getan hat.


Freitag, 25. Dezember 2020
Wolfgang schreibt: So schnell vergeht die Zeit, und schon ist wieder Weihnachten. In aller Vergänglichkeit gibt es etwas, das bleibt. Es ist die Freude, die uns durch das Evangelium zugesagt wird. Ulrike macht in der Predigt über Lukas 2,10-11 auf einen grundlegenden Unterschied aufmerksam. Wir erwarten die Freude oftmals dann, wenn unsere Bedingungen erfüllt sind bzw. erfüllt werden. Es ist eine Freude WENN … Und daneben steht die Freude, wenn Gott uns ohne jede Bedingung reich beschenkt. Es ist eine Freude WEIL … Aber hören Sie selbst …





Donnerstag, 24. Dezember 2020
Ulrike schreibt: Wir wünschen euch von Herzen frohe Festtage. Ich, Ulrike, werde heute um 22.30 Uhr in der Stadtkirche einen Heiligabend Gottesdienst feiern. In unserer Kirchgemeinde feiern wir alle Gottesdienste wegen der beschränkten Teilnehmerzahl (maximal 50 Personen) parallel: in der Kirche und zeitgleich im Gemeindesaal.

Ich werde heute über die FREUDE predigen. Ich unterscheide zwischen einer «Freude, wenn ...» und eine «Freude, weil ...» Der Engel der Weihnachtsgeschichte sagt den Hirten an, dass die Freude «da» ist. DENN euch ist heute der Herr geboren. Die Weihnachtsfreude ist eine «Freude, weil ....»! Wir lesen zwei Verse der Weihnachtsgeschichte:

«Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Herr geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.» Lukas 2,10-11

Viele von uns machen ihre Freude von einem "Wenn" abhängig: Wenn dies und jenes eintreffen wird, dann werde ich mich freuen. Dann werde ich erleichtert sein und aufatmen. Dann wird es weit in mir werden. … Wer so denkt, macht seine Freude von einer Bedingung abhängig. Es muss sich etwas ändern für mich, und DANN werde ich mich freuen können. Machen wir uns klar: Für die Hirten auf den Feldern bei Bethlehem hat sich in dieser Nacht nichts geändert. Ihre Arbeitsbedingungen wurden nicht besser, sie haben keinen Lohnzuschlag bekommen in dieser Nacht, sie hatten auch nicht plötzlich Family-Time.

Wenn wir unsere Freude von einem «Wenn» abhängig machen, ist es fraglich, ob sie jemals eintreffen wird. Ich bezweifle das. Denn mit dem «Wenn nur dies zuvor anders wird ...» kommt man nicht zu einem Ende. Vielleicht trifft das Erhoffte ein - und einen kurzen Moment wird es leicht in einem. Bis schlagartig die nächste Sorge im Herzen Platz nimmt und ein neues «Wenn …» auftaucht.

Auf den GRUND der Freude, hören wir im zweiten Teil der Predigt. Es ist derjenige geboren, der Herr ist, der Christus/Gesalbter/Messias ist, der Retter ist, der in der Stadt Davids zur Welt kommt. Was heisst das? … Das sind lang erwartete Geschichten, die hier zum Ziel kommen. Weihnachten ist keine «plötzliche» Angelegenheit. Da kommt eine Geschichte zu ihrem Ziel und Höhepunkt, die «vor Grundlegung der Welt» (1. Petrus 1,20) ihren Anfang genommen hat.

Schluss der Predigt ist, dass die Hirten diesen Grund der Freude nun auch FINDEN. Sie gehen nach Bethlehem und schauen nach. Sie werden aufgefordert, zu verifizieren, was sie gehört haben. Auch wir finden Jesus in unserem Leben. Und das ist Freude!


Links bei Petrus Online findet ihr eine - meines Erachtens - extrem gute Beobachtung darüber, wie Petrus mit den Gemeinden redet. Verkürzt würde man sagen, dass er die Menschen sowohl tröstet als auch ermahnt. Und zwar andauernd, ständig. Im Griechischen ist das ein einziges Wort, da wird - interessanterweise - nicht zwischen trösten und ermahnen unterschieden. Petrus begegnet den Menschen mit einem "kräftigen Zuspruch". So nennen wir das in diesem Impuls. ... Für die Seelsorge ist der heutige Impuls meiner Meinung nach wichtig.


Sonntag, 20. Dezember 2020
Ulrike und Wolfgang schreiben: Im Impuls zum 1. Petrusbrief geht es heute um das Lieben, um Gottes Lieben und um unser Lieben. Wann hat alles angefangen? Wann bin ich Gott das erste Mal aufgefallen? Worüber verfüge ich und worüber verfüge ich nicht? Wie bleibt das Lieben lebendig? ... Der Text dafür ist 1. Petrus 1,20-25. Sie finden die Betrachtung links bei Petrusbrief Online. Wir wünschen euch einen schönen Sonntag und einen gesegneten vierten Advent.


Donnerstag, 17. Dezember 2020
Ulrike schreibt: Heute Vormittag war ich ein paar Stunden in der Kirchgemeinde unterwegs - ich habe von verschiedenen Gemeindemitgliedern etwas abgeholt. Und zwischendurch auf dem Weg habe ich für jemanden ein Tannenbäumchen gekauft, das dann noch geschmückt werden musste. XY hat gesagt, ich soll das Bäumchen doch in seiner Stube schmücken. Da sass ich dann in der Küche, der Ofen bollerte vor sich hin und es lief leise Schlagermusik im Radio. Nebenan haben die Männer einander beim Einrichten ihrer Computer geholfen. Das war SEHR weihnachtlich, sehr geschwisterlich. ... Und an vielen anderen Orten war es das heute auch.

Gestern haben wir mit einer Gruppe der Kirchgemeinde den Advent per ZOOM gefeiert. Ich fand es schön, einander zu sehen, aber ansonsten war es ziemlich mühsam. Gemeinsam - also vor den Bildschirmen - zu singen ist ja ein Ding der Unmöglichkeit; es sei denn, jeder schaltet sich auf "stumm" ...

Später am Abend haben wir uns per ZOOM zu einem Bibelgesprächskreis getroffen. Das geht deutlich besser, weil die Gesprächsstrukturen klarer sind. Heute Abend werde ich zum ersten Mahl an einem Abendmahl, das per per WhatsApp gefeiert wird, teilnehmen. Die beiden jungen Pfarrkollegen aus Gelterkinden, einem Nachbarort von uns, laden dazu ein. Abendmahl per WhatsApp klingt nicht sehr "attraktiv", aber es auszuprobieren und mitzufeiern, schadet nicht. Wer weiss, was man daran entdecken und lernen kann.

Sonntag findet ihr den Impuls zum 1. Petrusbrief, zum Ende von Kapitel 1, auf unserer Homepage (links bei Petrusbrief Online). Wolfgang und ich finden ihn ausgesprochen gut und leicht verständlich. Es geht um den Zusammenhang von Glauben und Lieben.


Montag, 14. Dezember 2020
Ulrike schreibt: Wenn Sie unsere Impulse zum 1. Petrusbrief mitlesen möchten, können Sie das links unter Petrusbrief Online tun. Wir veröffentlichen die Impulse - bis auf weiteres - jeweils am Sonntag, am Dienstag und am Donnerstag. Morgen beginnt mit Kapitel 1,13 ein neuer Abschnitt. Nach einem ausführlichen Lob Gottes fragt Petrus von nun an, wie ein entsprechender "Way of Life" aussieht. Luther übersetzt mit "euer ganzer Wandel". Wie also sollen wir leben? Was heisst es für unser Tun, dass Gott uns in ein neues Leben gerufen hat?

Ich finde es erstaunlich, dass Petrus (1,13) damit einsetzt, dass wir die "Lenden unseres Urteilsvermögens gürten und nüchtern" sein sollen. Die "Lenden zu gürten" meinte in der damaligen Welt, sich für den Aufbruch fertig zu machen. Man raffte das lange Kleid und steckte es oben in den Gürtel, damit man nicht darüber stolperte. Und dann ging man los. Christinnen und Christen sollen ihr Urteilsvermögen "gürten". Sie sollen sich durch gutes Unterscheiden gut fortbewegen können auf ihrem Weg. Was kommt von Gott her und was sieht nur so aus, als würde es von Gott her kommen? "Nüchtern" sollen sie ihren Weg gehen und nicht wie ein Trunkener unschlüssig in verschiedene Richtungen stolpern. ... Mehr dazu morgen.

Auf der Suche nach einem bestimmten Buch bin ich auf einen Ordner mit meinen Grundschul-, also Primarschulzeugnissen gestossen. Den habe ich seit dem Umzug nach Liestal nicht mehr in der Hand gehabt. Aus Neugierde habe ich das Zeugnis der ersten Klasse gelesen und bin verblüfft. Da schreibt meine damalige Lehrerin über das siebenjährige Kind, und ich fühle mich noch heute als 50+jährige angesprochen. "Ulrike beteiligt sich rege und kritisch am Unterricht .... Ihr Problemlösungsverhalten ist ausgeprägt und kreativ" usw.. Ich glaube schon, dass es nicht daran hängt und nicht immer stimmt, was andere an einem wahrnehmen. Aber es ist verblüffend und schön, wenn man merkt, dass man gesehen wurde bzw. wird. Mich hat dieses Zeugnis tatsächlich auf eine Spur gesetzt und lange Vergessenes wieder erinnert.


Sonntag, 6. Dezember 2020
Ulrike schreibt: Heute geht es los mit dem gemeinsamen Lesen des ersten Petrusbriefs. Ihr findet den Impuls zum Anfang des Briefs links, wenn ihr auf ‹Petrusbrief-Online› klickt. Wolfgang und ich machen es so, dass wir die Auslegungen für euch im Wechsel schreiben. Wer gerade nicht schreibt, liest gegen und fragt nach. An Wolfgangs Impuls für heute war mir einiges überraschend neu, zum Beispiel, dass Gottes erwählendes Handeln ein Warum, ein Wodurch und ein Wohin hat. Petrus ordnet das dem Vater, dem heiligen Geist, dem Sohn zu.

Ich habe verschiedene Menschen per Mail eingeladen, beim Petrusbrief Lesen mitzumachen. Eigentlich möchte ich vielen einzeln schreiben und nicht per Rundmail, aber ich schaffe es oft nicht. Manchmal bekomme ich Rückmeldungen, die beglückend für mich sind. Ich habe vor fünfzehn Jahren Frau XY in Eisenhüttenstadt taufen dürfen. So wie ich als Christin und Pfarrerin engagiert war, so war sie es als Sozialistin und Schulleiterin - eben mit Herzblut. Aus der Begegnung ist eine Freundschaft geworden, auch wenn wir uns nicht mehr oft gesehen haben. Nun schreibt mir XY, dass sie mittlerweile im Altenpflegezentrum wohnt: "Da niemand Fremdes ins Heim darf, übernehme ich mit einer Gitarre die Adventssonntage. Zum Fest bereite ich mich auf eine kleine Feier mit gemeinsamen Gebet vor. Du siehst, Deine Überzeugungsarbeit trägt noch am alten Baum Früchte. Ich umarme Euch in aller Herzlichkeit und wünsche frohe Weihnacht!"

Wer in Eisenhüttenstadt Christin ist, gehört zu denen "in der Verstreuung" - wie es im ersten Petrusbrief heisst. Der Anteil der Kirchenmitglieder (beider Konfessionen) liegt bei deutlich unter 10% der Einwohnerinnen und Einwohner.


Donnerstag, 3. Dezember 2020
Wolfgang schreibt: Am Montag, 30. November, hatten wir den dritten Abend unserer Reihe zu den 'Christian Basics'. Diesmal zum Glaubensbekenntnis. Die Lösung, diese Abende sowohl 'leibhaftig' im Saal des Kirchgemeindehauses als auch gleichzeitig 'online' über das Internet (über das Programm 'Zoom') anzubieten, hat sich bewährt. Bei den inhaltlichen Impulsen ging es um die Frage, was eigentlich ein Bekenntnis ist. Es ist ja schon eine spannende und vielfältige Geschichte: von den Evangelien bis zu den grossen christlichen Bekenntnissen, der theologischen Erklärung von Barmen (1934) und zur Leuenberger Konkordie (1973), in der die Kirchen der Reformation zur kirchlichen Einheit gefunden haben.

Eigentlich fehlen jetzt noch weitere Abende, damit wir uns in die vielfältigen Inhalte der klassischen Bekenntnisse vertiefen können: was bedeutet die Trinität, der Ausdruck 'Schöpfung', die Jungfrauengeburt, die Auferstehung, das Gericht usw. … Es gibt also noch genügend Themen für weitere Treffen an unseren BIBEL-SALON-Abenden.

Den Vortrag vom Montag können Sie gleich hier anhören:




Mittwoch, 2. Dezember 2020
Ulrike schreibt: Ab dem 6. Dezember 2020 - also ab Sonntag - laden Wolfgang und ich zum gemeinsamen Bibellesen ein. Wir veröffentlichen auf unserer Homepage kurze Impulse zum ersten Petrusbrief. Sie finden sie, wenn Sie links im blauen Feld auf PETRUSBRIEF-ONLINE klicken.

SICH AN JESUS ORIENTIEREN

Das Thema des ersten Petrusbriefs ist überraschend modern. Petrus schreibt an verschiedene Gemeinden in Kleinasien, dem Gebiet der heutigen Türkei. Sie leben verstreut als Minderheit in einem Umfeld, das den Glauben an Jesus nicht teilt. Die Gemeinden werden nicht wirklich verfolgt. Aber im Alltag werden sie in ihrem Glauben und vor allem in ihrer Lebensführung bedrängt. Soll man sich anpassen? Oder soll man sich zurückziehen und seinen Glauben verschweigen? Petrus geht in seinem seelsorgerlichen Rundbrief auf diese Spannung ein: Assimilation oder Isolation — Anpassung oder Abschottung? Wie lebt man mit seiner Umgebung im Frieden und bleibt trotzdem seinem Glauben an Jesus treu? Wie kann man Einschränkungen oder Schikanen, denen man wegen seiner christlichen Lebensweise ausgesetzt ist, freimütig auf sich nehmen, ohne sich dabei aufzureiben? Wo findet man Orientierung, um als Christ glaubwürdig leben zu können? Für Petrus war Jesus Christus in seinem Verhalten ein überraschend klares und überaus praktisches Vorbild.

MACHEN SIE SELBST EINE GRUPPE AUF

Vielleicht haben Sie vor Ort ein paar Menschen, mit denen Sie den ersten Petrusbrief lesen. Vielleicht ist das ein Hauskreis, vielleicht ist das die eigene Familie, oder es sind ein paar Freundinnen. Die Anregungen und seelsorgerlichen Hilfen, die Petrus den Gemeinden schreibt, sind sehr praktisch. Sie können sie miteinander ausprobieren, sie können füreinander beten.

AUCH WIR BIETEN EINE GRUPPE AN

Wie beim Lesen der Offenbarung im Frühjahr 2020 können Sie an einer WhatsAppGruppe teilnehmen. Sie heisst Petrusbrief-Online. Die Gruppe ist ein Ort, um miteinander ins Gespräch zu kommen: um Fragen zu stellen oder eigene Beobachtungen zum Gelesenen zu teilen. Oder auch um still mitzulesen. Für Rückfragen bzw. für die Anmeldung zu dieser WhatsApp Gruppe wenden Sie sich bitte mit Angabe Ihrer Handy/Natel-Nummer an Ulrike. Entweder in einem Mail (ulrike.bittner@bluewin.ch) oder Sie senden ein SMS/WhatsApp an Ulrike, [0041(0)775208869] Die Anmeldung für die WhatsApp Gruppe ist ab sofort möglich.


Montag, 30. November 2020
Ulrike schreibt: Wir laden heute zum dritten Abend des Bibel-Salons ein - um 19.30 Uhr in den Saal des Kirchgemeindehauses in Liestal. Wir befassen uns heute mit dem christlichen Bekennen: Wen oder was bekennen wir? In welchen Situationen war und ist ein Bekenntnis gefordert? Warum sind die reformierten Kirchen der Schweiz bekenntnisfrei? usw. Wer per ZOOM dabei sein möchte, möchte bitte die Zugangsdaten bei uns erfragen.


Sonntag, 29. November 2020 (1. Advent)
Wolfgang schreibt: Heute hat Ulrike über den 'offiziellen' Text zum ersten Advent gepredigt: Die Geschichte von Jesu Einzug in Jerusalem (Mt 21,1-11). Eigentlich gehört diese Geschichte zum Palmsonntag. Bereits die Alte Kirche hat dieselbe Geschichte auch am ersten Advent gelesen. Wie Jesus zu seinem Leiden und Sterben in Jerusalem einzieht (Palmsonntag), so zieht er ja auch in seiner Menschwerdung (Weihnachten) bei uns Menschen ein. Auf dieses Kommen Jesu bereiten wir uns in der Adventszeit vor. Wahrhaftig eine Geschichte mit einem doppelten Boden. Die Menschen jubeln Jesus bei seinem Einzug zu, erzählen von dem, was er tut und bekennen damit, wer er ist. Nur: Wissen sie wirklich, was sie damit sagen?

Sie können die Predigt gleich hier anhören:



Freitag, 27. November 2020
Wolfgang schreibt: Hier teilen wir mit Ihnen ein schönes Zitat über eine Eigenart jüdischen und auch biblischen Denkens. Zuerst die deutsche Übersetzung:

Jüdische Menschen haben immer versucht, das Stellen von Fragen voranzutreiben. Der Talmud selbst ist eine Sammlung von Fragen und Antworten. Der Rabbiner Jonathan Sacks erinnert uns in einem Aufsatz – ‘Die Kunst Fragen zu stellen’ – dass der jüdische Physiker Isidor Rabi, ein Nobelpreisgewinner, von seiner Mutter auf folgende Weise lernte, Wissenschaftler zu sein: «Jedes andere Kind würde von der Schule nach Hause kommen und gefragt werden: Was hast du heute gelernt? Aber meine Mutter fragte stattdessen: Izzy, hast du heute eine gute Frage gestellt?»

Sacks erklärt weiter: «In der Jeshiwa, dem Zuhause des traditionellen Talmudischen Lernens, ist das grösste Kompliment, das ein Lehrer einem Studenten machen kann, das: Du fregst a gutte kasha, ‘Du erhebst einen guten Einwand’ … Eine Frage zu stellen ist ein tiefgreifender Ausdruck des Glaubens.»

Und hier das Original. Es ist von Rabbi Johnny Salomon, A Daily Dose of Talmud [Daf Yomi], zu Pesachim 6, vom 27. November 2020: »Asking Questions is a Sign of Faith«

The Jewish people have always sought to promote questioning. The Talmud itself is a series of questions and debates. Rabbi Jonathan Sacks z’’l reminds us, in an essay titled “The Art of Asking Questions,” that the Nobel prize-winning Jewish physicist Isidore Rabi learned to be a scientist from his mother in this way: “Every other child would come back from school and be asked, What did you learn today? But my mother used to ask, instead, Izzy, did you ask a good question today?”

Sacks further explains: “In the yeshiva, the home of traditional Talmudic learning, the highest compliment a teacher can give a student is Du fregst a gutte kasha, ‘You raise a good objection’ … asking a question is itself a profound expression of faith.”


Samstag, 21. November 2020
Ulrike schreibt: Heute habe ich einen Artikel für die Zeitschrift Amen von Campus für Christus, Schweiz, geschrieben. Hätte ich ja früher nicht gedacht, dass ich das mal mache. Andreas Boppart hat mich gefragt, und seine Arbeit schätze ich sehr. Thema für ihr nächstes Heft ist die Frage nach der Bedeutung der ‹Kontrolle› im eigenen Leben. Wie ist es mit dem Bedürfnis, meine nächsten Schritte, aber auch Gott und sein Tun kontrollieren zu wollen? Vielleicht merke ich in Corona-Zeiten, dass ich weniger in den Händen habe, als ich bisher dachte. Wie ist das? Was ist mir gewiss und was nicht?

Diese Woche haben Wolfgang und ich einen Ausflug auf die Rigi - ein Bergmassiv am Vierwaldstätter See - gemacht. Wir waren in den ersten Jahren unserer Ehe mehrmals da und haben viele schöne Erinnerungen. Diesmal sind wir nicht von Arth-Goldau, sondern von Vitznau aus mit der Zahnradbahn nach Rigi-Kulm gefahren. Die Sonne schien, es waren 14°C. Wer sehen will, wie schön dieses Land ist, kann hier schauen:




Dienstag, 17. November 2020
Wolfgang schreibt: Gestern hatten wir also den zweiten Abend unserer Reihe zu den »CHRISTIAN BASICS«, diesmal zur Bedeutung der ZEHN GEBOTE für unseren Glauben. Während des Vortrages und erst recht danach dachten wir: Jetzt hätten wir viel, viel Zeit nötig, um über alles ausführlich zu sprechen. Allzu leicht sind Worte und vor allem Bilder bzw. Vergleiche missverständlich. Wie geht es Euch damit? Als Beispiel: Gilt das Arbeitsverbot für Christen auch am Sonntag? Anders: Wenn die zehn Gebote uns als Christen nicht gelten, warum sind sie für uns dennoch wichtig? Oder sind sie das gar nicht mehr? Das Gespräch darüber erscheint uns notwendig. Als Anregung zum eigenen Weiterdenken und zum Gespräch: Die zehn Gebote sind für eine christliche Ethik grundlegend wichtig. Wir halten uns an sie - jedoch NICHT, weil sie als Gebote auf uns gelegt sind. Warum dann? Weil wir Gott lieben und aus Dankbarkeit seinen Willen suchen und tun wollen.

Den Vortag zu den »ZEHN GEBOTEN« von gestern Abend können Sie gleich hier anhören:




Sonntag, 15. November 2020
Ulrike schreibt: Morgen Abend geht es weiter mit den Bibel-Salons - und zwar mit den Zehn Geboten. Wir fragen, worum es in den Zehn Geboten geht und für wen sie verbindlich sind: für das jüdische Volk oder auch für uns Christinnen und Christen? Es gibt - meiner Meinung nach - viel Neues zu entdecken!!

Wer morgen über ZOOM am Bibel-Salon teilnehmen möchte, kann mir ein kurzes Mail schicken, und ich schreibe euch dann die Zugangsdaten. Der Bibel-Salon findet auch ‹live› statt, im Saal vom Kirchgemeindehaus unter den bekannten Vorgaben (Maskenpflicht, Abstand halten). Wir freuen uns auf euch, ob ihr nun elektronisch oder leibhaft dabei seid.


Mittwoch, 11. November 2020
Ulrike schreibt: Ich habe einen Artikel, der gestern in DIE ZEIT erschienen ist, gleich mehrmals gelesen. Ich finde ihn grossartig. Der Journalist Thomas Assheuer beschreibt Donald Trump als «Symptom einer unbegriffenen Krise, ein Produkt seines Zeitalters: die Synthese aus Leben und Geld. Mit ihm haben die USA in einen Abgrund geschaut.»

Was wir heute in den USA beobachten, haben Assheuer zufolge die Soziologen Max Weber und Georg Simmel bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorausgesehen. Donald Trump verkörpert Max Webers ‹Geist des Kapitalismus›, oder mit Simmel gesagt: die Synthese aus Leben und Geld. Donald Trump ist kein Ausrutscher der Geschichte. Er hat das Potenzial, eine historische Gestalt zu werden, in dem Fall, dass seine Präsidentschaft tatsächlich das Ende einer Ära markiert. Das «Unbegreifliche muss man erst einmal begreifen: Drei Jahrzehnte nachdem die USA über den Kommunismus triumphierten, regierte im Herzland des ‹freien Westens› ein Mann, der bekennerhaft jene Prinzipien verachtet, mit denen die amerikanische Demokratie ihre Überlegenheit über den totalitären Gegner Sowjetunion einmal begründet hatte.» 


Ich empfehle euch, den Artikel selbst zu lesen. Ihr findet ihn hier: Assheuer, Der Geist des Kapitalismus in: DIE ZEIT vom 10.11.2020. Hier teile ich ein paar Auszüge mit euch:

«In seinem Jahrhundertbuch Philosophie des Geldes (1900) beschrieb Simmel die befreiende Wirkung des ‹Allvermittlers› Geld, denn wenn man es hat, emanzipiert es Menschen aus quälenden Abhängigkeiten und bedrückenden Traditionen. Es schenkt ihnen, jedenfalls zur vorvergangenen Jahrhundertwende, eine ‹unerhörte Bewegungsfreiheit›, eine individuelle Autonomie, so groß wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte.» Aber es bleibt nicht dabei. Das Geld hat nicht nur Potenzial zum Befreien. «In der kapitalistischen Gesellschaft, so fürchtete er (= Simmel), gehen die Zirkulation des Geldes und die Bewegung des Lebens bruchlos ineinander über. Aus dieser Verschmelzung entstehe ein neuer Sozialcharakter, gerissen und gierig, ebenso geizig wie verschwendungssüchtig, extrem ‹selbstisch› und ohne jede Rücksicht ‹ethischer Art›. In Simmels Augen war dieser Zyniker wie geschaffen für die ‹Menschheitstragödie der Konkurrenz› mit ihrer ‹Wüstheit und Erbitterung›, denn selbst seine innersten Gefühle investiert er ins Geld. (...)

Vier Jahre nach Simmels Meisterwerk erschien Max Webers Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Auch Webers Gedanken kreisen um den Sozialcharakter der Zukunft, um jenen kalten, geistlosen Menschentyp, der auftritt, sobald der Kapitalismus die alteuropäische Tradition abgestreift und sich ohne Rest in eine kapitalistische Kultur verwandelt hat. Markt und Bürokratie bilden nun ein ‹stahlhartes Gehäuse›, aus dem der alte Geist gewichen ist».

Der Artikel führt in die interessante Beobachtung, dass die Pandemie Trump in die Quere gekommen ist. Denn sie lässt sich nicht beliebig umdeuten.

«Es war die Pandemie, die Trumps Mythisierung der Politik an ihre Grenzen brachte. Covid-19 ist eine tödliche Tatsache, man kann das Virus weder wegverhandeln noch durch eine One-Man-Show aus der Welt lügen. Dennoch hat der Meister des Framings versucht, die kollektiven Bedrohungsgefühle narrativ zu entschärfen und die Pandemie zu normalisieren. Erst war das Virus eine Erfindung seiner politischen Gegner, dann ein heimtückisches chinesisches Attentat, schließlich ein Naturphänomen im Darwinismus des geschichtlichen Lebens. Es treffe nur die Schwachen, während es die Starken verschont, und wenn es die Starken wider Erwarten doch treffe, dann mache es sie bloß stärker. Das war noch einmal perfid kalkulierte Mythenpolitik, denn Trump unterschlug den Unterschied zwischen einem vermeidbaren und einem natürlichen Tod. Sterben müssen wir alle, die einen leider früher, die anderen gottlob später. Inzwischen zählen die USA fast eine Viertelmillion Covid-Tote.

Donald Trump hat nicht nur die amerikanischen Institutionen verachtet, sondern auch etwas Ungeheures versucht, etwas, das in dieser Skrupellosigkeit noch niemand vor ihm versucht hat: Er wollte den Medienkapitalismus mit dem politischen System verschweißen und das, was man mit guten Gründen immer noch als Wirklichkeit bezeichnet, in einer Scheinwelt, einer gigantischen Show, einer neurechten Mythologie verschwinden lassen. Er wollte sie in einem Morast aus Trash, Propaganda und alternativen Fakten versenken, er wollte Klassenkämpfe unsichtbar machen, umlügen, manipulieren.»

Ich selbst bin immer noch mit der Offenbarung des Johannes unterwegs, die wir von März bis Juni 2020 mit vielen von euch gelesen haben. Die Impulse findet ihr links im Menü. Wir haben gelesen, dass das Böse - wie auch das Gute - heranwachsen muss. Dass es nicht von Anfang an zu erkennen und zu unterscheiden ist. Das Tier bzw. der Antichrist verhält sich ‹wie› der wirkliche Christus. Es ahmt Jesus nach, es bietet den Menschen Rettung und Hilfe an. Unter der Bedingung, dass sie ‹anbeten›. Es sind politische Mächte, die mit einem quasireligiösen Anspruch auftreten und Verehrung einfordern. Mit dem zweiten Tier - Offenbarung 13,11-18 - tritt eine Art Propagandaminister auf. Das Böse deutet die Wirklichkeit um und verbreitet seine Weltdeutung. Noch einmal Thomas Assheuer:

«Warum sonst waren Trump und seine spin doctors bis zur Besinnungslosigkeit besessen von Weltdeutungsmedien, von Fox News, Twitter, Facebook und allen anderen Social-Media-Kanälen? (...) Im pausenlosen diskursiven Kriegszustand sollte die Glaubwürdigkeit der Altmedien so lange perforiert und erschüttert werden, bis kein Leser und keine Zuschauerin mehr glaubte, dass die empirische Welt, auf die sie sich beziehen, überhaupt existiert. Die Wirklichkeit, von der sie berichten, gibt es angeblich gar nicht – sie ist bloß eine Erfindung, bloß die Realität der Medien. "Merkt euch", verkündete Trump im Jahr 2018 vor Kriegsveteranen, ‹was ihr seht und lest, passiert nicht wirklich. Glaubt einfach uns.›»


Dienstag, 10. November 2020
Wolfgang schreibt: Gestern hat also der angekündigte erste Abend des diesjährigen »BIBEL-SALONS« stattgefunden: im Saal des Kirchgemeindehauses und gleichzeitig über das Internet per ZOOM. Wir sind dankbar, dass die technische Seite geklappt hat. Je mehr Menschen aus gesundheitlichen Gründen zuhause bleiben bzw. zuhause bleiben müssen, desto mehr sind wir alle darauf angewiesen, diese elektronischen Hilfsmittel in Anspruch zu nehmen. Wir sind gespannt, welche Erfahrungen wir damit machen werden. Den Flyer über diese dreiteilige Reihe zu den »CHRISTIAN BASICS« finden Sie hier: 2020-BASICS-FLYER

Den Vortag zum »UNSER VATER« von gestern Abend können Sie gleich hier anhören:



Mittwoch, 4.November 2020
Ulrike schreibt: Sehr gefreut habe ich mich über Rückmeldungen zur Feier des Abendmahls am letzten Sonntag. Der logistische Aufwand in Corona-Zeiten ist gewöhnungsbedürftig. Aber es bedeutet den Menschen etwas, ‹bei Jesus Christus› zu sein und ‹beieinander zu sein›. Und das ist schön. Jesus ist der, der uns empfängt, der uns vergibt, der sich selbst als unser ‹Zuhause› anbietet.

Ich bin gerade daran, mich im Umgang mit ZOOM zu üben. Heute am frühen und am späteren Abend haben wir Bibelgesprächskreise. Die Teilnehmenden treffen sich leibhaft im Saal vom Kirchgemeindehaus und die, die nicht kommen können oder wollen, beteiligen sich per ZOOM: Diese beiden Kreise sind heute mein Übungsfeld ... Ich hoffe, sie sind ein geduldiges Übungsfeld! 😇😎


Dienstag, 3. November 2020
Ulrike schreibt: Wolfgang und ich werde in den nächsten Wochen - und vielleicht auch den nächsten Monaten - unsere Veranstaltungen per ZOOM zugänglich machen. Wir beginnen mit den drei Bibel-Salons, von denen der erste am Montag nächster Woche ist. Ihr erinnert euch:

9. November 2020
WIE WIR CHRISTLICH BETEN - UNSER VATER IM HIMMEL
Warum ist dieses Gebet zum gemeinsamen Gebet der Christinnen und Christen geworden? – Gottes Anliegen und unsere Anliegen – Wie beten wir ‹ganz praktisch› miteinander?

16. November 2020
WIE WIR CHRISTLICH LEBEN – DIE ZEHN GEBOTE
Wem sind die Gebote gegeben: allen Menschen, dem jüdischen Volk, den Christen? – Was ist für Christinnen und Christen verbindlich? – das Gebot der Liebe

30. November 2020
WAS WIR CHRISTLICH GLAUBEN – DAS GLAUBENSBEKENNTNIS
Ein gemeinsames Bekenntnis weltweit – Gottes Wirken als Vater, Sohn und Geist unterscheiden – Kann bzw. muss ich glauben, was ich bekenne?

Wir meinen, dass die drei Abende dazu helfen, den eigenen Glauben besser zu verstehen und ihn auch für andere Menschen verständlich zu machen. Zu den Bibel-Salons treffen wir uns – so wie es die behördlichen Vorgaben zulassen - 'leibhaft' im Kirchgemeindehaus im Saal.

Den Flyer für die drei Abende erhalten Sie gleich hier: 2020-BASICS-FLYER.

Denen unter euch, die Zuhause sind, ermöglichen wir die Teilnahme per ZOOM. ZOOM ist eine ähnliche Internetplattform wie Skype, aber sie ist übersichtlicher. Die Zugangsdaten für die jeweilige Sitzung könnt ihr bei mir erfragen. Entweder per Mail an ulrike.bittner@bluewin.ch oder per WhatsApp an die +41 (0)775208869.

Wolfgang und ich freuen uns darüber, dass dann auch Menschen an den Bibel-Salons teilnehmen können, für die Liestal räumlich zu weit weg ist. Jetzt können auf diese Weise miteinander unterwegs und einander verbunden sein.


Sonntag, 1. November 2020
Wolfgang schreibt: Fürchte dich nicht!
Reformationsgottesdienst in Liestal und Seltisberg. Es gibt Aussagen der Bibel, die man keinesfalls überschätzen kann. Der Befehl Gottes "Fürchte dich nicht!" gehört gewiss dazu. Jesus schickt die Seinen hinaus, die Botschaft von der Herrschaft Gottes zu verkünden. Die Reaktion ist vorhersehbar. Einige werden diese Botschaft annehmen. Andere werden sie und damit die Boten ablehnen. Aber: Gerade das ist Grund genug, sich davon in seinem Verhalten nicht bestimmen zu lassen. — Ulrike nimmt uns in ihrer eindrücklichen Predigt mit, auf dieses entscheidende Wort Jesu zu hören.




Donnerstag, 29. Oktober 2020
Ulrike schreibt: STILLES WOCHENENDE IN RIEHEN: So schnell ändert es. Es haben sich heute viele von euch für 'Stornierung' entschlossen, und so haben wir das Stille Wochenende in Riehen abgesagt. Damit muss man wohl leben zur Zeit, dass sehr unterschiedliche Befindlichkeiten und Einschätzungen der Situation nebeneinander stehen. Wichtig scheint mir, dass wir einander nicht beurteilen.

Wir wollten ja am Wochenende den Trost betrachten, den Johannes im Buch der Offenbarung mit uns teilen will. Der Trost besteht wesentlich darin, dass Johannes zu sehen bekommt, dass Jesus bereits der Sieger ist. Das hätten wir betend angeschaut. Und gefragt, wie es sich dann mit Erfahrungen von Anfechtung und Widerstand in unserem Leben verhält. Wie sind sie einzuordnen? Was steht noch auf dem Spiel und was nicht?

Ich hatte Wolfgang gebeten, dass er am Samstag Abend von Johann Christoph Blumhardt und dessen grosser seelsorgerlicher Tätigkeit erzählt. Blumhards Seelsorge verbindet sich mit dem Ruf, dass Jesus 'Sieger' ist. Es hätte mich sehr gefreut, an diesem Wochenende miteinander von Blumhardt zu lernen.

Am Anfang seiner Seelsorge, als Blumhardt dachte, ihm werde alles zuviel, hat er durch Zufall am Morgen einen Abschnitt im Buch Jesus Sirach gelesen. Man kann das nachlesen in: Die Krankheitsgeschichte der Gottliebin Dittus (enthalten in: Blumhardt, Der Kampf in Möttlingen, 1979).

"Mein Kind, willst du des Herrn Diener sein, so bereite dich auf Anfechtung vor. Festige dein Herz und wanke nicht und lass dich nicht erschüttern in der Zeit der Not. Halt dich an Gott und weiche nicht, damit du am Ende gestärkt bist. Alles, was dir widerfährt, das nimm auf dich, und sei geduldig bei jeder neuen Demütigung (Trübsal). Denn wie das Gold durchs Feuer, so werden auch, die Gott gefallen, durchs Feuer der Trübsal erprobt. Vertraue Gott, so wird er sich deiner annehmen; geh gerade Wege und hoffe auf ihn! Die ihr den Herrn fürchtet, wartet auf seine Gnade und weicht nicht, damit ihr nicht zugrunde geht." (Jesus Sirach 2,1-7)

Das sind erstaunliche Sätze. Die Teilhabe am Sieg Jesu schliesst ein, dass wir angefochten und erschüttert werden und betrübt. Man könnte denken, dass man 'falsch' liegt und möglichst schnell aus Anfechtung, Erschütterung und Betrübnis hinaus muss. Aber Jesus Sirach schreibt: Ihr sollt das entgegen nehmen und in dieser Zeit fest werden. . ... Genau das ist es, was Wolfgang in der Auslegung von Psalm 22 gezeigt hat. Die schweren Zeiten sind nicht dazu da, ihnen möglichst schnell zu entfliehen. Sondern: Gerade in ihnen lernen wir den festen Glauben.


Mittwoch, 28. Oktober 2020:
Wolfgang und Ulrike schreiben: STILLES WOCHENENDE IN RIEHEN: In den letzten Tagen haben wir zusammen mit Claudia Roche und dem Diakonissenhaus Riehen sorgfältig abgewogen, ob und unter welchen Voraussetzungen unser Wochenende zur Offenbarung des Johannes stattfinden kann, darf und soll. Nun ist der Entscheid gefallen: Wir können mit gutem Gewissen das Wochenende durchführen: sowohl vom heutigen bundesrätlichen Entscheid her als auch durch Hilfe und Entgegenkommen des Diakonissenhauses. Herzlichen Dank dafür.

Zur Situation: Wir halten uns selbstverständlich an die Distanzregelung wie an eine durchgängige Maskenpflicht - also auch während unseres Zusammenseins. Auf gemeinsames Singen müssen wir leider verzichten. Die Mahlzeiten nehmen wir mit genügend Abstand an Vierer-Tischen ein. Usw. Mit diesen Vorsichtsmassnahmen sind wir wohl besser geschützt als beim Besuch eines Einkaufszentrums oder einer belebten Quartierstrasse.

Wichtig scheint uns: Zum Glauben gehört die Erfahrung konkreter Gemeinschaft, Begegnung und der Austausch. Es ist für uns alle gut, wenn wir - gerade auch in einer solchen Zeit - gute Erfahrungen von Gemeinschaft machen.

Nun verstehen wir aber auch, wenn bei manchen von Euch weiterhin die Bedenken überwiegen. Wir sind dem Diakonissenhaus Riehen sehr dankbar, dass sie angesichts der besonderen Situation auf die vereinbarte Stornogebühr verzichten. Wer also Bedenken gegen seine Teilnahme hat, der melde sich bitte ab. Es entstehen dafür also keine Kosten.

Wie also sieht es aus? Wir sind jetzt 25 angemeldete Personen. Unser Wochenende wird durchgeführt bei einer Mindestzahl von 10 Personen. Damit wir und das Haus in dieser knappen Zeit planen können, bitten wir ALLE Teilnehmenden UMGEHEND um eine kurze Rückmeldung an Claudia Roche: „JA - Ich komme“ … oder: „Nein – Ich melde mich ab“. Bitte sendet Eure Nachricht an Claudia bis morgen, Donnerstag, um 14:00 Uhr.

In der Vorbereitung auf das Wochenende ahnen wir, wie wichtig das Thema gerade für unsere konkrete Lebenssituation ist. Wie verhalten wir uns in einer solch spannungsvollen Zeit? Wer bestimmt die Situation? In wessen Hand liegt das alles? Wie reagieren wir darauf? — Aktueller könnten die Themen kaum sein.


Montag, 26. Oktober 2020
Ulrike schreibt: Am Mittwoch - also übermorgen - wird Claudia Daniel-Siebenmann in unserer Kirchgemeinde einen Abend dazu leiten, ob und wie man das Abendmahl online feiern kann. Ich finde die Frage in dieser von Corona geprägten Zeit tatsächlich wichtig.

Gemeinschaft ist in erster Linie ein leibhaftes Zusammensein. Egal, ob es um Familie, um Freundinnen, um die Gemeinde geht. Wir müssen einander als reale Menschen erleben. In der Feier des Abendmahls wird uns als realen, sündigen, angewiesenen Menschen von Jesus Vergebung zugesprochen. Es ist so wichtig, dass wir uns nicht ‹idealisiert› wahrnehmen, sondern als Menschen, die gerne auf Gott und aufeinander angewiesen sind.

Zur Zeit aber können wir das oft nicht: einander leibhaft erleben. Manche Gemeindemitglieder verlassen ihre Wohnungen wegen des Corona-Virus nur selten. Sie wollen oder können sich nicht in die Nähe von ihnen fremden Menschen begeben. Was aber dann?

Wir wissen ja schon immer, dass die Gemeinde Jesu eine unsichtbare Dimension hat. Wir sind mit glaubenden Menschen verbunden, die wir nicht sehen und nie kennenlernen werden. Weil sie an anderen Orten leben als wir oder zu anderen Zeiten. Und doch sind wir von Jesus an denselben Tisch geladen. Wir alle treffen uns im Abendmahlssaal in Jerusalem. Wir alle sitzen zusammen mit den ersten Jüngern am Tisch. Wir alle nehmen das Brot aus Jesu Händen entgegen.

Ich lade Sie und euch herzlich ein, am Mittwoch um 19.30 Uhr bei Claudias Vortrag dabei zu sein - mit Mund-Nasen-Schutz im Kirchsaal im Martinshof.

Wenn ihr am Mittwoch Abend dem ZOOM Meeting beitreten wollt, könnt ihr den untenstehenden Link anklicken. Das ist nicht derselbe Link wie beim letzten Mal. Bitte verwendet den neuen Link unten. Wer ZOOM bisher noch nicht installiert hat, der klickt erst auf den Link und dann im nächsten Schritt auf ‹installieren›. Das Programm ist kostenlos und der Download braucht nur wenige Sekunden. Die Meeting-ID und den Kenncode für Claudias Vortragsabend könnt ihr bei mir, Ulrike Bittner, per Mail erfragen: ulrike.bittner@bluewin.ch. Ich schicke euch beides umgehend. Den gebt ihr dann ins vorgesehene Feld bei ZOOM ein.

unibas.zoom.us/j/91668628778?pwd=ZnFpNEFHNWNmeEpzWTZpeUNJUEF6dz09

Das Treffen beginnt am 28. Oktober 2020 um 19.30 Uhr. Einwahl ist ab 19.00 Uhr möglich.


Samstag, 24. Oktober 2020
Ulrike schreibt: Ich freue mich, dass heute und Morgen 'Wochenende' ist. Es scheint sogar die Sonne! Wolfgang und ich haben heute das Buch Hosea zu Ende gelesen und übersetzt. Gottes wirbt um sein Volk. Er will es wieder werden lassen wie es 'am Anfang' war - als die Liebe zueinander frisch und jung war. Als Israel durch die Wüste ging und Gott sie gefunden hat. ... Es sind unglaubliche Bilder der Zuneigung und der Mühe Gottes um sein Volk - und damit auch der Zuneigung Gottes zu uns.

Manch einer fragt, ob das Stille Wochenende in Riehen am nächsten Wochenende stattfindet. Von Wolfgang und mir aus gesehen: Ja. Wir halten uns an das Schutzkonzept des Hauses und wir werden darüber hinaus auch im Saal - das heisst bei den Impulsen zur Offenbarung - den Mund-Nasen-Schutz tragen. Um das Haus herum gibt es viel Grün und einen grossen Garten, da kann man dann wieder unbedeckt sitzen oder herumlaufen.


Sonntag, 18. Oktober 2020
Wolfgang schreibt: Beim Lesen berühren mich dann und wann einzelne Sätze besonders. Manchmal notiere ich sie mir, damit sie nicht so schnell wieder aus dem Blickwinkel meines Bewusstseins entschwinden. Eines davon - gelesen erst in den letzten Tagen: "Auch wenn man spricht, die Währung müsste gedeckt sein durch Stille. Früher hatte man dieses altmodische Wort Betrachtung, das meint: genau hinschauen und lange hinschauen. Immer durch dieselben Straßen gehen und warten, bis man etwas entdeckt. Ich bin nicht für Abwechslung. Ich reise nicht gerne. Betrachtung ist für mich ein äußerst wichtiges Wort. Zu Beginn mag es langweilig sein, weil man es nicht beherrscht. Später kann man erfahren, dass Geist in der Welt ist. Immer die gleiche kleine Menge.“ Ilse Aichinger in einem Interview von Iris Radisch. Zu finden in: Radisch, Iris. Die letzten Dinge: Lebensendgespräche. – Ob das Zitat auch in Euch etwas auslöst?


Samstag, 17. Oktober 2020
Wolfgang schreibt: Die Veranstalter des Studientages vom 14. November 2020 zum Thema "PSALMEN" (mit Prof. Siegfried Zimmer und mir) haben aus Bedenken wegen des Corona-Virus diesen Studientag abgesagt bzw. verschoben. Er wird zum selben Thema im kommenden Jahr am 29. Mai 2021 stattfinden.

Falls Sie sich dafür bereits angemeldet haben oder einen Besuch dieses Studientages überlegen, weisen wir gerne auf den Studientag des LKF (Landeskirchenforum) hin, der ebenfalls am 14. November in Jegenstorf geplant ist und stattfinden soll bzw. wird. Ein anderes Thema, aber mindestens so spannend: "Mittendrin statt nur dabei. Relevant Kirche leben." Referent ist Pfr. Dr. Alex Kurz. Den Flyer für diesen Studientag finden Sie gleich hier: 2020-11-14-Mittendrin statt nur dabei - LKF - Flyer. Die Veranstalter bitten darum, sich umgehend dafür anzumelden, damit sie im Blick auf die Sicherheitsmassnahmen frühzeitig genug und sorgfältig planen können.


Sonntag, 10. Oktober 2020
Ulrike schreibt: Seit zwei Wochen sind wir jetzt aus dem Urlaub zurück und sie kommen mir vor wie zwei Monate. In der Gemeinde war ich für Gottesdienste, Besuche bei Gemeindemitgliedern, Besuche im Pflegezentrum, Beerdigungen, verschiedene Bibelgesprächskreise. Ich fand die meisten Treffen ausgesprochen schön - ein gemeinsames und lebendiges Unterwegssein im Glauben.

Manches ist überraschend. Da bringe ich einem älteren Menschen einen Blumengruss der Kirchgemeinde. Er versteht mich akkustisch kaum, sagt, dass er nichts mit der Kirche zu tun haben will und ‹wedelt› mich schliesslich mit den Armen fort. Ich sage: «Na, dann stelle ich die Blumen mal weg» und bringe die Vase ausserhalb seiner Sichtweite. «Aber etwas interessiert mich: Von woher sind Sie eigentlich?» ... Als ob er nur auf diese Frage gewartet hat, beginnt dieser Mensch zu erzählen. Und es ist wirklich interessant! Als ich ihm eine Viertelstunde später ein zweites Mal die Blumen anbiete, nimmt er sie gern und etwas verlegen. Und tritt dann auf den Flur hinaus und schaut mir hinterher, wie ich weggehe.

Berührend fand ich die Beerdigung von F., einem randständigen Menschen vor ein paar Tagen. Weil ich nicht wusste, ob überhaupt jemand zur Beerdigung kommt - das Sophie Blocher-Haus hatte den Abschied bereits ‹intern› gefeiert - habe ich einen Freund aus der Kirchgemeinde gebeten, dass er Panflöte spielt. Das schätze ich sehr, in der Gemeinde um Mitwirkung bitten zu können. ... Dann kamen nacheinander die Freunde, um Abschied von F. zu nehmen: der Pfarrer der italienisch-sprachigen Gemeinde aus Basel mit einigen Gemeindemitgliedern. Sie hatten den Verstorbenen von Geburt an gekannt. Der Pfarrer hat auf italienisch aus dem Leben des F. erzählt. Der Psychotherapeut war auch da und hat ein Gedicht von F. vorgelesen. So eines, das ich gern ein zweites Mal gehört hätte. Ein Freund hat erzählt, wie die Verkäufer/innen im nahegelegenen COOP - einem Supermarkt - um F. trauern. Dass sie ihn gemocht und geschätzt haben. Also: ohne ein ‹richtiges› vorgängiges Gespräch war die Beerdigung ganz vielfältig und in meinen Augen auch so, dass wir von diesem einen, besonderen Menschen Abschied genommen haben.

Morgen treffe ich mich mit einigen Menschen in der Kirchgemeinde, weil wir über ein Konzept für einen zeitgemässen christlichen Besuchsdienst nachdenken wollen. Das war nicht meine Idee, sondern eine Teilnehmerin aus der Online-in-die-Offenbarung Gruppe hat(te) das auf dem Herzen. ... Die meisten Besuche in der Gemeinde bekommen Seniorinnen und Senioren - und da meist diejenigen, zu denen eh ein Kontakt besteht. Oder diejenigen, die einen hohen Geburtstag feiern. ... Diese Menschen bilden aber nur einen Teil der Gemeinde ab. Ich finde das eine ‹echte› Frage, ob und wie wir als Gemeinde auf unsere Mitglieder zugehen können.

Heute sind Sie um 18 Uhr zur Abendfeier in die Stadtkirche Liestal eingeladen. Es gibt Musik, Stille und Impulse zur Segnung Rebekkas (1. Mose 24). Wir feiern - im Chor der Kirche und mit viel Abstand zueinander - das Abendmahl. Nämlich, dass wir miteinander und mit Jesus Christus auf dem Weg sind.


Sonntag, 4. Oktober 2020
Wolfgang schreibt: Ulrike hat also heute die Predigt zur Speisung der 4000 (Markus 8,1-9) gehalten. Meist überliest man diesen Abschnitt, da die Evangelien kurz zuvor von der Speisung der 5000 berichten. Aber es lohnt sich, den Abschnitt sorgfältig auf sich wirken zu lassen. Worum geht es?

(1) Drei Tage bei Jesus bleiben. Die vielen Menschen haben nicht über Verpflegung nachgedacht. Wo war es bei mir so, dass ich gern geblieben wäre und dass mir alles andere zweitrangig war? Vielleicht bin ich auch geblieben, habe weiter von Gott gehört, von ihm Hilfe empfangen?

(2) Alles, was wir haben. Nicht: alles, was wir entbehren können. Die Jünger geben alles. Sie behalten nichts für sich privat zurück. Was heisst es, wenn ich in einer Notsituation das gebe, was ich gerade habe?

(3) Wir werden beteiligt: Wie Jesus, so auch wir. Die Jünger werden am Verteilen der Brote beteiligt. Jesus beteiligt uns am Tun der Güte.

Die Predigt kann man gleich hier anhören und herunterladen:




nochmals Freitag, 2. Oktober 2020
Ulrike schreibt: Am Sonntag feiern wir in Liestal (9.30 Uhr) und in Seltisberg (11 Uhr) Gottesdienst. Als Gast ist Kathi Kaldewey dabei und stellt ihr neues Buch Herbstproviant (2020) vor. Ich werde euch - die Gemeinde - und Kathy Kaldewey fragen, was euch nährt. Text für die Predigt ist die sogenannte Speisung der 4000 in Markus 8,1-9.


Freitag, 2. Oktober 2020
Wolfgang schreibt: Natürlich ist es unangemessen, das jüdische Laubhüttenfest SUKKOT, das heute Abend beginnt und gut eine Woche dauert, mit einem Camping-Event zu vergleichen. Aber einige Parallelen gibt es. Es ist eine verordnete Zeit der Erinnerung daran, dass der Glaube Israels mit einer Wanderung durch die Wüste begann: 40 Jahre Unterwegs-Sein. Also vierzig Jahre Beweglichkeit, vierzig Jahre Einübung des Aufbruchs, vierzig Jahre unerfüllte Sehnsucht nach einem endgültigen Ankommen, vierzig Jahre Warten auf Heimat. Gleichzeitig sind es 40 Jahre Gotteserfahrung: Gott geht täglich und täglich erfahrbar mit seinem Volk. Im tragbaren Heiligtum (dem Zelt der Begegnung; in anderer Übersetzung ist es die Stiftshütte) ist Gott immer und treu dabei. Er ist ständig erreichbar für sein Volk. Dennoch: Das sind 40 Jahre Glauben und Leben im PROVISORIUM … 40 JAHRE ist die Dauer eines ganzen Lebens.

Die christliche Kirche hat die Feier des Laubhüttenfestes nicht in ihren Festkalender übernomen. Jedoch: Um die Dynamik auch des christlichen Glaubens zu verstehen, sollten wir die Feier des Laubhüttenfestes verstehen. Immer wieder müssen wir an den Anfang zurück, zurück also ins Provisorium. Das Laubhüttenfest spielt sich nicht bloss in Gedanken ab, in Liedern, in Vorträgen usw. Für die Dauer einer Woche wird Menschen zugemutet, ihr festgefügtes äusseres Leben zu ändern: Essen, Trinken und Schlafen im Provisorium einer Laubhütte. Sie begegnen sich anders, arbeiten anders, glauben anders. Die Zeit und die Gemeinschaft gestalten sich anders. Sie leben, arbeiten und beten immer noch jeden Tag. Aber es gibt keine festen Türen, die man vor anderen bzw. hinter sich schliessen kann. Einmal im Jahr dauert das eine Woche.

Was ist es, das man für das Leben lernt? Was ist es, was man da für den Glauben in der Gemeinschaft lernt?


Sonntag, 27. September 2020
Wolfgang schreibt: Gestern waren wir – endlich! – wieder einmal zu einem Studientag zusammen. Thema: "Neuer Leib und neue Erde". Es hat gut getan, sich wieder einmal gemeinsam mit biblischen Texten und einem immer wieder bedeutenden Thema des Glaubens auseinander zu setzen. So bald wie möglich werden wir die Vorträge und einen Teil der Gespräche hier zugänglich machen. Jetzt schon danke allen, die mit dabei waren und sich so lebendig am Gespräch beteiligt haben.

Heute schalten wir eine frühere Predigt frei. Ulrike hat am 30. August über 1. Korinther 3,9-17 gepredigt. Thema: "GEMEINDEBAU: WAS BLEIBT?" Die Predigt kann man gleich hier anhören und herunterladen:




Nochmals Donnerstag, 24. September 2020
Hier gibt es ein paar Bilder aus den letzten Tagen. Für diejenigen, die gern eine Postkarte aus der Steiermark bekommen hätten :-)



Donnerstag, 24. September 2020
Ulrike schreibt: Wir sind zurück in Liestal. Bis Ende der Woche habe ich noch Urlaub. Wir waren nach den Tagen im Hochschwab in der Südsteiermark. Mit dem Auto fährt man etwa 1,5 Stunden an Graz vorbei in Richtung Slowenien. Es gibt da verschiedene Weingegenden, zum Beispiel das Schilcher-Land, die Sausaler Weinstrasse usw. Überall haben Buschenschenken geöffnet und bieten Wein zum Verkosten an. Schön warm war es auch, so dass ich Schwimmen konnte. Das Schwimmen im Sulmsee habe ich genossen, wobei die vielen Karpfen beim Einsteigen ins Wasser schon irritierend sind. Manche baden mit Delphinen, ich mit Karpfen :-)

Wir sind also gut Zuhause angekommen. In Bayern - wir sind über Salzburg und durchs Allgäu zurück gefahren - fand ich es sehr praktisch, dass an einer grossen Raststätte die Autos einzeln angehalten und gefragt wurden, ob die Insassen einen kostenlosen Corona-Text machen wollen. Weil man ja aus dem Ausland eingereist ist. Es gibt dann zwei Spuren für die Autos: entweder fährt man an's Corona-Test-Zelt oder man fährt zurück auf die Autobahn.

Wolfgang und ich kommen an, ich kümmere mich ein bisschen um den Garten und wir bereiten den Studientag für Samstag vor. Apropos Garten: Unser örtliches Gartencenter hat ja leider zugemacht. Mein zweiter Favorit ist Blumen-Kaiser in Rheinfelden, was hinter der Grenze liegt. Ich habe zwei wunderbare Stechpalmen (einen Baum und einen Strauch) und eine Schwarze Apfelbeere gekauft. Wolfgang möchte vor seinem Fenster etwas Vogelfreundliches gepflanzt haben. Mir war klar, dass ich mit den Sträuchern im Auto am Zoll rausgewunken werde. Der Zollbeamte war misstrauisch gegenüber der Einfuhr von invasiven Pflanzen - was o.k. ist. Er selbst hatte aber null Ahnung davon, wie die tatsächlich aussehen, was die Kontrolle dann wieder überflüssig macht. ... Wenn noch jemand schöne, vogelfreundliche Sträucher oder Bäume zu verschenken hat - zum Beispiel Vogelbeeren (Ebereschen) - könnt ihr euch gern melden.


Samstag, 19. September 2020
Ulrike schreibt: Wir haben die erste Nacht in der Steiermark verbracht und sind heute aufgewacht in der Nähe von Sankt Katharein an der Laming. Das Zimmer ist Teil eines Bauernhofs oben am Berg.

Auf der Fahrt in den Süden haben wir uns viel Zeit gelassen. Wir haben einen Abstecher nach Naumburg an der Saale gemacht - das nahe an der Autobahn A9 liegt. Vor 21 Jahren waren Wolfgang und ich das letzte Mal im Dom. Er ist wunderbar, schon das blosse Herumlaufen und Anschauen löst Freude aus: www.naumburger-dom. Wolfgang ist fasziniert von den lebensnahen Darstellungen der Stifter im Westchor. Mich berührt der Zugang zum Westchor. Man geht durch den Lettner unter den Armen des Gekreuzigten hindurch.

Wir waren gestern in Bruck an der Mur, wo Wolfgangs Familie begraben ist, und haben in Kapfenberg eine Freundin besucht. Die Friedhofskirche St. Ruprecht in Bruck ist ausgesprochen schön. Heute wollen wir zum Grünen See, den ich noch gar nicht kenne. ... Miteinander lesen wir die Bibel im Blick auf den Studientag der Fritz-Blanke-Gesellschaft am Samstag: ‹‹Ein neuer Himmel und eine neue Erde›.


Donnerstag, 17. September 2020
Ulrike schreibt: Heute hat Wolfgang den Rundbrief für die Fritz-Blanke-Gesellschaft fertig geschrieben. Die FBG ist ein Freundeskreis von Menschen, die die Arbeit von Wolfgang seit vielen Jahren tragen und begleiten. Im Freundesbrief erzählt Wolfgang von seiner Arbeit. Wenn ihr die FBG nicht kennt und wir euch den Brief schicken dürfen, gebt uns bitte mit einem Mail Bescheid.

EINANDER MEHR BESUCHEN
In Berlin ist mir - auch im Blick auf Liestal - wichtig geworden, dass wir uns mit unsern Geschwistern und Freunden im Glauben mehr verbinden. Dass wir einander mehr besuchen, mehr treffen, mehr füreinander beten. Immer wenn wir das machen, bin ich glücklich und ermutigt. Wir leben nicht in langweiligen Zeiten.

Versteht mich nicht falsch: Im Unterwegssein mit Gott kommt es nicht auf Quantität (‹mehr›) an. Aber darauf,

- dass wir voneinander lernen: wie seid ihr - in den Herausforderungen unserer Zeit - im Glauben unterwegs?
- dass wir uns aufeinander freuen. Immer, wenn ich alte Freunde wiedersehe, erfahre ich auf diese Weise etwas von der Treue Gottes.
- dass wir Leben teilen. Wie sollen andere Menschen sonst dazukommen und mitmachen?

Heute fahren Wolfgang und ich von Berlin aus weiter. Wahrscheinlich bis in die Steiermark, aber mal gucken. Wir sind in den letzten Jahren flexibler geworden und machen das, ‹was geht›. Aber das machen wir wirklich :-)


Dienstag, 15. September 2020
Ulrike schreibt: Heute war ich in der Ausstellung ‹Von Luther zu Twitter. Medien und politische Öffentlichkeit› im Deutschen Historischen Museum. Ich habe gehofft, etwas zu sehen/ zu hören/ zu lesen, was ich selbst nicht weiss. In der Ausstellung zeigen sie nur, was (meines Erachtens) eh selbstvertändlich ist. Da finde ich einen einzelnen Raum im Melanchthon-Haus in Wittenberg interessanter: um zu markieren, wie Umbrüche in der öffentlichen Kommunikation zustande kommen und sich auswirken. ... Na ja. Und irgendwie leer ist es in der Stadt. Ich gehe gern zu Fuss, weil es mir Spass macht und ich mehr sehe. Im Regierungsviertel mit dem Reichstagsgebäude kann man die Touristen fast an der Hand abzählen.

Wolfgang und ich waren am Wochenende bei Freunden im Berliner Umland und haben das sehr genossen. Sie haben wiederum ihre Freunde eingeladen und wir haben miteinander Bibel gelesen, gegessen, geredet, die Sonne genossen. Es ging um die Frage wie Gott führt und wie man Gottes Stimme von anderen inneren und äusseren Stimmen unterscheiden kann (‹Unterscheidung der Geister›). Das war ein gutes Miteinander.

Schwimmen war ich in dieser Woche nur ein einziges Mal: in einem See in einem Wald nahe beim Wohnort meiner Eltern. Der See hat einen Zufluss, und war wirklich kalt. Boah, war der kalt. Gelesen habe ich seit langer Zeit mal wieder einen Krimi: ‹Achtsam morden› von Karsten Dusse. Es geht darum, dass ein Anwalt - um seine Ehe zu retten - einen Psycho-Kurs über ‹Achtsames Leben› belegt. Der führt ihn dazu, dass er das, was er nicht tun will, tatsächlich nicht mehr zu tut, bzw. seinem eigenen Rhthymus folgt. ... Letztlich geht es um die Frage, was mit Menschen, die über andere verfügen, passiert, wenn diese konsequent keine Grenzverletzungen mehr dulden. ... Kann man lesen, muss man nicht :-)


Freitag, 11. September 2020
Ulrike schreibt: Ich stand im Juni dieses Jahres wie vor einem Rätsel und heute, im September, ist das wieder so. Anfang Juni ist der Theologe Dr. Gerald Lauche ganz unerwartet gestorben. Er hatte uns und unsere Gemeinde in Liestal im Februar zusammen mit seiner Frau besucht. Vorher hatte ich Gerald in meinem Studienurlaub (Ende 2018) in Kairo und Assuan kennengelernt - wo er lebte. Er hatte uns am Abend - da pulsierte das Leben auf den Strassen in Assuan - das Evangelische Krankenhaus von innen gezeigt.

Für mich ist es ein Rätsel, dass Gott einen Menschen, der im Blick auf das Reich Gottes voller Möglichkeiten und Begabungen ist, sterben lässt. Heute höre ich, dass Sr. Anna-Maria aus der Wiesche - die frühere Priorin der Communität Christusbruderschaft Selbitz - gestorben ist. Auch sie war 2018 in Ägypten mit dabei. Eine bescheidene und gleichzeitig grossartige Frau.

Das legt nahe, dass Gott beim Bau seines Reiches nicht den Kriterien von Effektivität und Wirtschaftlichkeit folgt. Die wirklich ‹grossen› Menschen sind nicht unbedingt lange unter uns. Sie stehen nicht unbedingt im Rampenlicht und werden nicht unbedingt gehört. .... Aber wer ihnen begegnet, wer sie hört und wer von ihnen lernt, der wird bleibend gesegnet.

Ich bin manchmal merkwürdig berührt davon, wie in den evangelischen Kirchen die mittelmässig begabten Menschen umworben und in Ämter gehoben werden. Es sind diejenigen, die «so sind, wie man selbst ist». In meinen Augen reproduzieren die Kirchen sich damit selbst, auch in unserer Zeit. Es gibt eine Angst vor wirklicher Niedrigkeit und es gibt eine Angst vor wirklicher Grösse. Beides aber muss man erkennen und ehren können. ... Es scheint Gottes Geheimnis zu sein, dass er für seine Leute nicht um den ersten Platz, um das längste Leben, das höchste Amt kämpft. Er baut sein Reich mit ihnen da, wo sie gerade sind. Und: wer ihnen begegnet, wer sie hört, wer von ihnen lernt, wird bleibend gesegnet.


Donnerstag, 10. September 2020
Ulrike schreibt: Wir sind schon den dritten Tag in Berlin. Ich habe Wolfgangs Impulse zu Psalm 22 jetzt alle verschriftlicht - und finde sie richtig gut. Ich habe eine Einleitung geschrieben, damit man weiss, worum es geht:

Der Psalm setzt ein mit einem Ruf aus grosser Verlassenheit: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Der Beter nimmt wahr, was Menschen ihm antun und er nimmt wahr, dass Gott ihm nicht zu Hilfe kommt. Am Tag bekommt er keine Antwort und in der Nacht findet er keine Ruhe.

Wir kennen den Psalm 22 vor allem darum, weil Jesus ihn zu seinem Gebet gemacht hat. Wir entdecken, dass es der ganze Psalm 22 ist, den Jesus betet. Mit der schonungslosen Beschreibung seiner Verlassenheit beginnt das Gebet. Aber es endet nicht damit. Gott ist zuverlässig und sein Weg ist gut – sogar gross –, auch wenn der Beter das im Moment nicht sieht.

Psalm 22 nimmt uns auf einen Weg, in einen Lernprozess mit hinein. Diesen Weg ist auch Jesus gegangen. Wir gehen ihn mit Jesus mit. Für dieses Lernen braucht es die schonungslose Offenheit – «So steht es um mich» –, es braucht die Mütter und Väter im Glauben, die sich an Gott ‹festgeleimt› haben. Es braucht den Lobpreis Israels, in dem Gott zu finden ist.

Mit Psalm 22 lernen wir zu glauben, auch wenn die gegenwärtige Erfahrung gegen uns steht. Wer diesen Weg des Lernens mitgehen möchte, wird in Wolfgang Bittner einen Begleiter finden. Sein Buch ist aus Schweige-Exerzitien heraus entstanden, in denen Menschen Klarheit für ihren Lebensweg suchen. Wolfgang Bittner hilft dabei, Klarheit zu finden: in Bezug auf die eigene Situation, in Bezug auf die Stimmen, die im Innern auftauchen und unterschieden werden wollen, in Bezug darauf, wo die Hilfe zu finden ist.


Es liegen noch ein paar halbfertige Manuskripte auf dem Tisch, da gehe ich jetzt hinter. Wolfgang hat Vorträge über Traumdeutung gehalten - was die sogenannten ‹bedeutsamen› Träume angeht. Die finde ich sehr hilfreich, auch für mein eigenes Träumen. Man findet in der Bibel sowohl Träume, in denen das Unbewusste einem Menschen Bescheid gibt über das, was kommt und worauf er sich vorbereiten soll, als auch Träume, die eine Intervention Gottes von aussen sind. ... Mir ist es noch wichtig, dass auch Träume, in denen mein Unbewusstes mir Bescheid gibt über Dinge, die mein Bewusstes nicht wahrnehmen kann oder will, für den geistlichen Weg wichtig sind. Wie soll Gott mich führen, wenn ich um mich selbst und meine wirkliche Situation nicht Bescheid weiss? Sondern ständig in Fehleinschätzungen festhänge?

‹Berlin› ist natürlich auch mehrmals täglich ein Erlebnis. Gestern war ich die Treppe zur U-Bahn Station hinuntergegangen. Vor mir läuft ein grosser junger Mann afrikanischer Herkunft. Er stellt am Fuss der Treppe einen Einkaufstrolley ab, zieht die Nase-Mund-Maske über und entfernt sich schnell über den Bahnsteig. Ich löse mein Ticket und habe den Trolley am Fuss der Treppe im Blick. Der steht immer noch alleine da. Und meine Phantasie - mit der ich gut ausgestattet bin - sieht schon die Bombe hochgehen. Also gehe ich dem jungen Mann hinterher bis zur Mitte des Bahnsteigs und spreche ihn an. "Entschuldigung, was ist mit dem Trolley, den Sie dahinten abgestellt haben?" Er - genauso selbstbewusst wie ich - "Den habe ich für eine alte Frau hinunter getragen." Ich: "Ah, so. Vielen Dank für die Auskunft." Keine Ahnung, ob die Auskunft stimmte, weil die Frau ja irgendwann hätte auftauchen müssen. Aber jemanden als potenziellen Attentäter zu behandeln, ist auch nicht richtig. Es ist echt schwierig, schnell gute Kriterien zu haben, wann man etwas fragt oder sagt und wann nicht.


Montag, 7. September 2020
Ulrike schreibt: Gefühlt geht der Sommer allmählich zu Ende und es wird Herbst. Heute werde ich ein letztes Mal ins Freibad in Rheinfelden schwimmen gehen. Bei gutem Wetter freue ich mich an der Sonne und wenn es kalt ist, daran, dass das Bad so schön leer ist :-) Ein paar Senioren haben mir angeboten, nach Saisonende mit ihnen im Rhein schwimmen zu gehen, .... mal sehen.

Wolfgang hat allerlei Schreibtischarbeiten erledigt. Jetzt sind wir frei für den Urlaub. Heute Abend wollen wir nach Berlin fahren und dann die erste Woche in Berlin sein. Dieses Wochenende sind wir bei Freunden zu Besuch, die wiederum ihre christlichen Freunde und Freundinnen für einen Tag gemeinsamen Betens und Lernens mit Wolfgang einladen.

Wir überlegen ausserdem, frühere Freunde in Eisenhüttenstadt zu besuchen - wo wir von 2000-2008 gelebt haben und ich Pfarrerin an der Nikolaikirche war. Wahnsinn, wie sich die Region in kirchlicher Hinsicht verändert hat. Falls hier jemand ‹von früher› mitliest und sich über unsern Besuch freuen würde, schreibt mir gern.

STUDIENTAG ZU UNSERER ZUKUNFTSHOFFNUNG

Für Samstag, den 26. September, lädt die Fritz-Blanke-Gesellschaft von 9.45-16.30 Uhr zu einem Studientag ‹Ein neuer Leib - eine neue Erde› ins Nidelbad/ Rüschlikon ein. Der Studientag schliesst gut an die Lektüre der Offenbarung im Frühjahr 2020 an. Wolfgang und ich fragen, was wir genau erwarten fürs Ende/ bzw. die Vollendung unserer Welt. Ich finde, dass es sich absolut lohnt, die Bibel daraufhin zu lesen und zu befragen.

Hier sind die Themen, die Wolfgang und ich mit euch am Studientag bearbeiten werden. Wir machen es so, dass man auch dann gut mitmachen und verstehen kann, wenn man keine christliche Vorbildung hat.

WAS MENSCHEN HEUTE GLAUBEN
Fast jede und jeder hat Vorstellungen von der Zukunft des Kosmos – davon, auf welches Ziel sich die Erde und das eigene Leben zu bewegen. Wir stellen Überzeugungen vor, die im heutigen Glaubensklima häufig anzutreffen sind. Manche dieser Vorstellungen
– wie die vom vergänglichen Leib und der unsterblichen Seele – sehen christlich aus, sind es aber nicht.

JESU AUFERSTEHUNG UND DER JÜDISCHE KONTEXT
Wie ist Jesu Auferstehung von den Toten im Kontext seiner eigenen Zeit zu verstehen? Was glaubte man im frühen Judentum und was in der antiken nicht-jüdischen Gesellschaft über Tod und Jenseits? Mit der Auferstehung Jesu wird der jüdische Glaube an die Aufer- stehung einerseits aufgenommen, andererseits wird er siebenfach modifiziert.

OSTERN UND DIE FRAGE NACH DER WELTANSCHAUUNG
«Historische Argumente allein können niemanden zwingen, an die Auferstehung Jesu zu glauben, aber sie eignen sich hervorragend dafür, das Gestrüpp zu entfernen, hinter dem sich Skeptizismen verschiedener Art seit langem versteckt halten.» Wir kommen um die Frage nach Weltanschauung nicht herum: Die Auferstehung «ist kein absurdes Ereignis innerhalb der alten Welt.» Sie ist der Beginn der neuen Schöpfung. (Tom Wright, Von Hoffnung überrascht, 90 und 94)

JESU AUFERSTEHUNG VERÄNDERT DIE WELT - JETZT
Was wir über das Ende der Erde und unser persönliches Ende glauben, hat Einfluss auf unser gegenwärtiges Leben.
Durch Jesu Sieg über den Tod sind andere Herrschaftskonzepte entmachtet. Das hat die Gemeinde heute beispielhaft vorzuleben.

WIR BEANTWORTEN FRAGEN
Beispiele: Werden wir als Auferstandene dieselben sein wie heute? Was wird neu sein? Sehen und erkennen wir einander wieder? Gibt es eine zeitliche Abfolge der Ereignisse? Spielt die Art der Bestattung eine Rolle für die Auferstehung?

Den Flyer und nähere Angaben finden Sie, findet ihr links unter ‹Studientag›.


Dienstag, 1. September 2020
Ulrike schreibt: Am Sonntag haben wir die Taufe von Marita gefeiert - sie ist ein fröhlicher, verschmitzt lachender Säugling. Hinterher waren wir als Familie in der Kulturscheune in Ziefen - einem benachbarten Dorf - zusammen. Bei "uns zu Hause" ist es in Corona-Zeiten eben doch zu eng, obwohl wir grosszügig wohnen.

Bis gestern hatten wir verschiedene Menschen zu Besuch, die wir zum Teil lange nicht gesehen haben. Sehr schön! Auch heute kommt jemand für Wolfgang zu Besuch. Ich selbst bin - bevor bald unsere Ferien beginnen - viel in der Gemeinde. Fast ausschliesslich, um mich mit Leuten zu treffen.

Gleich jetzt treffe ich mich mit dem Sozialdiakon des Nachbarorts. Er wird eine kirchliche Trauung in Liestal feiern und braucht gemäss der heute geltenden Kirchenordnung - das wird sich bald ändern - eine Pfarrperson, die die Verantwortung übernimmt. Ich will ihn im Gegenzug ein paar Dinge zur Jugendarbeit fragen; wie er es macht: das interessiert mich wirklich.

Meine Meinung ist, dass wir als Kirche es Menschen, denen es ernst ist mit ihrem Engagement, einfach machen müssen. Keine bürokratischen Hürden aufbauen. ... Ich selbst war angenehm berührt, wie zuvorkommend die reformierte Kirche Biel/Bienne auf Maritas Taufe bei uns in Liestal reagiert hat. Da muss man - weil es die Wohnsitzgemeinde ist - nämlich auch fragen vorher. Und die sind durchaus interessiert und sagen nicht einfach "Ja, dann machen Sie das eben so, wenn Sie meinen". Oder: Ich habe eine grosse Stückzahl von Seelsorge-Schriften im Erzbistum München bestellt, die ich kenne und wirklich gut finde. Deren Verwaltung/ Versand ist auch angenehm unkompliziert.

Zwischendurch habe ich Wolfgangs Impulse von den Schweige-Exerzitien zu Psalm 22 fast vollständig verschriftlicht. Wir wollen sie euch und Ihnen zur Verfügung stellen. Und ich gehe immer noch jeden Tag ins Freibad in Rheinfelden schwimmen. Mittlerweile sind es nur noch wenige Schwimmer/innen am Tag, die hingehen. Manchmal habe ich das ganze Becken für mich alleine. Es nieselt sanft, das Wasser ist angenehm halb-warm, und der Blick auf den Rhein einfach nur toll. Der strömt jetzt durch den vielen Regen mit hohem Tempo und viel braunem Schlamm vorbei.


Mittwoch, 26. August 2020



Das kleine Video - es ist wirklich einfach - ist für diejenigen, die Rasa auch kennen, lieben und ebenfalls gern hier unterwegs sind. Der Säugling ist Wolfgangs jüngstes Grosskind. Wir taufen Marita diesen Sonntag in der Stadtkirche in Liestal. Es gibt eine gute Predigt - 1. Korinther 3,9-17 - die Gott mir auf dem steilen Weg hinunter nach Terra Veccia geschenkt hat :-) Herzliche Einladung.


Montag, 24. August 2020
Ulrike schreibt: Ich habe die bisherigen Impulse von Wolfgang verschriftlicht. Schön, dass er so langsam redet: da kann ich gut mitschreiben :-). Hier der achte Impuls zu Psalm 22:

Psalm 22 hat manches, das nach meinem Urteil selten oder einzigartig in den Psalmgebeten ist. Er setzt ein mit einem grossen Ruf der Verlassenheit. Er gibt der Beschreibung der Verlassenheit weiten Raum. Ich denke, das kann man sich schon einmal merken: Die eigene Verlassenheit, die eigene Not, das, was mit einem geschieht, das darf im Gebet Raum haben. Darauf haben wir hingewiesen. Dann endet der Psalm aber in einer völlig anderen Tonlage. Das kennen wir aus anderen Psalmen auch. Die setzen auch mit Klagen ein, dann gibt es so etwas wie einen Umbruch, dann lobt der Psalmbeter. Man weiss nicht so recht, was denn da passiert ist. So ähnlich geht es in Psalm 22 auch zu.

WIE SIEHT DIE ERHÖRUNG AUS?

Vers 20 hören wir die Bitte: „Aber du, Herr, sei nicht ferne. Meine Stärke, eile mir zu helfen. Errette meine Seele vom Schwert, mein Leben von den Hunden. Hilf mir aus dem Rachen des Löwen, vor den Hörnern wilder Stiere.“ Dann der Satz: „Du hast mich erhört.“ Wie sieht das aus, dass der Beter erhört worden ist? Sind die Tiere jetzt weg? Wenn die Tiere Bilder für Menschen sind, für Institutionen: Haben sich die Menschen entschuldigt, haben sie sich geändert? Was hat sich da geändert?

„Du hast mich erhört.“ Was ist die Folge davon? Davon erfahren wir nichts. Wir erfahren nur, dass der Beter jetzt sagt: „Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern. Dich in der Gemeinde rühmen.“ Er ruft auch andere auf: „Rühmet den Herrn, die ihr ihn fürchtet. Höret ihn, ihr alle vom Hause Jakobs." Er lädt also sein Glaubensumfeld, seine Glaubensgemeinde, ein, Gott zu loben. Aber der Grund dafür - was denn genau geschehen ist - bleibt blass in der Beschreibung.

Genannt wird etwas Inneres, eine Erfahrung. Vers 25: „Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen, sein Antlitz vor ihm nicht verborgen. Und als er zu ihm schrie, hörte er es.“ Auf jeden Fall hören wir daraus: Der Beter begegnet Gott erneut als einem, der ‘hört‘. Ich würde interessiert daran sein, wie das denn nun aussieht, dass er hört. Aber vielleicht soll es reichen.

DAS ENDE SEHEN UND DIE WEITE GLAUBEN

Der letzte Teil des Psalms, geht noch einmal weiter. Er scheint weiter zu gehen in die Weite der Welt und in die Weite der Zeit. Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie das war, als Jesus am Kreuz hängt. Er weiss, dass nun keine Bewegung mehr möglich ist. Sein Ende ist da. In diesem Ende muss Jesus die kommende Weite gesehen haben.

Dem Schächer am Kreuz sagt er: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Das, was man sieht, was auch Jesus sieht, ist, dass er gekreuzigt ist. Dass das Ende jetzt unwiderruflich kommt. Was er dem Schächer am Kreuz sagt, für ihn und für sich selbst: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Der Blick geht in der Situation der erfahrenen Endes hinaus auf das Kommende. Ich denke, dass das für Jesus zum Glauben dazu gehört hat. Und dass es zur Deutung dessen, was Glauben heisst, unbedingt dazugehört.

GLAUBEN, WO ES NICHTS MEHR ZU GLAUBEN GIBT

Paulus hat das erfasst und am Glauben des Abraham beschrieben, im Römerbrief Kapitel 4. Man lernt glauben, sagt Paulus, wo es nichts mehr zu glauben gibt. Es ist als ob unser Psalm eine Situation beschreibt, in der man gar nicht mehr glauben kann. In der also menschlich kein Weg des Glaubens mehr offensteht. In dieser Situation setzt – so sagt Paulus – für Abraham der Glaube ein. An einer anderen Stelle sagt Paulus: Man glaubt an den, der die Toten auferweckt. Man glaubt nicht einfach an den, der vor dem Tod rettet. Sondern an den, der die Toten auferweckt.

So endet unser Psalm mit einem Blick über das Ende hinaus. Der menschliche Blick geht zum Ende. Was ich aktuell sehen und beschreiben kann, ist die zunehmende Schwäche, das Eingeengt sein, das Leiden, das Sterben. Das Alte und das Neue Testament sagen: Es gibt gerade dort den Blick darüber hinaus. Dieser Blick hat etwas Protestierendes: Nein, ich glaube nicht daran, dass das das Ende ist.

Von diesem Protest her ist der Schluss des Psalms zu verstehen und zu lesen: „Ich werde dich preisen in der grossen Gemeinde.“ Obwohl die Gemeinde überhaupt noch nicht in Sicht ist. „Ich will meine Gelübde erfüllen vor denen, die ihn fürchten.“ (Vers 26) Der Beter sieht, wie die Armen gesättigt werden. (Vers 27) Das sieht er vor seinem geistigen Auge, nicht im Blick auf das, was menschlich möglich ist. Sondern er sieht mit den Augen Gottes über das menschlich Mögliche in das hinein, das von Gott her kommt. Wir lernen im Alten Testament an vielen Geschichten diesen Blick kennen. Abraham, der seinen Sohn Isaak opfert, den einzigen. Im Glauben daran, dass es von Gott her weitergeht. Und es geht auch weiter.

JESUS SIEHT ÜBER DAS EIGENE HINAUS

Wir lernen es am Kreuz Jesu kennen. Jesus ist am Kreuz nicht der Verzweifelte, der stirbt. Sondern er ist der, der über das Eigene hinaus sieht. Auf das, was von Gott her kommt und kommen wird. Diesen Blick des Glaubens kann man und muss man einüben.

Diese Einübung geschieht, indem ich nicht das, was mich betrifft, als das Ziel ansehe. Das Ziel Gottes setzt immer ein mit dem ‚Trotzdem‘. Auch wenn es mit mir zu Ende geht, trotzdem, Gott, geht dein Weg weiter. Auch wenn mein Mund verstummt und das Lob nicht mehr sprechen kann, trotzdem geht dein Lob weiter. Auch wenn mein Herz nicht mehr glauben kann, trotzdem wird der Glaube, und nur der Glaube weitergehen.

Wer hier betet, der hat gelernt, dass das Glauben mit dem ‚Trotzdem‘ zusammenhängt. Glauben heisst nicht, ich bete und es wird besser und immer besser. Ich bete weiter und es wird noch besser, und dann geht es am Ende schon irgendwie. Sondern Glauben heisst: Ich bin in der Hand Gottes. Und ich weiss, das Heil wird zu seinem Ziel kommen. Auch, wenn ich von dem dahinten, was sich anbahnt, jetzt nichts sehe. Im Unservater enden wir mit dem Lobpreis „denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit“. Das ist das Wissen darum, dass das Reich – nämlich alle Herrschaft und damit das letzte Wort – Gott gehört. Das gilt auch dann, wenn uns der Blick dafür genommen wird. „Dein ist das Reich“ ist das Wissen darum, dass die Kraft Gottes ist. Auch wenn ich selbst von dieser Kraft nichts sehe.

ES IST DIE ZUSAGE GOTTES

Dass es weitergeht, ist mein Glaube. Der Glaube lebt aus der Zusage Gottes. Wir sind dankbar, dass dieser Glaube auch immer wieder Erfahrungen macht und zeichenhaft von Gott eingelöst wird. Glauben heisst aber auch, wir haben uns entschlossen, zu glauben, auch wenn unser Weg dahin führt, dass wir nichts sehen. Die Märtyerinnen der Kirche und die Märtyrer Israels, sind in den Tod gegangen, ohne zu sehen. Sie haben gegen alles Sehen, erfahren, was es heisst zu glauben. Auf diesen Weg will uns Psalm 22 mitnehmen.

Was uns der Schluss von Psalm 22 beschreibt, ist eine Schau der Hoffnung. Die Hoffnung ist stärker als alle Erfahrung, die der Hoffnung widerspricht. In anderen Psalmen steht auch der Begriff ‚dennoch‘ da. Psalm 73, den ich mehrmals erwähnt habe, hat dieses ‚dennoch‘: „Dennoch bleibe ich stets bei dir. Du hältst mich bei meiner rechten Hand.“

IN GOTTES ZUKUNFT IST AUCH MEIN PERSÖNLICHER WEG AUFGEHOBEN

Der biblische Gedanke der Hoffnung meint doch, dass es in Gott weitergeht und in Gott auch mit mir weitergeht. Aber ich bekomme in mir, in meinem momentanen Leid, meiner Begrenztheit, meinem Eingesperrtsein und mein Gebundensein, nichts als dieses Wort: Es geht mit dir weiter. Dieses Weitergehen ist ein Weitergehen, das in Gott liegt. Es ist sein Versprechen. Dieses Versprechen führt mich dazu, zu sagen: Ich will nicht glauben, dass das, was mir in mir selbst ansichtig ist, auch mein Letztes ist. Sondern mein Letztes, das auch mich übersteigt, ist in ihm schon da. Das ist nicht symbolhaft gemeint, wie wenn Leute sagen: „In meinen Kindern geht ja mein Leben weiter.“ Das ist nur das Leben der Kinder, das weitergeht, aber nicht meines.

MICH IN DIE ZUSAGE EINÜBEN

In dem Hoffnungsdenken des Alten und Neuen Testaments ist es tatsächlich mein Leben das weitergeht. Aber dass mein Leben weitergeht, ist mir nur als eine Hoffnung zugänglich und nicht als etwas Vorweisbares hier drinnen. Diese Hoffnung kann man nicht einüben. Sie ist ja kein Ergebnis einer Übung. Und doch kann ich üben, es mir immer wieder zuzusagen. In Gott geht das, was mich meint, was mit mir gemeint gewesen ist, weiter. Obwohl es hier, in dem Leben, das ich sehe, nur abbricht.


Samstag, 22. August 2020
Ulrike schreibt: Hier könnt ihr den nächsten Impuls von Wolfgang zu Psalm 22 lesen. Es ist der siebte.

Psalm 22 - Der Name als verdichtete Erfahrung (7)

Kommen wir noch einmal in Fortführung von heute Morgen zum Gespräch mit den Brüdern: „Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern, ich will dich in der Gemeinde rühmen.“ (Vers 23)

Der Beter in Psalm 22 hat zunächst einmal mit sich selbst gesprochen und mit Gott gesprochen. Wir denken daran: Er redet nicht ‘über’ Gott, sondern er redet ‘mit’ ihm. Ich selber bin in meiner Erziehung zum Beten nach meinem Urteil viel zu wenig darauf aufmerksam gemacht worden, dass man zu Gott so offen sein darf. Ich wusste zwar, dass man zu Gott offen sein darf, den Satz hatte ich gehört: Du darfst Gott alles sagen. Aber das zu wissen und es dann auch zu tun – dass ich so offen reden darf wie der Beter es hier tut – das ist noch zweierlei. Vielleicht kann ich dem auch einmal nachgehen: Wie weit ist meine Offenheit Gott gegenüber wirklich offen? Vielleicht habe ich gelernt, dass man mit Gott ‘schön’ reden muss. Dass man Gott gegenüber ‘sehr dankbar’ zu sein hat. Dass man Gott loben soll usw.. Das hat in meinem Weg zum Beten hin einen hohen Stellenwert gehabt. Dann habe ich halt zusammengesucht in meinem Leben, was es da gibt zum Loben. Auch wenn mir nicht zum Loben zumute war, habe ich für vieles gelobt und gedankt. Der Psalmbeter hat hier eine andere Form von Offenheit, das ist das eine. Und nun, nach gut der Hälfte des Psalms, nämlich von Vers 23 an heisst es:

„Ich will (oder werde) von deinem Namen meinen Brüdern erzählen,
inmitten der Versammlung werde ich dich preisen.“

DIE VERLORENHEIT FÜHRT ZUM ERZÄHLEN

Er ahnt, dass seine Erfahrung mit der Verlassenheit, der Verlorenheit – der Verlorenheit innen und der Verlorenheit aussen – so gross ist, dass sie zum Erzählen führen soll. Weil Gott ihm heraushilft. Nun hören wir, wie dieses Erzählen aussehen könnte:

„Ihr die ihr ihn fürchtet; preist ihn, aller Same Jakobs ehrt ihn,
erschauert vor ihm, ihr alle vom Samen Israels!“ (Vers 24)

Er spricht Israel als die Volksgemeinde an: den Samen Jakobs, den Samen Israels. Er nennt sie, „die, die ihn fürchten“. Ich hoffe, dass das unter uns klar ist. Es geht hier nicht um Angst vor Gott, sondern es geht um die Erfahrung, dass man Gott ernst nimmt. Und zwar Gott so ernst nimmt, wie man sonst nichts ernst nimmt. Gott fürchten heisst, ihn über alle Dinge lieben und vertrauen und ernst nehmen. Das begründet der Psalmbeter.

„Denn er hat nicht missachtet, nicht verschmäht die Gebeugtheit der Gebeugten,
nicht die Niedrigkeit der Niedrigen. Er hat sein Antlitz vor ihm nicht verborgen,
er hat gehört, wenn er – der Niedrige – zu ihm gestöhnt hat.“ (Vers 25, Übersetzung von Martin Buber)

GOTT IST BESONDERS

Was lernen wir daraus? Der Psalmbeter erfährt Gott in einem Handeln, das ihm als besonders erscheint. Das Besondere: „Gott hat nicht missachtet und nicht verschmäht den Niedrigen.“ Es kann sein, dass unsere Art, das Leben zu bewerten, auch im Glauben eine Rolle spielt. Wir bewerten einen Menschen hoch und wir werden hoch bewertet, wenn wir tüchtig sind, wenn wir leistungsfähig sind, wenn wir Dinge können und beherrschen. Der Beter macht die Erfahrung, dass Gott darauf nicht achtet.

Der Gebeugte, der im Laufe des Lebens, des Berufes, der Beziehungen, wenig zählt, der übersehen wird, wird von Gott ernst genommen. Der Begriff 'Gebeugtsein' spielt in meinem Wortschatz keine Rolle. Aber ich kann mir überlegen: Wie nenne ich das? Eine Lebenshaltung, die unter den Menschen nicht viel zählt. Eine Lebenshaltung, aus der ich selber aussteigen möchte, damit ich wertvoll bin. Damit ich überhaupt ‘etwas‘ bin.

Das Besondere verdichtet der Psalmbeter jetzt in diesem einen Satz. Wie würde ich das Besondere - wie Gott Menschen begegnet – für mich in einem Satz zusammenfassen? Dem Psalmbeter scheint das wichtig, weil er seine Brüder, also die Mitglieder seiner Glaubensgemeinschaft, daran erinnern will. Er will sie daran erinnern, nicht auf den Irrtum hereinzufallen, dass Gott Menschen bewerten könnte, so wie wir Menschen bewerten.

DIE ANGST, ÜBERSEHEN ZU WERDEN

Welche Erfahrungen tauchen da bei uns auf? Ich kann es auch umgekehrt sagen: Wo habe ich Angst, dass ich bei Menschen nicht zähle? Nicht vorkomme, übersehen werde? Wo habe ich Angst, dass ich bei Gott nicht vorkomme, nicht zähle, übersehen werde? Wo bin ich froh, wenn es mir jemand immer wieder zuspricht: Bei Gott ist das nicht so.

In unserem Psalm formuliert der Psalmbeter in Vers 23 das auf eine merkwürdige Art und Weise. Auch Martin Buber schleicht sich da ein bisschen drum herum. „Ich will meinen Brüdern erzählen“. Wörtlich heisst es: zählen, aufzählen. Ich will meinen Brüder etwas aufzählen. Was will er aufzählen? Seinen Namen.
Das ist eine merkwürdige Formulierung. Was steckt dahinter? Der Name Gottes ist eine verdichtete Erfahrung, die ich mit Gott mache. Wir kennen das, wenn wir einen Menschen lieben oder von einem Menschen geliebt werden. Wir haben dann das Bedürfnis, diesem Menschen einen Namen zu geben. Einen Kosenamen, einen Liebesnamen. Von diesem Namen wissen dann nur wir beide, er und ich. Wenn dieser Name ausgesprochen wird, dann klingt etwas ganz Besonderes an. Das lässt sich mit dem Verstand nicht analysieren. Das ist auch nicht nötig. Ich bin froh, wenn ich einen solchen Namen auch vom andern bekomme, und dann sage ich dem andern vielleicht: Du hast mich schon lange nicht mehr so genannt. So geht es dem Menschen auch mit Gott.

HAGARS ERFAHRUNG UND DER NAME

Es gibt eine wunderschöne Geschichte, 1. Mose 16. Sara wird nicht schwanger und gibt darum ihre ägyptische Magd dem Abraham zur Frau, damit sie anstelle von Sara schwanger wird. Sie wird schwanger und der Bibeltext erzählt sehr nüchtern, ohne grosse Umschweife, dass die Hagar sich nun der Sara gegenüber überhebt. Sara beschwert sich bei Abraham. Abraham sagt: „Das ist deine Magd.“ Hagar ist Privatbesitz von Sara. „Du kannst ja mit ihr machen, was du willst.“ Abraham mischt sich in dieses Verhältnis nicht ein. Der Bibeltext erzählt nicht gross. Er sagt nur, dass Sara hart mit Hagar umgeht. Wir erfahren, dass es so schwer ist, dass Hagar davon läuft. Sie flieht und will nach Hause, nach Ägypten. Auf dem Weg findet sie ein Engel und fragt sie: „Woher kommst du Hagar und wohin gehst du?“ Hagar antwortet: „Meine Herrin ist hart gegen mich.“ Der Engel sagt ihr: „Hagar, geh zurück.“ Sie bekommt das Versprechen, dass ihr Sohn, den sie Ismael nennen soll, eine grosse Nachkommenschaft bekommen wird. ‚El‘ heisst Gott und ‚schama‘ hören, also: Gott hat gehört. Dann verschwindet der Engel. Hagar ist an einem Brunnen. An diesem Brunnen gibt sie Gott einen Namen. Das ist nach meinem Wissen die einzige Geschichte, in der ein Mensch Gott einen Namen gibt. Sie macht die Erfahrung, dass Gott sie sieht, dass Gott sie in ihrer Not sieht. Diese Erfahrung Gottes verdichtet sie zu einem Namen, mit dem sie Gott nun anspricht: „Du bist der El Roi, der Gott meines Ansehens; der Gott, der mich sieht.“ Wir erfahren damit, was ein Name ist. Ein Name ist eine erhoffte oder eine verdichtete Erfahrung.
Wir kennen das. Ich gebe einem Kind einen Namen, weil ich mir diese Erfahrung, zum Beispiel, dass Gott hört, oder dass Gott gibt, für dieses Kind wünsche. Ich nenne mein Kind vielleicht Nathan – das heisst: Gott hat gegeben – weil dieses Kind mir von Gott gegeben ist. Meine Erfahrung verdichtet sich zum Namen, den ich diesem Kind gebe.

DER PSALMBETER MACHT EINE ERFAHRUNG UND MUSS ERZÄHLEN

Was wir in Psalm 22 lesen, ist etwas ganz ähnliches. Der Psalmbeter macht in seiner Not des Verlassenseins, des Nicht-Gehörtwerdens, eine Erfahrung mit Gott. Diesen Namen, diese Erfahrung verdichtet sich zu einem Namen. Wir wissen nicht zu welchem. Den gibt er seinen Brüdern weiter. Jedes Mal wenn der Name genannt wird, erinnert man sich daran: Diese Erfahrung habe ich mit Gott gemacht.

Ich lade ein, dem selbst einmal nachzugehen: welche Erfahrung habe ich mit Gott gemacht? Was hat meinen Weg im Glauben auf besondere Weise geprägt? Welche Erfahrung brauche ich, dass ich sie mit Gott mache? Was wünsche ich mir an Erfahrung, die mir dringend ist für meinen Weg im Glauben? Wenn ich diese Erfahrung oder diesen Wunsch zu einem Namen verdichte, wie lautet dieser Name? „Du bist der Gott, der ...“ Soweit die Anregung, dem eigenen Erfahren und dem eigenen Sehnen nachzugehen, auch für das Gespräch mit den Schwestern und Brüdern im Glauben.


Freitag, 21. August 2020
Ulrike schreibt: Heute bin ich sehr früh nach Rasa zurück gekommen. Ich mag es, nachts Auto zu fahren, wenn die Strassen noch leer sind. Und wenn ich ohne Wartezeit durch den Gotthard fahren kann. Hier teile ich mit euch Wolfgangs Impuls von gestern Vormittag. Ein Impuls 'fehlt' also - ich habe den Mitschrieb in Liestal liegen gelassen.

PSALM 22 - GEBET ALS ANTEILNEHMEN (6)

Etwas zum Aufbau des Psalms. In der ersten grossen Hälfte des Psalms spricht der Beter, die Beterin über sich und seine bzw. ihre Not. Das klingt nach einem Menschen, der sich in seiner Not isoliert weiss und sich als einsamer Mensch an Gott wendet. Die anderen Menschen, die in der ersten Hälfte des Psalms (Verse 1-22) vorkommen, sind die, die der Beter als Gegner, als Angreiferinnen, als seine Not erfährt.

HINWENDUNG ZUR GEMEINSCHAFT

Von Vers 22 an – „du hast mich erhört“ - geht der Psalm in einen zweiten Teil über. Der ist wesentlich kürzer. Dort tauchen die Brüder auf und damit sind auch die Schwestern gemeint. Der Beter wendet sich gedanklich, betend, an die nahe Gemeinschaft, zu der er gehört. Diese Wende an die Gemeinschaft ist damit verbunden, dass er „erhört“ worden ist. Er will die Erfahrung des Erhörtseins mit den glaubenden Menschen teilen, zu denen er gehört.

WELTWEITE GEMEINDE

Dann haben wir einen dritten Teil des Psalms, der mit Vers 26 beginnt und bis zum Ende geht. Auch hier gibt es eine Wende. Es heisst: „Ich will dich preisen in der grossen Gemeinde“ (Vers 26). Die grosse Gemeinde, das sind die Glaubenden in der ganzen Welt. Hier geht die Dimension über die eigene Glaubensgemeinschaft weit hinaus. Und zwar so weit, dass sogar die Verstorbenen darin eingeschlossen sind. "Es werden gedenken und zum Herrn umkehren aller Welt Enden (...) Vor ihm werden die Knie beugen alle, die zum Staube hinabfuhren" (aus den Versen 28-30). Auch diejenigen Menschen, die uns in der Geschichte als Glaubende vorausgegangen sind, gehören in dieses Gebet mit hinein. Soweit zum Aufbau.

Wir merken: der Psalm beginnt zwar mit einer Erfahrung der Isolation („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“). Aber er endet nicht damit. Sondern er geht in die grösste mögliche Weite des Betens und Glaubens hinein.

JESUS BETET DEN PSALM

Wir haben damit den Weg Jesu vor Augen. Jesus betet am Kreuz diesen Psalm, er teilt diese Erfahrung der Isolation mit vielen anderen. Es gibt wahrscheinlich keinen Ort, der so in die Isolation führt wie diese Kreuzeserfahrung. Aber indem Jesus diesen Psalm betet, bettet er seine Isolationserfahrung ein in den Glauben, dass sein Weg

- zur Erhörung führt
- zu den Brüdern und Schwestern in der Gemeinde führt
- bis ans Ende der Welt reicht, also die letzte und grösstmögliche Dimension hat

Man könnte sagen: der Psalm 22 ist auf alle Seiten hin extrem. Extrem in der Isolation und extrem in der Weite. beides miteinander. Gestern habe ich versucht, darauf aufmerksam zu machen, dass die Erfahrung, die der Psalm im ersten Teil beschreibt, befragbar ist, ob der Beter/ die Beterin nicht übertreibt.

Ich glaube ich würde so manchen, der das Gespräch mit mir sucht, daraufhin ansprechen. Es ist im Erleiden der eigenen Not möglich, dass einen die Not zur Übertreibung führt. Das darf auch sein. Denn ich erlebe mich und meinen Weg, den Gott mich führt, als derart extrem, dass ich ihn nur noch so ausdrücken kann, wie der Beter es hier tut. Aber es gibt tatsächlich Erfahrungen im Glauben, die nicht zur Übertreibung gehören, sondern die tatsächlich derart schwerwiegend, derart extrem sind. Das gilt auch für die anderen Psalmen. Es gibt Psalmen, die im Ausdruck des Leidens, der Angst und der Anfechtung, aber auch in der Erfahrung des Jubels, des Lobes Gottes so gross sind, dass ich nicht weiss, ob ich mit meiner Erfahrung da hinein passe.

WENN DER PSALM ‚ZU GROSS‘ IST

Auch ich erlebe Anfechtung. Aber ich muss sagen, dass meine Anfechtung nicht so gross ist, wie sie der Psalm formuliert. Ich erlebe Freude und Jubel, aber so gross wie die Freude und der Jubel im Psalm ausgedrückt wird, ist meine Erfahrung nicht. Das gehört mit zu den Psalmen. Die Psalmen bieten mir eine Sprache an, die grösser ist als meine Erfahrung. Ein Theologe (Fulbert Steffensky) hat einmal die Psalmen mit einem Paar zu grosser Schuhe verglichen. Ich will lieber von einem zu grossen Kleid reden. Es ist, als ob die Psalmen 'Kleider' sind. Die Kleider, die mir angeboten werden, sind ein paar Nummern zu gross. Aber ich ahne, dass ich, wenn ich sie erst einmal anziehe, hineinwachsen kann.

Es ist verhängnisvoll, wenn ich glaube, ich dürfte nur das beten, was meiner jetzigen ‚Kleidergrösse‘ entspricht. Um diese Erfahrung verständlich zu machen, sollte man an die Erfahrung in Gethsemane denken. Jesus bittet drei seiner Jünger, mit ihm zu kommen. Er sagt: „Bleibt hier und wacht mit mir.“ Die Erzählung macht deutlich, dass Jesus seine Jünger damit hoffnungslos überfordert. Sie schlafen ein. Was Jesus in seiner Not braucht und erbittet, ist ‚gross‘. Das ist eine grosse Nummer. In diesen Stunden mit ihm zu beten, ist die Einladung Jesu, an seinem Leiden mit Teil zu nehmen. Auch dann, wenn es im Moment nicht das Leiden der Jünger/ nicht mein Leiden ist.

ANTEILNEHMEN AN DER NOT DER ANDEREN

Psalm 22 ist eine solche Einladung. Es wäre nicht aufrichtig, wenn ich sagen würde, dass Psalm 22 ‚mein‘ Gebet ist. Ich erfahre im Moment nicht, dass Gott schweigt oder dass er mich verlassen hat. Das ist nicht meine Erfahrung.

Aber ich weiss, dass es diese Erfahrung gibt, dass es Menschen gibt, die diese Erfahrung machen. Ich darf im Gebet an die Seite dieser Menschen treten und mit ihnen in ihrer Not mitbeten. Bei mir geschieht das so, dass ich, wenn ich Psalm 22 bete, mir vorstelle, wer das ist. Ich kenne diese Menschen zum Teil nicht, aber ich kann mir gut vorstellen, dass sie in einer psychischen Isolation oder einer menschlichen Isolation an diesen Punkt geraten sind. An dem sie nur noch so beten können. In einem geistlichen Sinn trete ich an die Seite dieser Menschen und bete mit ihnen.

So wünsche ich es mir auch für mich selber. Wenn ich einmal in diese Not gerate, würde ich gern die Erfahrung machen, dass andere auch an meine Seite treten. Hier schliesst sich uns eine Dimension des Betens auf, die manchen Menschen fremd erscheint.

Der Philosoph Blaise Pascal hat viel über Gethsemane nachgedacht. Auf französisch spricht er von l'agonie. ‚Agonie‘ meint den Todeskampf. Pascal sagt, dass Gethsemane, die Agonie Jesu, bis an das Ende der Welt geht. Was meint er damit? In den nicht christlich-jüdischen Vorstellungen ist es so, dass wir Menschen in der Not ‚unten‘ sind. Die Götter sind ‚oben‘ und sind unberührt. Beten heisst dann, dass ich in der Not versuche, diese Götter dort oben zu erreichen, um sie aus ihrer Unberührtheit herauszulocken und sie für meine Not zu engagieren.

ES IST GOTTES LEIDEN

Im jüdisch-christlichen Bereich ist das Denken anders. Auch wenn mancher Christ, manche Christin eher auf heidnische Weise denkt. In den biblischen Erzählungen ist es vor allem Gott, der vom Leiden und der Not seiner Menschen berührt ist. Wenn Menschen hungern und leiden in der Welt, dann ist Gott betroffen.

Es ist zunächst einmal nicht mein Leiden. Es ist sein Leiden. Es ist ja seine Welt, es sind seine Menschen. Das ist es, was Blaise Pascal meint: Mache die Augen auf für das Leiden Gottes an dieser Welt und in dieser Welt.

So kann ich Psalm 22 beten als meinen Versuch, in Gethsemane an die Seite Jesu zu treten. Ich bete dann diesen Psalm zusammen mit ihm. Psalm 22 ist wie kein anderer Psalm der Bibel eine Beschreibung des Leidensweges, wie ihn Jesus geht. Man kennt die Leiden, die in Psalm 22 genannt werden, aus den Evangelien: den Spott, die Menschen, die den Kopf schütteln und sagen: „Gott soll dir helfen, du hast ja auf ihn vertraut“ und die Kleider, um die gewürfelt wird. All das taucht in der Passionsgeschichte auf.

Wichtig ist die Einsicht, dass die Passion nicht etwas ist, was für Jesus nur Vergangenheit ist. Es ist wie Blaise Pascal sagt: Die Agonie Jesu geht bis an das Ende der Welt. Sie zeigt mir die Aktualität von Psalm 22.

Es gibt ein paar Stellen in den Psalmen, die ich für mich als Ausdruck meiner Situation nur schwer beten kann. Ich hatte auf Psalm 73 hingewiesen, einen Psalm, der für mich einige Ähnlichkeit hat. Dort betet der Psalmbeter: „Was immer kommt, will ich ertragen um deinetwillen.“ Ich weiss nicht, ob ich das beten kann. Ich wünsche es mir, dass, wenn es soweit ist, ich in solcher Erfahrung Gott treu sein kann. Aber ich weiss es nicht.


IN GOTTES ANLIEGEN EINSTIMMEN

Soweit zu unserem Psalm 22. Heute Vormittag haben wir eine bestimmte Dimension dieses Psalms kennengelernt. Beten heisst nicht zuerst „für sich zu beten“, sondern beten heisst „Anteil zu nehmen“. Damit beginnt übrigens auch das Vaterunser: Dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe.

Wenn Jesus uns Beten lehrt, lehrt er zunächst das Gebet als Anteilnehmen. Damit öffnet sich mir eine Möglichkeit, Anteil zu nehmen, und das in zwei Richtungen. Zum einen nehme ich Anteil am Leiden Jesu - bis heute. Zum anderen begreife ich die Not dieser Welt als eine Not Gottes. Die Einsamkeit in der Welt begreife ich als eine Einsamkeit Gottes. Den Hunger in der Welt, die Erfahrung von Lieblosigkeit, von Hass und Brutalität usw. begreife ich als Leiden Gottes am Hunger, am Hass, an der Lieblosigkeit. Und dann trete ich an seine Seite, um ihn nicht allein zu lassen. Christliches Beten gibt es nur als solches Anteilnehmen. Wenn ich Anteil nehme an ihm, dann führt mich das hin zu den Brüdern und Schwestern. Darauf kommen wir heute am Nachmittag.


Mittwoch, 19. August 2020
Ulrike schreibt: Ich bin heute mit dem Auto nach Liestal zurückgefahren. In der Kirchgemeinde haben wir morgen nicht-verschiebbare Sitzungen. Wolfgangs Impulse zu Psalm 22 habe ich heute noch gehört. Beide Impulse (4 und 5) beschäftigen sich mit der Wirklichkeitswahrnehmung des Psalmbeters und mit unserer eigenen Wirklichkeitswahrnehmung. Woher weiss ich, dass ich Gott, sein Handeln und meine Lage 'richtig' wahrnehme? Woher weiss ich, dass ich nicht meinen persönlichen Empfindungen, Ängsten usw. aufsitze? ... Den zweiten mehr praktischen Impuls veröffentliche ich dann morgen. Wolfgang nennt Hilfen zur Unterscheidung. Was kann ich dafür tun, nicht mir selbst - meiner inneren Stimme - aufzusitzen und mich täuschen zu lassen? Hier also der erste Impuls:

DIE WIRKLICHKEIT UND MEIN INNERES ECHO

Wir wenden uns einer Frage zu, die das biblische Denken grundsätzlich durchzieht. Wie stelle ich fest, dass das, was ich glaube - wovon ich überzeugt bin - 'wirklich' ist? Was ist Wirklichkeit?

Wir schauen noch einmal die Fotos der Stadt Cordes-sur-Ciel an. Die Stadt liegt auf einem Berg. Man sieht auf den Bildern nur den oberen Teil der Stadt. Der untere Teil der Stadt und der gesamte Berg sind im Nebel verborgen. ... Auf einem anderen Foto beginnt sich der Nebel bereits zu lichten: er wird durchsichtig. Der Betrachter ahnt, dass es im Nebel ‚mehr‘ gibt als er sieht. Vielleicht kennen wir das Dahinterliegende sogar und wissen: Da ist nur für den Moment etwas verdeckt.

Wir schauen weitere Fotos von Cordes-sur-Ciel an. Sie sind zu verschiedenen Tageszeiten gemacht. Die Stadt ist einmal in klares Morgenlicht getaucht, ein anderes Mal in warmes Abendlicht. Auch unser eigenes Leben kann wie in unterschiedliches Licht getaucht sein. Das gilt auch für unsere Beziehung mit Gott. Manchmal ist sie wie von hellem Morgenlicht überstrahlt, manchmal wie in warmes Abendlicht getaucht, manchmal liegt sie versteckt wie im Nebel.

WAS LÄSST SICH ERZÄHLEN?

Im Hebräischen legt man Wert auf die Frage: "Was geschieht wirklich?" Heisst: Was lässt sich erzählen? Es gibt Vorgänge, die ‚draussen‘ sind, und es gibt mein inneres Echo auf diese Vorgänge. Wolfgang rät, sich nicht zu sehr auf sein inneres Echo einzulassen. Es sagt mir nicht das Entscheidende über die Wirklichkeit. Wesentlich ist das, was draussen geschieht, was auch von anderen wahrgenommen und erzählt werden kann.

Manche Menschen haben eine sehr scharfe Wahrnehmung davon, was draussen vorgeht. Andere sind sehr scharf im Wahrnehmen dessen, was in ihrem Inneren vorgeht. Im seelsorgerlichen Gespräch kommt es dann oft zur Frage, was denn 'wirklich' ist. Welches Gewicht muss ich den äusseren Vorgängen geben und welches Gewicht soll mein inneres Empfinden haben?

Wie geht man zum Beispiel damit um, wenn das eigene innere Echo im Moment nur ‚Nebel‘ wahrnimmt? Wenn man aber weiss: Da war einmal etwas. Man fragt sich: Ist das immer noch so? Gibt es das noch und ist es im Moment bloss verdeckt?

WOHER WEISST DU DAS?

Der Psalmist betet: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.“ (Psalm 22,2) Wir können die Rückfrage an den Beter stellen: Woher weisst du, dass Gott dich verlassen hat? Ist das eine Wahrnehmung oder ist das dein persönliches Empfinden, dein inneres Echo? Das ist nicht leicht zu unterscheiden.

Der Psalmbeter fährt fort und gibt die Antwort (Vers 3): „Ich rufe, aber du gibst keine Antwort.“ Dass er keine Antwort bekommt, ist eine Wahrnehmung und kein Empfinden bzw. inneres Echo.

WIE KANN ICH UNTERSCHEIDEN?

Wie kann ich Wahrnehmung und inneres Echo/Empfinden unterscheiden? Woher weiss ich, wer Gott ist und was er tut? Und woher weiss ich, was mein inneres Empfinden ist? Wir sind in unserer Kultur sehr daran gewöhnt, auf unser inneres Empfinden zu hören. Wir fragen uns: Welchen Eindruck macht ein Mensch auf mich? Gefällt mir etwas, spricht es mich an? usw. Wir schliessen aus unserem inneren Echo, was 'wirklich' ist.

Die biblischen Berichte erziehen uns in dieser Hinsicht zu Vorsicht und sogar zur Kritik. Das hebräische Denken ist in dieser Hinsicht radikal: ‚Wirklich‘ ist das, was du wahrnehmen kannst, was auch andere wahrnehmen, was du miteinander teilen kannst.

Die alttestamentlichen Propheten sind in einer schwierigen Position, weil sie ihre Wahrnehmung nicht teilen können. Sie sehen bzw. hören etwas, was die anderen so nicht sehen bzw. hören. Die Propheten gehen darum zurück zu Gott und er bestätigt ihnen ihre Wahrnehmung. Wenn ich in meinem Sehen alleine bleibe, heisst das nicht, dass es nicht Wirklichkeit sein kann. Es wird dann aber schwierig.

Wolfgang lädt ein, den Psalm 22 auf die Aussagen des Beters hin zu lesen und eine Unterscheidung zu versuchen

- Was davon ist wahrnehmbar?
- Was davon ist sein inneres Echo?

Es ist zum Beispiel die Wahrnehmung des Beters, dass Menschen ihn verspotten, das Maul aufsperren und den Kopf schütteln (Vers 8). Das werden ihm auch andere Menschen so bestätigen. Wenn er aber sagt „Ich bin ein Wurm und kein Mensch“, dann ist das sein Empfinden/ sein inneres Echo. Oder: Es ist eine Wahrnehmung, dass die anderen seine Kleider unter sich teilen und das Los um sein Gewand werfen (Vers 19). Wahrnehmungen solcher Art machen Menschen heute in gleicher Weise.

MEIN EMPFINDEN AN DEM FESTMACHEN, WAS GESCHIEHT

Wir fragen also wieder: Woher weiss der Beter von Psalm 22 von Gott und seinem Tun?

(1) Er weiss von Gott aus seiner eigenen, früheren Erfahrung, seiner Wahrnehmung, die er oft mit anderen Menschen geteilt hat.
(2) Er weiss von Gott durch die Väter. Im Lesen der Bibel bekommen wir Anteil an dem, was die Mütter und Väter des Glaubens wahrgenommen haben. Sie haben auf Gott gehofft, sich haben sich mit Gott „verklebt“ (Vers 5). Auch ihnen gibt ihr Inneres ein Echo, selbstverständlich. Aber sie begründen es und erzählen: Dies und jenes ist geschehen und darum empfinde ich so.

Die Bibel ist kein Buch, das zu guten Empfindungen anleiten will. Wir sollen vielmehr lernen, unser Empfinden an dem fest zu machen, was tatsächlich geschehen ist.

DIE LOBGESÄNGE ISRAELS

In Vers 4 heisst es: „Aber du bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.“

- ‚Heilig‘ meint, dass etwas grundsätzlich anders ist.
- Du thronst, heisst wörtlich: du sitzt. Du hast dich dauerhaft niedergelassen (jaschab)
- Im Hebräischen steht nicht 'auf' und nicht 'über'. Sondern da steht: „Du (bist) heilig, thronend – die Lobgesänge Israels.“

Man stellt sich vielleicht vor, dass Gott 'auf' den Lobgesängen wie auf einer Wolke sitzt. Aber das steht nicht da. Der Satz ist rätselhaft. Wolfgang bietet sein eigenes Verständnis an:

Im Alten Testament ist die Frage von Bedeutung, wo Gott wohnt. Darum: Wohnt Gott in den Lobgesängen Israels? Wolfgang: Die Lobgesänge Israels erzählen mir von Gott und seinem Handeln. Ich lausche auf die Lobgesänge Israels. Der Psalmbeter lauscht auf die Lobgesänge Israels. Wir sind eingeladen, in sie einzustimmen.

Die Lobgesänge erzählen nicht meine Erfahrung, auch nicht mein Empfinden davon, wer Gott ist. Die Lobgesänge erzählen von den Vätern und Müttern des Glaubens. Sie erzählen von dem, was diese wahrgenommen haben - miteinander und als einzelne. Die Lobgesänge Israels sind keine protokollarischen Mitschriften. Sie sind eine glaubende und lobende Stellungnahme. Sie erzählen davon, wie es zugegangen ist: wie sich die Väter und Mütter „festgemacht“ haben und „verklebt“ worden sind mit dem Gott Israels (Vers 5). Auch die Väter haben den Glauben an Gott lernen müssen.

ES MUSS NICHT DURCH EIGENE ERFAHRUNG GEDECKT SEIN

Wolfgang sagt, dass wir uns frei davon machen sollen zu meinen, alles müsse unser eigenes Echo sein, damit es ‚wirklich‘ ist. Viele von uns haben vieles von dem, was die Väter Israels erfahren haben, nicht selbst erfahren. Aber wir stimmen in den Lobgesang Israels mit ein. Das sollen wir auch, dazu lädt uns der Lobgesang ein.

Wenn Gott so beschaffen wäre, wie er in meinem kleinen persönlichen Echo vorkommt, dann könnte mein Glaube davon nicht leben. Es kann Zeiten im Leben geben, wo es im Innern kein Echo mehr auf Gott und sein Handeln gibt. Wir sollten nicht meinen, das unser eigenes Echo die Wirklichkeit erzählt. Es sind die Lobgesänge Israels, die die Wirklichkeit erzählen.

Frage: Was ist, wenn eine Glaubensgemeinschaft heute viele persönliche Erfahrungen mit Gott macht? Wenn sie viel inneres Echo haben? Können sie sich darauf beziehen und davon leben? Wolfgang meint, dass auch das Echo, das ein starker Jubel ist, daraufhin befragbar sein muss, ob es der Wirklichkeit entspricht. Stimmt es mit dem überein, was die Lobgesänge Israels uns erzählen?


Dienstag, 18. August 2020
Ulrike schreibt: In Rasa scheint die Sonne, aber es ist kühler als in Liestal. Sehr angenehm. Wolfgang hat den zweiten und dritten Impuls zu Psalm 22 gegeben. Ich stelle Ihnen und euch meine Mitschrift zur Verfügung.

Wir haben festgestellt, dass wir unseren Blick auf die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft richten können. Es geht dabei nicht darum, dass die eine Blickrichtung besser wäre als die andere. Es geht nicht um 'richtig' oder 'falsch'. Sondern um die Frage: Was bringt mir der Blick auf meine gegenwärtige Situation? Und was kann dieser Blick nicht leisten?

Wir erinnern uns: In Psalm 73 sagt der Betende: „Beinahe wäre ich gescheitert. Denn ich sah, dass es den Gottlosen gut geht“ (Vers 2f). Da passiert etwas mit ihm. Er ist versucht, seine gegenwärtige frustrierende Erfahrung für das Endgültige zu halten. Das ist sein Fehler. Die gegenwärtigen Erfahrungen sind da – die Gegenwart hat im Hebräischen einen starkes Gewicht. Aber sie ist nicht das Endgültige. Was ist es, das dem Betenden in seiner Anfechtung hilft? Er tritt in das Heiligtum und sieht "auf ihr Ende" (Psalm 73,17).

Manchmal entwickeln wir aufgrund einer gegenwärtigen Erfahrung eine innere Vorstellung davon, wohin unser Weg uns führen wird. Zum Beispiel: Weil jetzt eine bestimmte Sache gut geht, wird Gott es immer so mit mir machen. Das kann ein Irrtum sein: das jetzige Erleben für das Bleibende zu halten.

JESU GEBET AM KREUZ

Jesus betet am Kreuz den ganzen Psalm 22. Wolfgang fragt, warum so viele Christinnen und Christen die "Verlassenheit Jesu" in der Vordergrund stellen. Warum hat sich in der Tradition der Ruf der Verlassenheit dermassen festgeschrieben? Zum einen beginnt dieser Satz – nämlich Vers 2 – nicht mit der Verlassenheit. Er beginnt mit der Anrede an Gott: „du, mein Gott“. Wie würden wir die Kreuzigungsgeschichte erzählen, wenn wir unser Hören auf Jesu Anrede richten: „Du, mein Gott“? Jesus ist am Kreuz im Gespräch mit seinem Gott.

Zum anderen beginnt der Psalm 22 mit Verlassenheit und Verzweiflung, aber er endet nicht damit. Der Psalm mündet dahinein, dass viele Menschen kommen und Gott für das loben, was er getan hat. Wenn der ganze Psalm gelesen sein will: Warum lesen so viele Christinnen und Christen die Kreuzigungsgeschichte nicht „vom Ende“ des Psalms her? Vom gemeinsamen Lob der Völker für diese besondere Tat Gottes?

"MEIN GOTT" - WIE SPRICHT SICH DAS AUS?

Wolfgang lädt ein, die Aussage „mein Gott“ im Innern zu bewegen und klingen zu lassen. Er fragt, ob die Anrede "mein Gott" uns vertraut ist. Oder ist sie uns fremd? Spielt diese Anrede in unserem Gebetsleben eine Rolle? Vielleicht kann man einen Spaziergang machen und Gott dabei auf diese Weise anreden, immer wieder. Was löst das bei mir aus? Was bleibt? Klar ist, dass es um etwas Ungeheures geht: Gott ist Schöpfer dieser Welt. Und der Mensch redet ihn an: „Mein Gott“.

MIT GOTT REDEN

Der Psalmbeter spricht nicht über Gott – in der dritten Person -, sondern er spricht mit Gott. „Warum hast du – mein Gott – mich verlassen?“ (Vers 2) Er sucht sich nicht eine Gruppe von Menschen, Freunde usw., um mit ihnen über seine Not mit Gott zu reden. Er redet direkt mit Gott darüber.

Jesus redet mit Gott über seine Not des Verlassenseins. Er erfährt die Verlassenheit, aber das Gespräch bricht nicht ab. Wie ist das mit meinem Gespräch mit Gott? Wie ist das mit Gesprächsabbrüchen? Vielleicht nehme ich die gar nicht wahr.

WENN ES ANDERS IST ALS FRÜHER

Der Beter von Psalm 22 ruft aus seiner Verlassenheit um Hilfe. Er bekommt – am Tage – keine Antwort und in der Nacht findet er keine Ruhe (Vers 3). Der Beter kennt es aber anders. Er kennt es aus seinem bisherigen Leben so, dass er Antwort bekommt und dass er zur Ruhe findet. Aber jetzt ist es nicht mehr so. Was er aus seiner Erfahrung kennt, tritt jetzt nicht ein. Das ist seine Gegenwart. Er weiss: Gott kann reden, er kann helfen, er kann befreien. Aber jetzt ist er in einer Situation, in der Gott ihm nicht antwortet, sondern fernbleibt.

Wolfgang lädt ein, dabei stehen zu bleiben. Das, was wir hier hören, gehört zu den Grunderfahrungen biblischen Glaubens. Die Not des Psalmbeters ist nicht alltäglich. Aber sie gehört zu den Grunderfahrungen biblischen Glaubens. Wir lernen: Gott ist 'da', auch wenn er in meiner gegenwärtigen Erfahrung 'nicht da' ist. Wir lernen: Gott ist 'gut', auch wenn seine Güte für mich gegenwärtig nicht erfahrbar ist.

LERNEN WIR ZU GLAUBEN – ODER WOLLEN WIR NUR SCHNELL RAUS?

Im Hebräerbrief heisst es, dass Jesus seinen Brüdern und Schwestern gleich werden musste, um Barmherzigkeit zu lernen. Um ihnen - das heisst auch 'uns' - dienen zu können. „Daher musste der Sohn in allem seinen Brüdern gleich werden, auf dass er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen die Sünden des Volkes" (Hebräer 2,17). Das war ein Lernprozess. Diesen Weg des Lernens gehen wir als glaubende Menschen mit Jesus mit. Wir lernen zu glauben: und zwar auch dann, wenn die Gegenwart anders aussieht, als wir es uns im Glauben wünschen.

Jeder von uns kennt Menschen, die aus einer Situation der Verlassenheit und der fehlenden Hilfe „nur schnell heraus“ wollen. Das aber geht nicht. Was wir tun können, ist, mit Gott über unsere Verlassenheit und die fehlende Hilfe zu reden.

DAS VERGANGENE ERINNERN

Der Psalmbeter weiss von früher her, dass Gott ihm antwortet. Er kennt es, dass es nachts ruhig wird in ihm. Jetzt aber ist es nicht so. Damit sind wir beim Phänomen der Vergangenheit. Die Vergangenheit birgt einen Schatz an guten Erfahrungen mit Gott. Den brauche ich, wenn meine Gegenwart plötzlich anders auf mich zukommt.

Es ist aber nicht nur der Schatz der eigenen Erfahrung, den wir brauchen. Es sind die biblischen Zeugen, die mich in die Erfahrung herein nehmen, wie Gott mit Menschen umgeht. Sie erzählen: „So macht es Gott." Und sie sagen: "So macht es Gott nicht.“

„Unsere Väter hofften, und als sie hofften, halfst du ihnen heraus.“ (Vers 5) Das Wort hoffen, heisst eigentlich „sich festmachen“. Im Deutschen wird es oft mit „glauben“ übersetzt. Wörtlich heisst es: Unsere Väter machten sich an dir fest.

Man kann sich zwei Stück Holz vorstellen, die aneinander geleimt werden. Wenn das Holz übermässig belastet wird und bricht, dann bricht es nicht an der geleimten Stelle. Es ist so fest, dass es dort nicht mehr bricht. Die geleimte Stelle bleibt zusammen. Es ist das Zeugnis der Väter und Mütter im Glauben, dass ihre Verbindung mit Gott so fest ist, dass sie nicht brechen wird.

ES IST EIN LERNEN

Der Psalmbeter hat also mit seiner eigenen gegenwärtigen Erfahrung begonnen. Er steht dazu, er macht sich selbst nichts vor. Das Gebet ist nicht der Ort, an dem 'schön geredet' wird. Das Gebet ist der Ort, an dem 'wahr geredet' wird. Nun hält der Beter seine Gegenwart zusammen mit der Erinnerung der Väter und Mütter im Glauben. Das ist ein Lernen. Ich lerne: So wie ich meine Gegenwart erfahre – dass Gott mir nicht antwortet – ist es nichts das letzte. In meiner Verzweiflung könnte ich denken, dass es nicht weitergeht mit mir.

Darum brauche ich das Zeugnis der Väter und Mütter im Glauben. Kenne ich Menschen, die mir nichts vormachen? Die mir sagen: „Das gibt es wirklich, aber es ist nicht das letzte“? Sie bezeugen mir, dass es ein „Zusammen-geleimt-sein“ mit Gott gibt, das nicht mehr auseinander bricht.



Montag, 17. August 2020
Ulrike schreibt: Heute haben die Schweige-Exerzitien in Rasa - im Tessin - begonnen. Die Teilnehmenden sind alle gut angekommen. Das kommt mir in diesem Corona-Zeiten gar nicht selbstverständlich vor.

Wolfgang lädt in diesen Tagen zur Betrachtung von Psalm 22 ein. Für die Vorstellungsrunde hat er eingeladen zu sagen - wenn man möchte -, was die Anrede "mein Gott" (Vers 2) in einem auslöst. Der Psalmbeter, die jüdische Gemeinde und dann auch Jesus reden Gott auf diese Weise an: "mein Gott, mein Gott".

AUFSTIEG DURCH DEN NEBEL

Die Teilnehmenden haben ein sehr schönes Foto mit einer Stadt auf einem Berg bekommen. Der Berg ist in Wolken getaucht, so dass man den Aufstieg zur Stadt nicht sehen kann. Erst die mittelalterliche Stadt selbst schaut oben aus den Wolken heraus. In dieser Stadt waren Wolfgang und ich übrigens wirklich einmal, sie heisst Cordes-sur-Ciel. Wolfgang nennt die Stadt, deren Berg von Wolken umhüllt ist, ein Bild für einen Ort der Ruhe. Die Beziehung zu Gott ist zur Ruhe gekommen und klar geworden und auch die Beziehung zu mir selbst.

MIT DEM ANFANGSSATZ IST ALLES GEMEINT

Jesus hat den Psalm 22 am Kreuz gebetet. Dieses Gebet ist so wichtig, dass es im Neuen Testament auf aramäisch überliefert ist. Viele heutige Leser/innen des Psalms meinen, dass Jesus nur den ersten Satz des Psalms gebetet hat: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen." Es ist aber anders gemeint.

Mit dem Zitieren des ersten Satzes ist der ganze Psalm gemeint. In der Antike und bis ins Mittelalter hinein hat man den Anfangssatz genannt, wenn man einen Textabschnitt oder ein literarisches Werk gemeint hat. Kein literarisches Werk der Antike hat einen Titel; man kennt und zitiert die Eingangsworte. Das erste Buch Mose beispielsweise heisst "Be'reschit" ("Am Anfang").

Wir können davon ausgehen, dass Jesus am Kreuz nicht nur den ersten Satz von Psalm 22, sondern den ganzen Psalm 22 gebetet hat. Der Ruf "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen" erzählt davon, wie es dem Betenden, gegenwärtig geht. Hier wird vom gegenwärtigen Abschnitt eines Weges erzählt und nicht vom Ende des Weges. Der Psalm 22 - und damit auch der Weg des Betenden - endet anders. Da heisst es zum Beispiel: "Ich will von deinem Namen meinen Brüdern erzählen. Inmitten der grossen Versammlung will ich dich preisen" (Vers 23). Das, was Gott getan hat, wird einem Volk erzählt werden, das noch geboren wird. (Vers 32)

Wenn wir es mit Gott zu tun haben, haben wir es im hebräischen Denken immer mit einem Weg zu tun. Auf einem Weg treten drei Aspekte in Erscheinung:

Wie hat der Weg begonnen?
Wo stehe ich jetzt?
Wohin führt mich der Weg?

Wolfgang meint, dass die Frage "wie es mir jetzt geht", nicht aus dem Moment heraus zu beantworten ist. Wie es mir wirklich geht, sehe ich, wenn ich es vom Ziel, vom Ende her sehe. Ich muss meinen Weg verstehen und wissen, wohin er mich schliesslich führt. Wie wird er enden? Wolfgang macht das von Psalm 73 her deutlich. Mit Blick auf seinen gegenwärtigen Zustand ist der Psalmbeter verzagt. Es geht ihm nicht gut. Während die Gottlosen "jetzt" ein gutes Leben haben, wird es beim ihm, der sich so sehr um Gott bemüht, "jetzt" immer schlechter. Was hilft dem Betenden? Er "ging hinein in das Heiligtum Gottes und sah auf ihr Ende" (Psalm 73,17). Er findet Klarheit und Ruhe, indem er vom Ende her aufs Leben schaut.

DREI MÖGLICHKEITEN, DEN EIGENEN LEBENSWEG ANZUSCHAUEN

Es gibt drei Möglichkeiten, den eigenen Weg anzuschauen. Wolfgang fragt, wovon wir anderen Menschen am liebsten erzählen - auch in Bezug auf unser Unterwegssein mit Gott? Von dem, was wir bereits erfahren haben? Von dem, was gerade ist? Von dem, was wir schlussendlich erwarten?

- Wie hat es angefangen? Ich sehe auf die Vergangenheit. Wie war das bei mir? Wie hat der Weg Gottes mit mir begonnen? Ich erzähle die vergangene Geschichte.
- Was liegt drin? Ich sehe auf den Moment. Vielleicht gibt es da viel Beglückendes. Zum Beispiel die Erfahrung dessen, was mir alles anvertraut ist. Oder es gibt vielleicht viel Schweres und mir Unverständliches. Der Moment kann sich sehr unterschiedlich darstellen.
- Was ist versprochen? Ich sehe auf das Ende. Am Ende zeigt sich, wie es gemeint war. Wie das, was ich jetzt erfahre, gemeint war.

Der Blick zurück auf den Anfang und hinein in den Moment hat seinen Wert. Aber ich darf mich nicht dazu verleiten lassen, das Gegenwärtige für das Ziel zu halten. Auf das Ziel müssen wir warten. Der Ruf "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen" (Vers 2) ist ein Blick auf das Gegenwärtige. Er wird aber erst vom Ziel her verstanden.


Sonntag, 16. August 2020
Mit der heutigen Predigt »SEHEN UND BLINDHEIT« hat Ulrike wie angekündigt die Erzählung von der Heilung des Blinden (vom 2. August) aufgenommen und weiter geführt: Johannes 9,13-41. Wer ist eigentlich blind? Wer kann sehen? Wie wird man sehend? So einfach, wie das klingt, ist es nicht …

Die Predigt kann man gleich hier anhören und herunterladen:



Ulrike schreibt: Hier hat mir ein Gemeindemitglied ihre Gedanken/ Beobachtungen zur Predigt geschrieben. Danke dafür!! Ich denke, dass sie für den einen oder anderen sehr anregend sind:

"Ich habe dreimal etwas Neues gelernt:

- Erstens, dass es einen Israelsonntag gibt,
- zweitens, dass die Pharisäer Laien waren – also eine Art „Besserwisser“ aus dem Volk ;-)
- drittens, dass der Sabbat ein Vorfreudenfest für die kommende Welt ist. Ich weiss, dass der Sonntag aus Freude über die Auferstehung Jesu Christi gefeiert wird, aber er könnte noch schöner sein, wenn ich auch an das ewige Leben im Himmelreich denken würde. Das ist mir bis jetzt noch nie in den Sinn gekommen.

Das Wörtchen „fand“ (Johannes 9,35) hätte ich völlig überlesen – so schön, was du daraus gemacht hast!

Die Stelle „und er betete ihn an“ passte für mich nicht richtig; es fühlte sich an wie Götzenanbetung, bis du sagtest, dass dieses Wort ursprünglich bedeutet „sich der Länge nach hinzuwerfen“. Das wirkt auf mich viel demütiger.

Über den letzten Teil habe ich noch lange mit anderen diskutiert. Wir sind zum Schluss gekommen, dass nur Jesus oder Gott entscheiden kann, wer blind und wer sehend ist. Wenn wir das Gefühl haben, ein Mensch sei auf überhebliche Art sehend – d.h. in Gottes Augen blind - dann sind wir vielleicht genau wie die Pharisäer solche Sehende, die blind sind, weil wir nicht erkennen können, wie GOTT diesen Menschen sieht."

Ich danke für die sorgfältigen Beobachtungen und Ergänzungen! Wiederum eine Reaktion von mir: Die Pharisäer sehe ich deutlich positiver als du. Sie sind Menschen, die sich um das Kommen des Reiches Gottes mühen. Sie wollen ja, dass der Messias/ der Christus endlich kommt. Und sie versuchen - so gut sie es können - das Volk darauf vorzubereiten. Jesus hat sie ernst genommen. .... Und dann würde ich sagen, dass die "Hoffnung auf die Erneuerung von Himmel und Erde" mit "Leben im Himmelreich" etwas missverständlich formuliert wird. Es geht wirklich um eine Neuschöpfung, die mit dem Kommen Jesu bereits begonnen hat.


Donnerstag, 13. August 2020
Ulrike schreibt: Gestern wurde ich an meine eigene Jugend erinnert. Laetitia, die mein Patenkind ist, ist mit ihrer Freundin zum Campen in der Schweiz und sie haben einen Halt bei uns in Liestal gemacht. Als ich damals mit 19 Jahren meinen Führerschein gemacht habe, sind meine beste Freundin und ich auch in den Urlaub gefahren. Und zwar nach Amsterdam. Aus dem einfachen Grund, dass man von Berlin aus immer nur geradeaus fahren muss ... Das erschien uns als machbar :-)

Gestern hatten wir zwei Bibelgesprächskreise in der Gemeinde. Ein Kreis beginnt jetzt - nach den Sommerferien - mit der Lektüre des Philipperbriefs, der andere mit dem Römerbrief. Die Teilnehmenden hatten mich eingeladen, eine Einführung in den Römerbrief zu geben. Ich habe für mich selbst zuvor die ersten Kapitel gelesen und dann einen Abschnitt aus Kapitel 3 für den gemeinsamen Einstieg gewählt - gleich ins Zentrum.

Gestern war ich - als Vertreterin des Seelsorgeteams - eingeladen zur Sitzung des Palliative Care Teams im örtlichen Pflegezentrum Brunnmatt. Ich finde es interessant und bereichernd, die Fragen/ Herausforderungen anderer Berufsgruppen im Blick auf den Umgang mit alten und sterbenden Menschen kennenzulernen. Heute Vormittag bereiten wir mit einigen Pastoren in einem übergemeindlichen Treffen einen Weiterbildungs-Nachmittag für eben dieses Pflegzentrum vor.

Vorher haben wir heute noch unsere "eigene" Pfarrteamsitzung, die erste nach den Ferien. Danach bin ich mit einer jungen Frau für ein Kircheneintrittsgespräch verabredet. Am Nachmittag feiere ich Gottesdienst im Pflegezentrum Brunnmatt. Einer der Senioren, die dort wohnen, wird Geige spielen und hat bereits mit der Organistin geprobt. .... Bei den meisten Sachen in diesen Tagen muss man sagen, dass es voraussichtlich so sein wird. Ob Weiterbildungen tatsächlich stattfinden (wegen Corona), ob der demente Mann tatsächlich spielen wird, ob ..... , das weiss ja niemand. Ich stelle mich langsam darauf ein, dass manches vielleicht auch anders sein/ kommen wird.

Am Sonntag feiern wir in der Stadtkirche Liestal um 9.30 Gottesdienst und um 11 Uhr in Seltisberg. Beide Male werde ich über den Schluss von Johannes 9 predigen:

"Jesus hörte, dass sie ihn ausgestoßen hatten. Und als er ihn fand, fragte er: Glaubst du an den Menschensohn? Er antwortete und sprach: Herr, wer ist's, auf dass ich an ihn glaube? Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn ja gesehen, und der mit dir redet, der ist's. Er aber sprach: Herr, ich glaube. Und er betete ihn an.

Und Jesus sprach: Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, auf dass die da nicht sehen, sehend werden, und die da sehen, blind werden. Das hörten einige der Pharisäer, die bei ihm waren, und sprachen zu ihm: Sind wir denn auch blind? Jesus sprach zu ihnen: Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; weil ihr aber sagt: Wir sind sehend, bleibt eure Sünde." Die Frage ist bis heute spannend: Reicht es zu meinen, dass man sehen kann? Wer kann es wirklich? Wer ist tatsächlich blind?

Um 18 Uhr ist dann unsere monatliche Abendfeier in der Stadtkirche. Wir betrachten Lukas 6,27-33: "Segnet, die euch fluchen." Und wir feiern im Chorraum der Kirche in grosser Runde das Abendmahl – natürlich mit genügend Abstand und mit Einzelkelchen. Herzliche Einladung!


Mittwoch, 5. August 2020
Ulrike schreibt: Wolfgang und ich bereiten verschiedene Veranstaltungen vor. Für Wolfgang beginnen am 17. August die Schweige-Exerzitien zu Psalm 22 in Rasa. In der zweiten Woche (ab dem 22. August) gibt es noch einige freie Plätze.

Wolfgang und ich haben es in dieser Woche ruhig und ich finde das sehr schön. Ich gehe regelmässig ins Freibad nach Rheinfelden. Gestern und vorgestern war ich wegen der niedrigen Temperaturen und des Regens zeitweise der einzige Badegast. Das ist wunderbar, bei Regen zu schwimmen, wenn das Wasser von unten und von oben kommt. Im Hintergrund fliesst der Rhein, der jetzt Hochwasser hat, und die Gänse, erobern sich die Liegewiesen zurück, sobald die Menschen ausbleiben.

Heute Abend sind wir zum Ferienausklang mit einem unserer Bibelgesprächskreise in einem Freiluftlokal im Baselbiet. Eigentlich stehen da nur ein paar Tische und Stühle unter grossen Bäumen und ein Kühlschrank, aus dem man sich mit Getränken und Desserts bedienen kann. Der "Ideengeber" für heute bestellt am Abend Pizza für alle. Ich freue mich auf das Zusammensein an diesem schönen Ort.


Sonntag, 2. August 2020
Johannes 9,1-12 war der heutige Predigttext: Die Heilung eines Blinden. Vertieft man sich in diesen Bericht merkt man schnell, dass es sich dabei um Weltliteratur handelt. Es sind elementare und vielschichtige Lebensfragen, die hier aufgeworfen werden: Wer ist schuld? Wer hat geheilt? — Wie gut, dass es in zwei Wochen (also 16. August) mit demselben Bibel-Abschnitt weiter gehen wird.

Die Predigt kann man gleich hier anhören und herunterladen:




Mittwoch, 29. Juli 2020
Ulrike schreibt: Sommerferienzeit ist immer auch Vorbereitungszeit. Heute haben wir uns als Leitungsteam der Gruppe Matthäus 11:28 getroffen. In dieser Gruppe sind Menschen miteinander unterwegs, die in irgendeiner Weise in einer «schweren Lebenslage» sind: das kann eine Krankheit sein, der Verlust eines nahen Menschen o.ä.. Wir haben also die zweite Jahreshälfte geplant und eine Probeeinheit vorbereitet. Wir werden den Brief des Paulus an die Gemeinde in Philippi lesen und dazu - als Hilfe - die Predigten von Christoph Ramstein lesen: Im-Leben-Sterben-Philipperbrief-ausgelegt Ramstein - der ja lange mein Kollege im Baselbiet war - schreibt sorgfältig und lebensnah.

Heute am Abend kommen - wie auch in der letzten Woche - einige Menschen zum Bibellesen zu uns nach Hause. Wegen der Corona-Krise teilen sich die Gruppen, aber wir treffen uns weiterhin. Wir lesen heute miteinander Johannes 9,1-12. Das ist der Predigtabschnitt für den kommenden Sonntag in der Stadtkirche Liestal (9.30 Uhr) und in Seltisberg (11 Uhr). Jesus heilt einen Blinden. Die Geschichte ist grossartig. Es scheint ein Zufall zu sein, dass gerade dieser blinde Mann geheilt wird:

«Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?»

Der blinde Mann ist Auslöser und Gegenstand einer Frage. Die Jünger sind interessiert, wie es sich verhält. Wie ist der Zusammenhang zwischen unserem Tun - oder dem Tun unserer Vorfahren - und unserem jetzigen Leben?

Wir wissen alle, dass unser Tun Folgen hat. «Was der Mensch sät, das wird er ernten.» Oder: «Wie du in den Wald hineinrufst, so schallt es heraus.» Diese Zusammenhänge zur Kenntnis zu nehmen, fällt unter Lebensweisheit. Das ist nichts Religiöses.

Hier in der Geschichte ist die Frage eine andere: Kann man vom «Zustand» eines Menschen darauf schliessen, dass er seinen Zustand (mit) verursacht hat? Hier sagt Jesus ein klares «Nein». Dieser Rückschluss ist nicht möglich. «Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern.» Vor solchen Rückschlüssen wird bereits im Alten Testament gewarnt: in den Psalmen, in der Person der Naomi (im Buch Ruth), in der Person des Hiob. Es kann einen Zusammenhang geben; aber es muss ihn nicht geben.

Interessanterweise nimmt Jesus die Krankheit des Blinden nicht einfach zur Kenntnis. Mit einem bedauernden «Das ist halt so» und einem Verweis auf die beschädigte Schöpfung, die gefallene Welt. Jesus stellt nicht einfach einen Zustand fest. Er verändert ihn. Er schafft Neues. Jesus sagt: An diesem Menschen soll etwas sichtbar werden. «Es sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden.» (Joh 9,3) Offenbar werden heisst sichtbar werden. Man soll Gottes Handeln am Leben dieses Menschen wahrnehmen.

Sollen die Werke Gottes nur an diesem einen blinden Menschen offenbar werden? Nein, sie sollen an jedem von uns sichtbar werden. Auch an mir und an dir. Dazu ist Jesus in die Welt gekommen: dass an uns und mit uns etwas Neues beginnt. Weil mit dem Kommen Jesu etwas bleibend Neues begonnen hat. Die neue Schöpfung bricht mit dem Kommen Jesu - und explizit mit seiner Auferweckung von den Toten - an. Das soll man an dem jetzt noch blinden, bald aber sehenden Mann entdecken. Das soll man an uns als Gemeinde in Liestal-Seltisberg wahrnehmen.


Freitag, 24. Juli 2020
Ulrike schreibt: Wolfgang und ich lesen seit einigen Wochen die beiden Briefe des Petrus an die Gemeinden in Kleinasien. Es sind Briefe an Menschen, die in der ‹Zerstreuung›, in der Diaspora, leben. Petrus antwortet auf die Frage: Wie lebt man als Christin, als Christ, als kleine Gemeinde in einer überwiegend ‹heidnischen› Gesellschaft? Einer Gesellschaft, die eigenen Gesetzmässigkeiten und ihrer eigenen Dynamik folgt?

Wolfgang und ich möchten den ersten Petrusbrief - so wie wir es von März-Juni mit der Offenbarung getan haben - mit euch gemeinsam lesen. Per WhatsApp und über unsere Homepage. Vielleicht können wir uns diesmal noch mehr als Gemeinschaft verstehen - als Christen, die sich für einige Woche miteinander auf den Weg machen. Wir geben euch den Startpunkt rechtzeitig bekannt.

In unserer Kirchgemeinde in Liestal bin ich jeden Tag zu Besuchen unterwegs. Es sind nicht viele Veranstaltungen, so dass ich Zeit für Besuche habe. Ich glaube, dass Menschen sich vor allem nach Barmherzigkeit sehnen. Dass jemand gut mit ihnen umgeht, und nicht noch mehr oder neue Forderungen an sie stellt. Ich finde es ein grosses Vorrecht, mit Jesus unterwegs zu sein und den Glauben an Jesus mit anderen Menschen zu teilen.

Am letzten Wochenende haben Wolfgang und ich übrigens unseren 19. Hochzeitstag gefeiert. Wir waren in Solothurn, das wir beide sehr mögen. Direkt am Ufer der Aare sind mehrere Lokale und wir haben einen freien Tisch gefunden und dort zu Mittag gegessen. Mit Blick auf das dunkelblaue Wasser und einige Schwimmer, die sich flussabwärts treiben liessen. Die Sonne knallte nur so vom Himmel und es war eine leichte Stimmung wie in Südfrankeich oder Spanien. Auf dem Rückweg sind wir durch Wangen a.d.Aare gefahren, wo wir geheiratet haben.


Freitag, 17. Juli 2020
Ulrike schreibt: Hier ist sie: die Einladung zu unserer Israelreise im nächsten Jahr. Wie manche von euch wissen, war ich im November 2019 in Israel und habe daraufhin Assaf Zeevi gefragt nochmals mit «unseren» Leuten - das seid ihr! - diese Orte anzuschauen.

Wir besuchen bekannte Orte (Beersheba, Bethlehem, Jerusalem, Kapernaum, Megiddo, Nazareth), sowie eine Reihe von Landschaften und Orten, die selten in einem Reiseprogramm vorkommen (Maon, Gilgal, Bethel, Schilo, Garizim, Sichem). Auch wer Israel gut kennt, wird Neues entdecken.

Als christliche Gemeinschaft beginnen und beenden wir die Reisetage mit einem Lob Gottes. Assaf Zeevi stellt die historischen, archäologischen und biblischen Bezüge vor Ort her. Inhaltliche Fragen zur Reise könnt ihr/ können Sie gern an Wolfgang und mich richten. Für alles, was die Organisation und die Anmeldung betrifft, ist Kultourreisen der Ansprechpartner.

Wir sind uns bewusst, dass wir nicht wirklich wissen, welchen Einfluss die Corona-Pandemie im nächsten Jahr haben wird. Wir wollen aber nicht 'vorsorglich' Reisen wie diese vermeiden, sondern wir laden im Wissen um manche Unsicherheit ein.


Hier findet ihr den Flyer: ISRAEL-2021-Flyer
und hier den Anmeldetalon: ISRAEL-2021-Anmelde-Talon


Freitag, 10. Juli 2020
Ulrike schreibt: Die Ferienzeit teilt sich gerade für mich auf in Gemeinde, in Gartenarbeit und in "ins Schwimmbad gehen". Ich habe ein Saison-Abonnement gelöst und versuche, etwa jeden zweiten Tag meine Bahnen zu schwimmen. Ich mag das Freibad in Rheinfelden (CH), weil man auch im Rhein schwimmen kann. Was nicht ungefährlich ist, aber erfrischend und schön.

In der Kirchgemeinde mache ich gehäuft Besuche. Es gibt manchmal sehr anrührende Szenen. Ein alter Mensch, den ich zum ersten Mal besuche und dem ich Blumen mitbringe, zieht seine Brieftasche. Er zeigt mir einen dicken Batzen Geld. Er hätte genug Geld, und jedem, der ihm etwas Gutes tut, würde er 50,- CHF schenken wollen. Ob er mir etwas geben darf? ... Da wird deutlich, wie wichtig es ist, dass unsere Aufmerksamkeit füreinander umsonst und aufrichtig ist. Und nicht bezahlt werden will. Ein äusserst heikles Thema für unsere Kirchen, deren Leben auf Mitgliedsbeiträgen und der Entgeltung der Hauptamtlichen beruht.

Ich habe in den kommenden Wochen Abdankungsbereitschaft. Das heisst: Wenn jemand in Liestal-Seltisberg stirbt, der zur reformierten Kirche gehört, werde ich angerufen. In den Ferien mache ich das wirklich gerne, weil ich Zeit und innere Ruhe habe. Und ich merke natürlich, dass ich schon fast 12 Jahre in Liestal bin. Da sagt mir die Tochter des Verstorbenen am Telefon: "Sie haben vor sechs Jahren mein Mami beerdigt. Das haben Sie schön gemacht." Heisst: Da ist Vertrauen entstanden, und darum ist das Miteinander einfach.

Mit dem Kreis für Menschen mit Depression haben wir am Mittwoch einen längeren Spaziergang über Land mit Einkehr in einem Restaurant gemacht. Peter - einer aus dem Leitungsteam - hat das vorbereitet. Das Baselbiet ist unglaublich schön: mit den sanften Hügeln, dem abwechslungsreichen und weiten Blick bis in den Schwarzwald. Es gefällt mir, wie freundlich der Umgang der Gruppe miteinander ist: auch mit den Eigenarten der Anderen. Ich habe zum Beispiel nach drei Stunden des Zusammenseins gesagt, dass ich allein zurücklaufe. Ob das für jemanden ein Problem sei? Sagt B.: "Wir kennen dich doch, Ulrike." :-)

Wolfgang bereitet die Schweige-Exerzitien zu Psalm 22 vor. Es gibt - besonders in der zweiten Woche - noch freie Plätze in Rasa. Wer mit hinhören möchte auf Gottes Reden, kann überlegen, ob das etwas für ihn/ für sie wäre. Die näheren Angaben finden Sie links unter: RASA - Schweigen im Tessin.


Sonntag, 5. Juli 2020
Heute hat Ulrike in der Stadtkirche Liestal sowie im Gemeindezentrum Seltisberg den Gottesdienst gefeiert. Thema: "NICHT VERGELTEN". Was Paulus in Römer 12,17-21 in drei Anweisungen verdichtet, das entfaltet die Geschichte, wie Josef mit seinen Brüdern, die grosses Unrecht an ihm getan haben, umgeht (1. Mose 50,15-21). Spannend! - und gleichzeitig: Die Predigt ist sehr praktisch! Man kann sie gleich hier anhören und herunterladen:




Freitag, 3. Juli 2020
Ulrike schreibt: Wir sind schon eine Weile zurück in Liestal. Unser Garten ist ein grüner Dschungel: dabei hatten wir den Gärtner im Februar da und haben alle Hecken und Pflanzen zurückschneiden lassen.

Gestern habe ich zusammen mit unserem Klavierspieler Werner Spinnler den ersten Gottesdienst nach der Corona-Pause im Pflegezentrum Brunnmatt gefeiert. Ich hatte die Befürchtung, dass nach der monatelangen Pause fast niemand kommt. Das war - Gott sei Dank - ein Irrtum. Der Gottesdienst war überraschend gut besucht: das ist schön, dass die Gemeinde ‹da› ist!!

Ich habe in diesen Tagen einige Vorbereitungstreffen für die zweite Jahreshälfte und ich besuche Gemeindemitglieder. ... Und vielleicht kaufe ich einen anständigen Rasenmäher und Heckenschere.


Samstag, 27. Juni 2020
Ulrike schreibt: Morgen ist unser letzter Urlaubstag in Berlin. Schon komisch, mitten in der Stadt Urlaub zu machen, auf dem Balkon oder im Café zu sitzen und im Tiergarten spazieren zu gehen. Heute haben Wolfgang und ich bereits den Predigttext für den Gottesdienst am kommenden Sonntag [5. Juli 2020] in Liestal gelesen. Für Sonntag ist Römer 12,14(17)-21 vorgeschlagen. Ich freue mich über diesen Text.

«Gebt niemandem Böses mit Bösem zurück. Seid auf Gutes bedacht gegenüber allen Menschen. Ist es möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Schafft euch nicht selbst Recht, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): ‹Mein ist das Recht-Schaffen; ich werde vergelten, spricht der Herr.›»(V.17-19)

Ich war in der Ausstellung über Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert im Deutschen Historischen Museum. Ich finde die Ausstellung sehr gut gemacht: sie hilft zur Meinungsbildung und Kriterienfindung. Grossartig finde ich die Sitzecken in jedem Raum, wo man Hannah Arendt im Original hören kann. Für die, die sie gar nicht kennen, eine kurze Zusammenfassung:


WER IST SIE?
Hannah Arendt, am 14. Oktober 1906 in Hannover geboren und am 4. Dezember 1975 in New York gestorben, studierte Philosophie, Theologie und Altgriechisch unter anderem bei Heidegger, Bultmann und Jaspers, bei dem sie 1928 promoviert wurde. 1933 emigrierte sie nach Paris, 1941 nach New York. Von 1946 bis 1948 war sie als Lektorin, danach als freie Schriftstellerin tätig. Sie war Gastprofessorin für Politische Theorie in Chicago und lehrte ab 1967 an der New School for Social Research in New York. Zuletzt erschien bei Piper ‹Was heisst persönliche Verantwortung in einer Diktatur?›. [Zusammenfassung abgeschrieben bei: amazon]


DIE KOSTEN DER ANPASSUNG
Interessant fand ich, dass Hannah Arendts erste Buchveröffentlichung eine Auseinandersetzung mit Rahel Varnhagen war. Arendt war skeptisch gegenüber den Versuchen der jüdischen Bevölkerung in Preussen, sich zu assimilieren. Sie meinte, dass man sich Erfahrungen von Zugehörigkeit nicht durch Selbstverleugnung erkaufen darf. ... Hannah Arendt selbst hat nach dem 2. Weltkrieg nur unter der Bedingung in Deutschland publiziert - sie war 1941 vor der NS-Herrschaft in die USA emigriert -, dass sie als Jüdin gefragt und gehört wird. Andernfalls verzichtet sie.


MENSCHEN IHR MENSCHSEIN ABSPRECHEN
Berührt hat mich auch, dass Hannah Arendt in der europäischen Kolonialpolitik zwischen 1880 und 1914 eine Voraussetzung für den Holocaust sieht. Die europäischen Kolonisatoren haben die Menschen Afrikas nicht einfach als von ihnen unterschiedene Völker angesehen. Sie haben ihnen ihr Menschsein abgesprochen. Sie haben sie aus ihrer Definition des Menschseins ausgeschlossen. Damit haben sie das jüdisch-christliche Weltbild hinter sich gelassen.


DAS BÖSE IN SEINER UNGEHEUERLICHKEIT - UND IN SEINER BANALITÄT
Vielen bekannt geworden ist Hannah Arendt dadurch, dass sie 1961 den Prozess in Jerusalem gegen Adolf Eichmann als Kommentatorin begleitet hat. Als ich in der Ausstellung in Aufnahmen gehört habe, in welcher Weise Hanna Ahrendt vom Bösen spricht, habe ich die Offenbarung des Johannes wieder im Ohr gehabt. [Wir haben sie mit der Gemeinde und mit Freunden drei Monate lang bis Mitte Juni gelesen.] Es gibt eine Schuld, die jede Rechtsordnung übersteigt. Die sich durch ihre Ungeheuerlichkeit der Möglichkeit von Strafe und Vergebung entzieht. ... Karl Jaspers meinte, dass Schuld - wenn man auf diese Weise von ihr redet, wie Arendt es tut - als eine satanische Grösse erscheint. Dann aber sei der Mensch nicht mehr dafür zu behaften. Darum müsse man gleichzeitig das Böse in seiner Banalität ansehen. Nur so kann man Menschen in die Verantwortung für ihr Handeln nehmen. ... Die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum geht noch bis zum 18. Oktober 2020.


Freitag, 26. Juni 2020
Ulrike schreibt: Berlin hat für mich viele persönliche Seiten. Weil meine Familie hier lebt – mittlerweile im Umland – und weil ich die Stadt (immer noch) gut kenne.

Weil ich zufällig vorbeigelaufen bin, war ich im Hamburger Bahnhof. Der liegt – anders als der Name vermuten lässt – nicht in Hamburg, sondern nahe beim Hauptbahnhof und ist ein Museum für Moderne Kunst. Zur Zeit kann man sehen: Katharina Grosse: It wasn’t us. Die Idee ist sehr einfach und gut umgesetzt: Die Künstlerin hat die Böden innerhalb und ausserhalb der Ausstellungshalle grossformatig und farbig besprayt (auf durchsichtiger Folie). Sehr dynamisch. Man kann über die Farbfelder drüber laufen. Am Ende der Halle heben sich Skulpturen aus dem Boden - wie eine grosse Eisscholle oder wie ein riesengrosses gesplittertes Stück Holz. Sehr wuchtig, sehr organisch und mit klaren Linien. Man sieht erst beim genauen Hinschauen, dass es aus Styropor gesägt ist. Einen guten Bericht mit Bildern findet man hier: https://www.apollo-magazine.com/katharina-grosse-it-wasnt-us

Das Kunstwerk setzt sich im Freien fort. Es überschreitet den Ausstellungsraum, ergiesst sich ins Öffentliche hinein. Das ganze Gelände ist in Farbe getaucht. Mittendrin gibt es eine Wiese, wo manche Besucher/innen sitzen und sich sonnen, picknicken, reden ...

Das Kunstwerk nimmt Raum ein, will betreten, erlaufen, von verschiedenen Seiten angesehen werden. Mir gefällt, dass es kein symbolisches Erlaufen ist, sondern durch seine Dimensionen ein tatsächliches. Es geht zu, wie bei jedem ganz normalen Lebensvollzug: Schau hin, lass dir Zeit. laufe um die Sache herum und sieh sie dir von verschiedenen Seiten an. Und wenn du ‹raus› gehst, weg von ihr, dann ist sie immer noch da.




Donnerstag, 25. Juni 2020
Ulrike schreibt: Heute haben Wolfgang und ich das Lesen des 1. Briefes des Johannes beendet. Also: jeweils einen Abschnitt übersetzen, darüber sprechen, uns den Kommentar von N.T. Wright für den entsprechenden Abschnitt vorlesen.

Johannes schreibt am Ende des Briefes über das Gebet. Er schreibt, dass wir wissen, wenn Gott unser Gebet hört. Es gibt ein Wissen darum.

"Und darin besteht die Zuversicht, die wir zu ihm haben, dass er auf uns hört,
wenn wir nach seinem Willen um etwas bitten.
Und wenn wir wissen, dass er auf uns hört bei dem, worum wir bitten,
so wissen wir, dass wir das Erbetene wirklich besitzen, das wir von ihm erbeten haben." (1. Joh 5,14f)

Es gibt ein Wissen darum, dass Gott unser Gebet hört. Also die Frage an euch: Wie ist das bei euch? Wisst ihr es, wenn euer Gebet von Gott erhört ist? Wie "fühlt" sich dieses Wissen an? Wie fühlt es sich bei euch an?

Wolfgang hat mir dazu eine Legende erzählt. Hier ist sie: Sie sagten von Rabbi Chanina ben Dosa, dass er für die Kranken betete. Er sagte dann immer: "Dieser wird sterben, dieser wird leben." Sie fragten ihn: "Woher weisst du das?" Der Rabbi antwortete: "Wenn mein Gebet leicht fliesst, dann weiss ich, dass es angenommen wurde. Und wenn nicht, dann weiss ich, dass es abgelehnt wurde." (in der Mischna, Traktat BERACHOT 5,5)

Chanina ben Dosa lebte zwischen 40 und 75 n.Chr. in Galiläa und ist auch in Galiläa begraben. Er war Schüler von Jochanan ben Zakkai. Dieser Jochanan ben Zakkai soll zur selben Zeit wie Paulus bei Gamaliel II studiert haben. Chanina war weit herum bekannt als Beter und Wundertäter. Mit ihm, so sagt die Tradition, habe die Reihe der „Männer des Tuns“ (des Wunder-Tuns), also die Reihe der „vollmächtigen Beter" im Judentum aufgehört. Wolfgang und ich würden eher von den „Männern des hinhörenden Betens“ reden. — Spannend sich deutlich zu machen, dass Chanina nahe bei den ersten Jüngern in Galiläa gewohnt hat. … Bekannt war neben seinem Beten seine grosse Armut.


Samstag, 20. Juni 2020
Ulrike schreibt: Heute früh ein typisches Beispiel für Berliner Mentalität. Ich will Blumen kaufen. Im Netz steht, dass der Blumenladen um die Ecke um 7 Uhr öffnet. Als ich da bin, steht am Eingang 10 Uhr als Öffnungszeit. Gehe ich also in den nächstbesten Supermarkt, wo im Eingangsbereich auch immer Pflanzen stehen. Es sind nicht die schönsten, aber ich suche mir die Sträusse heraus, aus denen ich etwas machen kann.

Da ruft mir eine Angestellte von der Infotheke des Supermarktes her zu: "Ey, Sie, komm'se mal her!"
Ich (irritiert) gehe zu ihr. Die Angestellte: "Die kann ick Ihnen billijer machen. Die loofen bald ab." Und pappt mir "Verbilligt-Kleber" auf zwei der fünf Sträusse. Dann schaut sie zu den Blumengestellen hinüber und sagt: "Und stimmen tun die Preise ooch nich." Ich: "Mir ist das egal, ich zahle gern mehr." Sie: "Nöö, is jut so."


Donnerstag, 18. Juni 2020
Ulrike schreibt: Die Urlaubstage füllen sich wie von alleine, obwohl wir nichts Besonderes machen. Zuerst habe ich den Balkon gewischt - eine Stadt macht viel Schmutz -, um im Freien sitzen zu können. Mittlerweile wird der Balkon wunderschön von einer Baum-Hasel überschattet. Schräg unter dem Balkon stehen die Tische von Athenas Lokal. Die Gäste, es ist immer voll, sitzen bis in die Nacht hinein und es ist immer eine gute Atmosphäre.

Heute war ich touristisch unterwegs. Auch, um die Stadt wieder einmal zu spüren. In der U-Bahn tragen >90% der Leute eine Gesichtsmaske und auch auf der Strasse ist sie viel mehr in Gebrauch als in der Schweiz. Ich war im Martin-Gropius-Bau, der eigentlich immer gute Ausstellungen hat. Die eine ist von Akinbode Akinbiyi. Er ist Strassen-Fotograf aus England/Nigeria und erläuft Städte um ihre Menschen und ihre soziale Dynamik zu erfassen. Akinbode Akinbiyi geht zu Fuss durch unterschiedliche Städte der Welt (Lagos, Kairo, Berlin, Johannesburg ...) und bemüht sich um grösstmögliche Offenheit gegenüber dem, was er sieht. Weil ich selber gern zu Fuss unterwegs bin, kamen mir die Bilder überwiegend vertraut vor. Fast ein bisschen klischeehaft. Es wird ein Film gezeigt, in dem Akinbode Akinbiyi auf seinem Weg durch Berlin begleitet wird: den fand ich sehr schön. Die Ruhe, mit der der Fotograf auf das wartet, was sich ihm zeigen wird.

Es gibt im Gropius Bau noch eine zweite grosse Ausstellung von Lee Mingwei. Ich vermute, dass sie die ‹mehr populäre› ist. Es geht im wesentlichen um Erinnerungskultur. Unsere Geschichte formt unser Leben jetzt. Lee Mingwei fragt in mehreren einzelnen Installationen nach der Biografie der Besucherinnen und Besucher. Und lädt dazu ein, sie zu ‹reparieren› (ein kaputtes Kleidungsstück nähen zu lassen), sie ‹dankbar zu erinnern› (die Geschichte eines einzelnen wichtigen Kleidungsstücks zu erzählen), sie ‹abzuschliessen› (einen Brief zu schreiben, den man lange schon schreiben wollte) usw.. Er macht das, in dem er als Künstler in ‹Vorleistung› geht und einem etwas zum Anschauen oder Anfassen gibt. Ich empfinde das mehr als Einladung zur kollektiven Biografiearbeit und weniger als Kunst. Aber das ist Ansichtssache.

Zwischendrin habe ich meinen Ehering zum Goldschmied gemacht und ein Paar Schuhe gekauft. In Berlin gibt es deutlich mehr Menschen mit grossen Füssen als in der Schweiz. Und ich habe in einem Strassenlokal gesessen und die Leute angeschaut. Allerdings ohne zu fotografieren.

Nachdem Wolfgang und ich die Lektüre der Offenbarung abgeschlossen haben, lesen und übersetzen wir nun ein anderes biblisches Buch. Parallel dazu lesen wir einen Kommentar von N.T. Wright.


Mittwoch, 17. Juni 2020
Wir haben versprochen, euch unsere Impulse zur Offenbarung des Johannes zur Verfügung zu stellen. Hier könnt ihr sie als PDF herunterladen und - wenn ihr mögt - ausdrucken: IMPULSE ZUR OFFENBARUNG BITTNER 2020 Sie sind für den persönlichen Gebrauch bestimmt und dürfen nicht weiter veröffentlicht werden, auch nicht in Auszügen.


Mittwoch, 17. Juni 2020
Ulrike schreibt: Letzte Nacht sind Wolfgang und ich in den Urlaub gefahren. Das passt ganz gut, denn ab morgen kommen Bauarbeiter/Gärtner an den Küngelbrunnenweg. Der ‹untere Garten› am Pfarrhaus bekommt (endlich) einen Zugang. Er war bisher nur durch das Haus zu erreichen. Wolfgang und ich sind mit dem Auto nach Berlin gefahren. Das ist immer wieder erstaunlich, wie schön die gemeinsamen nächtlichen Fahrten sind. Es sind ein bisschen viele Baustellen, wenn man über Heilbronn, Nürnberg, Leipzig fährt, aber nachts sind die Strassen frei und man kommt gut durch. Für mich ist es verblüffend, mit wie vielen Orten, die wir auf einer Fahrt durch Deutschland passieren, sich mein Leben mittlerweile verbindet.

Wir haben auf der Fahrt das Hörspiel ‹Das Unternehmen Wega› von Friedrich Dürrenmatt (1954) gehört. Man findet es als Podcast bei ‹SRF Hörspiele›. Es spielt im Jahr 2255: Die Welt ist in zwei Lager geteilt, und eine Delegation der ‹Vereinigten freien Staaten Europas und Amerikas› fliegt zur Venus. Die Venus ist mittlerweile eine Strafkolonie der Erde und soll für eine Zusammenarbeit gegen ‹die Russen› gewonnen werden. Die Bewohner der Venus haben aber kein Interesse daran, sich einspannen zu lassen. Sie sind, obwohl sie auf einem unwirtlichen Planeten wohnen, innerlich unabhängig. ... Nach dem Lesen der Offenbarung scheint mir die ‹Venus› auch ein Bild für die Gemeinschaft der Glaubenden zu sein. Dürrenmatt war Sohn eines Pfarrers.

Wolfgang und ich haben in der letzten Woche die Impulse zur Johannes Offenbarung abgeschlossen, einen Reader stellen wir bald zur Verfügung. Ich fand das gemeinsame Unterwegssein absolut lohnend und schön und wünsche mir, dass die Gemeinschaft, die entstanden ist, in irgendeiner Weise bleibt. Die Abendfeier in der Stadtkirche am Sonntag habe ich als einen Ausdruck für unsere Gemeinschaft in Jesus Christus empfunden.


Donnerstag, 11. Juni 2020
Ulrike und Wolfgang schreiben: Wir sind ein wenig verwundert, dass wir es tatsächlich geschafft haben, gemeinsam die ganze Offenbarung zu lesen! Zwölf Wochen waren wir mit Menschen aus der Gemeinde und weit darüber hinaus unterwegs. Heute stehen wir also vor dem letzten Abschnitt und lesen Offb 22,6-21. Den letzten Impuls findet ihr hier.

Wolfgang und ich planen im Herbst ein ähnliches Projekt – ein zweites gemeinsames Bibellesen mit Impulsen per WhatsApp bzw. über unsere Homepage. Für uns war es das erste Mal, und wir können einiges verbessern und weiter denken.

Wir möchten euch über drei Dinge Bescheid geben. Diesen Sonntag, 14. Juni, beginnen wir nach der ‹Corona-Pause› wieder mit den Abendfeiern in der Stadtkirche Liestal, 18 Uhr. Herzliche Einladung und wir freuen uns, wenn wir einige von euch sehen!

Im August finden im wunderschönen Bergdorf Rasa im Tessin die Schweige-Exerzitien von Wolfgang statt: NOT UND VERZWEIFLUNG ... beide haben – bis zum Kreuz - nie das letzte Wort (Psalm 22) Die Teilnahme ist entweder für zehn Tage möglich (17.-27. August 2020) oder für fünf Tage (7.-22. bzw. 22.-27. August). Mehr Angaben findet ihr links auf unserer HP oder könnt sie bei uns erfragen.

Vom 3.-11. Oktober 2021 (im nächsten Jahr!) werden wir mit unserer Kirchgemeinde und mit Freunden – auch ihr seid eingeladen! – eine Israel Reise machen. Der Flyer erscheint in den nächsten Tagen. Wir haben Assaf Zeevi als Reiseleiter gewinnen können. Wir werden bekannte Orte besuchen (Beersheba, Bethlehem, Jerusalem, Kapernaum, Megiddo, Nazareth), sowie eine Reihe von Landschaften und Orten, die selten in einem Reiseprogramm vorkommen (Maon, Gilgal, Bethel, Schilo, Garizim, Sichem). Auch wer Israel gut kennt, wird auf dieser Reise Neues entdecken.


Sonntag, 7. Juni 2020
Ulrike schreibt: Heute beginnt die zwölfte Woche, in der wir mit der Gemeinde und mit Freunden die Offenbarung lesen. Wolfgang und ich haben die Impulse weitgehend fertig geschrieben und gehen jetzt nochmals auf Fragen von Einzelnen ein. Wer mitlesen möchte, kann das hier tun: OFFENBARUNG-ONLINE

Ich bin manchmal über Wolfgangs Beobachtungen und Deutungsangebote überrascht. Den Impuls für heute zum sogenannten tausendjährigen Reich (Offb 20,1-10) hat er geschrieben. Wolfgang schlägt vor, diese Zeit als einen ‹Erfahrungszeitraum› zu verstehen. So wie man von Krankheitszeiten, Krisenzeiten, Ferienzeiten usw. spricht, gibt es auch Zeiten, in denen einzelne Völker und Kulturen erfahren, dass Menschenwürde und Rechtsstaaltlichkeit geschützt werden. Dass grundsätzlich jeder Mensch willkommen ist, gefördert und geschützt wird. Wir würden dann sagen, dass die ‹Welt› etwas von dem widerspiegelt, was mit der Herrschaft Gottes gemeint ist. Versteht man das tausendjährige Reich derart, dann kann es zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Regionen der Welt anbrechen - und auch wieder zu Ende gehen.

Heute habe ich mir eine Saison-Karte im Freibad Rheinfelden (dem Bad auf der Schweizer Seite) geholt. Ich mag es, dass man im Becken und im Rhein schwimmen kann. Weil es heute kalt war, war das Bad fast leer und das habe ich sehr genossen. Das Wasser im Rhein ist überraschend warm, vom Gefühl her ca. 19°C. Dann habe ich mir im Kiosk einen Kaffee geholt, mit jemandem geplaudert und dabei den Tauchern beim Üben zugesehen.

Diese Woche - also ab morgen - ist eine normale Arbeitswoche in der Kirchgemeinde. Ich will versuchen, manche Begegnungen und Gespräche der "Corona-Zeit" abzuschliessen. Mit Beginn der nächsten Woche haben Wolfgang und ich dann vierzehn Tage Ferien.


Dienstag, 2. Juni 2020
Ulrike schreibt: Die letzten Wochen und Monate waren eine dichte und in mancher Hinsicht schöne Zeit: vor allem durch das gemeinsame Lesen der Offenbarung in der WhatsAppGruppe. Heute haben wir den 53. Impuls bereitgestellt.

In unserer Kirchgemeinde kehren Abläufe in ihre früheren Bahnen zurück. Seit Pfingsten ist in der Schweiz die Feier von Gottesdiensten im Kirchgebäude wieder möglich. Mit dem katholischen und dem methodistischen Kollegen bereite ich eine Weiterbildung für das Personal unseres örtlichen Pflegeheims vor (Arbeitstitel: Vergebung - Versöhnung - Schalom). Morgen Nachmittag feiere ich eine Abdankung, die wegen der Zahl der Teilnehmenden nochmals unter freiem Himmel stattfinden wird. Ich feiere die Abdankung zusammen mit der Cellistin Annina Voellmy, was mich sehr freut. Am späten Nachmittag trifft sich dann der erste Bibelgesprächskreis wieder Face-to-Face im Kirchgemeindehaus. Wir treffen uns erst einmal wöchentlich statt vierzehntägig: um wieder zueinander zu finden.

Ich bin gespannt, wie der Wiedereinstieg ‹nach Corona› aussieht. Überrascht bin ich, dass das Stille Wochenende Ende Oktober bereits voll ist. Das war so früh noch nie der Fall. Wenn sich die Versammlungsregeln ‹wegen Corona› ändern, können auch mehr Menschen teilnehmen. Wir haben grosse Räume gebucht. Heute stelle ich die Einladungshefte für die Israel-Reise mit Wolfgang, mir und Assaf Zeevi von Kultour-Reisen fertig (3.-11. Oktober 2021).


Donnerstag, 21. Mai 2020 - Christi Himmelfahrt
Wolfgang schreibt: Unsere besten Wünsche erreichen Sie zum Fest Christi Himmelfahrt. Ulrike hat dazu eine überraschende Predigt über Apostelgeschichte 1,1-11 gehalten. Sie können sie gleich hier anhören:




Mittwoch, 20. Mai 2020
Ulrike schreibt: Gestern waren ein Mitglied unserer Kirchgemeinde Liestal-Seltisberg und ich im Geistlich-Diakonischen Zentrum in Riehen. Die Sonne schien, und wer Riehen kennt, weiss, dass es unglaublich grün und gepflegt dort ist. Wir haben uns von den Diakonissen die Räume für das Stille Wochenende vom 30. Oktober bis 1. November 2020 zeigen lassen. Diesmal werden Wolfgang und ich das Wochenende gemeinsam leiten. Nach dem Lesen – dem Verstehen von Sprache, Hintergründen, biblischen Bezügen – der Offenbarung des Johannes, laden wir nun zum Beten ein. Wir wollen uns den „grossen Trost für unsere Zeit“ (Titel des Wochenendes) schenken lassen. Den Flyer zum Wochenende finden Sie links bei RIEHEN. Wenn Sie sich anmelden möchten, tun Sie das bitte bald; die Häuser/ Hotels sind darauf angewiesen, gut zu planen und möglichst wenig Leerstand zu haben.

Dann habe ich auf Einladung hin ein Mitglied unserer Kirchgemeinde besucht. Schön mit Abstand – und mit Kaffee und Kuchen – auf dem Balkon. Das war interessant, denn mein Gesprächspartner hatte einige – gut begründete – Anfragen an unser Gemeindeleben in der Corona-Zeit. Wir sind als Gemeinde wenig sichtbar und unsere Online-Gottesdienstangebote bleiben in ihrer Ausführung hinter denen anderer Gemeinden zurück. Ich finde, dass er recht hat. Aber es hat seine Gründe. Das ist eine meiner Hauptentdeckungen in diesen Wochen, dass ‚Corona‘ ans Licht bringt, wie es um uns als Gemeinde steht. Die Krise bringt uns ans Licht. Das ist Titel meines Beitrags im Buch von Ulrich Eggers (Hg). Es ist jetzt diese Woche erschienen und man kann hier ins Buch hinein lesen: Eggers: Glauben in der Krise

Gestern Nachmittag war ich im Pflegezentrum Brunnmatt, das heisst im Innenhof. Am Dienstag organisieren wir Kirchen immer eine Musik bzw. einen Gottesdienst. Gestern hat ein junger Schüler und Musiker – Colin Schmidlin – gesungen: eigene Lieder und moderne Balladen. Hut ab, er hat das richtig gut gemacht!!! Das ist nicht leicht, wenn die Leute versteckt hinter den Fenstern sitzen oder auf den Balkonen.

Am Abend haben wir dann in einer Skype-Sitzung die Abendfeier für Sonntag, den 14. Juni, vorbereitet. Es geht mit den Abendfeiern also in drei Wochen wieder los in der Stadtkirche Liestal (18 Uhr). Bitte notiert euch das und kommt - herzliche Einladung!

Ganz am Abend habe ich Wolfgangs Impuls zu den beiden Erntebildern (Offb 14,14-20) durchgesehen. Wir bereiten ja gemeinsam vor und schreiben dann die Texte im Wechsel. Endlich korrigieren und helfen wir uns gegenseitig bei der Anfertigung der Endfassung, die Ihr dann zu lesen bekommt.

Das mächtig wirkende Bild von der »Kelter des Zornes«, aus dem das Blut bis zum Zaum der Pferde hoch und 1‘600 Stadien weit steigt, hat von früher Zeit an dazu geführt, darin die Darstellung eines schrecklichen Blutgerichtes zu sehen. Statt darin ein Bild innerhalb der apokalyptischen Bildsprache zu erkennen, hielt man es für die Beschreibung der Wirklichkeit. Diese Deutung hat sich derart verbreitet, dass sich auch heutige Ausleger kaum davon lösen. Dabei weisen viele Einzelheiten des Bildes in eine andere Richtung.

Wolfgang bietet als Deutung an, dass in Offb 14,14-20 nicht – oder nicht nur – das vor uns liegende Endgericht gemeint ist, sondern das hinter uns liegende Gericht, das sich in Jesu eigenem Sterben „draussen vor der Stadt“ (vgl. Offb 14,20 mit Hebr 13,12f) vollzogen hat. Die Anklänge von Offb 14,14-20 an die Jesusworte in Joh 12,23f sind deutlich: (1) Das Bild vom Menschensohn (Offb 14,14), (2) der Hinweis auf die Zeit bzw. die Stunde, die gekommen ist (Off 15,15), (3) das Bild vom Weizen, (3) vom Sterben, (4) vom Fruchtbringen, also von der reichen Ernte. „Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Jesu Worte wurzeln in den Ankündigungen des Propheten Jesaja. Er selbst hat die Kelter getreten (Jes 63,1-6), wobei Gottes Zorngericht ihn selbst getroffen hat, freiwillig und stellvertretend für alle (Jes 53,4-5).




Sonntag, 17. Mai 2020
Ulrike schreibt: Einen frohen und gesegneten Sonntag wünschen wir euch. Beim gemeinsamen Lesen der Offenbarung setzen wir heute mit Kapitel 14,9ff ein. Angesichts der schlimmen Bedingungen, in denen Menschen auch heute weltweit leben, werden wohl die meisten Leserinnen und Leser zustimmen, dass es Gericht braucht. Gericht ist notwendig – es sei denn, wir meinen, dass es kaum etwas Falsches gibt oder dass Gott das alles nichts ausmacht. Das aber wäre eine blasphemische Ansicht. Es würde allem widersprechen, was wir von Gott wissen.

Der jüdisch-christliche Glaube hat viele und deutliche Aussagen dazu, dass Gott seine Welt wieder ins Lot bringen wird. Diese Aussagen sind gute Nachricht, lösen Jubel aus. "Der Himmel freue sich, und die Erde sei fröhlich, das Meer brause und was darinnen ist; das Feld sei fröhlich und alles, was darauf ist; jauchzen sollen alle Bäume im Walde vor dem HERRN; denn er kommt, denn er kommt, zu richten das Erdreich. Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker mit seiner Wahrheit." (Psalm 96,11-13) Solches Ins-Lot-Bringen muss notwendigerweise die Beseitigung all dessen beinhalten, was Gottes gute und schöne Schöpfung verzerrt, insbesondere alles, was seine ebenbildlichen menschlichen Geschöpfe entstellt.

In den nächsten Tagen werden wir uns mit Fragen zum Gericht Gottes auseinandersetzen. Der heutige Abschnitt - klickt links auf OFFENBARUNG-ONLINE - ist einfach zu verstehen. Die Offenbarung nimmt hier 1:1 die Verkündigung Jesu auf. Es gibt aber auch Fragen, die schwer zu beantworten sind: weil die biblischen Schriften selbst kein Interesse an ihnen haben, bzw. keine Lehraussagen machen. Das ist zum Beispiel die Frage, ob es Verdammnis von Menschen gibt und wie man sich das vorstellen kann. Diese Fragen versuchen Wolfgang und ich mit der notwendigen Achtsamkeit zu beantworten. Denn ihr stellt uns diese Fragen im WhatsAppChat sowieso.


Mittwoch, 13. Mai 2020
Ulrike schreibt: Heute hatten wir ein Bibelgespräch der Kirchgemeinde per Skype. Es ist total schön, einander zu sehen. Aber es ist gar nicht leicht, als Gruppe miteinander zu reden. Es hat eine andere Dynamik als ein Face-to-Face-Treffen. Ein Teilnehmer steht auf, weil es an der Tür klingelt, und verschwindet erstmal. Der nächste sinniert darüber, warum er manche Gesichter nur "halb" sieht und bittet die anderen, sich "richtig" vor die Kamera zu setzen. Der dritte ist plötzlich "weg", weil der Akku leer ist, usw.... Das führt schon zu sehr besonderen Gesprächen. Ich habe heute an diese nette Parodie denken müssen. (Ihr könnt bei dem Video im unteren Bildrand "Untertitel" aktivieren.)




Der Pastor will einen ZOOM Gottesdienst feiern. Damit ihm nicht ständig alle Leute reinquatschen, bittet er die Teilnehmerinnen und Teilnehmer "to mute yourself" - also ihr eigenes Mikrofon auf stumm zu schalten. Was aber niemand versteht. Bis er schliesslich sagt: "The Lord wants everybody to klick on that little mikrophone with the red line through it and when it says 'mute', hit yes. Amen?" Als es endlich funktioniert und alle stumm-geschaltet sind, ist der Chor an der Reihe...


Montag, 11. Mai 2020
Ulrike schreibt: Gestern hat die Sonne vom Himmel gebrannt - es waren 26°C in Liestal - und heute ist es regnerisch und diesig. So üppig wie in diesem Jahr war unser Garten selten: Tulpen, Narzissen, alles in Fülle. Sie sind jetzt schon lange verblüht und ich habe in den letzten Tagen die Blumenbeete gejätet und aufgeräumt. Auf der Terrasse blühen die Rosensträucher, ebenfalls üppig und mit handtellergrossen Blüten.

Seit Beginn der Pandemie gehe ich viel mehr ins Freie als früher, fast jeden Tag. Wir haben hinter unserem Haus den Schleifenberg mit dem Aussichtsturm. Das ist für mich ein Geschenk dieser Zeit, dass ich den Wald so regelmässig und so nahe erlebe. Ich glaube, das war zuletzt in meiner Kindheit so. Ein anderer grosser Gewinn ist, dass ich begonnen habe, regelmässig zu kochen. Ich habe nie gelernt zu kochen, aber ich bin richtig gut. Meistens hole ich mir grundlegende Infos von Wolfgang ("Wie macht man eine Steinpilz-Sauce? Eine Sauce Hollandaise? ...) oder aus dem Internet. Wobei ich es gar nicht zu genau wissen will. Meist reicht es mir, die "Hauptidee" des jeweiligen Rezepts zu kennen. Ich decke dann für Wolfgang und mich den Tisch: oft draussen auf der Terrasse.

Der dritte grosse Gewinn dieser Zeit besteht für m
Dokumente


zurück